Archiv für Januar, 1970
Heute hatten wir unser Quartalsevent der Firma. Das kann Bowling, Go-Cart oder etwas Ähnliches sein. Heute war es malen.
Nein, ich bin kein Maler. Ich kann mich da nicht ausdrücken und vor allem nicht auf die Leinwand bringen, was ich eigentlich transportieren will.
Viel besser gefallen mir da, die Werke meiner Kollegen und Kolleginnen, die heute abend entstanden sind.
Da ist z.B.
das fast professionell aussieht.
Oder dieses:
für das mir alle möglichen Science-Fiction-Titel einfallen.
Sehr gut gefällt mir z.B. auch dieses, was eher der abstrakten Seite zuzuordnen ist:
Aber(!) meins gefällt mir in all seiner Naivität auch. Es drückt genau das aus, was ich im Sinn hatte.
Vollkommen naiv perspektivisch schlängelt sich der Weg vor den Bergen, links und rechts Wiesen mit Blumen. Es ist die Abstraktion, die ich von Wanderungen in den Bergen mitnehme. Es wäre schön, so malen zu können, wie es Van Gogh konnte. Ich könnte mir vorstellen, wie dieses Bild bei ihm leuchten würde.
Aber mir reicht es, wenn ich meine Gefühlswelt am Klavier ausleben kann.
Die Mutter des Dreijährigen, der von einem 26-Jährigen umgebracht wurde, wird angeblich auch unter Anklage gestellt. Vernachlässigung der Obsorge oder ähnlich.
Die Mutter tut mir leid. Ich kann mir nicht vorstellen, wie es ist, selbst geschlagen zu werden und trotzdem den Mann im Haus zu behalten, ihm das eigene Kind anzuvertrauen, wenn ich weiß, dass er gewalttätig ist. Da muss viel andere Verzweiflung und Druck aufgebaut worden sein – oder auch unbeschreibliche Angst, dass hier kein rechtzeitiger Ausweg gefunden werden konnte.
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Frauen können aber genauso gewalttätig werden. Wobei die Gewalt gegenüber ihren Männern schon Teil von Untersuchungen geworden ist.
Aber es gibt Gewalt gepaart mit Dummheit verursacht durch fehlendes Verständnis und/oder einfach Idiotie.
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Ich beobachte eine Frau am Fahrkartenautomaten der ÖBB. Sie will ein Retourticket kaufen. Sie drückt die entsprechenden richtigen Berührfelder am Schirm, es kommt die „Busy“-Anzeige, die ihr aber zu lange dauert. Sie wiederholt das Drücken der gewünschten Funktion. (Das kann – muss aber nicht unbedingt – bedeuten, dass der Vorgang neu gestartet wird. Man kann auf diese Weise den Automaten immer beschäftigt halten, ohne je auf einen grünen Zwei zu kommen.)
Nach dreimaliger Wiederholung prügelt sie auf den Bildschirm ein und tritt gegen den Rahmen des Automaten.
Die Frau ist ca. 50. Sie ist wahrscheinlich keine Computer-Benützerin. Sie stellt sich wohl vor, dass im Inneren des Automaten ein kleiner Mensch sitzt, der an der „Busy“-Anzeige kurbelt und nicht weiter tut.
Irgendwann startet sie ganz von vorne und das Spiel wiederholt sich. Ich bin mittlerweile begeistert wie robust der Touch-Bildschirm ist. Nach drei Minuten hat sie es geschafft.
Ich brauche zwar nur das einfache Ticket, aber das kommt problemlos nach 17 Sekunden heraus. (Ich stoppe extra, weil es mich einfach interessiert.)
Technisch gesehen war der Automat tatsächlich langsam, was allerdings nur an der Online-Verbindung zu liegen scheint. Offensichtlich werden bestimmte Inhalte der Verbindungen nachgeladen. Er war aber nicht übermäßig langsam.
Sozial gesehen habe ich mich gefragt, ob ich die Frau aufklären soll. Während ihrer Automatenprügeleien wollte ich nicht dazwischen reden, sonst hätte vielleicht ich eine abgekommen. Nachher habe ich noch kurz überlegt, aber dann Abstand genommen, mich zu bemühen. Sie hätte mich in ihrer Gemütslage höchstens als Besserwisser oder als Vertreter ihres „Feindes“ beschimpft.
Ehrlich gesagt kann ich ihre Aufregung verstehen. Ich bin manchmal ebenfalls von den Dingern frustriert. Aber mir würde nie einfallen, gegen den Automaten gewalttätig zu werden – nicht einmal, um mich abzureagieren.
Sollte die Frau aber einmal ein Enkelkind erschlagen, werde ich mich fragen müssen, ob ich eingreifen hätte sollen. Vielleicht hätte ich sie anzeigen sollen – auf Verdacht zur Gewalttätigkeit.
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Wie können wir in der heutigen Zeit zwischen vernünftiger Anteilnahme und Vernadertum überhaupt manövrieren?
Ich weiß es nicht.
90/1 Das erste, was ich von den schweren für mich geübt habe. Ich wollte es spielen können. Faszination: die Triolen wie beim Erlkönig, die dreistimmigen Stellen, die Sprünge, eine Seite, in der nur das Thema variiert wird. Einmal eine professionelle Klavierstunde gehabt, in der zwanzig Minuten nur auf den ersten Akkord mit den leeren Oktaven drauf gegangen sind.
90/2 Eines, das ich erst jetzt geübt habe. Als Kind war ich eifersüchtig, weil es mein Schulfreund zum Konzert spielen durfte. Ohne Üben war es mir immer zu schwer. Eigentlich ein ziemlich leidenschaftliches Stück.
90/3 6 b. Eine Unmöglichkeit es zu lesen. Noch unmöglicher, es so zu spielen, wie ich es mir vorstelle. Mittlerweile gefällt mir meine Interpretation besser als jede andere. Die Begleitung pianissimost und die Melodie fließend. Es geht immer besser.
90/4 Ein faszinierendes Stück wegen der Repetitionen. Habe mich sehr lange geplagt, dann verhudelt, jetzt wird es langsam wieder exakter, nachdem ich mir ein paar Einspielungen angehört habe und verstehe, wie die Profis mit den schwierigen Stellen umgehen. Den Mittelteil habe ich immer als Teststück für einen Flügel genommen: wie gut ist die Mechanik? Gelingt es die Begleitakkorde vollkommen gleichmäßig im Pianissimo zu erwischen?
142/1 Kann ich noch fast gar nicht. Ist für mich ein echtes Übungsstück, dass ich erst spielen kann, wenn ich bestimmte Passagen wirklich minutiös eingeübt haben werde. Allerdings habe ich bei diesem Stück einmal eine japanische Pianistin beraten, die das Stück rein mechanisch herunter gespielt hat und überhaupt nichts vom Dialog im B-Teil begriffen hat.
142/2 Eigentlich ein leichtes. Spiele ich schon lange und immer wieder. Es ist das Stück, bei dem ich nur einen Gedanken habe: Schweben. Und es ist das Stück, dass ich im Ohr hatte, als ich Das Ende ist mein Anfang angesehen habe.
142/3 Eines meiner Lieblinge, die mein Vater häufig gespielt hat. Ich konnte das schon früher einmal mit schlampigen Läufen spielen. Mittlerweile über ich die Läufe, dafür treten die Schwierigkeiten woanders auf. Aber das krieg ich hin. Technisch gar nicht so schwer, aber ich merke, wie es mich anstrengt, wenn ich es übe.
142/4 Dasjenige, woran ich gerade intensiv übe und beim Üben auch belohnt werde. Manche Läufe gehen schon fast so, wie sie gehen sollen. (Allerdings nur wenn ich aufpasse, sie gehen noch nicht „im Schlaf“.) Das Stück, für das ich schon einmal fürstlich bezahlt wurde.
Vorbereitungen für Juni 2011
So! Greenbay Packers haben gewonnen.
Freut mich.
War spannend.
Und den Roethlesberger mag ich eh nicht.
Also alles bestens.
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Und endlich habe ich den Begriff Abknieen verstanden. Den verwenden die Kommentatoren nämlich ohne ihn zu erklären.
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Und dass Spieler mit bestimmten Nummern nicht in die Passline dürfen, habe ich auch erst heute gelernt.
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Hat Spass gemacht.
Gute Nacht!
kein besserer Titel ist mir eingefallen, als ich heute auf http://ORF.at folgenden Ausschnitt las:
Es geht um Handy-Ladegeräte:
„In „vier bis sechs Wochen“ würden die ersten Einheitsladegeräte im heimischen Handel erwartet, sagte Erich Kurz, Vorsitzender des Fachausschusses Telekommunikation der Bundeswirtschaftskammer (WKÖ), gegenüber http://ORF.at. Kaufen braucht man sie allerdings noch nicht, denn die entsprechenden Handys sind noch nicht auf dem Markt.
Erst die nächste Handygeneration solle den neuen Standard vollständig unterstützen, so Kurz. Es gebe keine Garantie, dass die derzeit bereits auf dem Markt erhältlichen Geräte mit Micro-USB-Anschluss mit dem Einheitsnetzteil korrekt geladen werden können. Denn es kommt laut Kurz nicht nur auf den richtigen Anschluss, sondern auch auf die passende Stromversorgung dahinter an sowie auf Sicherheitsmechanismen wie den Überladeschutz.„
Fett habe ich die große Überraschung hervorgehoben. Nein, es kommt nicht nur auf die Größe oder die Form des Busens an, sondern da scheinen noch andere Kriterien mitzuspielen.
Ich werde dabei an das Jahr 1981 erinnert. In einer optischen Firma, die gerade den Übergang von der Röhrentechnik zum Transistor geschafft hatte, gab es einen jungen Techniker, der mit integrierten Schaltkreisen arbeitete. Als seine Produkte dann gefertigt werden sollten, war das wichtigste eine Zeichnung des Teils. Eine mechanische Zeichnung mit den Abmessungen. Je, danach ob er 14 oder 16 oder 24 Haxerln hatte, wurden brav die mechanischen Abmessungen aus dem Datenblatt erfasst und in die firmeneigene Zeichnungsnorm übernommen. Was der integrierte Schaltkreis konnte, war völlig irrelevant.
Es hat mindestens ein halbes Jahr gekostet, den Leuten beizubringen, dass die Aufschrift des IS, 7400 oder 7408, einen ganz wesentlichen Unterschied bedeuten würde.
Wir sind wieder dort. Heute, 20 Jahre später, muss betont werden, dass die Ladegeräte auch unterschiedliches Innenleben haben.
Ich glaube, diese Haltung bezieht sich nicht nur auf technische Produkte. Wir sehen wohl die Menschen um uns nur daraufhin an, ob sie einer bestimmten, meistens von der Mode vorgegebenen Norm, entsprechen.
kürzlich bin ich auf einem anderen Blog angeeckt, weil ich gemeint habe, dass Arbeitslose einmal einen Monat bezahlt bekommen sollen, dabei nur drei Bücher lesen sollen und danach abgefragt werden. Die Kritik sprach von Grundschülermethoden, stufte mich als überheblichen Bessermenschen ein und sprach von NORMALEN MENSCHEN, die alle anders sind.
Offensichtlich bin ABNORMAL. Ich bin deswegen abnormal, weil ich nicht zustimme, dass alle Menschen die gleichen Chancen zum Studieren bekommen sollen. Dabei wird das Wort „gleich“ sehr missverstanden. Unter gleich wird verstanden, dass alle gleichermaßen studieren können sollen. Das sehe ich als falsch an. Ich finde, dass Menschen, die nicht so begabt sind, nicht gleich behandelt werden sollen. In vielen Fällen sollten sie besser behandelt werden, man sollte ihnen mehr Zeit widmen, als denen, die eh alles von selbst kapieren. Aber daraus leitet sich nicht der Chancengleichheitsgrundsatz für die Uni ab.
Ich nehme einen Grenzfall. Eine deutsche Schauspielerin, den Namen müsste ich erst wieder herausfinden, nimmt ihre Tochter mit Downsyndrom auf die Bühne mit. Um solche Kinder darf man sich nicht „gleich“ kümmern. Man muss viel mehr Aufwand hineinstecken. Allerdings ist es ein Geben und Nehmen. Alle Menschen, die Erfahrungen mit Down-Syndrom-Menschen haben, bestätigen, dass die Liebe, Dankbarkeit und Freude, die zurückstrahlt, für kein Geld der Welt zu kaufen wäre.
Ich nehme einen anderen – nicht Grenzfall – sondern durchaus verbreiteten Fall. Ob ein Kind mit sechs oder sieben Jahren eingeschult wird, hängt von vielen Faktoren ab, z.B. dem Ehrgeiz der Eltern, den wirtschaftlichen Verhältnissen, eine Schulpolitik. Ich habe es selbst an Schulkollegen erlebt, die zu früh eingeschult wurden. Sie wurden selbst von den Schülern für faul und vertrottelt gehalten. Einer von denen hat seinen Doktor gemacht und führt ein – soweit von außen beurteilbares – gutes Leben. Er war einfach zu früh dran.
Ich glaube, dass einige Menschen, die sich in der Schule verweigern, später nie mehr diese Rückbesinnung erleben können, wie es ist, etwas lernen zu können. Nach meiner Erfahrung richten sich alle Workshops, Seminare, Ausbildungskurse an „Erwachsene“, von denen man annimmt, dass sie lernen können. Das Lernen kann aber imho nur durch ziemlich archaische Methoden gelernt werden: Aufgaben bekommen, üben und solange üben, bis etwas wirklich internalisiert wird. Wenn das in einer Disziplin gelingt, so geht das auch in anderen Fächern und dann können Umschulungen oder Weiterbildungen anschlagen.
Doch ohne das eigentlich Lernen gelernt zu haben, ohne sich selbst hinterfragen zu können, ob man etwas wirklich beherrscht, halte ich Seminare zwar für nette Abwechslungen, für angenehme „incentives“, doch es ist so, wie es Tom DeMarco einmal in einer Keynote-speech ausgedrückt hat. Chef: „Na Herr Müller, waren Sie bei dem Chopin-Workshop letzte Woche bei Pollini?“ – freudiges „Ja“. „Hat es Ihnen gefallen? Haben Sie etwas gelernt.“ etwas neutraleres „Ja“. „Wunderbar! Spielen Sie mir doch einmal die Revolutionsetüde vor!“
Wenn alle das gleiche Recht zum Studieren haben sollen, müssen sie auch mit gleichem Wissensstand das Studium beginnen. Wie soll der gesichert festgestellt werden?
Ich bin ziemlich loyal, manchmal mehr als mir gut tut. Den Internet-Explorer verwende ich nur dann, wenn ich meine Reise-Abrechnungen mache. Unsere Steuerberatungskanzlei verwendet ein Produkt, dass nur über den Internet-Explorer ansteuerbar ist.
Sonst verwende ich Firefox.
Habe ich verwendet. Irgendwie hat mich die heutige Zeitungsmeldung von raschen Releases 4,5,6,7 aufgeschreckt. Ich gehöre ja zu den Leuten, die brav alle 4er-Betas in Verwendung genommen haben.
Heute habe ich mir die neueste Version von Chrome heruntergeladen.
Sie überzeugt mich auf Anhieb. Schnell, intuitiv und aufgeräumt.
diesen Beitrag schreibe ich schon mit Chrome.
Chrome ist jetzt mein Default-Browser.
Auch meine Loyalität hat Grenzen. Ich mag nichts, was schlechter funktioniert, als es die Notwendigkeit ist. (Frei nach: „Die Welt ist alles, was der Fall ist.“)
hans1962 hat auf den letzten Beitrag einen Kommentar eingestellt, der auf eine dringende Fortsetzung hinweist. Ich greife hier ein paar Aussagen heraus, die ich nicht so einfach unkommentiert lassen möchte. Ich versuche sie, nicht außerhalb des Kontexts zu verwenden. Für alle Fälle kann aber der gesamte Kommentar im letzten Beitrag eingesehen werden.
Punkt 1:
Wer in der Entwicklung seiner intellektuellen Fähigkeiten durch das Elternhaus behindert wird – allem voran durch offen vorgeführte Aversionen gegenüber jedem „Wissen“ und jedem „Verständnis“ – müsste vom Schulsystem aufgefangen werden. Die Überwindung von sozialen Barrieren beschränkt sich nicht bloß auf die Möglichkeit zur Befreiung aus materieller Not, sondern betrifft selbstverständlich insbesondere die Aufweitung von Enge im Geist. Um letzteres zu bewerkstelligen, bedarf es selbstredend zumindest eines Lehrers, der seine Pflichterfüllung nicht nur in der termingerechten Abarbeitung eines Lehrplanes erlebt, sondern darüber hinaus dem jungen Menschen durch die eigene beispielgebende Haltung Ankerpunkte ermöglicht, sodass der junge Mensch selbst zu einer veränderten Lebenshaltung finden kann.
Ich stimme dieser Aussage zu. Ich gebe allerdings hier zwei politische Punkte zu bedenken. In allen politischen Diskussionen wird lediglich über den materiellen Aspekt, z.B. einer Studiengebühr, gesprochen. Die heutige Generation von Lehrern wurde aber bereits in einem Umfeld ausgebildet, in der „beispielgebende Haltung“ absolut keine Kategorie mehr darstellt. Da spreche ich von den Schulversuchen der Siebzigerjahre, in denen mit Pflicht und Drill aufgeräumt wurde. Das wäre an sich nicht abzulehnen, allerdings hat man das Kind mit dem Bad mit ausgeschüttet. Es ist auch das Wissen über notwendiges Üben, Trainieren und die Notwendigkeit der Überprüfung verschütt gegangen.
Wenn ich die Meinungen heutiger Lehrer anhöre, (ich spreche jetzt von der Mehrheit, nicht von den Ausnahmen) so würden sämtliche Lehrer, die ich in meiner Jugend als ausgezeichnete Lehrer erleben durfte, durch den Rost fallen. Sie wären nicht mehr in.
Ein ähnliches System ist z.B. in der Kunst, in der Klavierinterpretation, zu finden. Ein Cortot würde heute nicht einmal die Stufen einer Konzertbühne betreten dürfen, er wäre nicht „perfekt“ genug. Für seine Liebe zur Musik wäre kein Platz im Konzertwesen. Ein Lehrer mit Liebe zu seinem Fach wird heute durch aktive Beihilfe der Eltern „fertig“ gemacht.
Punkt 2:
Falls das in der Schule gelingt, bedarf es auch der geeigneten Unterstützung bei der Ablösung aus einem bildungsfeindlichen Milieu. Wer sich ernsthaft mit familiären Systemerhaltungskräften beschäftigt hat, weiß, wie aufwendig und schwierig dieses Unterfangen werden kann.
Wo solche Befreiung, diese Emanzipation nicht gelingt – solch Scheitern ausschließlich dem Unwillen des Betroffenen zuzuschreiben, wäre schlicht so unangemessen, wie unverständig – haben wir es mit Mitmenschen zu tun, die sozial bedingt „vergiftet“ blieben. Aber auch für diese Betroffenen besteht im späteren Erwachsenenleben noch die in der Regel aussichtsreiche Möglichkeit, eine Änderung der Lebenshaltung zu erreichen. Das ist allerdings ausgesprochen ressourcenintensiv und erfordert meist einen erschütternden, um nicht zu sagen: destabilisierenden – Impuls von außen, dem Leben schlechthin.
Arbeitslosigkeit sollte eigentlich erschütternd genug sein. Ich hatte Gelegenheit während meiner eigenen Arbeitslosigkeit mit Mitleidenden zu sprechen, die alle ähnlich wie ich aus guten Posten plötzlich aufgrund Restrukturierungen hinaus katapultiert wurden. Für jeden hat es Veränderungen in seinem Leben bedeutet, wobei die materiellen Einbußen nicht einmal so schlimm sein müssen wie das Bewusstsein, irgendwo versagt zu haben, und nicht zu wissen, was man hätte anders tun können. Man befindet sich in der Gewalt von anderen.
Ich selbst bin jedesmal von Menschen begeistert, die hier einen Lebenswandel erlebt haben. (Ich schließe mich selbst aus, irgendwie war es bei mir nur materiell schlimm, damals gab es keine Depression bei mir.)
Ich liebe Menschen, die Wissen aufzusaugen versuchen und dabei auch letztlich erfolgreich sind. Es ist umso bewundernswerter, wenn klar ist, dass bestimmte Inhalte nicht nur wegen des Jobs erworben werden.
Punkt 3:
Die Erkenntnis, „wie es hätte gewesen sein können“, ist wohl die schmerzhafteste Erkenntnis, die der unerbittliche Mensch sich selbst antun kann. Dass ihm diese „Weisheit“ von anderen aufgesetzt wird, spielt im Vergleich dazu eine völlig unbedeutende Rolle. Nichtsdestotrotz ermächtigen sich andere unter Berufung auf ihre eigene unbegründete Phantasie, für jenen Mitmenschen zu befinden, dass er es in der Hand gehabt hätte.
Diesen Punkt kann ich nicht zustimmen, obwohl ich mir bewusst bin, dass ich damit brutal klinge. Und zwar geht es um den letzten Satz.
Der Mensch hat es in der Hand. Es gibt genügend Beispiele, wo sich der Mensch nicht unbedingt selber helfen kann. Dann muss er sich helfen lassen. Das bedeutet aber manchmal auch, die Meinung eines anderen zu akzeptieren, obwohl es so aussieht, dass der andere leichtfertig urteilt. Die unbegründete Phantasie wird von Menschen strapaziert, die sich von Krone und Österreich bilden lassen und sich damit selbst einer erdrückenden Menge von Vorurteilen aussetzen.
Nicht immer ist eine Beurteilung leichtfertig. Ob eine Phantasie begründet oder unbegründet ist, ist ebenfalls nicht so leicht zu entscheiden.
Was für den „gesunden“ Menschen am schwersten zum vorstellen fällt, ist die Wirkung von Depression. Ich würde behaupten, dass man es sich nicht vorstellen kann, wenn man nicht selber in der Situation war.
Aber dann ist es relativ einfach zu sagen:
zuerst die Depression heilen und dann das Leben in die Hand nehmen. Dass das erstere nicht ohne ärztliche Hilfe und Medikation zu erreichen ist, – also nicht aus eigener Anstrengung allein – habe ich kürzlich im Radio gehört. Ich bin kein Arzt, aber es kommt mir plausibel vor.
und dann um ein Uhr noch Lust habe, etwas ganz, ganz Neues zu spielen, was ich noch nie gespielt habe, etwas Besinnliches, ohne Glamour, etwas nur für mich allein, dann entdecke ich dieses Stück und es gefällt mir auf Anhieb. Die Kadenz ist tricky, aber der Rest kommt einfach aus der Musik heraus. Das spielt sich von selbst.
Und weil ich schon beim Liszt bin, habe ich das heute entdeckt. Und wenn ich nichts getrunken habe, komme ich da sogar auf Anhieb durch. Das liegt mir. Werd‘ ich auch üben. Man gönnt sich ja sonst nichts.
Mein Zugang zu Liszt war kein leichter. Eröffnet hat mir diesen Alexander (Sascha) Slobodyanik. Über ihn findet sich ein sehr schöner Nachruf in den New York Times. In Wikipedia ist er zu finden, allerdings nicht unter den russischen oder ukrainischen Pianisten sondern nur unter seinem Namen. Den Namen habe ich immer wieder vergessen, obwohl er mir von Zeit zu Zeit einfiel und dann wieder entfiel.
Er war eigentlich nur Sascha. So wie der andere Sascha, der Alexander Satz. Ich habe ihn nur indirekt spielen gehört, aber ich habe zwei Tage mit ihm verbracht.
Zuerst bei Bösendorfer, wo ich ihn abholte und mit ihm zum Nierscher-Heurigen in Klosterneuburg fuhr. Dann ging es um Mitternacht in den 4. Bezirk, wo russische Emigranten wohnten. Einer hatte gerade Brot aus Russland mitgebracht. Es war eine Bombenstimmung. Ich kam damals um 5 Uhr früh nach Hause.
Den nächsten Tag machten wir Sightseeing-Tour, speisten und unterhielten uns. Er war damals ungefähr 47 Jahre alt. Die Zeit seiner größten Berühmtheit war vorbei, aber trotzdem wurde er gefeiert, wenn er in Wien beispielsweise ein Konzert gab.
Ich war daher recht unbefangen und fragte ihn über Prokofiev aus. Eigentlich hatte das Gespräch schon am Vorabend begonnen, denn er brachte mir am zweiten Tag eine Kassette mit einer Einspielung der 7. Sonate durch ihn mit. Die habe ich mir dann ein Jahr lang jeden Tag mehrere Male im Auto angehört.
Irgendwie kamen wir dann auf Liszt zu sprechen. Zuerst ging es nur um die Schwierigkeiten der h-moll-Sonate. Doch recht bald erklärte er mir, dass nicht die Technik im Vordergrund stehen würde. Liszt wäre ein tiefreligiöser Mann gewesen und den Zugang zu seiner Musik könne man nur finden, wenn man diesen Aspekt berücksichtigte.
Sascha war ja auch ein Schüler von Neuhaus gewesen, so wie der von mir verehrte Svatoslav Richter. Eigentlich war es schon unheimlich faszinierend für mich, so nahe an „den Großen“ zu sein. Ich gebe zu, dass ich bis zu diesen Gesprächen bei Liszt immer das virtuose Element im Vordergrund gesehen hatte, was mich ein wenig die Nase rümpfen ließ.
Seit den damaligen Unterredungen, bei denen wir lange in meinem 20-Jahre alten Mercedes saßen, (ein Traumauto) hatte ich einen anderen Zugang zu Liszt. Das Meditative öffnete sich mir und ich hatte den Eindruck als wäre eine Schicht abgefallen.
Ähnlich wie bei anderen Musikern hatte ich das Erlebnis, innerhalb kurzer Zeit eine sehr starke Beziehung aufzubauen. Ich muss damals wie ein Schwamm gewesen sein, der alles aufsaugte. Ich war immerhin schon vierzig und trotzdem noch neugierig wie nur irgendwas.
Heute habe ich nach Sascha gegoogled und war plötzlich erfolgreich, allerdings mit dem Wermutstropfen, dass er schon vor drei Jahren verstorben ist. Ich hätte gerne noch einmal Kontakt aufgenommen, aber da gäbe es auch noch viele andere. Ich weiß nicht, ob er sich noch erinnert hätte. Bei Satz war das etwas anderes. Da hielt die Verbindung bis kurz vor seinem Tod an. Aber der lebte schließlich in Graz und spielte oft in Wien.
Das ist der Link zu seinem Nachruf:
http://www.nytimes.com/2008/08/13/arts/music/13slobodyanik.html?_r=2&ref=obituaries&oref=slogin
