Archiv für Oktober, 2011

Perfektion

Es geht nicht um Perfektion.

Es ist unmöglich, die Routine auf die Rasche zu erüben, die ein professioneller Pianist in Jahrzehnten gewinnt. Das geht vermutlich in keiner Disziplin so richtig. Aber das Üben an sich kann schon einen richtiger Lustgewinn bedeuten. Wie mein Vater schon sagte, Du übst so lange gerne, so lange Du eine Verbesserung feststellen kannst.
Aber was habe ich von der Verbesserung einer Stelle, wenn dafür die anderen aus Gewohnheit verhudelt oder vernachlässigt werden?

Es kommt auch darauf an, die richtigen Werke zu üben, die in der technischen Herausforderung dem Können entsprechen – oder eben gerade noch ein Stückchen höher liegen. Ein solches Opus liegt mir jetzt mit der Transkription von Franz Liszt des Liedes Widmung von Robert Schumann vor.
Ich habe gestern eine Aufnahme ins Internet gestellt, die vermutlich zumindest schwierig klingt und geschrieben, dass sich die Qualität in zwei Wochen noch stark verbessern wird. Scherzhaft hat ein Zuhörer gemeint, dass er sich das nicht vorstellen kann.

Ich hatte heute einen anstrengenden Tag, kam um acht Uhr abends nach Hause und legte mich nieder. Ich wusste, dass ich noch etwas für morgen vorbereiten musste und war darauf eingerichtet, um halb elf aufzuwachen und dann meine Arbeit zu machen. Ich wachte auf, war aber absolut unfähig, mir ein vernünftiges Arbeitsresultat vorzustellen. In solchen Fällen pflege ich zwanzig Minuten Klavier zu spielen, danach geht es dann schon wieder.

Ich fing also an, an der Widmung zu üben und stellte fest, dass bestimmte Stellen, die mir gestern schwer fielen, heute kein Problem darstellten. Dafür andere. Je besser die Sache funktioniert, desto höher werden auch meine eigenen Ansprüche. Dass das Werk technisch schwierig ist, brauche ich wohl nicht extra zu betonen. Meine eigentlichen Schwierigkeiten liegen aber in meinem Hirn. Da ich hier längere Passagen auswendig spielen muss, ist das Hirn selbst die Steuerzentrale. Sonst sind es meine Augen, da ich ja fast immer von Noten spiele. Die Augen wandern über die Noten, erfassen wesentlich größere Zusammenhänge und treiben mich in Echtzeit an.
Wenn ich auswendig spiele, habe ich manchmal noch Aussetzer, wie sie beim Herunterladen einer Songs oder eines Filmes aus dem Internet zu bemerken sind. Plötzlich gibt es eine Unterbrechung und nach einer kleinen Pause geht es weiter.

Nun die Unterbrechungen, die es gestern noch gab, fehlten heute. Es gab neue, die aber wesentlich kürzer waren und vielleicht von einem Zuhörer als gewollt angesehen werden. Was ich aber heute erreicht habe, war eine weitere Stufe: ich spielte den Text.

Das Gedicht von Rückert ist in einer Weise auskomponiert, die kaum Misverständnisse hinsichtlich der Interpretation zulässt.

Du meine Seele, du mein Herz,
du meine Wonn‘, o du mein Schmerz,
Du meine Welt, in der ich lebe,
Mein Himmel du, darein ich schwebe,
o du mein Grab, in das hinab
Ich ewig meinen Kummer gab.

Du bist die Ruh, du bist der Frieden,
Du bist vom Himmel mir beschieden,
Daß du mich liebst, macht mich mir wert,
Dein Blick hat mich vor mir verklärt,
Du hebst dich liebend über mich,
mein guter Geist, mein beßres Ich!

Daher ist die Phrasierung der Musik sehr eindeutig festgelegt und die Technik darf hier keine falschen Unterbrechungen oder Verzögungen verursachen.

Beim Versuch, das Stück heute etwas besser zu spielen als gestern, sind zwei Stunden vergangen, wo mein Zeitgefühl stillgestanden hat. Das Lied dauert ungefähr vier Minuten. Also müsste ich es dreißig Mal gespielt haben. Meiner Schätzung nach waren es aber höchstens zehn Mal und ich habe bis auf wenige Augenblicke, in denen ich den Schlussteil allein wiederholt habe, immer das gesamte Lied gespielt.
Diese vier Minuten ziehen sich übrigens, wenn man auf jeder Seite zwei oder drei ganz kritische Stellen erwartet und froh ist, wenn sie einigermaßen so kommen, wie sie gewollt werden.

Was ist nun aber das Fazit des heutigen Abends?
Ich habe noch immer keine Lust zum Arbeiten, habe mir dafür aber den Wecker auf sechs Uhr gestellt. Mein erster Termin morgen ist erst um 11:00, daher kann ich da noch etwas aufholen.

  1. meine Augen sind schneller als mein Gehirn. Das deckt sich mit manchen Ergebnissen der Forschung in der Bildanalyse. Der Nervenstrang vom Auge zum Hirn erledigt sehr viel Vorverarbeitung, möglicherweise nutze ich hier etwas zum Analysieren des Notenbildes.
  2. ich stehe heute weit besser über den Schwierigkeiten als noch vor einem Tag. Das ist auch nicht ungewohnt, denn das Üben braucht immer noch etwas Zeit, sich in einem zu setzen. Das ist ähnlich wie beim Lernen, also daher keine große Überraschung.
  3. ich kann heute den „Text“ spielen. Könnte ich singen, würde ich ihn mitsingen, doch auch so singe ich innerlich und das funktioniert gut.
  4. es ist erstaunlich, wie groß der Unterschied zwischen gestern und heute ist.
  5. ich kann beim Klavierspielen in den Flow kommen, wie er bei Mihaly Csikszentmihalyi beschrieben ist. Das kenne ich zwar schon beim Spielen zum Vergnügen, wenn ich längere Klaviersonaten spiele, doch beim Üben ist mir das noch nicht so leicht passiert.

Ein bisschen kann ich mich in Franz Liszt hineinversetzen. Ich glaube zu verstehen, was er bei der Transkription dieses Liedes beabsichtigt hat. Ganz offensichtlich hat es ihn sehr beeindruckt.

Nachtrag: ich kann hier nur einen Link auf eine Einspielung angeben. Der Klang ist halt das, was ein Clavinova hergibt. es wird nett sein, es zu Hause auf dem Bösendorfer zu spielen.

Nachtrag: der Link zu der damaligen Aufnahme

Der erste Montag

Kann irgendein Montag der erste sein? Folgen die Montage nicht seit ewigen Zeiten in wöchentlichen Abständen, einer nach dem anderen, egal ob es Schaltjahre gibt, ob ein Feiertag auf einen Montag fällt, oder der Montag auf die Ferien fällt.

Es war der erste Montag, der zufälligerweise auf den dritten Montag eines wunderschönen Maimonates fiel, der von der Regelmäßigkeit der Montage abwich. Der Mann, der an solchen dritten Montagen regelmäßig an dem Treffen eines Männervereins teilnahm und daher erst spät in den Wiener Vorort nach Hause zurückkam, hatte beschlossen, diesmal früher nach M. zurückzukehren, um einen besonderen Abend mit seiner Partnerin zu verbringen. Sie, die nach eingeführter Gewohnheit am Nachmittag die Hunde für mindestens eine Stunde spazieren führte und zu diesem Zweck eigens eine Hundegruppe gegründet hatte, damit die jungen Hunde miteinander auf der Wiese spielen könnte, war überrascht am Telefon die Ankündigung zu hören, dass er frühzeitig nach Hause kommen würde.

Sie fragte ihn, ob sie ihn von der Bahn mit dem Wagen abholen sollte, aber er lehnte ab und bedingte sich nur aus, dass sie mit ihm noch einen Spaziergang einplanen sollte und tunlichst nicht ohne ihn etwas essen sollte.
Von der Bahn nahm er daher den Autobus und als er bei der Bushaltestelle in M. ausstieg, ging er nicht sofort nach Hause sondern direkt in Richtung Wiese, wo er eine Gruppe von Leuten stehen sah. Ein paar dunkle Flecken hüpften im Gras auf und ab. Ab und zu schossen diese Flecken auch wie kleine Pfeile vom einen Ende des Wiesenflecks an das andere, um anschließend wieder zu der Personengruppe zurückzukehren und an den Menschen hoch zu hüpfen. Das Grass war saftig, nicht zu nass und sauber. Der ausgetretene Lehmpfad war trocken und angenehm zu begehen. Als er den Anfang der Wiese erreicht hatte, schossen zwei Hunde auf ihn zu und die Hündin davon begann ihm die Hand zu lecken. Er bückte sich nieder, um den Hunden näher zu kommen, seine Partnerin kam auf ihn zu und dabei fiel ihr etwas Besonderes auf: er hatte weder Aktentasche noch die Computer-Tragetasche dabei. Er wirkte in seiner Bürokleidung zwar trotzdem etwas deplaziert, wenn man bedachte, dass alle anderen Personen sehr zweckmäßig mit Wanderschuhen und strapazierfähiger Bekleidung angetan waren. Aber zumindest war er beweglich.
Er küsste sie leicht auf den Mund, bedacht darauf, dass sie keine Intimitäten vor anderen Leuten schätzte. Dann näherte er sich der Gruppe und begrüßte die einzelnen Personen. Einer der Hundeführer zündete sich eine Zigarette an, was bedeutete, dass die Gruppe jetzt noch mindestens fünf Minuten an dem gleichen Ort stehen würden. Er entschuldigte seine Partnerin und sich mit einer Verabredung, die es notwendig machte, dass sie gleich in Richtung ihres Wohnhauses aufbrachen.

Nach der Verabschiedung überquerten sie die Wiese um anschließend einen Bach überqueren zu müssen, was einen kleinen Balanzierakt auf den in den Bach platzierten Steinen bedeutete. Wenn es trocken war, war das Überschreiten des Baches kein Problem. Wenn die Steine aber auch an der Oberseite nass und glitschig waren, musste man sehr aufpassen, dass man nicht plötzlich mit einem Bein im Wasser stand. Für die Hunde schien es immer einen großes Vergnügen, von der einen Seite zur anderen zu wechseln. Wenn sie dann auf der anderen Seite standen, schauten sie schelmisch zurück wie um zu sagen: na schaut einmal, wie ihr euch abmühen müsst.
Nach fünf Minuten kamen sie in die Gasse, in der sie wohnten. Sie bewunderte den Garten eines Nachbarn, den sie schon bei der Gartenarbeit gesehen hatte. Für ihn war das nicht so wichtig, obwohl der „Gärtner“ noch einmal eine wesentliche Rolle in seinem Leben spielte sollte. Doch das ist eine andere Geschichte.

„Warum bist du denn heute schon zuhause? Und was ist das für eine Verabredung, von der du sprichst?“ zeigte sie sich verwundert. „Die Verabredung haben wir miteinander.“ Das liebte sie nicht, unerwartete Begegnungen und Vorhaben, die nicht vorgeplant waren, bedeuteten für sie Stress. Sie hatte sich vorgenommen, einen Bericht fertig zu stellen und wäre gar nicht so unglücklich darüber gewesen, wenn erst später nach Hause gekommen wäre. „Es ist heute warm und wir können auf der Terrasse essen. Es ist noch etwas von Samstag über geblieben.“ Sie hatte nur einen Salat eingeplant, fand den Gedanken an die Auflaufreste vom Samstag aber durchaus verlockend. Der Auflauf schmeckte aufgewärmt noch besser als frisch zubereitet und ein bisschen Salat dazu war gerade ideal.

Als sie nachhause kamen, zog er sich eine einfache Hose und einen Pullover an. Er begab sich in die Küche und stellte das Backrohr an. Unterdessen deckte sie den Tisch auf der Terrasse und stellte eine Kerze hinaus. Der Maiabend war wirklich verlockend. Die Temperatur war so hoch, dass man die ganze Nacht hätte draußen verbringen können. Als der Auflauf warm war, inzwischen hatte er eine Flasche Rotwein geöffnet, brachte er die Schüssel hinaus, von den zwei Hunden tänzelnd begleitet. Der Blick der großen braunen Hundeaugen, sehnsüchtig auf die Teller gerichtet, war herzerweichend. „Nein! Platz!“ Die langausgedehnte Zurechtweisung führte dazu, dass sich die Hunde einer nach dem anderen auf die Holzplanken fallen ließen. Die Blicke waren zwar noch immer sehnsüchtig, hatten aber etwas an Resignation gewonnen.

„Also sag schon! Was ist wirklich los?“ drängte sie ihn. „Also erstens siehst Du, dass ich den Computer im Büro gelassen habe. Was sagt dir das?“ Es sagte ihr gar nichts, vom Umstand einmal abgesehen, dass er sich nicht die ganze Nacht mit Programmieren um die Ohren schlagen würde. „Aber wieso bist Du denn nicht bei deinem Verein geblieben?“
„Ich habe heute eine Entscheidung getroffen. Du kannst ihr natürlich widersprechen. Aber ich glaube nicht, dass du das tun wirst. Ich möchte mit dir sobald es deine Pläne zulassen, aber spätestens innerhalb der nächsten drei Monate mit dir zwei Wochen auf Urlaub fahren.“ Sie konnte das nicht glauben. Er war einfach kein Urlaubsmensch. Als Workaholic war er schon normal ungenießbar, wenn er das Gefühl hatte, nicht ausreichend zu arbeiten. Wie oft hatte sie ihm schon vorgeschlagen, wegzufahren, um immer wieder die gleiche Erwiderung zu bekommen, dass es gerade jetzt nicht ginge. Es war immer „gerade jetzt der Zeitpunkt“, an dem es nicht gegangen wäre. Wieso sollte das jetzt anders sein?

Er nahm einen Schluck Wein zu sich, dann ergriff er ihre Hand. „Wir haben in der Firma momentan schwere Zeiten. Leute werden in die Pension geschickt oder gekündigt. In einem Meeting sind wir heute gefragt worden, wie wir mit der Situation umgehen können. Ein Kollege hat gesagt, er musste noch nie jemanden kündigen. Er weiß nicht, wie er sich fühlen wird. Aber bestimmte Missstände berühren ihn heute nicht mehr so wie früher. Als er noch Student war, hat er einmal seine Freundin verloren, weil sie Krebs bekam. Seit damals gibt es nichts mehr, was ihm in der Firma nur annähernd so wichtig oder unangenehm erscheinen könnte.

Da ist mir plötzlich klar geworden, wie viel wertvolle Zeit ich verschenke. Zeit, die ich lieber mit dir verbringen möchte.“ Sie fragte ihn, wie er sich das denn vorstellen würde. So plötzlich würde er seinen Lebensrhythmus wohl nicht ändern können. „Du wirst mir helfen müssen.“ Sagte er. „So einfach wird es nicht gehen. Das ist klar. Gönn’ mir einen zweiten Verabredungstag, zum Beispiel den Montag.“ Er spielte darauf an, dass sie regelmäßig am Freitag etwas unternahmen. Aber am Montag wollte sie nicht ausgehen, der nächste Tag würde ein Arbeitstag sein, man müsste früh schlafen gehen und eigentlich sollte das Wochenende ja Ausspannung genug sein. Er ließ das nicht gelten. „Du verstehst mich nicht. Wir müssen nicht ausgehen. Wir nehmen uns einfach die Zeit füreinander. Wir nehmen uns vor, um sechs Uhr Abend zu essen und dann bis zehn Uhr die Zeit für uns zu verbringen. Danach gehen wir noch einmal mit den Hunden und sind noch vor Mitternacht im Bett.“ Sie schaute ihn ungläubig an. „Das endet doch nur im Sitzen vor dem Fernseher.“ – „Nein, es gibt eine Zusatzregel. Der eine muss den anderen unterhalten. Aus eigenen Stücken. Kein Fernsehen, kein Video. Kein Computerspiel.“ – Kannst Du mir ein Beispiel geben, was Du wirklich meinst?“ Er lächelte sie an: „Also heute fange ich an. Ich werde dir eine Geschichte vorlesen. Das nächste Mal bist du dran. Du kannst zum Beispiel eine Musik auflegen und mir bei jedem Stück erzählen, warum du es gut findest und was es bedeutet. Und vielleicht schaffe ich es, eine Geschichte zu erfinden oder ein Gedicht und wir können es besprechen. Ja, und es gibt noch eine Regel: die Themen Politik und Religion bleiben ausgeklammert.“ Sie fing zu lachen an. Sie hatte verstanden, dass er die Regeln seines Geselligkeitsvereins in ihre Beziehung bringen wollte. „Und Du glaubst, dass das funktioniert?“ „Ich bin sicher, dass es funktioniert. Ich kenne zwar niemanden, der es ausprobiert hat. Aber ich bin hundertprozentig sicher, dass es funktioniert. Es funktioniert unter viel schwierigeren Bedingungen bereits über hundert Jahre.“

Er schaute sie an: „Natürlich könnte man eine Erweiterung der Regeln ins Auge fassen. Der eine darf sich etwas vom anderen wünschen. Ohne Erfüllungszwang, versteht sich. Ich würde mir zum Beispiel wünschen, dass Du mir beim nächsten Mal etwas über unser Urlaubsziel verrätst.“
Die nächsten Montage wurden mit großer Spannung erwartet. Ein unerwarteter Umstand stellte sich ein. Die Sonntage wurden manchmal mit Geheimnistuerei begangen, weil der eine dem anderen nicht verraten wollte, was er oder sie am Montag zu erwarten hätte. Obwohl der Montag ein Arbeitstag war, wurde ein halber Urlaubstag daraus. Schon unter dem Tag wurde von einem der beiden mit großer Spannung die Überraschung des Abends erwartet.
Der Umstand, dass die Hunde jedes Mal auf ihren Spaziergang warteten, verlieh den Abenden auch einen formalen Abschluss. Obwohl die Montage ein großer Erfolg waren, mussten sie unterbrochen werden. Eines Montagabends nämlich musste sie gestehen, dass sie keine Vorbereitung hatte treffen können, weil sie durch ihre Arbeit daran gehindert war. Jetzt wäre es zwar ein Leichtes gewesen, eine Vorlesung oder einen Musikabend zu bestreiten, aber sie hatte etwas anderes im Sinn gehabt. Es war nicht Politik und es war auch nicht Religion. Die Hunde mussten allerdings länger auf ihren gewohnten Ausgang warten. Erst lange nach Mitternacht schleppte er sich zur Tür und führte sie allein um den Häuserblock.

Die nächsten Montage verliefen wie gewohnt, aber nach neun Monaten musste der Montagabend entfallen. Am Sonntag früh gab es eine plötzlich notwendig gewordene Fahrt ins Krankenhaus und Sonntag abends erblickte ein kleiner Montag (Hauptfigur von Fahrenheit 451, Ray Bradbury) das Licht der Welt. Montag, der Erstgeborene.

Reisen

Ich träume von Eisenbahnreisen. Die Transsibirische, die Verbindung zwischen Paris und London durch den Tunnel, die Panoramareisen in der Schweiz. Ich male mir die Reisen aus, schaue auch gelegentlich in den Fahrplänen nach und habe mich auch schon nach den Preisen erkundigt.
Die transsibirische Eisenbahn führt von Moskau nach Peking oder auch umgekehrt. Die chinesische Eisenbahn habe ich schon genossen, Peking Wuhan, achtzehn Stunden. Die russische Eisenbahn habe ich ebenfalls genossen, Leningrad Moskau. Das war romantisch und abenteuerlich. Muss ich mir da wirklich die weiteren zehn Tage dazwischen geben?
Ich war in London in der Waterloo-Station. Dort blieben die Eurostar-Züge vor meinen Blicken verborgen. Innerhalb eines Monats hatte ich am Gare-du-Nord einen Anschluss und sah einen gelben Eurostar. Vor mir, groß, bedeutsam, mit Aura. Und war der vielleicht sagenhaft schmutzig!
Durch die Schweiz bin ich vor einem Monat gefahren. Nicht Panorama. Aber ein bisschen etwas von der Vorfreude ist weg.
Das Ausmalen der Reise, das Planen, das Gustieren ist großartig, denn es bedeutet Träumen, Träumen von der Reise. Und können Träume nicht großartiger sein als alles andere, was wir so erleben.
(c) Steppenhund
(zur Übersetzung ins Französische freigegeben)

Zugfahrt

Es gibt von mir mehrere Geschichten, die im Zug spielen.
Diese war meine erste.
Eine Zugfahrt

Ich bin unlängst gefragt worden, welches meine Inspirationen (es waren Werke der klassischen Literatur und Musik angesprochen) für mein Liebes/leben wären.
Die Frage ist sowohl einfach als auch sehr schwierig zu beantworten. Einfach wäre es, einfach zu verweigern. Genauso wie es keinen Lieblingskomponisten oder Lieblingsdichter gibt, kann es keine singuläre Inspirationsquelle geben. Dies gilt auch, wenn nicht nur eine sondern mehrere Quellen der Inspiration erlaubt wären.
Der schwierige Teil der Beantwortung dieser Frage besteht aber in der Rekonstruktion derjenigen Gefühlserzeuger, welche sich über die Jahre erhalten haben. Wenn neue Inspirationsquellen dazu kamen, durften sie nicht mit den bestehenden kollidieren.
Das erste Musikstück, an das ich mich erinnern konnte, aber es später nie fand, (bis es youtube gab) war das Scherzo D593 n.1 von Franz Schubert.

Dieses Stück hatte ich im Ohr, offensichtlich hatte es mein Vater häufig gespielt, als ich so drei bis vier Jahre alt sein musste. Irgendwann später hörte ich es bei einem Schülerkonzert, merkte mir aber trotzdem nicht, wie es hieß. Dieses Stück verkörperte für mich Familie, Geborgenheit, etwas an biedermayerlicher Gemütlichkeit und auch Luxus, den wir damals beileibe nicht in materieller Sicht leben konnten. Vielleicht wurde gerade damals mein Bewusstsein geprägt, dass es Luxus ist, sich an der Musik so freuen zu können, wie ich es tat, dass die Freiheit des Geistes der wahre Luxus ist, der später eine große, sicher nicht totale Immunität gegenüber dem Konsumismus bewirkt.
Später hörte ich viel Musik, im Radio waren es Beethoven und Mozart, hauptsächlich Übertragungen von den Salzburger Festspielen, diese inspirierten mich und waren gleichzeitig der Grund, warum ich kein Musiker wurde. Dies verhielt sich so: als ich im Alter von 11 Jahren zum ersten Mal bei einem Schülerabschlusskonzert auf einem Bösendorfer spielen durfte, war ich grenzenlos enttäuscht, dass ich nicht den Klang erzeugen konnte, der mir vorschwebte. Es war der Klang, der sich als Erwartungshaltung durch das Anhören pianistischer Darbietungen ergeben hatte. Ich war also kein Pianist und würde keiner sein können!
Auch heute habe ich eine ganz bestimmte Vorstellung davon, wie etwas auf dem Klavier zu klingen hat. Und ich bin sogar in der Lage, dieser Vorstellung in vielen Fällen Genüge zu leisten. Dass ich keine Musikerlaufbahn eingeschlagen habe, habe ich allerdings nicht bereut. Zu gut habe ich den Musikbetrieb aus einer anderen Perspektive kennengelernt.
Abgesehen von Beethoven, der mich vermutlich wirklich im Gemüt „veredelt“ hat, wie das Beethoven selbst wollte, gab es zwei weitere Musikstücke, die meinen Lebensweg beeinflusst haben. Da gab es die Wiedergabe eines Konzertes mit Shura Tscherkassy, der die Bilder einer Ausstellung in Wien spielte, als ich ungefähr acht Jahre alt war. Seine Interpretation begeisterte mich so, dass ich den Wunsch fasste, das einmal zu üben. Zweiundfünfzig Jahre später mussten sich die Gäste meiner Geburtstagsfeier damit abfinden, dass ich es geübt hatte.
Eine weitere Beeinflussung erlebte ich durch die letzte posthume Schubert-Klaviersonate D960 in B-Dur.

Mein Vater pflegte sie immer wieder einmal zu spielen, wenn er vom Büro nach Hause kam. Diese Sonate berührte mich so sehr, dass sie mich zeit meines Lebens das Klavierspiel festhalten ließ. Während meiner Pubertät, in der viele Dinge wichtiger als das Klavier erschienen, trieb mich der Gedanke in die Klavierstunden, dass ich wohl fleißig üben musste, dass ich dieses Werk einmal selbst würde spielen können.
Es ist wohl etwas Besonderes sagen zu können, dass ein Stück welches man so oft gehört und auch gespielt hat, nie seinen Reiz und seine Verzauberung verloren hat. Da der zweite Satz ähnlich wie die vierte Symphonie von Franz Schmidt eine Musik ist, die einen in das Jenseits begleiten kann, ist die Klaviersonate wohl erst dann ausgeschöpft, wenn die Lebensenergie erschöpft ist.
Das Klangbeispiel von Brendel trifft meine Vorstellung, wie die Sonate in Tempo und Dynamik zu gestalten ist, hundertprozentig. Dies befriedigt mich insofern, als ich die Musik als eine Sprache ansehe und mich freue, wenn ich offensichtlich nicht etwas Falsches sondern etwas auch bei anderen Nachvollziehbares verstehe.

Obwohl es noch weitere Schlüssel in bezug auf das musikalische Erleben gibt – wie z.B. unsere Hausoper „die verkaufte Braut“ oder der Allzeitgenuss „Rosenkavalier“ höre ich jetzt hinsichtlich der Musik auf.

Bei der Literatur wird es noch schwieriger. Es ist mir ein Anliegen, festzustellen, dass ich in Franz Karl Ginzkeys Werken nie (als Kind und auch nicht als Erwachsener) das rassistische Moment erkannt habe. Honni soit qui mal y pense, wäre wohl angebracht. Florians wundersame Reise über die Tapete spannte für mich eine Welt auf, wie sie schöner nicht sein konnte. Hier machte sich vor allem meine Schwester verdient, die sie mir oft vorlas.
Märchen und Sagen hörte ich nie auf zu lesen. Inspirierend waren aber „Readers‘ Digest“-Artikel über großartige Männer. Es waren fast immer Männer und meistens waren es Ärzte. Sie waren die eigentlichen Idole meiner Kindheit und ich hätte mir gut vorstellen können, ein Chirurg zu werden. Später relativierte sich dieser Wunsch. Durch die Bücher, die mir geschenkt wurden, Geschichten über große Erfinder und Entdecker und auch Bücher über Physik, wurde in mir eine Leistungsvorstellung erzeugt, die zwar teilweise wegen meiner Mutter negativ empfunden wurde, (ich wurde viel wegen guter Noten gelobt, was mich nicht besonders glücklich stimmte, vor allem, wenn meine Mutter anderen darüber berichtete.) mit der ich aber heute recht gut leben kann.
Es ist die Ausrichtung an größeren Personen als man selbst. Mein Selbstwertgefühl ist ausreichend, dass die Erkenntnis, nie einen Nobelpreis gewinnen zu können, keine Depressionen verursacht. Gleichzeitig aber sehe ich das Maß der Dinge nicht an meinem Niveau ausgerichtet, sondern es ist irgendwo darüber. Es ist möglich, besser zu werden, an sich zu arbeiten, zu lernen, einen größeren Überblick zu bekommen.
Ich lasse mich zwar gerne gehen, doch genauso gerne vertiefe ich mich in eine Sache, bis ich sie „vertikal“ verstanden habe, vom Überblick bis ins Detail.
Ja und etwas später, im Alter von ungefähr neunzehn Jahren machte der Steppenwolf einen bedeutenden Eindruck auf mich. Die Vorstellung, mit kulturellen Werten wie im Glasperlenspiel spielen zu können, zog mich an, doch wie der Steppenwolf zu vegetieren, wollte ich nie. All die guten Lehren die Hermine und Pablo oder auch Maria dem Steppenwolf angedeihen ließen, fielen auf äußerst fruchtbaren Boden. Bis auf die Geschichte mit dem Rauschgift. Das hat mich nie angezogen, weil ich zu ängstlich war und weil ich außerdem keine Notwendigkeit sah, „mein Bewusstsein zu erweitern“. Mein Bewusstsein hielt ich für ausreichend erweitert, als ich im Alter von neunzehn Jahren einmal eine Bayreuther Tristanübertragung hörte und im Zusammenhang mit vier Flaschen Bier und einer Schachtel Gitanes ohne Filter am Ende des dritten Aktes vollkommen abgehoben war und praktisch das Meer rauschen hören konnte. Damals schwor ich mir, dass ich keine Bewusstseinserweitung brauche. Alles kann ich aus der Musik nehmen.
War da noch irgendwo vom Liebesleben die Rede?
Der Menschen Hörigkeit (WS Maugham), das Ende einer Affäre (Graham Greene), Arrowsmith (Sinclair Lewis), das waren meine Ratgeber in Liebesdingen, dort gab es Frauen, die bewundernswert waren – nicht alle natürlich.
Wenn ich darüber nachdenke, gibt es für diese Aufzählungen kein Ende. So viele Beinflussungen: Goethes „Märchen“, Haufsche Märchen, das Haufsche „Märchen“, sie alle lebten und tun es noch heute.
Der Kreis schließt sich dort, wo eine Begeisterung für den Faust II noch durch die Begeisterung für Bulgakovs „Master i Margarita“ übertroffen wird und ich am Schluss finden kann, dass für Bulgakov das Anhören von Schubert als paradiesische Beigabe für den Master und seine Geliebte empfunden wird.
Ja, es gibt hier kein Aufhören der inspiratorischen Beeinflussung. Sie wird hoffentlich nie aufhören.




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