Armut
http://www.randomhouse.de/Paperback/Wir-muessen-leider-draussen-bleiben-Die-neue-Armut-in-der-Konsumgesellschaft/Kathrin-Hartmann/e380628.rhd
Im Radio war eben eine Besprechung über dieses Buch, das ich jetzt lesen muss, um zu sehen, ob die Auslegung des Radiojournalisten wirklich dem Inhalt entspricht. Es werden nämlich zwei Punkte angesprochen, bei denen ich eher „angerührt“ reagiere.
1) „Die Betreiber der „Tafeln“ (also z.B. Wiener Tafel) kaschieren nur. Sie verteilen Essen, setzen sich aber mit der richtigen Armut nicht auseinander.
2) Mikrokredite in Ländern wie Bangladesh sind nur darauf gerichtet, noch mehr kapitalistische Ausbeutung zu erreichen.
Ad 1) Niemand ist Gott und kann einen Missstand einfach per Dekret abschaffen. Was man tun kann, ist anfangen zu helfen und beim Notwendigsten zuzupacken. Das Problem beim Essen ist ja nicht einmal so sehr, dass die Leute nichts geben würden, sondern es ist die Logistik. Und zumindest bei der Wiener Tafel kann ich die enorme Leistung durchaus anerkennen. Dass sie nicht gleichzeitig jedem einen guten bezahlten Job vermitteln können, ist natürlich ausgesprochen „gemein“. (Ironie aus).
Ad 2) Möglicherweise wurden die Mikrokredite in der Zwischenzeit bereits usurpiert und missbraucht. Was ich darüber bisher erfahren habe, ist nicht der Aufbau des Kapitalismus sondern eher die Ermöglichung eines „Kreißlertums“, wie es vor hundert Jahren noch bei uns die Infrastruktur gebildet hat.
Bei anderen Punkten, die erwähnt wurden, kann man wohl eine politische Grundhaltung erkennen und auch anerkennen, selbst wenn man unterschiedlicher Meinung ist.
Doch in den oben genannten Punkten denke ich, dass über das Ziel geschossen wurde. Das ist kontraproduktiv.

Freitag, April 27, 2012 at 11:14 am
die unbezahlten helfer der wiener tafel sammeln am naschmarkt kurz vorm zusperren das übriggebliebene gemüse ein, es füllt ganze kleinbusse. find ich sehr gut, das ist eine gerechte umverteilung.
Freitag, April 27, 2012 at 3:55 pm
Ein Thema, lieber Steppenhund, zum Befüllen ganzer [Web]Blö[ck]e!
Ich halte mich ganz kurz, um mich nicht über Gebühr aufzuregen, was mir den bis dato fröhlichen Tag, verdürbe: Mit Mikrokrediten verdienen die Banken nichts, daher sind sie auch nicht erpicht darauf, solche anzubieten.
Hinzukommt – Die eine Seite der Medaille:
Solange „oben“ weggeguckt wird und nicht „von oben“ für anständige Entlohnung gesorgt wird, wird sich nichts ändern.
Die andere Seite der Medaille:
Solange manche Tätigkeiten zu sehr mit „Sozialromantik“ gleich gesetzt werden, ändert sich auch nichts.
Und schließlich
kriege ich einen dicken Hals, wenn ich sehe, unter welchen Rettungsschirmen unser steuerlich sauer erbrachtes Bürgergeld abraucht, während für Kinder, ALTE, Schwache, Kranke, Bedürftige nicht mal eine Erhöhung der HARTZ IV-Sätze um 5 Euro oder andere Hilfen drin sind.
*Grrmmbbllll*…. nun rege ich mich doch auf… und konnt` mich auch nicht kurz fassen…. sorry… dennoch bin ich interessiert, hier lesend zu erfahren, welche Erkenntnisse oder Widersprüche Sie bei Ihrer Lektüre finden werden.
Sie berichten weiter???
😮
Freitag, April 27, 2012 at 6:08 pm
Taten zählen Sehr geehrter Herr Steppenhund,
wie Ihnen evtl bekannt leite ich als Angestellte eines Gemeinnützigen Vereines ein Obdachlosenwohnheim. Betone: Gemeinnütziger Verein. Wir erhalten keinerlei staatliche Unterstützung. Wohnhäuser-Mieten, Nebenkosten, Angestelltenhonorare, Einrichtungen, Reparaturen, .. etc werden bestritten durch die Tagessätze, die wir pro Übernachtung eines Obdachlosen erhalten. Wie Sie sich vorstellen können, sind dieserart der Einnahmen verschwindend und die daraus resultierenden Gehälter lächerlich. Meines 1/3tel des BATIII netto, Idealismus-Bonus gibt es nicht.
Seit dem Skandal um Berliner Treberhilfe werden wir wiederholt mit Vorurteilen durch Außenstehende konfrontiert. Wohin wir die Gelder veruntreuten. Putzig ist das, wenn man hinter die Kulissen blickt und weiß, wie wir mit den roten Zahlen wirtschaften. Trotz dieses alltäglichen Seiltanzes verstehen wir uns als eine BeHeimatung… für Schwerstkranke, deren z.B. finanzieller Background, aber auch Suchtstatus, oder psychiatrische Diagnose eine Aufnahme in regulären Pflegeheimen nicht zulässt.
Es sind die Ärmsten der Armen, ohne Familie, ohne Rentenansprüche (oder nur winzige), in der Regel unheilbar Kranke, die über den blankgeputzten Gesellschafts-Tellerrand in unser Haus purzeln (von mir als Ghettoisierung bezeichnet) und denen wir versuchen ein Zuhause für den Rest Ihres Lebensweges zu schenken. Dazu gehört eben auch die chronische finanzielle Beschränkung, die von Außen erfahren Abgrenzung nicht spürbar werden zu lassen.
…haben Sie schon einmal ein Weihnachtsfest für 250 Leute ausgerichtet ohne einen Taler Bares? Wir sind von Herzen froh und dankbar u.a. für die Berliner Tafel, bzw. andere Nahrungsmittelketten, die uns eben Nahrungsmittel und zu Feiertagen oft Leckerbissen spenden. Dank dieser gespendeten Nahrungsmittel ist unseren Bewohnern täglich Frühstück, Mittagessen und Abendbrot sicher. (Leider keine Selbstverständlichkeit in Berliner Obdachlosenwohnheimen.)
Wir sind glücklich über den NABU, der uns alljährlich mit einem Weihnachtsbaum beglückt. Wir sind REWE dankbar für die Schokoweihnachtsmänner und Schokoosterhasen, wir sind unserer Ortsapotheke dankbar für kleine Seifchen… denn diese „übriggebliebenen Lapalien“ ermöglichen es, dass auch unsere Bewohner kleine Geschenke erhalten. Ja, unsere Bewohner sind derart arme Schweine, die freuen sich über ein gebrauchtes zerfleddertes Buch, oder eine ausgedehnte scheckig-speckige Lederhandtasche. Das ist ihr Luxus.
Wir sind froh über jeden Menschen, der bei uns einen funktionierenden TV, oder nur einen noch tragbaren, warmen Mantel abgibt. Wir sind dankbar für jede Spende und wenn es nur Kugelschreiber sind, die den Kolleginnen oft genug ausgehen. Und genaugenommen ist es uns gleich, WARUM diese Institutionen oder Privatpersonen so handeln, denn wir zehren von deren Taten, die immerhin je nach Belegung zwischen 200 und 250 Menschen zu ein wenig Licht verhelfen – in einem großen Elend hinten rechts hinter dem Tellerrand unserer nach Außen so aalglatten und sozial-bemüht-engagiert-en Gesellschaft.
….selbst, wenn kaschiert und nur verteilt würde, dann ist eben dieses leidenschaftslose Engagement ein Baustein vergessenen Seelen ein menschenwürdiges Dasein zu bereiten!!!
Ich weiß nicht, ob ich an dem Beitrag vorbeigerauscht bin, fühlte mich jedoch angesprochen und wollte meinen kleinen Eindruck direkt von der (allerdings deutschen) Front schildern.
Mit den Wünschen für ein rundum bereicherndes Wochenende!
Samstag, April 28, 2012 at 1:01 pm
ein narr, der anders denken würde als die „vorredner“. ein thema, das in der tat wütend machen kann hat der liebe steppenhund hier auf´s tapet gebracht. ich denke, dass ich mir einen gleichlautenden kommentar schenken kann. was ich aber sagen möchte ist, dass ich meinen hut vor der Falkin ziehe … chapeau also meine liebe Falkin … jeden beruf hätte ich bei ihnen vermutet (bevorzugt einen künstlerischen … kreativen). aber in einem karitativen schlecht bezahlten zu arbeiten, nötigt respekt ab.
Samstag, April 28, 2012 at 7:05 pm
@alle Ich bin mir beim Lesen der obigen Kommentare nicht ganz sicher, ob meine eigene Haltung zu dem Thema verstanden wurde. Was mich allerdings nicht daran hindert, über die Kommentare erfreut zu sein.
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Die Punkte 1 und 2 sind aus dem Buch heraus zu lesen.
Im Gegensatz dazu kritisiere ich eine Haltung, welche eine Hilfestellung geringschätzt und lächerlich macht.
Ich hatte die Gelegenheit, den Obmann der „Wiener Tafel“ persönlich kennen zu lernen und war beeindruckt von seiner Argumentation und Professionalität.
Und wie schwer es ist, mit geringsten Mitteln zu helfen, ist für die Menschen unterschiedlich leicht zu begreifen.
Bei Frau Frogg gab es einmal eine Fragestellung, wie viel Prozent des Gehalts für Spenden ausgegeben werden.
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Was ich selbst nicht verstehen kann, sind Statistiken über Verhungerte und die Zahlen, die in dem Zusammenhang genannt werden. Die Behebung bestimmter Missstände wäre kostenmäßig mit einem Bruchteil des Geldes zu beheben, dass für Unnötiges von den Politikern verbraten wird. Ich gehe einmal davon aus, dass es Interessensgruppen (große) geben muss, die die Hilfe ganz bewusst unterlassen. Sie wollen, dass die Leute sterben. Ich kann nicht mehr glauben, dass es nicht anders funktionieren könnte. Nein, ich sage mittlerweile, dass …
Ich schreibe das nicht aus. Es scheint so, dass nur diejenigen Erfolg in der Politik haben, welche die Menschen im Prinzip abgrundtief verachten. Das heißt, heute ist das so. Es gab schon mal bessere Menschen als Politiker, sowohl in Deutschland als auch in Österreich.