Archiv für Januar, 1970
aus [ORF online]
Wie ein Sprecher des Weißen Hauses betonte, habe Obama am Montagabend (Ortszeit) mehr als zwei Stunden mit seinen wichtigsten Ministern und Sicherheitsexperten beraten, um Wege zu finden, Russland zu isolieren. Das Einfrieren der Zusammenarbeit mit Russland betreffe bilaterale Treffen und Manöver, die Zwischenstopps von Schiffen sowie militärische Planungskonferenzen, teilte das Pentagon weiter mit. Russland müsse die russischen Streitkräfte auf der Krim in ihre Stützpunkte zurückrufen und für eine Entschärfung der Krise sorgen. Die US-Streitkräfte verfolgten die Entwicklung in dem Land genau und stünden in engem Kontakt mit ihren Verbündeten, hieß es weiter. (Hervorhebung von mir)
Wer sind denn nun die Verbündeten? Janukowitsch sicher nicht. Die Rebellen? Heißt das, dass Obama sich mit den Rebellen verbündet hat?
Oder meint er seine deutschen und generell EU-Freunde, die er bespitzeln lässt und die seine Vertrauten am liebsten ficken wollen?
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Na gut. An sich wäre die Androhung ja irgendwie vernünftig. Tut weh, aber es werden keine Waffen gezogen.
Wie reagiert der Kreml? (im gleichen Artikel)
Ein Kreml-Berater droht den USA wiederum mit Konsequenzen, sollten diese Sanktionen gegen Russland verhängen. Sollte etwa die Regierung in Washington die Konten russischer Geschäftsleute und anderer Personen einfrieren, werde Moskau allen Haltern von US-Staatsanleihen empfehlen, diese zu verkaufen. Damit droht der Kreml, den US-Dollar als Währungsreserve aufzugeben.
Das würde heißen, dass sich der Kreml in den Euro flüchtet. Oder auch nicht, denn die wollen Putin ja auch nicht. Wirklich nicht? Beim Geld hört vielleicht die Freundschaft mit der USA auf. Außerdem „kann ja Europa nichts dafür“, wenn der Euro gestärkt wird. Tja…
Dann gäbe es ja auch noch den Yüan. Den Chinesen gehört eh schon halb Amerika gemäß deren Auslandsschulden.
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Fuck the Ukraine. Vielleicht ist es der Anlass zu einer viel tieferen Schädigung der USA, als sie es beabsichtigt haben.
Verlieren tun beide: die USA genauso wie Russland. Aber wie heißt es: die Russen sind Entbehrungen gewöhnt, die Amis nicht.
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Also ich bin gespannt. Ich glaube aber, dass nichts so heiß gegessen wird, wie es angeblich gekocht wird.
Normalerweise leite ich meine besseren Beitrag nach facebook weiter. Heute ist es umgekehrt. Ich habe auf facebook eine Geschichte gefunden, die ich hier teilen möchte. Und ich denke dabei speziell auch an Momoseven.
Ein Geschäftsinhaber hatte ein Schild über seine Tür genagelt, darauf war zu lesen „Hundebabys zu verkaufen“. Dieser Satz lockte Kinder an. Bald erschien ein kleiner Junge und fragte: „Für wie viel verkaufen sie die Babys?“ Der Besitzer meinte „zwischen 30 und 50 Euro“. Der kleine Junge griff in seine Hosentasche und zog etwas Wechselgeld heraus. „Ich habe 2,37 Euro, kann ich mir sie anschauen?“
Der Besitzer grinste und pfiff. Aus der Hundehütte kam seine Hündin namens Lady, sie rannte den Gang seines Geschäftes hinunter, gefolgt von fünf kleinen Hundebabys. Eins davon war einzeln, sichtlich weit hinter den Anderen. Sofort sah der Junge den humpelnden Kleinen. Er fragte, „was fehlt diesem kleinen Hund?“ Der Mann erklärte, dass, als der Kleine geboren wurde, der Tierarzt meinte, er habe ein kaputtes Gelenk und wird für den Rest seines Lebens humpeln. Der kleine Junge, richtig aufgeregt, meinte, „den kleinen Hund möchte ich kaufen!“
Der Mann antwortete, „nein, den kleinen Hund möchtest Du nicht kaufen. Wenn Du ihn wirklich möchtest, dann schenke ich ihn Dir.“ Der kleine Junge war ganz durcheinander. Er sah direkt in die Augen des Mannes und sagte: „Ich möchte ihn nicht geschenkt haben. Er ist ganz genauso viel wert, wie die anderen Hunde, und ich will für ihn den vollen Preis zahlen. Ich gebe Ihnen jetzt die 2,37 Euro, und 50 Cent jeden Monat, bis ich ihn bezahlt habe.“ Der Mann entgegnete, „Du musst diesen Hund wirklich nicht bezahlen, mein Sohn. Er wird niemals rennen, hüpfen und spielen können, wie die anderen kleinen Hunde.“
Der Junge langte nach unten und krempelte sein Hosenbein hinauf, und zum Vorschein kam sein schlimm verkrümmtes, verkrüppeltes linkes Bein, geschient mit einer dicken Metallstange. Er sah zu dem Mann hinauf und sagte, „na ja, ich kann auch nicht so gut rennen und der kleine Hund braucht jemanden, der Verständnis für ihn hat.“
Der Mann biss sich auf seine Unterlippe. Tränen stiegen in seine Augen, er lächelte und sagte, „Mein Sohn, ich hoffe und bete, dass jedes einzelne dieser kleinen Hundebabys einen Besitzer wie Dich haben wird.“
(Autor leider unbekannt)
Auf facebook findet sich noch eine kleine Erklärung zu der Geschichte. Ich glaube, die braucht es bei den Lesern meines Blogs nicht. Die Erklärung finden sie selber.
In diesem Jahr oder besser in dem ersten Halbjahr 2014 habe ich mehr Vorträge und Workshops zu halten als gewöhnlich. Das ist teilweise einer vermehrten Aktivität in Serbien geschuldet, aber auch in Österreich und Deutschland komme ich dran.
Eigentlich habe ich ja mittlerweile eine Schreib- und auch Präsentationshemmung. Für ein neues Publikum muss ich ja immer bei Eva und Adam anfangen, und das wird auf die Dauer langweilig. Doch jetzt habe ich ein ziemlich unterschiedliches Publikum zu unterhalten und da muss jede Präsentation etwas Anderes (nicht unbedingt etwas Neues) bieten. Und daher macht es mir jetzt wieder Spass, die entsprechenden Vorbereitungen zu treffen.
Recht berührt hat mich aber ein Treffen in der vergangenen Woche mit dem Chef eines konkurrenzierenden Unternehmens. In der Informatik gibt es nicht so viele vernünftige Menschen, daher kennen sich die oberen -zig Personen recht gut und können sich auch leiden.
Er hat mir erzählt, dass er sich an eine Präsentation vor mehr als 10 Jahren erinnern konnte, die auf ihn einen großen Eindruck gemacht hat. Ich hatte nicht gewusst, dass er damals überhaupt anwesend war. Es war ein Vortrag über die Gleichartigkeit des Testens von Software und des Testens von Konzertflügeln. Ich hatte damals zwar nur ein Pianino auf der Bühne, aber das reichte, um die Parallelität aufzuzeigen.
Natürlich freut es mich, dass ich auf diese Weise in Erinnerung geblieben bin. Im April werde ich diesen Vortrag, den ich vollkommen neu ausarbeiten muss, in der Gallerie der Akademie der Wissenschaften (und Kunst) an einem Flügel halten. Vielleicht spiel ich dann als Abrundung eine kleinere Beethovensonate. (Wobei klein nicht die Bedeutung sondern die zeitliche Länge beschreiben soll)
Heute habe ich – bevor ich in die Sauna gehe – etwas gemacht, womit ich vermutlich ziemlich allein dastehe. Einige werden mich für leicht vertrottelt halten. Aber letztlich betrachte ich es auch als ein Stück Kulturbewahrung.
Ich habe mir heute den zweihändigen Klavierauszug der Beethoven-Symphonien hergenommen und die ersten zwei Sätze der Pastorale gespielt. Ich habe sie auch aufgenommen, der Hetz‘ halber. Falls es jemand interessiert, kann ich das nach einer Verzögerung des üblichen youtube-zyklus auch hier verlinken.
Mit zwei Pfoten ein ganzes Orchester zu simulieren, ist nicht ganz einfach. Es gibt Musikprofis, die das für Opern machen, die nennt man Korrepitoren, für eine Symphonie braucht man das nicht, – höchstens bei Mahler. Aber es gab eine Zeit, da hatte man eher ein Klavier zuhause, als dass es Radioübertragungen gab, von Fernsehen ganz zu schweigen. Konzerte waren selten und teuer. Da war es schon ganz gut, wenn man sich den Eindruck selbst verschaffen konnte. Quasi eine musikalische Masturbation. Viel besser geht es ja mit vier Pfoten. Doch wenn man nur zwei hat, muss man damit auskommen.
Es ist unglaublich, was man in einer Musik noch alles entdecken kann, wenn man das Notenbild kennt und selbst die Themen herausfinden muss. Es macht Spass, obwohl es sehr anstrengend ist.
So etwas übt man nicht. Man setzt sich hin und spielt es. Früher konnte man das. Ich habe gelesen, dass sogar die Beethoven-Sonaten vom Blatt gespielt wurden. Das ist der Grund, warum die Fis-Dur-Sonate so selten dran kam, denn sechs Kreuz sind auch für einen geübten Spieler manchmal etwas schwer sofort zu lesen.
Den ersten Satz habe ich gespielt und dann ein zweites Mal, um ihn aufzunehmen. Wahrscheinlich war er beim ersten Mal besser. Den zweiten Satz habe ich dann spontan angehängt. Da merkt man schon, wo ich mich schwer tue:)
Im zweiten Satz kommt übrigens Des-Dur vor. Die hat sieben b. Sehr unangenehm:)
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Vielleicht sollte ich in Erinnerung rufen, dass ich diese Stücke alle vierhändig mit meinem Vater gespielt habe. Praktisch alle Haydn-, Mozart-, Beethoven-, Schubert-, Brahms-, Bruckner-, … Symphonien. Da ging es so leicht, dass ich das gerne mit meinem Vater gemacht habe.
Der erste Beethoven-Satz war der 2. aus der Schicksalssymphonie, danach kam die 2. Symphonie dran.
Ob dies der Anfang ist, bezweifle ich noch. Er könnte es sein, aber wären dann die Ansprüche an einen ersten Satz erfüllt?
„Uns geht es so gut, aber irgendetwas stimmt nicht.“ Hartmut hatte gerade von seinem Pinot Noir gekostet und eine befriedigte Miene aufgesetzt, die so gar nicht zu seiner Äußerung zu passen schien. Sein Freund Peter betrachtete ihn aufmerksam, als könnte er aus dem Gesichtsausdruck etwas herauslesen.
„Was meinst Du damit? Was soll nicht stimmen?“ hinterfragte er den ungefähr sechzigjährigen Hausherrn, der, leger gekleidet, auf seinem Gartenmöbel wie aus einer Zeitschrift für „Schöner Wohnen“ aussah. Die beiden saßen in einem kleineren Garten mit gepflegtem Rasen auf der steinernen Veranda. Das Gesamtbild strahlte Gemütlichkeit und Wohlstand aus. „Womit bist Du denn unzufrieden?“ setzte Peter nach. Hartmut schmunzelte und winkte ab: „Ach ist nichts weiter. Wahrscheinlich nur eine Laune des Übermuts. Es geht uns zu gut. Ich frage mich, wo der Haken liegt.“
„Es gibt keinen Haken. Die Politiker haben es endlich gelernt. Im Prinzip hätte das schon viel früher funktionieren können. Zum Beispiel im 20. Jahrhundert nach dem größeren Krieg. Alles hätte man daraus lernen können. Es hat halt einfach seine Zeit gebraucht.“ Wenn man Peter genauer ansah, passte sein ganzer Körperausdruck nicht zu der beruhigenden Aussage. Peter wirkte durchtrainiert, seine Augen schienen aufmerksam alles in seiner Umgebung zu beobachten und es ließ sich eine Anspannung in seinem gesamten Habitus erkennen, selbst wenn er sich ebenfalls im Sessel zurücklehnte.
Aus der Terassentür trat eine hübsche Frau, deutlich jünger als die zwei Männer es waren, die man zwischen sechzig und siebzig Jahren schätzen konnte. „Es hat wieder eine Flutwelle gegeben. Ich habe es gerade in den Nachrichten gehört. In Indien. Achthunderttausend Tote soll es geben.“ Die Meldung erzeugte keine besondere Regung bei den beiden Männern. Derartige Meldungen waren in den letzten zwei Jahrzehnten mehrmals im Jahr zu erwarten. Manchmal waren es Erdbeben, dann wieder Wirbelstürme, die Flutwellen waren im Prinzip nur die Folgen von Erdbeben, die nicht am Land auftraten. Die Regelmäßigkeit war erschreckend, doch hatten sich die Völker damit abgefunden, dass die Umwelt ihren Tribut forderte. Es konnte verwundern, dass die Naturkatastrophen über einen Anstrich von Gerechtigkeit verfügten. Es blieb kein Land verschont. Die Todeszahlen waren unterschiedlich, man hätte allerdings eine Korrelation zwischen der Bevölkerung eines Landes und den jeweiligen Auswirkungen der Katastrophen feststellen können. Allerdings tat dies keiner. Was hätte es denn gebracht?
„Kommt herein und seht euch das an. Der Präsident wird gleich sprechen.“ Hartmut winkte ab. „Wir wissen schon, was er sagen wird. Er wird sein Bedauern ausdrücken und unsere Hilfsbereitschaft verkünden. Ebenso wird er uns ermahnen, für derartige Fälle gerüstet zu sein.“ Hartmut hatte nicht unrecht mit seiner Behauptung. Naturkatastrophen hatten zugenommen und mittlerweile waren die Militärs aller Länder damit beschäftigt, die Schäden zu beseitigen, den Müll wegzuräumen und Hilfsquartiere für Obdachlose zu errichten. Es gab eine internationale Gruppe, die in jedem Einzelfall von den Militärorganisationen der geographisch naheliegenden Regionen bemannt wurde. Die Aufräumungsarbeiten dauerten in der Regel drei Wochen. Was wirklich sehr gut funktionierte, war die unmittelbare Einsatzbereitschaft innerhalb von zwölf Stunden nach dem Auftreten eines solchen Ereignisses.
Der gute Wein konnte nicht mehr so recht genossen werden.
„Sag mal, was machst Du eigentlich? Du bist so oft unterwegs.“ wollte Hartmut von Peter wissen. „Du weisst doch, dass ich darüber nicht sprechen darf. Ich bin halt noch aktiv. Ein paar Jahre und ich werde mich so wie Du im Lehnstuhl fadisieren.“ Hartmut wollte noch nach den Aufgabenstellungen fragen, doch dann erinnerte er sich, wie ausweichend Peter schon früher auf diesbezügliche Fragen geantwortet hatte.
Er konnte auch keine weitere Frage mehr stellen, denn der Kommunikator von Peter hatte eine Meldung empfangen. Dieser stand auf, verabschiedete sich und hatte es plötzlich sehr eilig. Der Grund war, dass er ein Flugzeug erreichen musste. Auch darüber durfte er nicht sprechen. So bemerkte er bei der Verabschiedung nur, dass er in einer Woche wieder kommen würde.
Hartmut schmunzelte in sich hinein. Er vermutete sehr stark, dass Peter für eine Art Geheimdienst arbeitete. Er lag damit nicht einmal ganz falsch, doch er wäre entsetzt gewesen, wenn er nur im Entferntesten geahnt hätte, was Peter wirklich machte.
Als Hartmut zwei Stunden später im Bett lag, fragte er sich, was er wohl selbst mit dem „Etwas stimmt nicht.“ gemeint hatte. Er konnte es nicht festmachen und der Schlaf dieser Nacht gestaltete sich etwas unruhig.
Wien, 13.3.2014
Da war was los – in den wilden 30er- und 40er-Jahren.
Yang Li seufzte. „Ich denke, dass ich über die Modalitäten Bescheid weiß. Exekutionen, Mädchenhandel und noch ein paar kleinere Änderungen. Oder irre ich mich?“ Wei Liu war erleichtert, dass er diese Themen nicht selber ansprechen musste. „Sie sind vollkommen richtig informiert, wenn ich so sagen darf. Ich kann Ihnen aber aus den Erfahrungen der letzten zwei Monate berichten, dass sich meine Lage nicht verschlechtert hat. Es war zwar interessant zu erfahren, dass 53 meiner Leute illoyal waren und sich auf meine Kosten bereichert haben. Das Thema ist vom Tisch. Die Einnahmen sind nur geringfügig gesunken. Es werden viel weniger Resourcen zum ‚Aufräumen‘ benötigt. Sie werden sehen, am Anfang ist es gewöhnungsbedürftig, doch nach kurzer Zeit bietet es einen persönlichen Gewinn.“
Yang Li war nicht überzeugt. „Ich kann mir nicht vorstellen, wie das funktionieren kann.“ – „Es funktioniert mit Information. Ich bekomme einen Stadtteil genannt, in dem ein Casino eröffnet werden soll. Die Stadtbehörden spielen mit, die Polizei macht keine Schwierigkeiten. Zwei Wochen nachdem das erste Casino dieser Art eröffnet war, spielte es bereits Gewinn ein. Es gibt eine Regelung, nach der sogar die kleinen Verlierer gestützt werden, wenn sie alles verspielt haben. So landen sie nicht auf der Straße und jeder glaubt, dass er im Casino eine echte Chance hat. Wir können offiziell im Fernsehen werben und haben nichts zu befürchten. Dieses Geschäft bringt uns mehr an Gewinn als wir durch den Verlust vom entgangenen Mädchenhandel verlieren. Sie wissen, das ist kein besonders nettes Geschäft, es verdirbt auch die eigenen Mitarbeiter.“
Yang Li fragte: „Bekomme ich solche Informationen in Zukunft von Ihnen?“ In dem Moment läutete noch einmal das Telefon. Offensichtlich wurde ihr Gespräch abgehört. „Mr. Liu. Sagen Sie ihm, dass strategische Entscheidungen von Ihnen kommen werden. Notwendige Exekutionen werden wir Mr. Li selbst mitteilen. Guten Tag.“
Wei Liu war sich unsicher. Wenn er das Yang Li sagte, gab er indirekt zu, dass er selber nur eine Marionette war. „Sehen Sie, es gibt einen Grund, warum Sie mir den Anschluss Ihrer Organisation angeboten haben. Ich nehme an, dass Sie genau wissen, wie Sie in Zukunft vorzugehen haben. Die strategischen Vorgaben bekommen Sie tatsächlich von mir.“ Er hatte vermieden, das Thema Exekutionen anzusprechen. Yang Lis Gesicht hellte sich auf. „Ich habe eine letzte Frage: wäre es gestattet, mich selbst zu Ruhe zu setzen?“ Diesmal läutete das Telefon nicht. Wei Liu musste seine eigene Entscheidung treffen. „Es wäre für mich in Ordnung. Doch benötige ich Sie für eine gewisse Übergangszeit, solange, bis sich der neue Modus eingespielt hat und ihre Leute mir gegenüber loyal sind. Dann dürfen Sie sich gerne zurückziehen.“ „Vielen Dank, Mr. Liu. Wenn ich nicht den Tod meiner beiden Söhne beklagen müsste, wäre mir dies alles ohne Einschränkung ein angenehmer Wechsel gewesen. Es ist wohl meine Schuld, dass ich nicht glauben konnte, wozu … !“ Er wollte sagen: „diese Leute fähig sind.“ Doch Wei Liu winkte ab. „Lassen Sie es gut sein. Trinken wir unseren Tee?“
In den nächsten drei Jahren hatten sich alle bedeutsamen asiatischen Organisationen angeschlossen. Bei den südamerikanischen Rauschgiftkartellen gab es eine Gruppe, die übrig blieb. Doch auch sie hatte enormen personellen Aderlass zu verzeichnen gehabt. Die Columbianer hatten zuerst auf einen amerikanischen Erpresser getippt. Dies hatte dazu geführt, dass es zu blutigen Kämpfen gekommen war, bei denen vollkommen Unschuldige zum Handkuss kamen. Aber nicht nur Unschuldige. Don Pedro verlor seine gesamte Verwandschaft, bevor er sich selbst das Leben nahm. Don Alejjo übernahm sein Kartell und verlor seine Frau und drei Töchter, die sein ein und alles waren. Don Jorge als Nachfolger verlor seine Frau, doch er lernte schneller. Als ihm gesagt wurde, dass er die Verdienste aus dem Rauschgiftgeschäft seinen Landsleuten zukommen lassen sollte, bat er um Information, wie das geschehen solle. Die Organisation nannte ihm einen Politiker, den er einschalten solle. Über Parteispenden könnte das soziale Programm dieses Politikers finanziert werden. Es lag auf der Hand, dass auch einige Politiker ums Leben kamen. Es waren dies in der Regel korrupte Politiker, die nie auch nur eine einzige politische Leistung gezeigt hatten. Die Todesfälle waren hier nicht durch technische Versagen verursacht. Oder wenn ein technisches Versagen im Spiel war, dann begründete es, warum die normalen Schutzpersonen nicht in der Lage waren, einen einzelnen Attentäter zu stoppen.
Die Attentäter kamen aus unterschiedlichen Gegenden. Die meisten aus umliegenden südamerikanischen Staaten, doch gab es auch Europäer und vereinzelt Asiaten, welche Angriffe durchführten.
Mexiko war ein eigenes Kapitel. Es spielte sich so wie in Columbien ab. Doch war die Verflechtung mit der amerikanischen Mafia tatsächlich gegeben. Daher konnte nicht ein einzelner entscheiden, die Geschäftstätigkeit komplett um zu stellen. Es dauerte noch zwei Jahre, bis auch hier eine kriminelle Organisation praktisch auf humanitäre Hilfestellung umgestellt war.
In diesen Jahren wurde die Drogen herstellung umgestellt. Es wurden nur mehr synthetische Drogen hergestellt, deren wesentliche Wirkung die eines Antidepressivums war. Ein bisschen Freude war dazu gemischt. Der Abhängigkeitsfaktor wurde so eingestellt, dass mit entsprechenden Gegenmitteln eine Abkopplung von der Sucht möglich war.
Die Drogen wurden billigst verkauft und die gesamte Welt damit überschwemmt. Es war nicht notwendig, jemanden zu überfallen, um Geld für den nächsten Schuss zu bekommen. Süchtige bekamen die Droge auf Rezept, mussten sich aber registrieren lassen.
Das alles waren Informationen, die nur indirekt zur Verfügung standen. Hartmut reimte sich die Kausalitäten zusammen. Er nahm an, dass die wesentlichen Personen so erpresst wurden, wie es mit Wolfram geschehen war. Der wesentliche Inhalt, den der bisher aus all den statistischen und vereinzelt historischen Daten gewonnen hatte, war: es gibt eine zentrale Macht, die sich selbst nicht darstellt und keinen Aufschluss über ihre Ziele her gibt. So wie Hartmut das sah, konnte man dieser Macht nicht wirklich böse sein. Sukzessive schienen sich die Lebensumstände für alle verbessert zu haben. Was möglicherweise einem sozialen Gedanken widersprach, war die eklatante Kluft zwischen arm und reich. Arm war zwar nicht wirklich bedrohlich, die Armen bekamen alles, was zum Leben notwendig war. Das betraf nicht nur Nahrung, Kleidungsmittel und Wohnen, sondern auch Anreize wie Sportwettkämpfe und Filme, um sich glücklich fühlen zu können. Über die Medien wurde suggeriert, wie das glückliche Leben auszusehen hatte. Den Rest machten die Drogen.
Die „Reichen“ hingegen arbeiteten, waren relativ isoliert. Sie waren in der Regel drogenfrei und hatten teilweise zur „veralteten“ Kunst, wie Theater und Oper, die in Medienkonserven erhalten geblieben war. Es gab auch Festivals, in denen sich die Reichen selbst als Künstler und Darsteller verwirklichen konnten. Doch der Beruf des Künstlers war ausgestorben.
In den folgenden Jahren wurde die Infrastruktur umgebaut. Die ersten Neustädte waren fertig geworden. Dort gab es Platz für die neuen „Armen“. Doch gleichzeitig war dort kein Platz für Autos.
zwischendurch…
Ende Mai werde ich unter anderem diese Beethoven-Sonate aufführen. Das entsprechende Video dient mir zur Beseitigung von ein paar Fehlern.
Erste Sonate von Beethoven opus 2 Nr. 1
Wer daran interessiert ist, kann sich das ja zu Gehör führen. Man kann an den Dingern noch so lange üben, es wird immer etwas Neues übrig bleiben. Die technischen Fehler sind da nicht die ausschlaggebenden.
Die Welt als riesiger Kindergarten, würden Erwachsene in so einer Welt leben wollen?
Hartmut hatte eine Idee. In der Nachbarschaft wohnte eine ältere Dame, – noch einige Jahre älter als er selbst – die mitunter ganz originelle Ideen hatte. Vielleicht konnte sie an die ferne Vergangenheit erinnern. Er erinnerte sich, dass sie um diese Zeit Geburtstag haben musste, was ihm einen Anlass gab, sie „ganz harmlos“ zu besuchen.
Sie war nur eine Viertelstunde mit dem e-car entfernt, er musste nur einmal umsteigen. Er hatte sich angemeldet und sie empfing ihn ihn sorgfältiger Garderobe, die etwas altmodisch aussah. Das Kleid stand ihr aber sehr gut und sie sah angesichts ihres Alters hervorragend aus. Nur einige Falten am Hals die sie nicht wie andere Frauen ihres Alters verdeckt hatte konnten Aufschluss geben, dass sie wohl schon älter war. Mit ihren über achtzig Jahren hatte sie ganz andere Zeiten erlebt.
Er überreichte ihr Blumen aus dem eigenen Garten und sie lud ihn ins Wohnzimmer ein, wo bereits ein Tee vorbereitet war. „Ich hätte etwas gebacken, doch ich wollte nicht die Zutaten bestellen, die ich dafür gebraucht hätte. Es ist nicht gut, ‚die‘ auf einen aufmerksam zu machen.“
„Aber das macht gar nichts. Nur wer sind denn ‚die‘?“ – Sie kicherte etwas jungmädchenhaft und drohte ihm mit dem Finger. „Aber hören Sie auf, Sie arbeiten doch für ‚die‘.“ Hartmut war verunsichert. Er arbeitete nicht mehr und als er gearbeitet hatte, war es für die Regierung. „Was meinen Sie, ich habe für die Regierung gearbeitet. Warum wäre die zu fürchten?“ Sie hörte schlagartig zu kichern auf und schaute ihn entsetzt an. „Was, Sie wissen wohl gar nicht, was hier vor sich geht. Regierung? Ein Schattenkabinett wäre ein besserer Ausdruck. Hartmut fiel plötzlich Wolfram ein. „Ich wurde erpresst.“ Valerie meinte mit ‚die‘ wahrscheinlich dieselben, die Wolfram erpresst hatten. „Sie meinen eine Gruppe, welche die Regierung in der Hand hat?“
Valerie sagte ganz trocken: „Was heißt da Regierung? ‚Sie‘ haben uns alle in der Hand. Fällt Ihnen denn gar nichts auf? Haben Sie die Veränderung nicht mit erlebt? – Naja, wahrscheinlich waren Sie zu jung.“ Sie winkte mit der Hand. „Haben Sie schon einmal versucht, Informationen über die Zeit vor 2020 zu erhalten? Ist alles gelöscht worden. Interessanterweise können Sie mehr über die Zeit vor 2000 Jahren erfahren als über die Zeit vor hundert Jahren. Die Buchläden gibt es nicht mehr, wo man entsprechende Bücher finden könnte.“ Sie nahm einen Schluck Tee. „Haben Sie sich schon einmal den Lehrplan der Universitäten angesehen? Finden Sie da Geschichte? Oder Psychologie? Haben Sie schon einmal eine Zeitung, gedruckt, der damaligen Zeit gesehen?“ Hartmut verneinte mit einer Kopfbewegung. „Wissen Sie, was damals in den Zeitungen stand? Verbrechen und Kriege, die auszubrechen drohten?“ – „Aber es gibt doch keine Kriege mehr. Und Verbrechen werden innerhalb kürzester Zeit aufgedeckt. Nicht, dass ich mich an eines erinnern könnte.“ – Valeries Tonfall wurde zynisch. „Gut, nicht wahr. Wir haben keine Probleme mehr. Doch wir hatten welche. Und wer hat diese Verbesserung bewirkt? Wer, sagen Sie es mir!“ Nach einer kurzen Pause fuhr sie ruhiger fort:
„Wir dürfen uns nicht beschweren, aber wir dürfen auch nicht fragen. Wir dürfen nichts Böses tun. Und unser Wissen ist seicht.“ – „Ja, das stimmt schon, aber eigentlich geht es uns doch gut.“ Er hielt inne. Er wiederholte den letzten Satz und fügte hinzu, was er schon einmal – zu Peter – gesagt hatte: „Eigentlich geht es uns doch gut, doch irgendetwas stimmt nicht.“ Er sagte es leise, denn jetzt war ihm zu Bewusstsein gekommen, dass er recht hatte. Etwas stimmte nicht. Anscheinend wusste Valerie, was nicht stimmte oder sie hatte zumindest einen Verdacht.
„Man hat uns des Menschseins beraubt. Wir haben keinen freien Willen mehr. Alles wird gesteuert. Und wir kennen das Ziel noch weniger als wir es je gekannt haben. Was wiederum nicht so überraschend ist. Wir haben es nie gekannt. Ich habe 2018 noch Philosophie studiert, die ganze Entwicklung seit den alten Griechen. Als ich fertig war, bekam ich einen Bibliothekarsposten und hatte die Aufgabe, die Nationalbibliothek nach Büchern bestimmter Inhalte zu sortieren. Als ich eines Tages in die Bibliothek kam, waren ganze Bücherkontingente verschwunden. Das wiederholte sich einige Male. Eines Tages fragte ich, wohin die Bücher geliefert wurden. Es wurde mir gesagt, dass sie zum besseren Schutz an eine andere Stelle gebracht worden waren. Eine Woche später wurde ich mit einer sehr großzügigen Rente in Pension geschickt. Dieses Haus war der Bonus für die ausgezeichnete Arbeit, die ich angeblich geliefert hatte. Sie sperrten aber gleichzeitig meine Wissenszugänge. Da wusste ich erst, in was für einem Paradies ich gelebt hatte. Sie empfahlen mir auch, nicht über meine Arbeit zu sprechen. Wem hätte ich auch etwas erzählen sollen. Die Menschen waren viel mehr mit den neuen Drogen beschäftigt. Es gab keine Probleme mehr. Ich weiß nicht, wer damals die Macht hatte. Doch unsere Regierungen waren es nicht. Die agierten alle nur auf Anweisungen. Und das traf nicht nur für unser Land zu.“
Sie hielt erschöpft inne.
Hartmut war erschlagen. Ohne dass er gefragt hatte, war das Gespräch in eine Bahn gelaufen, die er ursprünglich erreichen wollte. Er hatte nicht gedacht, dass es so leicht ginge.
„Wissen Sie, ich werde in einem Jahr sterben. Sie können mir nichts mehr tun, wenn ich heute darüber spreche. Interessiert es Sie überhaupt?“
Hartmut bestätigte: „Ich wusste nicht, wie ich Sie das fragen sollte. Sie haben es mir sehr einfach gemacht. Wo würde ich heute noch Information finden können?“
Valerie seufzte. „Wahrscheinlich nirgendwo. Die einzige Chance, die ich mir vorstellen kann, findet sich vermutlich in den „alten Städten“. Die haben jede Menge Museen. Vielleicht haben Sie vergessen, eines auszuräumen. In Alt-Wien gab es mehr als 365 Museen, große und ganz kleine. Ich würde vermuten, dass Sie vielleicht in einem der Bezirksmuseen fündig werden. Eines, das viele Bilder hat. Die Bilder haben ’sie‘ gelassen. Außerdem sind ja immer Menschen im Spiel gewesen. Und Menschen machen Fehler oder sie sind einfach faul und lassen einmal etwas liegen, was sie hätten aufräumen müssen.“
Hartmut fragte sich, ob er so einfach nach Alt-Wien kommen könnte. Jedenfalls würde er anfragen müssen.
Valerie hatte einen Gedanken: „Wenn Sie um eine Besuchsgenehmigung anfragen, sagen Sie, Sie hätten eine Idee, wie man die alten Städte für Wohnraum nützen könnte. Ideen werden immer gefördert, wenn Sie die richtigen Ziele verfolgen. Wohnraum ist ein ewiges Thema, auch wenn es jetzt so aussieht, als hätten wir genug davon.“
Hartmut hatte noch eine Frage: „Gehen wir davon aus, dass es ’sie‘ gibt. Was treibt sie an. Was wollen sie erreichen?“ Valerie verzog keine Miene. „Das ist die Kernfrage. Darüber habe ich die letzten 40 Jahre nachgedacht. Wenn man gläubig wäre, könnte man an eine Form des jüngsten Gerichts denken. Aber diese Erklärung steht mir persönlich nicht offen. Ich kann beim besten Willen keine Motive entdecken. Außer vielleicht den Wunsch nach absoluter Macht. Aber was nützt absolute Macht, wenn sie sich nicht beweisen muss. Mir kommt es eher so vor, als spielten ’sie‘ also ‚die‘ Kindergärtner für die Menschheit.“
Auf das fiel Hartmut nichts mehr ein. Im Gegenteil, er fühlte, dass Valerie irgendwie recht haben musste. Die Beschreibung eines gigantischen Kindergartens würde in jedem Fall zutreffen.
Who knows this dog?
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Die Geschichte nimmt Fahrt auf.
Hartmut war überrascht. Peter hatte ihn gerade gefragt, wieso er nach Alt-Wien wolle. Woher wusste er das? Hartmut beschloss vorsichtig zu sein. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass in diesen Städten niemand mehr wohnt. Das ist doch wertvoller Wohnraum. Ich habe ja sonst nichts zu tun. Vielleicht fällt mir etwas aus, was man nützen kann. Vielleicht gibt es auch Leute hier, die lieber in einer Stadt wohnen.“ Peter nickte bedächtig. „Ich wundere mich nur über deine Energie. So ein Trip kann anstrengend werden. Die Bahn führt nur bis zu den alten Bahnhöfen, den Rest wirst Du zu Fuss machen müssen.“ – „Und wie sieht es mit Fahrrädern aus? Die hat man doch früher bekommen.“ Peter meinte nur: „Keine Ahnung, ich war ja noch nicht dort. Aber die müssten ja schon alle verrostet sein. Aber Du wirst es erforschen.“
Hartmut wollte noch eines wissen: „Woher weißt Du überhaupt davon? Ich habe dir das doch noch nicht erzählt, wollte ich gerade heute machen.“ Peter lächelte nachsichtig: „Habe ich im Büro erfahren. Du bist dort das Tagesgespräch. Es kommt nicht oft vor, dass jemand in eine alte Stadt will, es sei denn für einen Abenteuerurlaub. Aber so schätze ich dich nicht ein.“ Hartmut beschloss, nicht näher darauf einzugehen.
Es dauerte ein paar Tage, bis er auf seinem Bildschirm eine Mitteilung bekam. „Hier sind ihre Codes, die sie für den Besuch von Alt-Wien benötigen werden.“ Es fiel auf, dass hier nicht das Wort Genehmigung aufschien. Es wäre überhaupt zu erkennen gewesen, – wenn man darauf geachtet hätte – dass Worte wie Verbote oder Genehmigungen nie mehr verwendet wurden. Es gab „wir raten Ihnen ab!“ oder eine Mitteilung wie die vorliegende. Zu den Codes gab es noch Angaben. „Zu verwenden beim Verlassen ihres Hauses.“, „Reiseverbindung Center-3 Alt-Wien“, „Reiseverbindung Alt-Wien Center-3“. Das war ja schön. Er würde wieder nach Hause kommen. Ohne jeden nachhaltigen Grund wertete er den dritten Code als eine Art Versicherung. Er würde nicht zu denen gehören, über die sich die Nachbarn manchmal wunderten, weil sie verschwunden waren.
Was sollte er mitnehmen? Jetzt wo es nicht nur den Wunsch gab sondern eine konkrete Reisevorbereitung getroffen werden musste, gab es plötzlich eine Reihe von Fragen. Er versuchte etwas über den Computer herauszubekommen. Das war richtig, es gab komplette Reisebeschreibungen mit Listen, was mitzunehmen wäre. Die Listen enthielten unter anderem: Mineralwasser zwei Liter pro Reisetag, Schlafsack, Notproviant, Münzen für Automate, Taschenlampen. Es wurde abgeraten größere Geldbeträge mitzunehmen allerdings darauf hingewiesen, dass jeder Einkauf nur bar bezahlt werden konnte. Die Kleidung sollte warm und praktisch sein. Man würde entweder auf dem Hauptbahnhof oder auf dem kleineren Westbahnhof ankommen. Beide waren vom Zentrum ungefähr gleich weit entfernt. Die Distanz Westbahnhof – Hauptkathedrale war mit 35 Minuten angegeben. Das betraf die Fussstrecke. Dazu gab es noch eine Warnung: Vorsicht beim Umgang mit Leuten, die vorgeben, die Stadt zu kennen. Es gab Gruppenarrangements, doch Hartmut wollte ja auf eigene Faust forschen. Er war schon fast soweit, das Unternehmen aufzugeben, dann erinnerte er sich an Valeries Worte: Wissen Sie, ich werde in einem Jahr sterben.
Wer sollte denn ihm etwas tun? Es gab keine Verbrechen mehr, zumindest konnte er sich an kein einziges erinnern. Der Mensch starb an Krankheiten, bei einem Verkehrsunfall und weil er gerade im Einzugsbereich einer Naturkatastrophe war. Er verscheuchte die Gedanken, die ihm Angst eingeflößt hatten und plante am kommenden Sonntag zu starten. Wieso es gerade ein Sonntag sein sollte, hätte er nicht sagen können. Es fühlte sich irgendwie richtig an.
Er benötigte eine halbe Stunde bis Center-3. Der Zug nach Alt-Wien fuhr in einer Stunde, Ankunftsbahnhof Wien-Westbahnhof. Der Zug war halb leer. In seinem Abteil war ein Mann um die vierzig, in einen sportlichen Anzug gekleidet mit einer Tasche, die man früher als Pilotenkoffer bezeichnet hätte. Es war unüblich, mit Leuten, die man nicht kannte, ein Gespräch anzufangen. Doch die ganze Reise war unüblich. „Entschuldigen Sie, dass ich frage. Fahren Sie auch das erste Mal nach Alt-Wien?“ – Hartmut war überrascht, wie freundlich der andere antwortete.
„Wenn Sie auch sagen, kann ich daraus schließen, dass es für Sie das erste Mal ist. Ich fahre regelmäßig. Die Stadt erhält sich zwar selbst, doch ab und zu kommt es zu Problemen, mit denen die Maschinen überfordert sind. Ich bin defacto der ‚Stadt-Besorger‘.“ Er lächelte: „Und warum fahren Sie nach Alt-Wien?“ Hartmut traute sich nicht zu sagen, um Recherchen durchzuführen. „Man hat mir gesagt, dass es eine einzigartige Erfahrung sein soll, eine Stadt von früher zu sehen.“ – „Ja. Alt-Wien hat einen großen Reiz. Wussten Sie, dass diese Stadt als die lebenswerteste auf der ganzen Welt klassifiziert wurde?“ – „Nein, wo steht das?“ – „Es wird von Stadtbesorger zu Stadtbesorger überliefert. Ich bin der vierte amtliche Stadtbesorger, seit die Stadt leer steht.“
Das war eine gute Gelegenheit, um zu fragen: „Und wissen Sie auch, warum die Stadt jetzt leer steht, wenn sie so beliebt war?“ Der Mann war nicht verlegen: „Schauen Sie, wo die Leute jetzt wohnen. Bessere Infrastruktur, neue Wohnungen und nur in den Innenstädten gibt es den Anspruch auf Grundgehalt. Das hat viele aus der Stadt getrieben, besonders die Armen. Und die Reichen wollten sowieso lieber am Land ein Anwesen haben. Wenn nichts los ist, wandern die Geschäfte ab. Es hat nicht einmal eine Generation gedauert und die Stadt war leer.“ – „Wann war denn das?“ – „Nun, es muss um 2055 gewesen sein.“
Hartmut dachte nach: „Und bei den anderen Alt-Städten war es genauso?“ – „Ganz genauso. Nur in Südamerika und in China hat es länger gedauert. Dort hat man die bestehenden Alt-Städte in Innenstädte umgebaut. Bezirk für Bezirk.“
„Gibt es denn überhaupt noch jemanden, der in Alt-Wien wohnt.“ – „Ja gibt es, aber Sie werden sie nicht zu Gesicht bekommen. Sehr scheu. Sie vermeiden jeden Kontakt mit Leuten wie Ihnen. Und Innenstädtler kommen sowieso nicht her.“
„Wir sind übrigens gleich da. Hütteldorf. Jetzt kommt Penzing und dann heißt es aussteigen.“ –
„Werde ich Sie noch einmal sehen.“ – „Das ist unwahrscheinlich. Außer Sie machen eines meiner Maschinchen kaputt und warten solange, bis ich komme es zu reparieren. Aber ich gebe Ihnen meine ID, Sie können nach mir an jedem Terminal fragen.“
Der Zug hatte angehalten. „Auf Wiedersehen, viel Spass bei der Entdeckungsreise!“
„Auf Wiedersehen“ Hartmut fand die Abschiedsworte sonderbar. Sie hatten etwas spöttisch geklungen. Vielleicht hatte er sich das aber nur eingebildet.
