Archive for the ‘Lesen’ Category
Eine Million kann kaum lesen…
http://orf.at/stories/2201460/2201462
Es gibt ja den Spruch, traue keiner Statistik, die du nicht selbst gefälschst hast. Allerdings scheinen mir die Ergebnisse, die im Artikel präsentiert werden, durchaus glaubwürdig, wenn ich sie mit eigenen Erfahrungswerten vergleiche.
Wenn ich denke, 12,8% nicht sinnerfassend lesen können, kann ich zwar annehmen, dass es nicht unbedingt etwas mit der wirtschaftlichen Stellung dieser Personen zu tun hat. Tatsächlich kommt es aber auch vor, dass Leute mit besserer Ausbildung, in gehobenenen Berufen arbeitend, über dem Durchschnitt abschneiden.
Meine Erfahrungen haben mich manchmal vor den Kopf gestossen. Da gibt es Personen mit einem Bruttogehalt von mehr als 3.500 Euro, die weder lesen wollen, noch lesen, noch eine Beschreibung ihrer eigenen Arbeitstätigkeit geben können.
Mir selbst tut das nicht weh. Es hilft mir, mich gegenüber Konkurrenz abzugrenzen, trotz meines Alters nicht entsorgt zu werden und einen guten Job zu haben.
Aber erwartet man von mir Mitleid mit denen, die wegen Mangel an Bildung und fehlenden Grundfertigkeiten keine vernünftigen Jobs ergattern können? Da fühle ich noch eher mit den Studienabgängern mancher Fächer, die bestenfalls ein Praktikum bekommen.
Eigentlich wollte ich ja den 3. Teil der Philosophie für Computer schreiben. Aber diese Geschichte muss jetzt dazwischen, weil ich sie doch für mitteilenswert halte.
Es geht um Bücher.
Meine Schwester ist um siebeneinhalb Jahre älter als ich. Als sie bereits verlobt war und sich eine Freundschaft zwischen ihren Schwiegereltern und meinen Eltern entwickelte, kam ich in den Genuss von Weihnachtsgeschenken eben jener Schwiegereltern.
Dabei kann ich mich an zwei Bücher erinnern, die einen besonderen Eindruck auf mich – und auf mein Leben – machten. Ich stelle hier fest, dass es ähnliche Bücher schon zuvor von meinen Eltern gab und der Boden quasi bereits aufgearbeitet war.
Gestern fiel mir eines dieser Bücher in die Hände, da mein Sohn ausgezogen ist und momentan die Buchbestände neu gesichtet werden müssen. Das andere „der zwei“ habe ich leider nicht mehr. Ich weiß nicht, wo oder wann es verschwunden ist. Es hieß ungefähr „Die Wunder der Physik“ und behandelte in sechs Kapitel die Grundelemente der Physik. Dabei gab es Mechanik, Elektrizität, … und Atomphysik, wie man sie damals kannte. Es gab noch keine Quarks und keine Suche nach dem Higgs-Boson. Doch den Anfang des Kapitels werde ich nie vergessen. „Eine Sonne herzustellen ist ziemlich einfach. Nehmen Sie eine Quintillion Wasserstoff-Atome und bringen Sie sie in einem verfügbaren Raum zusammen. Die Schwerkraft tut ihr Übriges.“ Dann wurde erklärt, wie die leichten und die schwereren Elemente im Rahmen einer Fusion entstehen. Das Buch hatte ungefähr 500 Seiten, einen gelben Umschlag und ich liebte es heiß. Ich las darin, als ob ich in eine andere Welt versetzt wäre. Das Buch hat sicher einen großen Einfluss auf meine spätere Studien- und Berufswahl gehabt.
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Das gestern gefundene Buch ist von Paul Herrmann (von seiner Frau aus seinem Nachlass herausgegeben) und führt den Titel: „Träumen, Wagen und Vollbringen“ (Das Abendteuer der neuen Entdeckungen)
Es besteht vier Teilen:
Die Strasse der hellen Nacht
Seelen, Nelken, Seide
Terra Australis incognita
Zauber der weißen Wüsten
und hat auch fast 500 Seiten. Illustriert noch mit den gesonderten Fotografie-Seiten, wie ein Buch von 1959 damals gestaltet war.
Die Geschichte von Amundsen Rennen zum Südpol kannte ich schon von früher. Nansen, Fram, Amundsen, Scott, sogar Peary waren mir damals schon ein Begriff.
Das Buch übte einen subtileren Einfluss auf mich aus. Obwohl ich mich nie mit den Strapazen einer Südpolexpedition anfreunden hätte können, lernte ich die Möglichkeit von Zielstrebigkeit und Ausdauer erfassen. (Ich selbst war in meinem Leben nur selten wirklich zielstrebig, und für Ausdauer reicht meine Geduld nicht.) Doch ich lernte, was Überzeugungen sind. Ich lernte, dass sich große Abenteurer immer mit der Ungläubigkeit ihrer Zeitgenossen konfrontiert sehen. Das half mir in meinem späteren Leben, zu meiner Meinung zu stehen. Ich habe einige Male gehört, „das etwas nicht gehen (funktionieren) könnte“ solange bis ich es vorgehüpft bin. Als ich noch eitel war, hat mich das angetrieben, immer wieder etwas noch Neueres zu probieren.
Heute frage ich mich: „wozu“. Möglicherweise wird mir noch einmal etwas einfallen, was wirklich eine neue Kombination von bekannten Erfahrungsschätzen ist. Doch ich laufe nicht mehr „dem Großen“ hinterher.
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In diesem Zusammenhang möchte ich an eine der schönsten Werbeaktionen erinnern, die ich überhaupt kenne. Die Voest-Alpine hatte ein Video mit ungefähr dem folgenden Inhalt: „Ideen klopfen bei jedem an. Man muss ihnen nur aufmachen.“ Das wäre eine Werbung, die mich dazu bringen könnte, mich dort um einen Job zu bewerben.
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Das Wesentliche erscheint mir bei „Träumen, Wagen und Vollbringen“, dass die geschilderten Abenteuer wirklich zum Träumen anregen können. Als ich 1997 einen Testjob bekam, stellte ich fest, dass im gesamten Computerbereich das Feld des Software-Tests unbestellt war. Ein riesiger weißer Fleck auf der Landkarte. Heute kennt man mehr. Es gibt noch immer weiße Flecken, die haben sich etwas verlagert. Aber für mich war Testautomation damals wie die Reise zum Südpol. IBM und meine Firma hatten beide ein Attest geschrieben, dass eine bestimmte Software nicht automatisiert werden konnte. Es war die Herausforderung, der ich mich damals stellte. Würde ich heute nicht mehr tun.
In der heutigen Zeit kann man in der IT nicht mehr „blood, sweat and tears“ versprechen. Heute regieren die Hypes. Umbenennung von bestehenden Werkzeugen in ein gängiges Schlagwort.
Bücher der oben genannten Art gibt es in Form eines Bestsellers: „Die Vermessung der Welt“. Das Buch ist großartig, der Film einfach schön ohne Wirkung. Kann das Buch eine Wirkung bei Heranwachsenden verursachen? Ich bin ein bisschen skeptisch. Die Abenteuer der heutigen Zeit stellen sich der Jugend als „Einer wird irgendetwas gewinnen“. Nach erfolgtem Gewinn erfolgt der Wechsel in die Versenkung.
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Wenn ich länger darüber nachdenke, meine ich zu erkennen, dass die Grundvoraussetzung etwas Neues zu schaffen, zu entwickeln, zu entdecken, zu erforschen, im Lesen liegt. Denn bei allen Neuerungen muss man sich etwas vorstellen, was es noch nicht gibt. Und genau dieses Vermögen wird beim Lesen und der Ausbildung der Fantasie gefördert und trainiert. Es ist vermutlich zu einfach, eine Klassifizierung von Lesern und Nichtlesern danach vorzunehmen, ob sich jemand zum Neuerer oder zum Konsumenten entwickelt. Aber eine entsprechende Statistik würde mich echt interessieren.
Bekanntlich ist ja Einstein an der Entwicklung einer „Weltformel“ gescheitert. Doch jetzt gibt es eine neue Formel, die alles erklärt:
Hirscher durschaut Formel.
Solche Formulierungen findet man sonst nur in den Gratisblättern.
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Dass dieses in ORF-online zu lesen ist, hat mich etwas von den Socken gehauen.
Vermutung, Verdacht, Überlegung, … und noch ein paar andere Möglichkeiten hätte es gegeben, um einen Rückstand von über zwei Sekunden in einem Skirennen zu erklären.
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Doch Marcel Hirscher ein überaus sympathischer und bescheidener Bursche hat „die Formel“ gefunden. Bei aufmerksamen Lesen des Beitrags bin ich auf keinen einzigen Bestandteil gestoßen, den man in einer Formel auffinden sollte.
Er hat das auch sicher nicht selbst behauptet.
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Natürlich macht es mir seither weniger aus, dass ich Schildpatt als Schildplatt geschrieben habe, ja überhaupt macht mir vieles weniger aus. Denn ich habe jetzt die Formel für Österreichs Journalismus gefunden:
D = ∞
Dabei ist D eine Masszahl für die sprachliche Dummheit von Journalisten und ∞ das Zeichen für unendlich.
Vielleicht ist das aber auch keine Formel sondern nur eine Vermutung.
Dieser Beitrag ist meinem Kollegen nömix gewidmet.
Einem Freundeskreis habe ich hinsichtlich des referenzierten Artikels eine Antwort geschrieben.
Der Artikel:
http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/geoforschung-die-mathematik-des-bergtals-a-870723.html
Mein Kommentar:
Dieser Artikel zeigt, wie sinnlos wissenschaftliche Artikel in Blättern a la Spiegel oder ähnlichen sind. Journalisten, die nur die Hälfte verstehen, versuchen ihr Verständnis populärwissenschaftlich auf eine noch griffigere Vereinfachung zu reduzieren, bis zum Schluss eine Trivial-Aussage herauskommt. Dabei wird die Implikation, dass die Möglichkeit, die Resultate des Wassers durch ein Modell zu beschreiben, für uns nutzvoll ist, unterschwellig suggeriert.
Man kann die Peclet-Zahl vielleicht als eine Diskrimante heranziehen, ein entsprechendes System ist aber von weiteren Faktoren so stark abhängig, dass es übertrieben wäre, sie als Kennzahl zu bezeichnen.
Für mich sind solche Artikel wissenschaftliche Pornografie: das Leben wird auf ein Detail begrenzt, welches dabei noch entsprechend entstellt dargestelt wird.
momentan im Räsoniermodus
Zitat aus dem http://ORF.AT (= ORF ONLINE) – ist leider nicht verlinkbar, daher hier als unmittelbares Zitat:
Reich-Ranicki: Versäumtes „in sexueller Hinsicht“
Der Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki empfindet das Altwerden als fürchterlich. Auf die Frage, ob er etwas in seinem Leben verpasst habe, sagte der 92-Jährige dem „Focus“, es gebe immer etwas, das man versäumt habe – „zumal in sexueller Hinsicht“.
„Lassen sie sich nichts von Altersweisheit oder Altersmilde erzählen. Das ist sentimentales Geschwätz“, sagte der 92-Jährige dem „Focus“. Man stehe einem „übermächtigen Gegner“ gegenüber. „Dieser Gegner, die Zeit, wird immer stärker, und sie vernichtet nach und nach immer mehr von uns, ohne dass wir uns wehren können, bis sie uns schließlich ganz auslöscht“, sagte Reich-Ranicki dem Magazin.
Nach dem Tod seiner Frau Teofila im vergangenen Jahr sei ihm der Gedanken an den Tod indes nicht nähergekommen. „Wenn man wie ich über 90 Jahre alt ist, steht einem der Tod immerzu vor Augen“, sagte er. „Noch näher kann er nicht kommen.“
Die Religion könne ihm keinen Trost spenden. „Es gibt kein Weiterleben nach dem Tod. Das ist Wunschdenken“, sagte er. Auch die Literatur könne nicht helfen. „Mit dem Gedanken an den Tod kann man nicht fertig werden. Er ist völlig sinnlos und vernichtend.“
Dass ich ihn nicht mag, habe ich ja schon früher hier geschrieben. Ich wünsche ihm aber, dass er noch möglichst lange leben soll. Schließlich leidet er ja unter dem Alter. Man darf einem Menschen doch wünschen, dass er lang lebe, oder?
Und solange er lebt, darf man auch noch schlecht über ihn sprechen.
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Was sich eigentlich dahinter erschreckend verbirgt, ist etwas ganz Anderes. Dass er an das Leben nach dem Tod nicht glaubt, ist traurig für ihn. Doch das tun viele, die das gelassen hinnehmen. Wenn er allerdings nur das Leben von Geburt bis Tod als essentiell ansieht, dann ist er ja ein ungeheuerlicher Materialist, wenn er in all den Jahren, in denen er sich mit Literatur beschäftigt hat, nie das Schöne und Tröstliche in der Literatur gefunden hat.
Ein Speisekritiker, dem es nie geschmeckt hat; einer der nur anmerkt, dass die Suppe versalzen und das Besteck nicht sauber geputzt war.
Der Mensch – in diesem Fall dieser Mensch – ist sich selbst wirklich der ärgste Feind.
Da ist der Originallink zum ursprünglichen Interview für focus.
„Also das ist die Hölle. Ich hätte es nie geglaubt … Wißt ihr noch: Schwefel, Scheiterhaufen, Rost… Was für Albernheiten. Ein Rost ist gar nicht nötig, die Hölle, das sind die andern.“ das sagt Garcin in Geschlossene Gesellschaft von Jean-Paul Sartre.
Es gibt noch eine Steigerung: die Hölle, das bin ich. Den Spruch habe ich gerade erfunden, nachdem ich das Interview mit MRR gelesen habe.
So betrachtet gibt es vielleicht wirklich Gerechtigkeit.
der Triumph des Anton Bruckners über Hanslick
Ich lernte Marcel Reich-Ranitzky über einen seiner Auftritte im Fernsehen kennen. Er war mir von Anfang an unsympathisch. Ich wusste noch nicht über seine Ehrendoktorate, aber ich war nicht überrascht ihn als Literaturpapst tituliert zu sehen. So führte er sich ja auch auf. Seine Sprechweise irritierte mich und ärgerte mich. Es war immer der Unterton von „jetzt zeige ich es Euch.“ Als ich erfuhr, dass er für den Geheimdienst gearbeitet hatte, wertete ich das als Beweis für die Gemeinheit, die es auch auf der Seite der Unterdrückten geben kann. Aber MRR war damit für mich erledigt und im Prinzip egal. Er war der vorweggenommene Superstar des DSDS. Für ein Fernsehpublikum mag er Bedürfnisse befriedigt haben.
Er kommt sich selbst vermutlich sehr gut vor. Umso mehr muss es ihn wurmen, wenn bekannt wird, dass es um seine literarische Kritikfähigkeit gar nicht so gut bestellt ist. Er ist wie ein Gourmetkritiker, dem man ein Gericht von Bocuse hinstellt, welcher behauptet, dass es „nur“ Kartoffelpüree sei.
Und so wird man nach dem Tod von MRR nach gewisser Zeit nichts mehr von ihm wissen. Ob sich die von ihm protegierten Autoren später noch dankbar an ihn erinnern werden und ihm Kränze flechten werden, sehe ich gar nicht sehr als gesichert an.
Von Hanslick wissen heute nur mehr die Musiktheoretiker etwas. Seine Rolle in der Ablehnung Anton Bruckners kann belächelt werden. Oder man sagt, das Schwein hätte nur aus opportunistischen Gründen eine gewisse Machtposition missbraucht.
Bruckner-Symphonien werden heute noch gespielt. Nicht nur gespielt, sie werden zelebriert und es ist für jeden Dirigenten eine neue Herausforderung, sich der Aufgabe einer besonders guten Interpretation zu widmen.
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In Kroatien habe ich mir um teures Geld den Spiegel gekauft, weil mich die Titelstory dazu animierte. Der Artikel hat mir gut gefallen und zwei Dinge sind mir dabei ins Auge gestochen. Einerseits wurde erwähnt, dass der Spiegel Hermann Hesse anno 1958 noch alles andere als ernst genommen hat. Es zeigt von einer gewissen Größe, wenn ein Blatt seine eigenen Irrtümer offen zugibt. Meistens wird das Archiv eher als Bestätigung verwendet, dass ein bestimmtes Medium das oder jenes eh schon immer behauptet hat.
Andererseits wird auf die Ablehnung Hesses durch MRR hingewiesen, die auch etwas näher behandelt wird. Im Gegensatz zum Spiegel hat MRR nichts dazu gelernt. Wenn man im Internet stöbert, findet man auch schon einmal einen Artikel wie jenen, (http://www.glanzundelend.de/Artikel/abc/h/volker-michels-hesse.htm) der noch genauer eine Ablehnung beschreibt, die mich zu folgender, nicht ganz unproblematischer Aussage hinreißen lässt. Dass MRR die Deutschen für das hasst, was sie ihm angetan haben, ist verständlich. Dass er umgekehrt „das Deutsche“ genauso hassen kann, dass er an der Ablehnung eines Autors selbst dann festhält, wenn dieser den Nobelpreis bekommen hat, scheint für mich auf der Hand zu liegen. Dass man ihn in Deutschland so hochleben lässt, scheint am typisch schlechten, deutschen Gewissen zu liegen. Ablehnen darf man ihn nicht, dann wäre man antisemitisch.
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Es bleibt nur mehr festzustellen, dass ich MRR jegliches Verständnis von Hesses Büchern absprechen muss. Interessanterweise richtet sich MRRs Ablehnung ja auch gegen das Briefwerk Hesses, der einiges damit zu tun hatte, den Steppenwolf zu verteidigen. Der hatte eine ähnliche Wirkung auf die Jugend wie seinerseits „Das Leiden des jungen Werther“ gehabt. Dass man Hesse in der Jugend leichter zu verstehen glaubt, als in dem Alter, in dem die Protagonisten sich befinden, hat immer schon irritiert.
Als ich Hesse anfang der Siebzigerjahre las, gefiel er mir ausnehmend gut. (Mit „Unterm Rad“) konnte ich nicht so viel anfangen, bei den anderen Büchern empfand ich eine Parallele zu Bruckner, über den manche bösartig meinen, er hätte nur eine Symphonie geschrieben, diese aber neun Mal. Mit 20 Jahren dachte ich über Hesse dasselbe, ohne ihn dabei schlecht machen zu wollen. Hesse schreibt nur ein Buch, ob das Demian, Siddartha, Narziss und Goldmund, Steppenwolf oder Glasperlenspiel ist, das Thema bleibt gleich, es wird nur auf verschiedenen Stufen wiederholt. Die Auflösung der Dichotomie zwischen physischer und geistiger Existenz des Menschen wird in verschiedenen Beispielen dargestellt. Wenn ich heute in den Illustrierten beim Arzt den hundersten Vorschlag, wie man sein Leben verbessern könne, anschaue, denke ich nur, warum liest den keiner den Hesse.
Im Steppenwolf, verfeinert er die Dichotomie in tausend kleine Kristallsplitter. Das Einzige, was mir am Steppenwolf nie so gut gefallen hat, war seine Präferenz für Mozart, die alles daneben (außer dem Saxophon) minder bewertet hat. Brahms hat zuviele Noten, dasselbe gälte wohl auch für Bruckner, der aber namentlich nicht erwähnt wird.
Lange vor der Zeit des Internet, war ich in der virtuellen Welt mit dem Pseudonym Steppenwolf unterwegs. Es ergaben sich dadurch auch interessante Diskussionen mit Gesprächsteilnehmern aus aller Welt. Dass ich irgendwann zum Steppenhund wurde, war ein technischer Fehler einer Blogplattform, die meinen ursprünglichen Namen einfach registriert aber gleichzeitig verschluckt hatte. Steppenhund als domestizierte Form scheint heute auch wesentlich besser zu passen. Schließlich scheine ich mich jetzt auch recht sozialisiert zu verhalten.
Ich mag den Steppenwolf noch immer, obwohl ich im Glasperlenspiel die gelungenere Synthese oder zumindest Darstellung des „Problems“ sehe.
Doch heimlich dürsten wir …
Anmutig, geistig, arabeskenzart
Scheint unser Leben sich wie das von Feen
In sanften Tänzen um das Nichts zu drehen,
Dem wir geopfert Sein und Gegenwart.
Schönheit der Träume, holde Spielerei,
So hingehaucht, so reinlich abgestimmt,
Tief unter deiner heiteren Fläche glimmt
Sehnsucht nach Nacht, nach Blut, nach Barbarei.
Im Leeren dreht sich , ohne Zwang und Not,
Frei unser Leben, stets zum Spiel bereit,
Doch heimlich dürsten wir nach Wirklichkeit,
Nach Zeugung und Geburt, nach Leid und Tod.
[Hermann Hesse „Das Glasperlenspiel“, Dezember 1932]
Möglicherweise steckt in diesem Gedicht unsere menschliche Beschränkung, „Weltfrieden zu erlangen“. Immer wieder treffe ich Menschen, die wirklich kämpfen wollen. Und anders ist es wohl nicht zu verstehen, wenn bestimmte Kampfsportarten bei den olympischen Spielen vertreten sind. (Ich denke da weniger an Judo als an Wasserball. Es tut weh, und es soll weh tun.) Wir wollen Blut sehen. Wir dürsten danach.
Doch wenn der so belesene MRR diese Zeilen als schwülstige Romantik abtut, so fragt es sich, wem er mit einer solchen Beurteilung ein schlechtes Bild ausstellt.
Mir kann er den Hesse jedenfalls nicht schlecht machen!
Das gehört eigentlich ins andere Blog, aber weil Geschichten moniert wurden, fange ich jetzt einmal hier ein. Achtung: nur für Verrückte zu lesen.
(1)
“Jetzt besteht nur mehr die Gefahr, dass ich zu früh sterbe!” dachte der seit einem Tag in Pension befindliche Fünfundsechziger, als er andächtig einen Schluck vom A’bunadh-Single-Malt verkostete und etwas andächtig auf seine letzte Erwerbung sah. Diese war etwas zwei Meter hoch, schwarz mit den üblichen Verzierungen durch Lämpchen und Schaltern versehen und hatte ihn seine gesamte Abfertigung gekostet. Er hätte auch noch länger gearbeitet, wenn es sich mit dem Anschaffungspreis nicht ausgegangen wäre. Doch jetzt war er in Besitz einer Maschine, wie sie sonst nur große Unternehmungen für ihre gesamte EDV verwendeten. Die Maschine war ein sogenanntes Mainframe, ein Großrechner, der in seiner handlichen Bauform gar nicht vermuten ließ, welche Rechenleistung in ihm steckte.
Alexander hatte sich etwas Ähnliches schon lange gewünscht. Er war aber recht froh, dass er bis heute gewartet hatte, denn nun war zu vermuten, dass er alles damit machen könnte, was er sich von Rechenmaschinen erwartete. Und die Rechenleistung war vielleicht eintausendmal größer, als sie das MIT in Boston im Jahr 2000 zur Verfügung hatte. Damals, oder etwas früher, verließ Phil Agre das MIT, nachdem er sich dort zwanzig Jahre mit Forschung auf dem Gebiet der künstlichen Intelligenz beschäftigt hatte. „Was für ein Blödsinn?“ hatte er in einem Artikel geschrieben „Sich zu fragen, welcher Würfel vor oder hinter einem Zylinder steht. Man muss den Computer dazu bringen, die wirklich interessanten Fragen zu beantworten. Zum Beispiel, wer oder was Gott ist. Offensichtlich sind wir nicht imstande, diese Frage zu beantworten. Aber vielleicht kann das eine künstliche Intelligenz.“
Auf Alexander hatte dieser Artikel einen großen Eindruck gemacht. Er hatte ihm hundertprozentig zugestimmt, obwohl die Frage nach Gott ihn weniger beschäftigt hätte. Doch eine Sache war klar: es wurden in diesem Bereich der Forschung die falschen Fragen gestellt. Er selbst würde die richtigen Fragen stellen. Wenn er einmal Zeit hätte. Wenn er einmal die richtige Maschine hätte. Wenn …
Der Zeitpunkt war jetzt gekommen. Doch Alexander wusste, dass er seine Fragen noch lange nicht stellen konnte. Zuerst musste er dem Rechner Zeit zum Lernen geben. Er musste auch entscheiden, welche Sinnesorgane dem Rechner zur Verfügung stehen sollten. Hören war notwendig, damit er sich mit seinen Lehrpersonen unterhalten konnte. Sehen schien ursprünglich nicht so wichtig, weil die meisten optischen Eindrücke in Form von Dateien zugebracht werden konnten. Doch Alexander entschied sich auch für Augen, damit die unmittelbaren Reaktionen der Lehrpersonen erkannt und analysiert werden konnten. Für Riechen gab es keine wirkliche Begründung, allerdings waren die notwendigen Sensoren relativ leicht zu beschaffen und daher sollten sie eingebaut werden. Haptik und Geschmack wurden als ein Eingangskanal betrachtet. Dieses Problem musste erst gelöst werden. Wie kann man einer Maschine Lust bereiten? Rein rechentechnisch läuft das auf ein Optimierungsprogramm hinaus, welches als kleiner Dämon kontinuierlich in Betrieb gehalten wird. Aber welches Kriterium sollte als Optimierungsmerkmal herhalten? Alexander gab sich für die Festlegung dieses Verhaltens noch zwei Jahre Zeit. Er hatte dies von Anfang an eingeplant. Zu Beginn würde es ein einfacher Neugier-Modul sein. Die Neugier würde vom Informationsinhalt neuer erworbener Wissensgebiete gespeist werden. Das neue Wissen würde nach bestimmten Merkmalen wie Neuheit und Komplexität bewertet werden und das dabei entstehende Resultat würde den Statuswert des Neugier-Moduls erhöhen.
Alexander war bewusst, dass er dem Rechner eine Möglichkeit zur Rückkopplung geben musste. Wissenszuwachs musste nach aufzuwendendem Zeitaufwand gewichtet werden. Dafür setzte er den Ausdruck Wissensdichte ein. Diese Möglichkeit musste als Programm vorgesehen werden. Alexander war sicher, dass ab einer gewissen Stufe der Rechner selbst ein solches Programm erstellen können würde. Das wäre ein erster Schritt in Richtung künstlicher „Künstlicher Intelligenz“, den viele Menschen mit Bewusstsein verwechseln würden.
Noch war es nicht so weit. Noch lange nicht. Doch die sogenannte „road map“ hatte Alexander bereits auf eine lange Strecke vorausgedacht. Er durfte nur nicht zu früh sterben.
Seine Frau trat ins Zimmer.
(c) steppenhund 2012
Ursprünglich hieß diese Geschichte Mitschrift einer Abenteuerreise war illustriert und ist bereits 9 Jahre alt. Ich stelle sie hier aufgrund einer Anregung bei triebfeder hinein.
Wenige Wochen nach dem Besuch in Anderswelt wurde ich von einem Bekannten zu einer kleineren Forschungstour mitgenommen, die nur einige Tage dauern sollte. Ziel der Wanderung, um eine solche handelte es sich eigentlich, war eine bisher unbekannte Höhle, die sich im Hochmoor befand. Eine Höhle im Hochmoor ist eigentlich nicht vorstellbar. Tatsächlich gab es sie aber, nur hätte man sie nie entdeckt, wenn nicht durch die Überschwemmungskatastrophen des vorigen Jahres einige Eingriffe in die Natur notwendig geworden waren. Diese Eingriffe, die Haus und Hof einiger entfernter Anrainer schützen sollten und normalerweise aus Naturschutzgründen nie hätten stattfinden dürfen, bewirkten, dass ein Teil des Hochmoors in der Dürre des heurigen Jahres ausgetrocknet war und die Sicht auf die obere Begrenzung eines Höhleneinganges frei ließ.
Dieses kleine Naturwunder zog die Aufmerksamkeit einiger Wissenschafter nach sich, die sich nicht einigen konnten, ob sie die Höhle untersuchen wollten oder nicht. Eine Untersuchung bedingte nämlich einen zusätzlichen Eingriff in die Naturlandschaft und galt daher unter den militanteren Naturschützern als absolutes Tabu.
Ungeachtet der Diskussionen gelang es aber einer kleineren Gruppe, ohne großes Aufsehen zu erregen, einen kleinen Holzzubringer zu der Höhle zu bauen. Da das Moor noch immer niedrig stand, konnte die Höhle ausgepumpt werden. Das ermöglichte weiterhin die Begehung.
Ein bisschen mulmig war mir schon dabei zumute. Als Kind hatte ich schreckliche Angst davor, mich einmal in einem Moor zu verirren und darin gefangen zu werden. Ich konnte mich noch gut an Erlebnisse im Schwarzsee bei Kitzbühel erinnern, der zwar ungefährlich war aber bereits dieses Gefühl des unentrinnbaren Einsinkens vermitteln konnte.
Höhlen zählen für mich auch gerade nicht zu den vertrauenerweckenden Unterkünften. Trotzdem ließ ich mich von meinem Bekannten überreden und begleitete ihn.
Als wir den Holzsteg verlassen hatten und bereits in der Höhle auf einem rutschigen Boden versuchten, feste Tritte zu finden, wurde der Strahl seiner Kopflaterne etwas nach oben gelenkt und wir sahen, dass sich hier ein moosähnlicher Bewuchs gebildet hatte, der ockerfarben melierte.
Der Bewuchs war ziemlich dicht und wirkte fast trocken. Irgendwie stimmte aber die Farbe nicht ganz zu den mir bis dato bekannten Flechten, die ich einmal am Grossglockner im dortigen Naturpaarmuseum gesehen hatte. Mein Bekannter, der sich in den natürlichen Dingen wesentlich besser auskennt, überraschte mich durch eine sehr zweifelnd erscheinende Handbewegung. Offensichtlich hatte er diese Pflanzenform auch noch nicht gesehen. Einerseits war es kein Wunder, da die ganze Höhle schon ein wenig unmöglich gewirkt hatte.
Wir sahen uns um, in dem wir unsere Köpfe zielstrebig herumkreisen ließen. Es muss ganz lustig ausgesehen haben, als wir mit kreisenden Köpfen da standen. Bewegen trauten wir uns sonst noch nicht, da die Lichtkegel nach oben gerichtet werden mussten und wir daher überhaupt nicht sahen, was unter uns oder vor uns lag. Es fiel uns eine gewisse Regelmäßigkeit des Musters auf. Nach ungefähr fünf Minuten hatten wir erkannt, dass das daran lag, dass eine bestimmte Anordnung der – sagen wir einmal – Flechten in regelmäßigen Abständen wiederkehrte.
Mit einer Kamera, die extrem lichtempfindlich war, gelang es meinem Bekannten, das Muster aufzunehmen. Ich bemerkte scherzhaft, dass ich in dem Muster zwei Personen ausnehmen könnte. Eine Stellung, ähnlich wie im Klimt’schen Kuss, wobei der Mann mit kurzen Beinen aber einem umso mächtigeren Geschlecht ausgerüstet sei. Mein Bekannter lachte und meinte, dass wir erst erforschen müssten, wer die wahren Künstler dieser Abbildung seien. Den Pflanzen würden wir es wohl beide nicht zutrauen.
Eine einfache Erklärung erschien uns die Möglichkeit, dass es auf den Höhlenfelsen einmal Zeichnungen gegeben hätten, welche als Untergrund für die Pflanzen einen selektiven Wuchs bewirkt hätten. Eine biologische Konservierung des natürlichen Museums. Mit dem Herunterkratzen einer kleinen Stelle konnten wir aber feststellen, dass die Gesteinsstruktur darunter keine Unregelmäßigkeiten oder Bearbeitungsnachweise aufwies.
Wir beschlossen, die Klärung der Angelegenheit solange aufzuschieben, bis wir aufgrund der Aufnahmen einige bildanalytische Hintergründe kennen würden, und machten uns auf den Weg, ins Innere der Höhle weiter vorzudringen.
Im weiteren Verlauf des Weges gab es keinen Bewuchs mehr. Doch wir konnten eine zunehmende Menge von runden Steinen ausmachen, die am Boden lagen und ungefähr so groß wie eine kleine Faust waren.
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Sie waren nett anzusehen und ich steckte mir einen davon in die Tasche. Ich habe ein gewisses Faible für Steine und die Formen sprachen mich an.
Wir gingen weiter und kamen durch einen engen und niedrigen Durchlass in einen Thronsaal. Man kann das nicht anders nennen. Die Wände schienen ausgeschlagen zu sein. Einige Wände wirkten glatt poliert. In der Mitte des Raumes stand ein Thron aus Stein. Ebenfalls glatt poliert.
Auch hier gab es vereinzelt noch die grünen Steine, aber sie hatten ein etwas verzerrtes Muster, so als wären sie gequetscht worden.
Trotzdem wirkten sie im Muster verwandt und plötzlich erschien mir die Zeichnung auf den Steinen auch mit dem Flechtenbewuchs am Eingang verwandt.
Wir blieben einige Minuten andächtig stehen. Es gab sonst nichts zu untersuchen. Keine Ritzen, keine weiteren Durchgänge. Es gab nur einen Ausgang. Das war der, durch den wir hereingekommen waren.
Mein Bekannter schaute auf die Uhr und deutete mir, dass wir umkehren müssten. Die Pumpen müssten in wenigen Minuten ausgeschaltet werden und dann würde wieder Wasser in die Höhle dringen.
Wir machten uns also auf den Weg und gingen hinaus. Auf dem Rückweg befiel mich ein merkwürdiges Gefühl. Ich schien schwerer zu werden. Fast unmerklich schien ich Gewicht anzusammeln. Es dauerte eine Weile, bis ich erkannte, dass die Steine, die ich vorhin eingesteckt hatte, an Gewicht zugenommen hatten. Obwohl ich mir das nicht erklären konnte, beschloss ich, alle Steine bis auf einen in der Höhle zu lassen. Ich legte sie vorsichtig auf den Boden der Höhle in einer Anordnung, dass man sie zwar sehen konnte, aber nicht über sie stolpern musste, wenn man die Höhle erneut betrat. Es hatte mich eine gewisse Scheu vor den Steinen überkommen. Einerseits trennte ich mich ungern von ihnen. Andererseits wurden sie ziemlich schwer. Ich konnte es jetzt deutlich ausnehmen. Der eine Stein, der noch in meiner Tasche war, wog jetzt vielleicht bereits zwölf Kilogramm.
Er wurde warm. Ich bekam Angst. War das etwas radioaktives Material, was da in der Höhle gelagert war? Konnte das Strahlungswärme sein? Ich nahm den Stein aus meiner Tasche und wollte noch einen letzten Blick auf ihn werfen. Die Angelegenheit erschien mir plötzlich zu riskant.
Als ich den Stein betrachtete, und das war jetzt bereits im Freien, nicht mehr in der Höhle, erstaunte ich noch mehr. Er hatte sich verfärbt und zu leuchten begonnen.
Er schien wie von einem Bildhauer oder einem Juwelier bearbeitet. Es gab deutliche Verwitterungsspuren. Man konnte aber sehen, dass da eine ganz definierte Struktur auszumachen war. Die rote Farbe schien auf Eisen hinzudeuten. Das zarte Rosa hatte aber gar keinen mineralischen Anstrich. Vielleicht musste man den Stein anschleifen und konnte ihn dann als Halbedelstein behandeln.
Ich steckte den Stein trotz des Gewichts wieder in meine Tasche und begab mich auf den Weg über den Holzsteg aus dem Moor heraus.
Als ich festen Boden betrat, geschah etwas Sonderbares und Unerwartetes. Der Stein fiel aus meiner Hosentasche heraus. Ganz gegen die Gesetze der Schwerkraft schien er aus der Tasche heraushüpfen zu wollen. Als ich versuchte, den Aufprallpunkt festzustellen, konnte ich weder eine Delle im Boden noch den Stein selbst erkennen.
Er schien wie vom Erdboden verschluckt.
Man winkte mir, ich möge doch nachkommen. Man kannte den Grund für mein Trödeln nicht und hatte Angst, dass ich die zeitlichen Grenzen unseres Moorbesuchs aus den Augen verloren hatte.
Noch einmal schaute ich um mich und da sah ich ein Stück Holz liegen, welches wie einer der polierten Spazierstockknäufe wirkte.
Auch dieses Stück Holz wies eine Zeichnung auf, die mit den bereits bekannten Mustern verwandt schien.
Ich stutze. Das sah jetzt nicht mehr nach den verwandten Mustern aus. Diese Form und Ausprägung kannte ich. Das war – wenn man so sagen will – eine geschnitzte Möse. Unglaublich lebensecht wirkte sie in der Gestalt dieses Stück Holzes. Ich geriet ein bisschen in Trance. Sollte zwischen den Steinen, der Höhle und diesem Holzknauf ein Zusammenhang bestehen? Hatten die Muster in der Höhle mit dem gleichen Inhalt zu tun? Ich nahm mir vor, dies anhand der Fotografien noch zu untersuchen.
Am nächsten Tag spazierte ich allein über die Wiesen. Ich war nachdenklich, weil mich die Angelegenheit mit den Steinen und dem unsittlichen Knopf noch beschäftigte. Als ich gedankenverloren plötzlich aufblickte, erblickte ich eine Frauengestalt im Gras, die Übungen zu machen schien.
Ich fühlte mich ein bisschen verlegen, da sie ganz nackt war. Ihr schien das aber nichts auszumachen.
Sie lachte mir zu und fuhr fort, sich zu dehnen und zu strecken. Ich wurde mutiger und begann sie eingehend zu betrachten, was sie nicht zu stören schien. Als ich so frech wurde, dass ich direkt auf ihre Möse schaute, sah sie mich mutwillig, aber nicht spöttisch an und ihr Blick schien etwas zu fragen. Ich wusste plötzlich, dass es einen Zusammenhang zwischen dem Jetzt und dem gestrigen Tag geben musste. Ich hatte eine ganz phantastische Vermutung. Hatte sie etwas mit der Höhle zu tun? Sie konnte offensichtlich Gedanken lesen, denn in genau dem Moment, als ich die Frage gedacht hatte, fing sie an zu sprechen: „Aber natürlich. Das hättest du doch längst bemerken können. Oder gibt es einen anderen Grund, warum du mir so unverhohlen auf meine Weiblichkeit geschaut hast.“ Ich schaute sie verständnislos an. Wahrscheinlich war auch mein Mund offen geblieben.
„Nun sieh doch genauer hin!“ Sie stellte sich vor mich hin und zog mit ihren schlanken Händen ihre Schamlippen etwas auseinander. „Ich muss dir ja noch danken, dass du mich zum Leben erweckt hast. Aber wahrscheinlich hast du gar nicht gewusst, was du gemacht hast, indem du mich mitgenommen hast.“ Eine Vermutung begann sich breit zu machen. Aber diese Vermutung stammte aus dem Reich der Feen und Märchen.
Diese Vermutung hatte keinen Anspruch auf Wirklichkeit oder Wahrheit. Ich brachte keinen Ton heraus.
„Nun sieh mal. Sieh mich genau an!“
Mit diesen Worten beugte sie sich noch ein bisschen zurück und ich konnte jetzt mitten in sie sehen.
„Du hast mich zum Leben erweckt.“ „Indem du mich mitgenommen hast, hast du den Mechanismus ausgelöst, der meine Lebensphase, wie sie Menschen verstehen, eingeleitet hat. Das Moor konserviert, aber es bedroht auch. Wir müssen versteinern, damit wir so lange überleben können, bis es lebenswürdige Umgebung gibt. Dazu müssen wir aber die Höhle verlassen können. Das kann aber nur so geschehen, indem einer uns mitnimmt und auch dann nicht fallen lässt, wenn wir schwerer und schwerer werden. Du hast doch den Übergang in die belebte Materie aus nächster Nähe sehen können. Holz lebt!“
– „Das ist einfach unglaublich. Soll ich das denn glauben? Was wirst du machen? Musst du essen? Trinken? Wovon wirst du leben? Was kannst du?“
Sie legte den Finger an den Mund.
„Ich werde – “ sie zögerte. „Ich werde – für dich da sein. Ich werde dir unendlichen Genuss schenken. Was ich dir anbiete ist ewige Feuchte. Bin ich dir zu feucht, kann ich trocken wie ein Stück Moos in der Mittagssonne werden. Bin ich dir zu viel, steckst du mich in deine Tasche.“
„Doch lass mich bei dir sein, denn ich liebe dich.“ Mit diesen Worten kam sie aus ihrer Lage zu mir hoch und küsste mich auf den Mund. Ich verstand, was sie mit ewiger Feuchte gemeint hatte.
„Niemals werde ich dich in die Tasche stecken.“
Juli 2003 (c) steppenhund
Es mag unterschiedliche Gründe geben, die Dr. Schein zum Rückzug aus twoday veranlassen. So wie ich ihn kenne, hat er Besseres zu tun, als in diversen Blogs nachzuforschen, wie der Umstand aufgenommen wird. Die Nachrufe häufen sich auf seiner letzten Meldung und bedeutende BloggerInnen auf twoday haben sein Verlassen betrauert.
By phyllis hat sich eine von Literaten und Kritikern geführte Diskussion ergeben, welche im Tonfall leicht unliterarisch ausgeufert ist. Da ging es schon längst nicht mehr um Dr. Schein, sondern um die Bedeutung des Internets und der darin publizierenden Literaten. Wertungen werden auf sehr subtile Weise untergejubelt: eine Lewitscharoff wird namentlich ausgeschrieben, während von den Lesern erwartet wird, dass sie eine Frau J. eindeutig erkennen. Natürlich kann ich zur Not auch einen Herrn M. oder einen Herrn P. oder vielleicht einen Herrn G. erkennen. Aber ist es nicht ein bisschen Stadt/Land-Kinderspielniveau, auf welches sich da einige „angebliche Meister des geschriebenen Wortes“ begeben.
Meine Kleinlichkeit geht aber vollkommen an meinem eigenen Thema vorbei. Viel interessanter ist es doch zu lesen, was einzelne KonsumentInnen aus der Praxis gezogen haben. Verstorbene Komponisten haben nichts mehr davon, dass heute ihre Werke gefeiert werden und man sich den Kopf darüber zerbricht, wie sie denn eigentlich eine bestimmte Phrase gemeint haben. Aber ein im Internet Gestorbener hat die nicht zu unterschätzende Möglichkeit, sein eigenes virtuelles Begräbnis mit zu erleben, Gast beim eigenen Leichenschmaus zu sein.
Ich selbst werde ihn allerdings lieber zu einem speziellen Schmaus einladen. Ich weiß, dass er Muckalica mag. Und dabei werden wir uns dann köstlich unterhalten. Bei solchen Gelegenheiten darf sogar bei uns in der Küche geraucht werden:)
P.S. Auflösung: Jellinek, Mann, Pasternak, Grass
hatten beide. Der Herr Staudenmeyer (alias Schlotterbeck) genauso wie die Katharine Entriß. Der eine geht möglichst weit von zuhause weg, (weil sein Vater es so haben wollte), die andere – zum Zeitpunkt, an dem die Geschichte spielt, verwitwet – stellt sich den Anfeindungen der schwäbischen Kleinstadt.
Vielleicht empfinde ich Hermann Hesse, der sich gegen eine Verfilmung seiner Werke ja energisch gewehrt hat, heute als etwas zu süßlich. (eine Beurteilung, die ich selbst für unfair halte;) Vielleicht geht mir heute alles zu glatt auf, ich erkenne die inneren Kämpfe nicht mehr, weil ich sie alle so vehement nachempfunden habe, als ich Hesse mit 20 Jahren las. Vielleicht habe ich mich bewusst so stark gegen eine Verbürgerlichung gewehrt und bin Hesse in dieser Weise besonders dankbar.
Aber wie könnte man einen Abschlusssatz übertrumpfen, der nach dem vergeblichen Versuch, die Heimatstadt wieder für sich selbst erobern zu können, dahingehend lautet: (von Staudenmeyer an Entriß gerichtet) „Mit dir wäre ich überall daheim.“
