Lebenshunger
hatten beide. Der Herr Staudenmeyer (alias Schlotterbeck) genauso wie die Katharine Entriß. Der eine geht möglichst weit von zuhause weg, (weil sein Vater es so haben wollte), die andere – zum Zeitpunkt, an dem die Geschichte spielt, verwitwet – stellt sich den Anfeindungen der schwäbischen Kleinstadt.
Vielleicht empfinde ich Hermann Hesse, der sich gegen eine Verfilmung seiner Werke ja energisch gewehrt hat, heute als etwas zu süßlich. (eine Beurteilung, die ich selbst für unfair halte;) Vielleicht geht mir heute alles zu glatt auf, ich erkenne die inneren Kämpfe nicht mehr, weil ich sie alle so vehement nachempfunden habe, als ich Hesse mit 20 Jahren las. Vielleicht habe ich mich bewusst so stark gegen eine Verbürgerlichung gewehrt und bin Hesse in dieser Weise besonders dankbar.
Aber wie könnte man einen Abschlusssatz übertrumpfen, der nach dem vergeblichen Versuch, die Heimatstadt wieder für sich selbst erobern zu können, dahingehend lautet: (von Staudenmeyer an Entriß gerichtet) „Mit dir wäre ich überall daheim.“

Samstag, Mai 5, 2012 at 11:52 am
Der Satz an sich ist doch ziemlich banal. Aber alles in der Geschichte auf ihn als Höhepunkt oder Schlußpointe zusteuern zu lassen, ist schon großartig.
Samstag, Mai 5, 2012 at 11:53 am
Meiner Meinung nach so:
„Mit dir bin ich überall daheim“.
😉
Samstag, Mai 5, 2012 at 12:41 pm
um jetzt hier nicht angesichts dieser betrachtungen in korinthenkackerei abzudriften: (ob „wäre“ oder „bin“) – dieser satz ist astreine propaganda am ende einer erzählung und trifft einen wesentlichen punkt zu den fragen heimat und liebe und was das beides miteinander zu tun haben kann (wenn man es zulässt).
hesse konnte es schon, diese punkte treffen, wenngleich er manchmal auch darüberhinaus zielte und zu viel wollte (finde ich).
…aber in manchen erzählungen und in manchen romanen ist er wirklich am punkt, und dafür schätze ich ihn auch.
es ist ja auch vermessen, von jemandem zu verlangen, er sei immer am punkte: ihn im leben 30 mal zu treffen (oder 3 mal) ist schon ein unfassbarer glücksfall: für die welt in der wir leben.
😉
Samstag, Mai 5, 2012 at 3:45 pm
„Da isch ma schier`s Zäpfle na gfahra“ Hesse`s „Heimkehr“ ist im Jahr 1909 erschienen. Gelesen habe ich diese Erzählung bis dato [auch] nicht. Was mir vor dem Fernseher beinahe den Teppich unter den Füßen wegzog, war die Tatsache, dass die schwäbische Provinzialität und Engstirnigkeit sowie die Vorurteile und Zwanghaftigkeit [hervorragend zu sehen im Dialog der Brüder, als Staudenmeyer beim „Leichenschmaus“ des verstorbenen Freundes dabei] heute hier im Ländle auf den Dörfern – selbst im Speckgürtel um die Landeshauptstadt herum – genau so noch anzutreffen sind. Die Mentalität hat sich da vielerorts in den letzten 103 Jahren keinen Deut verändert.
„Da isch ma schier`s Zäpfle na gfahra“ [womit ich nun nicht meine, dass mir versehentlich das berühmte Tannenzäpfle, welches unweit von Calw mit dem Wasser des Schwarzwaldes gebraut wird, aus der Hand zu Boden glitt, sondern es mir „die Sprache verschlagen hat“]. Die Schauspieler haben das alle zusammen grandios gespielt… dieses Schwäbische.
Und da ich eher zufällig den Film einschaltete [zappender Weise um zirka 20 Uhr 25 hängen geblieben] wußte ich sofort, d e r Film kann nur über den Hermann Hesse handeln.
Das lag jedoch zum einen daran, dass ich natürlich die Drehorte des Films, etwa Hesse`s Heimatstadt Calw sowie Schwäbisch Hall und das Freilandmuseum Wackershofen sehr gut kenne, und mehrfach im Calwer Hesse-Museum war.
Zum anderen hat August Zirner den Staudenmeyer, der im Film – sicherlich Absicht – wie Hesse gewandet war [jedenfalls ist die Ähnlichkeit zu seinen zahlreichen Porträt- und anderen Fotoaufnahmen in dem Museum dort frappierend!] – hervorragend gespielt!
Auch die typische Eigenart, die v.a. im Schwabenland ausgeprägt ist, dass jemand nicht gelobt wird, selbst wenn er exorbitant Gutes leistet, wurde hervorragend dargestellt. Nicht umsonst gipfelt dieses gerade hier verbreitete Unvermögen in dem Spruch: „Ned bruddelt, is globt gnug.“
Am Ende des Films war ich jedenfalls froh, dass ich keine Schwäbin bin… weil die Mentalität hat in dem Film deutlich ihr Fett abgekriegt, insofern wäre es [für mich] interessant, nun das Buch zu lesen, um zu überprüfen, ob das eben die Film-Interpretation ist oder ob Hesse die schwäbische Mentalität im Buch auch in der Schreibe so überzeichnet!?
Jedenfalls richtig schön, lieber Steppenhund, dass Sie Ihren Eintrag heute diesem Stoff gewidmet haben.