Archiv für Januar, 1970
Wenn ein Eintrag fünf unterschiedliche Kommentare von mir hervorruft, könnte er vielleicht von allgemeinem Interesse sein, vor allem, weil der Eintrag selbst recht kurz formuliert ist.
Da ich hier in Serbien auf meinem Laptop arbeite, gibt es eine Behinderung. Jener hat eine sehr hohe Auflösung, womit wesentlich kleinere Schriftzeichen am Display resultieren.
Beim Lernen behindert mich das sehr, weil es anstrengender zu lesen ist. Allerdings kann man den Browser ja mit strg und + zum Vergrößern anregen. Es ist unglaublich, wie stark sich das größere Bild auf die Merkfähigkeit positiv auswirkt.
(Habe gerade die vorletzte Tranche meiner serbischen Testvokabeln abgearbeitet. Bin recht zufrieden.)
Vor einigen Wochen hatten wir schon geplant, uns die „neue“ Einspielung des Boris Godunov in der Wiener Staatsoper anzusehen. (Hoffentlich klappt das noch mit den Karten, denn ich kann erst montags mich darum kümmern.) Als ich heute etwas früher als gewohnt nach Hause komme, sitzt Frau Columbo in der Küche und liest – und hört Musik. Ich meine, die Musik zu erkennen und frage, ob sie weiß, was sie hört. „Boris, glaube ich“ sagt sie. Ja, es ist der Boris, allerdings in einer ungewohnten Form. Die Ur-, ur-, ur-Fassung, wirklich die erste, wo es noch nicht einmal eine Marina gibt.
Während ich das schreibe, geht die Oper gerade zu Ende, das Publikum jubelt. Viel kürzer als gewohnt.
Ich mag diese Fassung. Leider konnte ich nur zuhören, meinen Klavierauszug habe ich nicht gefunden. Aber die Musik ist in dieser Fassung noch überzeugender.
Weil ich mich wunderte, dass ich keine Marina gehört hatte, schlug ich in Wikipedia nach und fand folgendes Zitat:
„Nächst Richard Wagners Tristan und Isolde hat kaum ein anders Werk so zukunftweisend und anregend auf die Entwicklung der Oper gewirkt wie Boris Godunow. Mussorgskij ist eine ebenso elementare musikalische wie dramatische Begabung. Im Grunde wurzelt er in der russischen Volksweise mit ihren mannigfachen Beziehungen zur asiatischen Musik und deren Harmonik. Aber das Geheimnis seiner Tonsprache und ihrer faszinierenden Wirkung wird damit noch nicht völlig erklärt. Es kommt etwas Eigenstes hinzu, das sich rein verstandesmäßiger Deutung entzieht. Staunenswert ist die Spannweite dieser Musik, die von der naiven Kinderweise bis zu wildester Leidenschaft, vom derbsten Humor bis zu keuschester Verinnerlichung, vom Dämonischen bis zu himmlischer Verklärung reicht und für alles den natürlichsten, treffendsten Ausdruck findet“ (Wilhelm Zentner in: Reclams Opernführer. 32. Aufl. 1988, S. 333)
Ich kannte diese Beschreibung nicht und kann sie auch nicht genau nachvollzienen. Aber es reicht mir, dass durch das Anhören des Boris eine ganz wesentliche Lebensentscheidung beeinflusst wurde. Ich spreche nicht vom heutigen Zuhören sondern von dem Zuhören, dass ich als Kind erlebte, als mein Vater den Boris studierte und unzählige Male abspielte. Ich mochte die Musik und ich mochte den Klang der Sprache.
Zwanzig Jahre später nahm ich ein Stellenangebot an, dass mich als Exportmanager nach Russland führen sollte. Damals wurde die Bereitschaft, beruflich in der Sovjetunion zu tun zu haben, noch mit einem Gehaltsplus von ungefähr 1000 € belohnt, was mich sehr reizte. Aber noch mehr reizte mich die Möglichkeit, die Sprache im Original, in High Fidelity, hören zu können. Ich war von dem Satz: „Achtung, die Türen schließen sich. Nächste Station [z.B.] Prospekt Mira“ so begeistert, dass ich ihn jederzeit im Schlaf aufsagen könnte. Ich habe dann ja auch Russisch gelernt und manchmal sogar im Traum russisch geträumt.
Aber der Boris war letzlich der Auslöser gewesen.
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Jetzt momentan wird die verbleibende Zeit noch mit einer orchestrierten Fassung der „Bilder einer Ausstellung“ aufgefüllt. Sehr schön. Ist aber nicht mein Ding. Und einige, die bei meiner Geburtstagsfeier dabei waren, können vielleicht bezeugen, dass die originale Klavierfassung eines Moussorgski besser ist, selbst wenn sie nur von einem Dilletanten geklimpert wird.
Während gestern die „russische Seele“ dran war, entdecke ich heute zufällig die „österreichische Seele“. Im relativ neuen, dritten Fernsehprogramm Österreichs wird gerade eine historische Einspielung zum Andenken eines soeben verstorbenen Sängers und Schauspielers Heinz Holecek gebracht. Zusammen mit Gundula Janowitz und Eberhard Wächter, der später Operndirektor in Wien war, dirigiert Karl Böhm die Wiener Philharmoniker. Nun welches Werk könnte das sein? Als ich 16 Jahre alt war, hätte ich bei einer solchen Frage auf „den Rosenkavalier“ getippt. Über die gespielte Oper hätte ich damals die Nase gerümpft, ja sie nicht einmal als Oper anerkannt. Zu sehr wurde sie als Operette verkauft und hauptsächlich auch nur in der Volksoper gespielt.
Es handelt sich um die „Fledermaus“ von Johann Strauss. Warum hat sich meine Haltung geändert. Erstens ist die Fledermaus wirklich eine Oper, was den musikalischen Gehalt angeht. Das Libretto passt vielleicht besser zu einer Operette, doch erst jetzt im Alter erkenne ich die Kunst darin. Soviel gelogen wie in diesem Werk wird in keinem anderen Bühnenstück. Im Siegfried kann man vielleicht aufgrund der Orchesterbegleitung erkennen, wenn der Mime ihn grade abmurksen will, wenn er den Siegfried umsäuselt. Doch das sind gerade zwei Stellen.
Im ersten Akt der Fledermaus wird ausschließlich gelogen und geschwindelt. Die Musik ist reizend, ein Ohrwurm nach dem anderen, und erst bei näherem Zuhören entdeckt man die Raffinesse mit der Strauss seine Akteure demaskiert.
Vielleicht hätte ich besser die „Wiener Seele“ schreiben sollen. Smalltalk ist mir immer auf den Wecker gegangen. Kürzlich erst wurde ich ermahnt, mich bei einer Party doch um alle Anwesenden zu kümmern und meine Wettermitteilungen gleichmäßig zu verteilen. Das kann ich nicht.
Aber es ist notwendig, wenn man in Wien reüssieren will. Und wenn man in die Gesellschaft hineinhört, – und mittlerweile kann das auch über die berühmten Reality-Shows im Fernsehen passieren – so lassen sich nur Oberflächlichkeit und Banalität erkennen. Man könnte sich bei so viel Flachheit umbringen wollen, wenn es nicht solche Kompositionen gäbe.
Die Fledermaus ist in meinen Augen ein großartiges Werk für die Dechiffrierung Wiener Gesellschaftshaltung. Heute verbirgt sie sich unter anderen Melodien und Rhythmen. Doch in Wirklichkeit hat die Oper nichts von ihrem Wahrheitsgehalt verloren.
Obwohl sie doch nur ein großer Spaß zu sein scheint…
Beethoven. Waldsteinsonate. fetzt.
Ein sinnlicher Genuss beim spielen vor allem des letzten Satzes.
Ich behaupte das ja immer wieder, auch wenn es mir in den meisten Fällen nur um das Fach Mathematik geht.
Aber was in diesem Artikel steht, bestätigt meine Einstellung, dass eine allfällige Mathematikschwäche bei Kindern ausschließlich den Eltern geschuldet ist. Das trifft aber offensichtlich für jedes Fach zu.
http://www.wienerzeitung.at/themen_channel/wzbildung/schule_aktuell/451847_Jedes-Kind-ist-hochbegabt.html
der 121. Und hier eine fantastische Einspielung, die man vermutlich in Deutschland wieder nicht abspielen wird dürfen.
Das dritte Klavierkonzert von Prokofiev gilt als das Schönste, obwohl man das vermutlich von jedem einzelnen sagen kann.
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Doch dazu gibt es eine Anekdote. Mein Vater hatte mir einmal eben diese Behauptung erzählt. Und eines Tage hörte ich im Radio eine Übertragung des Konzerts. Ich kannte die Musik noch nicht, erkannte aber, dass sie ziemlich sicher von Prokofiev stammen müsste. Dass die Musik ein Klavierkonzert ist, ist wohl leicht zu erkennen. Also habe ich mir „ausgerechnet“, dass es das dritte sein müsste. Und es hat gestimmt.
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Aber bei dieser Einspielung wird es wahrscheinlich heißen, dass es mir nur so gut gefällt weil die Pianistin Yuja Wang so sexy ist. In manchen Aufnahmewinkel scheint es ja, als ob sie unbekleidet spielen würde. Und sehr neckisch ist auch das Zurechtziehen des Minikleids nach dem ersten Satz, als der Dirigent sehr forschend zu ihr schaut.
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Aber ich bewundere ihre Technik, die es nicht bei Technik bewenden lässt sondern eine unheimliche Musikalität erahnen lässt. Ich halte sie für eine geeignete Nachfolgerin für Martha Argerich. In einer gewissen Weise ist sie musikalisch sehr ähnlich.
Heute wurde im Fernsehen das Sommernachtskonzert der Wiener Philharmoniker in Schönbrunn übertragen. Es stand unter der Devise „Hommage an Claude Debussy“. Zur Aufführung gelangte unter anderem „La mer“.
Super Konzert, der Eintritt ist kostenlos, wir hätten es live erleben können. Im Fernsehen hat man eine bessere Perspektive. Es wurde auch Ballett getanzt.
Damit es wieder eine neuerliche Steigerung gibt, fand das Balett im Wasser statt, in einem der Brunnenbecken von Schönbrunn. Hat hübsch ausgesehen. War auch ein bisschen wet-look dabei. Die Haxen der Tänzerinnen waren lang und appetitlich. Bei der Eurovision haben wir ja noch versucht, mit dem Popo zu wackeln. Diesmal ging es ganz kultiviert zu.
Ich habe allerdings zum ersten Mal im Balett Handstände gesehen. Das ist natürlich geil, weil man dann die Haxen noch besser sieht.
Der Bundeskanzler und der Bundespräsident haben sich auch sichtlich gefreut.
Kultur, das ist Österreich. Und wenn wir es nicht mit dem Arsch schaffen, tänzeln halt die Nixen.
Was ich nicht verstehe: es gab dann noch den Tanz mit den sieben Schleiern aus Salome. Und da könnte man ganz programmatisch, ohne Regietheater vorgeben zu müssen, einen richtigen Striptease inszenieren. Das tät den Herrschaften doch auch gefallen oder? Aber da gab es nur die „reine Musik“.
Jedenfalls muss die Welt aufpassen: in der Kultur stecken wir noch lange nicht auf, selbst wenn unsere Gesäßakrobatik nicht goutiert wird.
Wir kommen mit dem Element Wasser daher. Und bekanntlich ist die chinesische Wasserfolter eine der stärksten Methoden überhaupt.
Nachtrag: vom rein Musikalischen her war das Konzert toll.
Die Wunderwelt war die Wissensquelle meiner Kindheit. (Neben meinem Vater) Bravo hat mich nicht mehr erreicht. In der Wunderwelt war Sex noch ausgeklammert, doch gab es eine Reihe anderer interessanter Informationen.
Darunter war auch die Billion, die Zahl mit einer 1 und 12 Nullen. Später lernte ich noch größere Zahlen, doch als Kind war die Billion das absolut Größte für mich. Und aus der Wunderwelt wusste ich, dass man von 1 bis zu einer Billion 26.000 Jahre zählen müsste, wenn man für jede Zahl nur eine Sekunde brauchen würde. (Was übrigens eine sehr vereinfachende und nicht durchzuführende Annahme darstellt.)
Wenn ich heute nachrechne, komme ich auf 31.000 Jahre, aber das ist unwesentlich. Interessanter erscheint mir viel mehr, dass man auch für 100 Milliarden (ein Zehntel einer Billion) noch immer 3000 Jahre brauchen würde, wollte man sie ganz schnell auszählen.
100.000.000.000 hat Spanien jetzt als Finanzierungsbedarf angemeldet. Das ist ja richtig billig im Vergleich mit den Griechen, denen man ja schon um 30% mehr zugesagt hat und teilweise gegeben hat. Dabei hätten sich die ursprünglich sogar mit 30.000.000.000 zufrieden gegeben, wenn da nicht eine obskure Wahl in Nordrhein-Westfalen die Hilfe so lange verzögert hätte.
ABER ICH VERSTEHE NICHT.
ICH VERSTEHE NICHTS MEHR.
Zwar gibt es so jedes zweite Jahr eine Horrormeldung, dass irgendein Banker 5.000.000.000 verzockt hätte. Aber das hätte dann in Spanien ja 20 Mal passieren müssen. Und keiner hat es mitbekommen?
Eine Immobilienblase ist geplatzt. Puff! So wie eine Kaugummiblase oder wie eine Seifenblase. Aber das ist nichts Neues. Das ist auch in Japan in den Neunzigerjahren passiert. Die haben es überlebt. Mit ein bisschen mehr an Einwohnern als Deutschland aufzuweisen hat. Ohne Zuschuss.
ABER ICH VERSTEHE JA ETWAS ANDERES NICHT.
50% Arbeitslosigkeit bei den Jugendlichen, 25% Arbeitslosigkeit „over all“. Ist Spanien ein zivilisiertes Land? Die Fussballvereine sind in Millionenhöhe verschuldet. Ich verstehe, dass Fussball notwendig ist, um die Menschen davon abzulenken, wie katastrophal es in ihrem Land zugeht. Aber Spanien ist doch ein zivilisiertes Land, oder war es das nur solange die Mauren dort waren.
Dabei ist Spanien gar nicht so hoch verschuldet. Die Spanier leiden noch unter 2008 und vielleicht auch unter dem Umstand, dass ein Spanier 3-4 Wohnungen gebraucht hat. Deswegen konnte die Immobilienblase so großes Unheil anrichten.
WAS ICH ABER ABSOLUT NICHT VERSTEHE:
Wieso geht niemand auf die Straße und demonstriert gegen die jeweiligen Finanzminister, die mit derartigen Zahlen so locker umgehen. Ich kann mich gar nicht mehr über unseren eigenen Ehemaligen aufregen. Die auf ihn hinzeigenden Verdachtsmomente bewegen sich ja im ein- bis maximal zweistelligen Millionenbereich. Das sind Peanuts. Jetzt schießen die Finanzminister so locker das Zehntausendfache bis Hundertausendfache in den Wind.
1927 hat man den Justizpalast wegen eines Fehlurteils abgefackelt. Heute zahlen wir höchstens noch ein paar Prozentpunkte mehr, damit die Finanz in ein neues überteuertes Domizil einziehen darf.
WAS ICH ABER VERSTEHE: Geld scheint nicht das Wichtigste zu sein. Außer man ist KEIN Rechtsanwalt und hat mit Stiftungen zu tun.
(Den letzten Satz verstehen vermutlich nur Österreicher.)
Der Sinn des Leberkäs
Ich wohl erkenn den Sinn des Leberkäs,
Wenn ich den Text von Keber les.
Denn Keber gerne nährte sich vom Kebab,
Der sich von andren Tieren her begab.
Natürlich ist das noch kein besonders hochwertiges Gedicht, doch Link und Inhalt sind consistent und so wird nach einiger Zeit jener Beitrag eine Korrektur erfahren müssen.
