Kann man dies Geschenk nennen

Er saß in einem Kaffeehaus und blätterte durch die Illustrierten. Er belächelte die Gesellschaftsspalten, ließ die gerade in der Hand befindliche Illustrierte sinken und verlor sich in Gedanken. Eine Stimme weckte ihn auf. „Ich habe ein Geschenk für dich. Du wirst nie mehr Durst haben.“ Er sah auf und erblickte vor sich ein Glas Wasser. Es war ein ganz normales Wasserglas bis circa einen Zentimeter unter dem Rand mit Wasser gefüllt. So schien es. Er glaubte, dass ihm die Kellnerin das Glas hingestellt hatte und hob es an die Lippen. Er trank von dem Glas und stutzte. Es schmeckte wie Wasser, aber das war nur der erste Eindruck. Es war kein Wasser. Es schmeckte wie eine Mischung aus allen Getränken, die man sich gerade hätte wünschen können. Als er das Glas absetzte, bemerkte er, dass die Flüssigkeit nicht weniger geworden war. Das Glas erschien genauso gefüllt wie bisher. „Du darfst nur aus diesem Glas trinken. Du darfst das Wasser des Lebens nicht vergießen.“ hörte er die gleiche Stimme. Er sah sich um, konnte aber niemanden sehen. Er nahm das Glas noch einmal hoch und betrachtete es aus der Nähe. Es fiel ihm aus, dass die Flüssigkeit eigentlich fest wirkte. Wenn er das Glas schief hielt, floss nichts heraus. Es war so, als wäre die Flüssigkeit plötzlich gefroren. Er hielt das Glas an seine Lippen und neigte es. Prompt floss die Flüssigkeit in seinen Mund. Der gleiche Geschmack wie vorher. Nein, das konnte man nicht sagen. Der Geschmack war unbeschreiblich. Er erfüllte den Trinkenden mit einer unsagbaren Befriedigung. Es war kein suchterzeugender Reiz. Man konnte sich nicht vorstellen, wie das Wasser schmecken würde, bevor man es tatsächlich über die Zunge zum Rachen rinnen ließ.
Er erbat sich von der Kellnerin eine Plastiktasche und stellte vorsichtig das Glas hinein. Indem er das Glas indirekt über die Plastiktasche angriff, versuchte er noch einmal Flüssigkeit durch Kippen auszuschütten. Das gelang nicht. Die Gesetze der Schwerkraft schienen ausgeschaltet zu sein. Er faltete die Plastiktasche so, als müsste er das Glas besonders gut schützen und steckte sie in seine Aktentasche. Daraufhin zahlte er und fuhr nach Hause, vorsichtig bemüht die Tasche nicht zu kippen und damit zu riskieren, dass die Flüssigkeit vielleicht doch noch vergossen würde.

Die Sorge war unbegründet. Als er die Tasche zu Hause entpackte und das Glas aus der Plastiktasche nahm, erschien die Flüssigkeit unverändert und es gab auch keinerlei Benetzung des Glasrandes. Jetzt versuchte er noch einmal zu trinken. Der gewohnte Effekt stellte sich ein.

Er nahm das Glas und stellte es in den Kühlschrank. Es erschien ihm logisch, dies zu tun, denn vielleicht würde das Wasser schal werden, wenn es nur offen im Raum stehen würde. Zuvor nahm er noch einen kleinen Schluck. Er empfand es als interessant, dass er kein Bedürfnis verspürte, es auszutrinken, wie er es sonst gewohnt war. Ja keine kleinen Reste stehen lassen.

Er setzte sich an den Schreibtisch und überlegte, an welche Arbeit er sich wohl machen sollte. Es gab ziemlich viel zu tun und in der letzten Zeit hatte er das Gefühl, dass ihn dieses Zuviel blockierte, obwohl er mit jeder der anstehenden Aufgaben sehr vertraut war und es ihm Spaß machte, die verschiedenen Probleme zu lösen.

Er sinnierte: „Das Wasser des Lebens“. Soviel er wusste, war das eine Umschreibung für einen regenerativen Trank, der den Alterungsprozess aufhalten sollte. In Märchen und Sagen war dieser Ausdruck geläufig. In Kaffeehäusern mit Wirtschaftszeitungen und Boulevardillustrierten eher nicht. Und was sollte es für ihn bedeuten? Er hatte keine Angst vor dem Altwerden. Noch nicht. Er konnte sich auch nicht vorstellen, wie das je passieren sollte. Er hatte Angst vor Schmerzen und vor dem Verlust seiner geistigen Präsenz. Aber würde ihn das Wasser davor schützen können? Wer hatte es ihm überhaupt gegeben?

Der Umstand, dass sich der Flüssigkeitsstand auch nach dem Trinken nicht verringerte, machte ihm nicht so sehr zu schaffen. Aber dass diese Frage ihn nicht beunruhigte, brachte seine Gedanken auf Trab. Er war ein Verfechter der Gültigkeit von Erhaltungssätzen. Wenn etwas von einer Sache weggenommen wurde und die Sache blieb vollständig, dann bedeutete das, dass die Sache eine unendliche Dimension hatte. Diese Dimension musste eine sein, die ihm verborgen blieb. Das Glas war in den drei räumlichen Dimensionen beschränkt. Man konnte nicht sehen, dass es von oben nachgefüllt wurde. Das Wasser erneuerte sich aus sich selbst heraus.

Das Wasser konnte das Glas nicht verlassen, es sei denn durch seinen Körper. Er konnte trinken. Würde er es ausscheiden können? Als er daran dachte, fiel ihm ein, dass der Umstand, dass er das Wasser aufnehmen konnte, ein Beweis war, dass auch er in dieser unbekannten Dimension außerhalb des Raumes eine Ausprägung hatte. Er selbst musste auch unendlich sein. Das stimmt nicht, dachte er, unendlich muss ich nicht sein. Es bedeutet nur, dass ich in dieser Dimension eine Ausdehnung besitze, von der ich bisher noch nichts wusste. „Stimmt“. Die körperlose Stimme hatte sich wieder gemeldet. „Wie lautet die Erklärung für das Wasser“ fragte er. Seine Stimme schien unterdrückt. Vielleicht hatte er die Frage auch nur gedacht. „Es gibt keine Erklärungen, es sei denn sie sind in dir selbst enthalten.“ Gibt es etwas, das ich darüber lesen kann?“ – „Alles, was du selber aufschreibst, wirst du später lesen können. Darüber hinaus gibt es nichts.“ Er versuchte darüber nachzudenken und schlief darüber ein. Als er wieder aufwachte, sah er, dass er vor dem Einschlafen zwei Worte geschrieben hatte: „Lebe ich?“

Vor seinen Augen verwandelten sich die Buchstaben in ein: „Habe ich gelebt?“ Er fragte sich, wie lange er geschlafen hätte. Er befand sich nicht mehr vor seinem Schreibtisch. Er befand sich in einem Zug. Sein Sitzplatz hatte einen Tisch vor sich, auf dem sich sein Laptop befand, auf dem sich die getippten Worte verwandelt hatten.

Er fuhr an einem Badesee vorbei und konnte aufgrund der Ortsnamen erkennen, dass er gerade durch seine Geburtsstadt durchgefahren sein musste. Dort hielten aber alle Züge. Er hatte offensichtlich tief geschlafen. Wo war er, wo war das Wasser geblieben? Er hatte es doch in einen Kühlschrank gestellt. Wie war er in den Zug gekommen?

Als er die Worte betrachtete, die da vor ihm getippt standen, bemerkte er, dass die Worte nicht der Anfang eines Textes waren sondern am Ende eines Dokumentes standen. Er blätterte zurück und wollte an den Anfang des Textes kommen. Nachdem er einige Seiten zurückgeblättert hatte, bemerkte er, dass der Zeiger, der seine Orientierung im Text markierte noch immer am Ende stand. Nun sah er genauer hin. Er befand sich auf Seite 14 547 von 14560 Seiten. Der Zug, in dem er saß, fuhr gerade durch einen Tunnel. Er suchte nach einer Funktion, mit der er an den Anfang des Textes gelangen konnte. Als er die Tasten betätigte, von denen er glaubte, dass sie es bewerkstelligen würden, bemerkte er, dass der gesamte Text ausgewählt war. Offensichtlich war er noch an ein Taste angekommen und es erschien eine Frage: „Sie sind im Begriff, ihren gesamten Text zu löschen. Aufgrund der Größe des ausgeschnittenen Textes ist eine Wiederherstellfunktion unmöglich. Möchten Sie wirklich löschen?“ Die Frage wies nur eine mögliche Beantwortung auf: „Ja“. Es gab kein „Abbrechen“, kein „Nein“ oder irgend eine Möglichkeit, seine vorherige Aktion zurückzunehmen. Seine Unachtsamkeit hatte dazu geführt, dass er einen Text gelöscht hatte, von dem er jetzt plötzlich wusste, dass er die Antwort auf all die Fragen aufweisen musste, die ihn sein ganzes Leben beschäftigt hatten.

Wenn er Pech hatte und gleich, nachdem er die Frage quittiert hätte, eine automatische Speicherung erfolgen würde, hätte er keine Gelegenheit mehr, an seinen Text heranzukommen.

Er stellte den Laptop senkrecht auf und entfernte den Akku. Er wusste zwar, dass dies eine riskante Operation war und möglicherweise alle Daten vernichten könnte, die für ihn wichtig schienen, aber er hoffte, dass das Dokument noch einmal aufrufbar war und er an die ursprünglichen Seiten herankommen würde. Erwartungsgemäß erloschen alle Kontrollleuchten und der Rechner erschien abgeschaltet. Er setzte den Akku wieder ein und drückte auf die Einschalt-Taste. Beim Hochfahren kamen eine Reihe von Fehlermeldungen bzw. Warnungen, die alle darauf hindeuteten, dass das System nicht ordentlich niedergefahren worden war. Als der Rechner wieder betriebsbereit war, durch das Fenster konnte er gerade einen  Bagger Schrott schaufeln sehen, wollte er die bewusste Datei öffnen. Er wusste nicht, wie sie hieß. Er verwendete die Volltextsuche und gab „Habe ich gelebt“ ein. Das müsste ausreichen, um die Datei eindeutig zu identifizieren. Nachdem er fünf Minuten gewartet hatte und die Suche als beendet markiert war, war keine einzige Datei gefunden worden, die diesen Inhalt hatte. Er versuchte es noch einmal mit den Worten „Lebe ich“. Auch hier gab es kein Resultat. Da fiel ihm das Wasser ein. Er suchte nach dem Dokument „Wasser.*“. Dieses gab es. Er wollte auf das Erstellungsdatum sehen, aber das konnte er nicht aus der Dateibeschreibung herauslesen. Es war nur das Datum der letzten Änderung angeführt. Aber dieses Datum lag dreißig Jahre in der Zukunft. Das konnte durch das harte Abschalten des Rechners passiert sein. Aber die Datei ließ sich nicht öffnen. Sie war mit einem Passwort geschützt.  Er versuchte sie zu öffnen, in dem er alle Passwörter ausprobierte, die er je verwendet hatte und an die er sich noch erinnern konnte.

Er blieb erfolglos. Der Zug fuhr durch einen weiteren Tunnel. Der Tunnel war ziemlich lange. Er konnte sich nicht erinnern, dass auf der Strecke zwischen seiner Geburtsstadt und dem Zielort so ein langer Tunnel war. Er sah hinaus. Alles erschien auf den ersten Blick normal. Gebäude, Wiesen, Wälder, Strassen und Autos. Und doch hatte alles einen seltsamen Anstrich. Sie fuhren über eine kleine Brücke. In der Schnelligkeit konnte er nicht so genau sehen aber er bildete sich ein, dass das Flussbett leer war. Er schaute rund um sich im Abteil. Es gab in dem ganzen Abteil keinen anderen Menschen. Jetzt konnte er sehen, dass sie an einem Stift vorbeifuhren. Schon ging es wieder in einen Tunnel. Außer dem gleichmäßigen Fahrgeräusch war nichts zu hören.  Jetzt bremste der Zug stark und es ergab sich die Gelegenheit genauer hinaus zu sehen. Es gab keine Menschen. Es gab kein sichtbares Wasser. Die Autos bewegten sich alle mit gleicher Geschwindigkeit, als wären sie ferngesteuert und von Maschinen kontrolliert. Der Himmel war in ein fahles Blau getaucht. Wolkenlos, aber nicht das  Blau eines wolkenlosen Tages, sondern ein stechendes Lichtblau mit einem Stich ins Gelbliche. Es war heiß, obwohl der Waggon offensichtlich eine Klimaanlage hatte. Wieder ein Flussbett ohne Wasser. In seiner Konzentration war er jetzt irritiert. Einerseits suchte er noch „seine“ Datei, andererseits machte ihm der Anblick, den er durch die Fenster sah, Unbehagen.

Eine menschenleere Landschaft, die aber lebte, auch wenn es kein Wasser gab. Er würde bald ankommen. Dort musste es Menschen geben. Er fuhr durch die Vororte der großen Hauptstadt. Noch immer konnte er keine Menschen sehen. Als der letzte Nebenbahnhof passiert war, erwartete er ein Langsamerwerden des Zuges. Aber der Zug fuhr mit unverminderter Geschwindigkeit weiter. Statt in den Kopfbahnhof einzufahren verschwand der Zug erneut in einem Tunnel. Dieser war über zehn Kilometer lang und zog sich unter der gesamten Stadt hin. Jetzt hielt es ihn nicht länger. Er stand von seinem Sitz auf, packte den Rechner unter den Arm, er wollte ihn trotz der Menschenleere nicht unbeaufsichtigt lassen und machte sich in Richtung Speisewagen auf. Er hatte die Richtung verwechselt, denn er befand sich im letzten Waggon und konnte die Gleise in rasender Schnelle aus dem Wagon förmlich herausgleiten sehen. Eine Zeit lang schaute er den Gleisen zu, wie sie da abgespult wurden, dann ging er in den Waggon zurück, um zu den restlichen zu gelangen. Am anderen Ende des Waggons gab es aber auch keinen Durchgang. Mächtig und rot konnte er durch das kleine Stirnfenster in der Durchgangstür die Lokomotive erkennen. Kein Wunder, dass der Zug so schnell unterwegs war. Er bestand nur aus Lokomotive und einem Waggon.

„Wohin bringt mich dieser Zug?“ sinnierte er, als er wieder auf seinem Platz saß. „Wie lange wird die Fahrt noch dauern?“ Im gleichen Augenblick fuhr der Zug in einen weiteren Tunnel. Im Gegensatz zu den vorherigen, war dieser Tunnel nicht ganz dunkel. Zu Beginn war es ein gewöhnlicher Tunnel. Aber die Wände begannen lichter zu werden und der Tunnel war erleuchtet. Die Beleuchtung nahm zu. Es wurde heller und heller. Die Wände wichen auseinander und der Zug fuhr jetzt in eine Halle ein,  in der er mit quietschenden Bremsen zu einem Halt kam.

„N.N. Endstation“ N.N. war sein Name. Er wurde etwas undeutlich ausgesprochen. „Der Reisende wird gebeten, keine Habseligkeiten im Zug zurückzulassen.“ Er fühlte sich entsetzlich schwer. Er packte den Rechner in seine Aktentasche, nachdem er in kontrolliert abgeschaltet hatte. Er stand von seinem Sitz auf. Das Gefühl war sehr irritierend. Er fühlt sich ganz schwer, aber das Gehen schien wie ein Hüpfen, als wäre er in einem Gebiet geringer Schwerkraft. Als er aus dem Zug ausgestiegen war, wurde er durch Schilder zum Ausgang geleitet. Der Ausgang wies ähnlich wie bei Flughäfen eine Kontrollstation zur Passage auf. Es gab zwei Gruppen von Ausgängen, die mit „Wasserträger“ und „Sonstige“ beschrieben waren. Er betrat die Zugangsspur zu „Sonstige“. Er war der einzige Mensch im Raum. Die Person, die seinen Durchgang kontrollierte, war von ihm durch eine dunkle Rauchglasscheibe getrennt. Die Überwachung fand mit Video statt. Es erschien eine Leuchtschrift: „Sie haben sich falsch eingereiht. Sie sind Wasserträger. Bitte reihen sie sich am richtigen Ausgang ein.“

Er verließ seine Spur und ging zu der Wasserträgerspur. Die Leuchtschrift an dieser Kontrollstation sagte nur: „Bitte übergeben sie die Wasserträgerdatei.“ Da er nicht wusste, was er tun sollte, packte er seinen Rechner aus und legte ihn in eine Schale, die sofort nachdem das Gewicht registriert wurde, fortbewegt wurde. Die Leuchtschrift wechselte zu „Bitte warten Sie eine kleine Ewigkeit.“ Er sah sich um, ob er sich irgendwo hinsetzen könnte, aber schon ging die Türe auf, die die weitere Passage blockiert hatte und veranlasste ihn, einzutreten. Dort befand sich ein Schreibtisch, hinter der eine zeitlos erscheinende, elegante Dame saß. Sie trug einen weißen Anzug. Alles an ihr war weiß. Der Teint sehr hell und die Haare silbergrau, obwohl die Gesichtszüge auch zu einer Dreißigjährigen gepasst hätten.

„Guten Tag“ begrüßte sie ihn. „Da ist ja einiges schief gelaufen.“ Er wusste nicht, was er sagen sollte.

„Du hast zweiunddreißig Jahre deines Lebens bewusstlos verbracht. Zusätzlich zu den zweiundfünfzig Jahren davor. Wir sprechen nicht von den 52 Jahren. Die meisten Menschen verbringen ihr ganzes Leben bewusstlos. Aber nicht die Wasserträger. Die haben Verpflichtungen.“

Sie bediente eine sehr flache Tastatur vor sich auf dem Tisch. Er konnte nicht sofort erkennen, wo der Bildschirm war, bis er darauf kam, dass rund um ihn die Wände mit wechselnden Informationen bestrahlt wurden. Er befand sich innerhalb eines Raumes, der nur von Großwandmonitoren begrenzt war.

„Wasserübergabe erfolgte im Jahr 2002. Kein bewusstes Leben seither. Die Wasserdatei ist leer.“ Wenn er sich nicht so schwer vorgekommen wäre, hätte er aufbegehrt. Er fühlte sich ungerecht behandelt. Irgend etwas war an ihm vorbei gelaufen, ohne dass er eine Chance gehabt hätte, einzugreifen.

„Hatte ich den irgendeine Chance?“ fragte er sich still.

„Verwendung des Wassers während zwei Stunden!“ diagnostizierte die Frau. „Hat man dir denn nicht über die Wichtigkeit Bescheid gegeben?“ Er schüttelte den Kopf. Er konnte sich nicht einmal an die Umstände der Wasserübergabe erinnern. Das war im Kaffeehaus gewesen. Dumpf erinnerte er sich, dass man das Wasser nicht ausschütten konnte. Was hätte er damit tun sollen?

„Trinken. Trinken und ich dich hineinhören.“ schien die Frau seine Gedanken zu lesen.

Er schien noch schwerer zu werden. Es hatte keinen Sessel in dem Raum auf seiner Seite des Schreibtisches gegeben, als er hereingekommen war. Jetzt befand sich hinter ihm ein bequemer weißbezogener Lederstuhl. „Setz dich ruhig hin.“ wies sie ihn an. „Du wirst noch schwerer werden.“

Sie betätigte einige Tasten und die Bilder auf den Wänden veränderten sich. Schemenhaft konnte er Verwandte und Freunde erkennen. Die Kinder seiner Schwester. Auf einem Schirm erschien eine Formel. Klar leserlich, nicht verschwommen, ihm aber unverständlich. Er versuchte sie zu analysieren, aber einige der Zeichen blieben für ihn bedeutungslos. Sie schaute ihm aufmerksam zu und meinte schließlich: „Nie gesehen, oder?“ Er schüttelte erneut den Kopf.

„Das ist deine Formel. Du hättest sie entdecken sollen. Aber statt dessen hast du geschlafen.“ Aber er konnte doch nichts dafür. Er war einfach eingeschlafen. Es ist doch nicht üblich, dass man am Schreibtisch einschläft und dreißig Jahre später in einem Zug aufwacht. Was sollte die Formel. Sie schien aus der Physik zu stammen, aber für das Verständnis fehlten im praktisch alle Grundlagen.

Sie tippte weiter auf ihrer dünnen Tastatur. Auf einer Wand erschien in großen Ziffern „-0.2 +/- 1.3“. Sie runzelte die Stirn und tippte etwas längere Passagen ein. Die Zahlen wechselten zu „-0.15 +/- 1.25“. Sie schien noch immer nicht befriedigt. Sie sah ihn jetzt aufmerksam an, aber im Unterschied zu vorhin schien jene gewisse Verachtung gewichen zu sein, die vorher die Herablassung getragen hatte. Er fühlte sich ziemlich unbehaglich unter ihrem Blick, obwohl dieser jetzt viel freundlicher war. Offensichtlich konnte sie in ihn hineinsehen, so wie sie vorher schon seine Gedanken lesen konnte. Aus der Tischplatte kam ein Telefon heraus. Ohne zu wählen und ohne dass es klingelte hob sie den Hörer ab: „Ich habe hier einen Eins-Sigma. Was soll ich tun?“

Die Gegenstimme konnte man nicht hören, aber sie las die letzten Zahlen von der Wand ab. Es gab eine längere Pause.

„Übergabe ist vor dreißig Jahren erfolgt.“ Nach der offensichtlich kurzen Antwort fuhr sie fort: „Ja, ich weiß selber, dass das unmöglich ist. Ich habe es aber kontrolliert.“

Er war inzwischen so schwer geworden, dass sich die Seitenteile des Fauteills gebogen hatten, da sie zusätzlich sein Gewicht über die Tapezierung mit aufnehmen mussten. Die Frau hatte das offensichtlich bemerkt. „Ich muss rasch eine Entscheidung haben, sonst verlieren wir ihn. Er sitzt schon auf dem Fußboden.“

„Und wer autorisiert diese Entscheidung?“ Das Telefon, das wie der Rest des Raumes weiß war, blinkte drei mal blau auf. Die Frau legte den Hörer auf und tippte eine Reihe von Eingaben in die Tastatur. Die Bilder auf den Wänden verschwanden und er konnte spüren, dass die Gewichtszunahme aufgehört hatte. Nunmehr in rasendem Tempo klickten die Tasten.

„Ich kann dich nur stabilisieren. Leider musst du dich an das Gewicht, dass du jetzt hast, gewöhnen, bis eine Entscheidung herbeigeführt ist.“

„Ich habe doch gar keine Chance gehabt, das Wasser zu ‚verwerten’. Ich bin sofort nach der Übergabe eingeschlafen und erst heute wieder aufgewacht.“

„Das spielt keine Rolle. In den zwei Stunden, in denen du noch wach warst, hättest du alles Notwendige erreichen können. Der Schlaf ist keine Entschuldigung.“ Sie hatte zu ihrer früheren Herablassung zurückgefunden. Sie schien ihn absolut nicht zu mögen.

Sie saßen nun beide still und warteten auf etwas, wovon er nicht wusste, was es war. Er spürte nur ein leises Frohlocken, dass sie mit ihm nicht so verfahren konnte, wie sie es wohl gerne getan hätte.

Es verging eine Zeit, die ihm wie zwei Stunden erschienen. Wer konnte das aber sagen, wenn er vorher dreißig Jahre lang geschlafen zu haben schien. Vielleicht verging in dieser Zeit ein Sonnenjahr.

Die Regeln
Währenddessen spielte sich anderswo eine heftige Diskussion ab. Die Heftigkeit zeigte sich nicht durch Lautstärke oder Körpereinsatz. Es wurde ganz ruhig gesprochen. Doch die Aussagen waren so konträr und die dazu gehörenden Beweisführungen so kompliziert, dass es schien, als würden sich die Aussagen ins Wort fallen und der eine nicht warten, bis der andere zu Ende gesprochen hatte.
Für einen, der die Hintergründe nicht verstand, hörte es sich ungefähr so an:

„Wir betrachten die Phase 2000. Unschärfen sind erlaubt und werden akzeptiert werden.“ Dieser Satz wurde durch eine Reihe von Zitaten begleitet, welche alle auf bestimmte Unlösbarkeiten, die der Mensch im Zuge der Zeit gefunden hatte, eingingen.

„Wir können nicht das Absolute darstellen und dann würfeln, ob wir zu einer Frage ja oder nein sagen.“ Diese Aussage wurde von dogmatischen Beispielen untermalt, die den Beweis erbringen sollten, dass der Glaube Berge versetzt.

Die Debatte verlief einige Zeit, bis einer, der bis dahin nichts gesprochen hatte, sich einmischte.

„Wir können die Frage nicht beantworten. Wenn wir aber jetzt eine Entscheidung treffen, muss sie auch später noch begründbar sein. Wir müssen also irgendwann die Möglichkeit haben, festzustellen, ob wir heute richtig waren oder nicht. Dazu benötigen wir ein Orakel, welches die Frage von einer anderen Seite beleuchtet. Dieses Orakel haben wir nicht. Es bleibt uns also nichts Anderes übrig, als zusätzliche Daten zu sammeln und die Untersuchung auf einen späteren Zeitpunkt zu verlegen.“

„Das haben wir doch auch schon früher so gemacht und das Resultat war immer dasselbe. Dann können wir das Resultat jetzt aufgrund der früheren Erfahrungen festlegen.“

Es ging noch einige Zeit hin und her. Die Meinung der momentanen Unentscheidbarkeit setzte sich durch. Doch jetzt ging die Diskussion in eine andere Richtung.

„Soll er wieder Wasserträger werden? Die meisten gehen bereits an einem Glas zugrunde.“

„Wenn wir die Frage beantwortet haben wollen, so muss er wieder Wasserträger sein. Sonst werden wir keine hinreichende Auskunft bekommen.“

„Wenn er sofort stirbt, werden wir nicht mehr wissen als jetzt.“

„Dieses Problem lässt sich leicht behandeln. Er bekommt kein neues Wasser. Wir nehmen das, welches bereits in ihm ist.“

Ein neuer Anfang

In den weißen Raum kam ein Mann, welcher ein Glas und etwas, das wie eine Spritze aussah, herein. Er nickte der Frau bestätigend zu und ging zu ihm.

Dieser war ängstlich auf dem Sessel gesessen, sich unbequem fühlend, müde, aber außerstande, einzuschlafen, da er dachte, dass jede Sekunde, die er bewusst erleben würde, kostbar sei. Der Mann streifte seinen Ärmel hoch und hielt das Gerät an den Arm. Es war keine Spritze. Es bestand aus einer Reihe von Saugnäpfen, die sehr klein waren und den Eindruck einer Zahnbürste erweckten.  Der Mann betätigte einen unsichtbaren Knopf und das Glas, welches er noch in der Hand hielt, begann sich zu füllen, obwohl es keine sichtbare Verbindung gab. Es schien sich aus sich selbst zu füllen.

Als es bis ungefähr einen Zentimeter unter dem Rand gefüllt war, zog der Mann die Zahnbürste zurück. Er fischte in seiner Tasche und brachte einen Verschluss für das Glas heraus, welcher sich oben aufstecken ließ.

„In diesen Räumen lässt es sich verschütten. Man muss vorsichtig sein.“ Der Mann drückte den Verschluss auf das Glas und gab ihm das Glas. „Gut aufpassen darauf!“ Er nickte der Frau zu und verschwand durch die unsichtbare Tapetentür, durch die er gekommen war. Die Frau blickte noch einmal skeptisch auf ihn, dann begann sie fast einen Roman auf die Tastatur zu klopfen. Es dauerte, so wie er es empfand, eine Viertelstunde. Dann begannen die Wände wieder Bilder zu zeigen.

Auf den Wänden erschienen Landschaften, die sich bewegten. Die Wände wurden kleiner. Der sichtbare Teil der Landschaften wurde von Fensterrahmen eingeengt. Die Rahmen bekamen ein metallisches Aussehen und wurden zu Zugfenstern. Als er dies neugierig betrachtete, geriet die Frau aus seinem Sichtbereich. Als er den Kopf zur Seite drehte, um die andere Wand zu sehen, sah er dort ebenfalls Fenster und Landschaften, aber beim Drehen des Kopfes geriet die Frau nicht mehr in sein Blickfeld. Dort, wo sie gesessen hatte, war nur mehr eine Bank und die Wand eines Zugabteils.

Er war aus einem langen und schweren Traum erwacht. Er konnte kurz nach dem Aufwachen nicht sagen, wieso er in einem Zug saß. Die nähere Vergangenheit entzog sich seinem Gedächtnis. An den Traum konnte er sich nicht erinnern. Er sah auf dem kleinen Tisch des Zugabteils ein Glas Wasser mit einem Deckel stehen. Er wusste, dass es damit etwas Besonderes auf sich hatte, aber als er jetzt angestrengt darüber nachdachte, was es denn wäre, fiel ihm kein Zusammenhang ein.

Er zog den Deckel ab und kostete. Ein unbeschreiblich befriedigender Geschmack löschte seinen Durst. Er hatte gar nicht mitgekommen, dass er aus dem Traum mit entsetzlichem Durst erwacht war. Nach einem Schluck war der Durst weg. Er konnte sehen, dass er fast nichts getrunken zu haben schien. Er trank noch einmal einen kräftigen Schluck. Als er das Glas absetzte, war es noch bis einen Zentimeter unter dem Rand gefüllt.

Er dachte nach. Das war ihm doch schon einmal passiert. Damals in einem Kaffeehaus hatte er so ein Glas Wasser bekommen. Was war mit dem geschehen? Er hatte keine blasse Ahnung. Allerdings erschien ihm diese Frage jetzt als die wichtigste seines Lebens. Wie konnte es sein, dass ein so seltsamer Umstand und die damit verbundenen Ereignisse keinen Eindruck in seiner Erinnerung hinterlassen hatten. Er hörte die Zugsansage. Der Zug würde in wenigen Minuten in seinem Wohnort einfahren. Von welcher Reise war er zurückgekommen? Er versah das Glas wieder mit dem Deckel, obwohl der Wasserspiegel sich nicht vom Rucken des Waggons zu beeinflussen schien. Er packte es in seine Aktentasche.

Er verließ den Zug und machte sich auf den Weg nach seinem Zuhause. Er konnte die kurze Strecke zu Fuß gehen. Als er zuhause angekommen war, öffnete er die Fenster und sah nach, ob Post gekommen war. Es lag keine im Briefkasten und auch nicht im Vorzimmer, wohin sie jemand ausgeräumt hätte. Er ging in sein Arbeitszimmer und blickte umher. Der Computer war abgedreht. Auf dem Drucker befand sich noch ein Blatt im Einzug. Er schaltete die Anlage ein und holte das Blatt im Einzug mit dem Druckervorschub heraus. Auf dem Papier stand:

„Lebe ich? Bei der Beantwort      “ danach gab es ein paar Leerzeilen und den Ausdruck einer Systemnachricht, die besagte, dass die zu druckende Datei zu groß sei und zu einem Abbruch des Systems geführt hatte. Auf der Fußzeile schien sich der Drucker doch noch durchgesetzt zu haben, denn es war ein Vermerk gedruckt: „wasser.doc erstellt am 18. Juni 2000“

Er hatte inzwischen den Computer angeschaltet und das Betriebssystem war bereit. Er suchte nach der Datei wasser.doc und fand sie ganz rasch. An der Datei war nichts Außergewöhnliches. Eine kurze Datei mit einer Seite, zuletzt am 18. Juni 2000 geändert. Als Text gab es lediglich ein „Lebe ich?“ Nichts mehr. Keine Beantwortung, keine Erklärung. Er suchte noch nach weiteren Dateien mit ähnlichem Namen. Erfolglos.

Er nahm das Glas aus der Aktentasche und stellte es neben den Computer. Er hatte sich etwas überlegt. Er würde einen kleinen Schluck trinken und aufschreiben, was ihm gleich darauf durch den Kopf ging. Vielleicht konnte er so etwas rekonstruieren, was zu tief in ihm vergraben schien.

Er nahm einen Schluck. Er schrieb gleich in der Wasserdatei weiter.

Absatz.

„Die Menschheit wird verhungern.“ Als er den Satz geschrieben hatte, froren seine Finger fest. Er konnte nicht mehr schreiben. Wieso sollte er so etwas schreiben. Das war nicht sein Thema. Das waren nicht seine Fragen. Das ging ihn nichts an. Das sollten Politiker lösen oder Bauern oder Wirtschafter. Er kannte keine Randbedingungen. Geographie war nicht sein Fach gewesen und Biologie schon gar nicht. Dieser Satz gehörte nicht zu seiner Person. Wenn er ihn in einer Zeitung lesen würde, würde sein Blick nicht stehen bleiben. Er versuchte einen Trick. Er zwang sich das Wort „Warum“ an seinen Satz anzufügen. Er wartete eine Weile, dann trank er noch einmal von dem Wasser. Würde jetzt die Antwort kommen?

Da war nichts. Sein Hirn blieb leer und die Finger taub. Er ging in die Küche und sah nach, ob er etwas zu Essen fand. Er hatte keine Erinnerung daran, wie lange er von zuhause weg gewesen war. Aber das ließ sich später noch herausfinden. Er fischte eine Packung Knäckebrot und ein Konserve mit Fisch heraus und sah nach allfälligen Weinflaschen. Da war eine Flasche Bordeaux, die er öffnete. Er schenkte sich ein Glas ein, nahm das Brot und die geöffnete Konserve mit zum Computer und beschloss, nach seinem Posteingang zu sehen. Er konnte feststellen, dass seit seiner letzten Abholung eine Woche vergangen war. Er hatte nicht viel Post bekommen. Keines der Poststücke hatte einen Bezug auf das Wasser. Er trank einen Schluck vom Bordeaux. Es war kein besonders guter, denn er pflegte sich in der Regel mit Sonderangeboten vom Supermarkt einzudecken. Der Wein schmeckte ihm trotzdem ausnehmend gut. Er dachte kurz nach. Was würde sich im Internet unter Wasser des Lebens finden lassen? Es gab unzählige Einträge, die sich alle mit kultischen Geheimnissen beschäftigten. Er versuchte den Begriff „nie versiegend“ in die Abfrage hineinzunehmen. Jede Menge Sagen und wieder Okkultismus.

Er war ein nüchterner Mensch. Er lebte allein. Eine frühe Ehe war nach wenigen Jahren geschieden worden. Sie hatten keine Kinder gehabt. Danach hatte er nie mehr nach einer Partnerin gesucht. Er verbrachte  sein Leben damit, zu arbeiten, ab und zu in sein Stammlokal zu gehen und im Urlaub lange Spaziergänge im Waldviertel zu unternehmen. In seiner Arbeit schätzten ihn seine Kollegen, weil sie sich auf ihn verlassen konnten. Bei sozialen Veranstaltungen enthielt er sich meistens. Nachdem er einige Einladungen ausgeschlagen hatte, luden ihn die Kollegen auch nicht mehr ein und respektierten seine selbstgewählte Einsamkeit. Seine Tätigkeiten bestanden darin, Pläne von anderen zu realisieren oder zumindest der Realisierung näher zu bringen. Er hatte keine eigenen Ideen. Er mochte auch keine Ideen. Ideen waren im Gegensatz zu Plänen Unausgegorenes, Unpraktisches. Warum sollte sich jemand mit Dingen beschäftigen, die nie ihre reale Entsprechung finden würden.

Mit okkultistischen Einträgen konnte er daher nichts anfangen. Trotzdem hätte er gerne gewusst, ob es jemand gäbe, der mit einem ähnlichen Wunder wie er konfrontiert gewesen war. Ein Wunder konnte er akzeptieren. Er war zwar kein religiöser Mensch. Was an Religion in seiner Kindheit in ihn hineingepumpt worden war, hatte kaum Spuren hinterlassen. Aber den Begriff des Wunders kannte er, wenn er auch nie damit gerechnet hätte, selbst Zeuge davon zu sein. Er konnte sich dumpf an zwei Wunder erinnern, die mit dem sonderbaren Glas Wasser in Verbindung stehen konnten. Es gab da eine wunderbare Weinvermehrung, die aus der Quelle einfachen Wassers entstand und dann gab es da noch die wundersame Brotvermehrung, eine recht bequeme Form von Catering.

Er erschien ihm als Verschwendung, ein Wunder auf seine unbedeutende Person zu verschwenden. Das Schicksal oder irgendwer anderer hatte da einen Fehler gemacht. Er holte sich die ursprüngliche Textdatei an die Oberfläche zurück.

„Lebe ich?“

„Die Menschheit wird verhungern.“ Warum

Er löschte das „Warum“. Es hatte nichts bewirkt. Als das W verschwand, fühlte er sich veranlasst, die Finger auf die Tastatur zu legen. Fast wie von selbst tippte er die Frage: „Gibt es eine Möglichkeit, das zu verhindern?“

Erstaunt hielt er inne. Er durfte nicht zu direkt sein. Er musste warten, was aus ihm selbst herauskam. Es war unheimlich. Er war nicht gewohnt, neue Ideen zu haben oder neue Sätze zu formen. Mit dem Genuss des Wassers formten sich in ihm aber neue Fähigkeiten. Er erlebte das nicht bewusst mit. Bis jetzt war es eine eher unheimliche Erfahrung. Doch er konnte spüren, dass etwas mit ihm vorging.

Er trank noch die halbe Flasche leer, verschloss den Rest mit einem Gummiverschluss und legte sich schlafen.

Der Morgen
Der nächste Morgen war ein Montag Morgen. Er stand zum gewohnten Zeitpunkt auf, frühstückte eine Scheibe Knäckebrot und bereitete sich einen Kaffee zu. Das Glas mit dem Wasser, welches beim Computer stehen geblieben war, stellte er in den Kühlschrank. Er trank nichts davon, da er eine sonderbare Scheu davor hatte, dass es ihn betrunken machen würde.
Er machte sich auf den Weg zur Arbeit. Er musste ungefähr 15 Minuten gehen. Manchmal nahm er auch die Straßenbahn, wenn gerade eine in Sicht war. Sonst dauerte das Warten auf die Straßenbahn länger, als der Weg zu Fuß. Die Kollegen begrüßten ihn freundlich und fragten, wie sein Urlaub gewesen war. Nach zwei, drei gewechselten Sätzen war er an seinem Arbeitsplatz allein und sichtete das Material, welches er zu bearbeiten hatte. Er überlegte sich, wie viel Zeit er benötigen würde. Auf dem Tisch lag Arbeit für einen ganzen Monat für ihn. Soviel Zeit hatte er nicht.

Dieser Gedanke war so neu, dass er plötzlich erschrak. Er hatte die Arbeit immer nach Arbeitsanfall gemacht und so lange gewerkt, bis sie beendet war. Es hatte keine Überlegung für ihn gegeben, dass er sich beeilen müsste, oder dass es zuwenig Zeit für ihn geben könnte, um damit fertig zu werden. Er war oft gelobt worden, dass man sich auf ihn verlassen könne, dass er alles fertig stellen würde, was er an Aufgaben vorfände. Wie konnte plötzlich der Gedanke kommen, dass er nicht genügend Zeit hätte. Er benötigte doch keine Zeit neben seiner Arbeit.

Ganz plötzlich hatte sich bei ihm ein Bedürfnis breitgemacht. Ein Bedürfnis nach viel Zeit, viel Freizeit. Obwohl er nicht wusste, was er in dieser Zeit machen sollte, war der Drang nach mehr Freizeit so stark als hätte er dringend die Toilette aufsuchen müssen. Der Drang war körperlich spürbar. Er sah sich noch einmal das Arbeitsmaterial an. Konnte er es sich so einteilen, dass er weniger Zeit für die Bewältigung brauchen würde? Er beschloss, den Vormittag ausschließlich der Beantwortung dieser Frage zu widmen. An anderen Tagen hätte er sich unmittelbar über die erste Aufgabe hergemacht, aber heute zwang er sich dazu, darüber nach zu denken, ob man die Arbeit besser organisieren könnte. Um elf Uhr kam eine Frau in sein Zimmer. Sie trug eine Mappe, die sie im auf den Tisch legte – zusätzliche Aufgaben. Sie fragte, ob sie schon etwas mitnehmen könnte, worauf er den Kopf schüttelte. Sie blickte verwundert auf, enthielt sich aber eines weiteren Kommentars und verschwand wieder.

Beim Mittagessen in der Kantine gab es nichts Auffälliges, bis der Chef von ihm zu seinem Tisch kam und fragte, ob er sich schon wieder eingearbeitet hätte. Von der kurzen Antwort „nein“ war sowohl der Chef als auch er selbst überrascht. Das hatte es in den vergangenen zweiundzwanzig Jahren noch nie gegeben, dass er so klar eine negative Antwort zustande gebracht hatte.

Nach einer kurzen Schrecksekunde fing der Chef zu lächeln an und meinte: „Naja, nehmen Sie sich ruhig Zeit. Aber dass Sie einmal nein sagen, ist ein kleines Wunder.“ „Sie brauchen sich keine Sorgen machen, ich werde rechtzeitig mit allem fertig werden.“ stammelte er, worauf der Chef nur freundlich erwiderte: „Aber das weiß ich doch.“

Als er nach dem Mittagessen an seinen Arbeitsplatz zurückkehrte, fing er an die Arbeiten zu ordnen. Jemand anderer hätte das Ordnungsprinzip nicht durchschauen können. Dazu hätte er wissen müssen, worin die eigentliche Fertigkeit der benötigten Tätigkeit bestand. Aber er selbst blickte zufrieden auf die Stöße und freute sich. Er wusste, dass er allein mit der Zeit dieses Vormittages eine ganze Woche Arbeit gespart hatte.

Zufrieden lehnte er sich vor und begann mit seiner eigentlichen Arbeit, die darin bestand, bestimmte Arbeitsabläufe im Produktionsprozess zu beschreiben und daraus auch entsprechende Arbeitsanweisungen zu erstellen. Früher hatte er immer einen Ablauf nach dem anderen abgearbeitet. Nun hatte er einige gemeinsame Stellen entdeckt, die er von Anweisung zu Anweisung wiederverwenden konnte. Er hatte sich zwar früher schon manchmal darüber Gedanken gemacht, dass er bestimmte Absätze wieder und wieder abtippen musste, aber er hatte nie die Konsequenz daraus gezogen, etwas in seinem eigenen Arbeitsablauf zu verbessern. Er arbeitete ohne Pause bis in den Abend hinein. Normalerweise würde er um fünf Uhr nachmittags das Büro verlassen. Es war acht Uhr, als er inne hielt. Er hatte ungefähr das Pensum von zwei vollen Arbeitstagen erledigt.

Er verspürt etwas Hunger, stand auf und verließ das Büro. In der Nähe seiner Wohnung gab es eine Reihe kleiner türkischer, persischer und serbischer Lokale. In einem der letzteren aß er einen Teller Rasnici und trank eine Flasche Bier. Dieses schmeckte ihm überhaupt nicht. Er erinnerte sich daran, dass er zuhause im Kühlschrank das Glas Wasser hatte. Er zahlte rasch und eilte nach Hause. Dort angekommen war sein erster Weg der in die Küche zum Kühlschrank. Er setzte das Glas an und trank einen großen Schluck. Es überraschte ihn aufs neue, dass der Inhalt des Glases nicht abnahm. Er fragte sich, warum er überhaupt ein Bier bestellt hate. Unabhängig von dieser Überlegung überfiel ihn aber ganz stark die Fragestellung, warum er plötzlich so auf Zeitersparnis aus war und was er mit dieser Zeit eigentlich anfangen sollte.

Er nahm das Glas und ging in das Arbeitszimmer. Die Datei mit den paar angefangenen Sätzen war noch immer offen. Er verspürte eine Lust zu schreiben. Er setzte sich hin und tippte: „Ich habe viel zu wenig Zeit.“ Erschrocken nahm er das Getippte wahr. Dieser Gedanke war nicht seiner. Er hatte nie Überlegungen über die Zeit angestellt, die er zu Leben hatte. Der Tod schreckte ihn nicht, weil er dafür zuwenig Phantasie besaß. Jeder Mensch muss früher oder später sterben, pflegte er zu sagen, warum sollte ich mir über meinen eigenen Tod Gedanken machen. Zugegeben, das letzte Mal, als er dies jemanden anderen erzählt hatte, war vor 25 Jahren und vielleicht war es gerade diese Zugangsweise zum Thema gewesen, die seine Frau veranlasst hatte, sich von ihm zu trennen. Er glitt an allen üblichen Fragen und Problemstellungen vorbei. Doch jetzt war die Frage da, warum er zuwenig Zeit hätte. Zeit wofür? Er kannte nichts, was so zeitaufwendig gewesen wäre, dass er es nicht innerhalb einer überschaubaren Zeit bewerkstelligen hätte können.

Er wollte heute noch ins Kino gehen. Es gab ein kleines Kino mit uralter Einrichtung, die jeden Tag einen anderen alten Film spielten, das auch noch um zehn Uhr abends einen Film zeigte. Er verstaute das Glas wieder im Kühlschrank und verließ die Wohnung, um zum Kino zu schlendern.

Im Kino löste er eine Eintrittskarte und nahm auf einem der alten Kinostühle, die im Vorraum auch als Wartestühle dienten Platz. Auf dem Platz neben sich entdeckte er ein Taschenbuch mit Computerspielen. Es war aber in Wirklichkeit die Beschreibung einer Computersimulation, die sich mit Modellen einer deutschen Universität füttern ließ.

In dem Buch war die Simulation einer deutschen Kleinstadt und eines afrikanischen Staates mit all seinen Naturproblemen enthalten. Die Bilder zeigten Ausdrucke, wie man sie in den Siebzigerjahren mit dem Computer herstellen konnte, hauptsächlich Tabellen und ein paar wenige Worte als Tabellenbezeichnungen.

Erinnerungen

In ihm stiegen Erinnerungen hoch. Er hatte das Buch gelesen und er war begeistert gewesen. Besonders beeindruckt hatte ihn der Abdruck eines Berichts aus den Nachrichten, der über die Probleme eines afrikanischen Staates berichtete. Die Ähnlichkeit mit der Computersimulation war unübersehbar. Allerdings betraf der Bericht einen Zeitraum von über dreißig Jahren, während die Computersimulation während eines Semesters mit Studenten durchgeführt worden war. Damals hatte er geglaubt, dass es nur eine Frage der Zeit wäre, bis die Leistung von Computern soweit zunehmen würde, dass man die politischen, wirtschaftlichen und ökologischen Geschehnisse auf der gesamten Erde simulieren könnte. Mit Hilfe der Simulation könnte man quasi in die Zukunft schauen und sinnvolle Entscheidungen treffen. Oder besser ausgedrückt, unsinnige Entscheidungen wären vermeidbar geworden.
Er musste über seine Naivität lächeln. Doch plötzlich gefror sein Lächeln zu einer Maske. Da gab es doch überhaupt nichts zu lachen. Auch andere Personen mussten diesen Gedanken gehabt haben. Und es gab Prophezeiungen, die auf Computersimulationen beruhten. Allerdings trafen sie nicht ein.
Das ging ihn doch nichts an. Er konnte nichts dagegen unternehmen und genauso wenig konnte er zu einer Veränderung beitragen. Doch in seinem Leben hatte sich etwas verändert. Es war etwas Unerklärbares passiert und in seinem Leben gab es jetzt ein Element, für das es schlicht keine Erklärung gab. Ein „Tischlein deck dich“, das zwar auf die schlichte Substanz von Wasser beschränkt war, nichtsdestoweniger aber ein märchenhaftes Wunder darstellte. Basierte die Geschichte des „Tischlein deck dich“s auf einem realen Erlebnis, das eines der Brüder Grimm erlebt hatte? Oder hatten sie lediglich Mythen aufgegriffen, die ein früheres Geschehen tradiert und vielleicht ein bisschen ausgeschmückt hatten?
Er schüttelte den Kopf. Verrückte Gedanken. Gedanken, die er früher nie gehabt hatte. Die Kinobesucher wurden in den Saal gelassen. Der Film handelte von radioaktivem Material, das im Zuge eines Flugzeugabsturzes, auf einer Insel gelandet war. Es war in einem sicheren Bleibehälter unversehrt durch einen Fallschirm gebremst gelandet und befand sich jetzt in einer unbewohnten Gegend auf dem Berg der Insel, die als Touristikziel diente. Der Behälter war mit einem Transponder ausgerüstet, sodass die Amerikaner den ungefähren Ort ermitteln konnten.
Trotzdem kamen sie zu spät. Ein Fischer entdeckte während eines Spaziergangs die Kiste, vermutete einen Schatz und konnte mit Brachialgewalt die Verschlusssicherungen öffnen. Als er den darin befindlichen unscheinbaren, grauen Metallklumpen sah, wendete er sich enttäuscht ab. Dabei stieß er noch verächtlich mit dem Fuß gegen den Behälter. Der kippte trotz seines Gewichts zur Seite und der Metallklumpen rollte heraus und landete in einem kleinen Bach. Während die Gäste in einem Hotel das Neue Jahr begrüßten, floss radioaktiv verseuchtes Wasser ins Meer. Am Morgen konnte man tote Fische an der Oberfläche des Wassers beobachten.
Der Film war kein Erfolg geworden, obwohl Katastrophenfilme später regelmäßig Unsummen einspielten. Wahrscheinlich war der Mangel an Überzeichnung schuld daran gewesen, dass man die eigentliche Aussage des Films leicht wegstecken konnte. Die einzige Spannungsdramatik war das gerade um Stunden verspätete Eintreffen des Entsorgungsteams, die das Öffnen des Behälters gerade verpasst hatten.
Er sah den Film auch beim zweiten Mal noch mit großer Begeisterung. Doch neben den Filmszenen lief noch ein weiteres Szenario in seinem Hirn ab. Er vermochte das Skelett des Films zu sehen, das Drehbuch. Doch es war nicht das Drehbuch des Films, wie es ein Autor verfasst. Es waren Formeln oder Grafiken, bildliche Darstellungen von logischen Zusammenhängen. Er sah sie wie Untertitel in seiner Wahrnehmung eingeblendet.
Als der Film zu Ende war, versuchte er sich an die Darstellungen zu erinnern, doch es gelang ihm so wenig, wie man sich an einen Traum erinnern kann, wenn man seit dem Aufwachen an etwas anderes intensiv gedacht hat.
Er war sehr verärgert und er tat das, was im Augenblick als das Logischste erschien. Er kaufte sich noch eine Karte für die gleich folgende Vorführung. Er war neugierig, ob sich die Wahrnehmung wiederholen würde. Bevor er in den Saal gehen konnte, überfiel ihn ein unmäßiges Durstgefühl. Er ging in die Toilette und wollte aus dem Wasserhahn trinken. Doch er fühlte nur Abscheu und konnte sich nicht überwinden, die Hand unter den Hahn zu halten, um damit einen Becher zu emulieren. Er musste nach Hause, jetzt sofort. Nur das Wasser im Kühlschrank konnte ihm jetzt den Durst löschen. Die Karte würde verfallen. Halbherzig versuchte er sie, zurück zu geben. Die Kassiererin lächelte nur mitleidig, sie mochte ihn für etwas verschroben halten.

Er wusste nicht, wie er nach Hause gekommen war. Der Durst wurde so unerträglich, dass er alle Eindrücke zu verdrängen versuchte. Im Stiegenhaus war er zu ungeduldig, auf den Lift zu warten. Er fummelte am Schloss herum und endlich war er in der Wohnung. Als er den Becher zum Trinken ansetzte, konnte er es nicht fassen, dass bereits die ersten Tropfen, die seinen Mund berührten, sein Durstgefühl schlagartig verschwinden ließen.

Noch etwas passierte gleichzeitig. Er sah eine Grafik aus dem Film. Sie sah so ähnlich aus, wie früher Fahrpläne der Eisenbahn ausgesehen hatten. Schräge Linien, welche den Zusammenhang zwischen Uhrzeit und Position der Züge darstellten. Er fragte sich nur, warum ihm eine so einfache Darstellung nicht früher eingefallen war und warum er sich gleich nach Ansehen des Filmes nicht daran erinnern konnte.
Diesmal war er klüger. Er nahm sich ein Blatt Papier und skizzierte die Zeichnung. Es war nur eine sehr rohe Skizze, doch den Rest konnte er später noch verfeinern. Jetzt ging er mit der Zeichnung ins Wohnzimmer, legte sie vor sich auf den Tisch, setzte sich nieder und starrte die Zeichnung an. Was bedeuteten die „Untertitel“ und warum konnte er sie sehen. Würden sie andere Menschen sehen oder würden sie ihn für verrückt halten? Vielleicht nur mitleidig belächeln. Er wurde müde. „Nicht einschlafen“ dachte er noch. Angst ergriff ihn. Als er das letzte Mal eingeschlafen war, war etwas passiert, woran er sich nur undeutlich erinnern konnte. Er konnte sich eigentlich gar nicht erinnern, nur das Gefühl, das Schlafen unangebracht war, war geblieben. Er würde schlafen müssen.
Er raffte sich auf und ging noch einmal in die Küche. Diesmal trank er das ganze Glas leer. Die Müdigkeit verschwand ebenso wie der Durst zuvor.
Das Telefon läutete.

Telefon

Er wollte das Telefon abheben, doch dann stockte er plötzlich. Wieso hatte er zuhause ein Telefon? Er hatte kein Telefon. Seine instinktive Reaktion, abheben zu wollen, war die Macht der Gewohnheit und selbst im Büro fühlte er sich durch einen Anruf immer gestört.
Deswegen hatte er nie ein Telefon zuhause gewollt, es gab ja auch gar keinen Anlass dafür. Er war ein Einzelgänger, wer sollte ihn anrufen. Das Telefon läutete beharrlich, es hätte schon längst aufhören sollen zu läuten. Der Klingelton war der von ganz alten Telefonen mit Wählscheiben, der einer richtigen elektrischen Klingel. Er ging dem Geräusch nach. Es kam aus seiner Aktentasche. Als er sie öffnete, sah er das Display eines Mobiltelefon leuchten. Das war die normale Automatik, wenn ein Anruf einging. Er hob das Telefon aus der Aktentasche. Er hatte weder eine Ahnung, woher das Telefon kam noch wie er abheben sollte. Es gab keine Tasten. Er berührte das Display und das Läuten hörte auf. Er hatte den Anruf abgelehnt. Da er sich mit dem Gerät nicht auskannte, konnte er nicht nachsehen, woher der Anruf gekommen war.
Doch das beschäftigte ihn momentan weniger als die Frage, wie das Telefon überhaupt in seine Tasche hineingekommen war.
Das Telefon läutete wieder. Diesmal konnte er aber den Anweisungstext erkennen, der ihm mitteilte, wie er das Display berühren musste, um den Anruf anzunehmen.
Eine unfreundliche Stimme klang aus dem Gerät: „Hören Sie, Sie sind ja ein ganz sonderbarer Verweigerer. Haben Sie überhaupt nichts gelernt? Wenn Sie ihr Verhalten nicht ändern, habe ich Sie sehr bald wieder vor mir und muss mich darüber ärgern, dass ich die Angelegenheit ausbügeln muss.
Ich dürfte mit Ihnen zum gegenwärtigen Zeitpunkt gar nicht sprechen. Aber jetzt hören Sie einmal gut zu. Sie nehmen das Wasser immer mit sich mit. Wenn Sie müde werden, trinken Sie. Sie dürfen einfach nicht mehr einschlafen. Es ist zu gefährlich. Haben Sie keine Angst davor, nicht zu schlafen. Das Wasser übernimmt alle Aufgaben, die sonst der Schlaf für sie bewerkstelligt. Haben Sie gut aufgepasst. Das ist es für jetzt al…“ Die Verbindung wurde unterbrochen.
Er wusste weder, dass der Anruf genau dreißig Sekunden gedauert hatte noch wer die Anruferin war. An die weißgekleidete Frau, die ihn einmal als einen EinsSigma bezeichnet hatte, hatte er keine Erinnerung.
Er war ratlos. Die Anweisung hatte er verstanden. Er hatte es ja selbst erlebt, wie das Wasser auf ihn gewirkt hatte. Wahrscheinlich war irgendeine Aufputschdroge enthalten, anders konnte er sich den plötzlichen Aktivitätsschub nicht erklären. Doch wieso war der Schlaf gefährlich?
Und was bedeutete das für sein Leben? Er hatte, wenn er den Schlaf vermied um rund fünfzig Prozent mehr Lebenszeit. Was sollte er damit tun? Wofür war diese Zeit vorgesehen. Er beschloss, sich mit dem Thema Zeit näher zu beschäftigen. Er war jetzt zwar nicht körperlich müde, doch er fühlte sich irgendwie geistig müde. Er wollte nachdenken. Aber sein eigenes Denken erschien ihm so ungeordnet.
Das Bild aus dem Kino fiel ihm wieder ein. Es sah ungefähr so wie ein Fahrplan aus, allerdings ohne dass er Bezeichnungen der einzelnen Stationen gesehen hätte.

  ←           Zeit           →               Weg
                                  E
| --------------------------- |   0'  0'     Heilbronn Pfühlpark
X                             X   2'  2'     - Finanzamt
|\                           E|   3'  3'     - Friedensplatz
|  \             /-----\   E  |   5'  5'     - Harmonie
|    \         /         X    |   7'  7'     - Rathaus
|      \     /         E   \  |   9'  9'     - Neckar Turm am Kurt-Schumacher-Platz
|        \ /         E       \|  11' 11'     Heilbronn Hbf Vorplatz
|         X         E         X              
|       /   \      E        / |      14'     Böckingen Sonnenbrunnen
|     /       \   E       /   |      15'     Böckingen Berufsschulzentrum
|   /            X      /     |      19'     Leingarten Ost
| /             E  \  /       |      21'     - Bahnhof
X              E    X         |      22'     - Mitte
| \           E   /   \       |      24'     Leingarten West
|   \        E  /       \     |      26'     Schwaigern Ost
|     \     E /           \   |  20' 28'     - Bahnhof
|      \-----/             \  |      29'     Schwaigern West
|         E                   X  23' 32'     Stetten am Heuchelberg
|      E                   /  |  26' 35'     Gemmingen Bahnhof
|    E                   /    |      37'     Gemmingen West
X                   /         |  33' 42'     Eppingen Bahnhof

Jetzt erinnerte er sich aber, dass er so etwas als Kind gesehen hatte. Er hatte sich damals gefragt, warum man diese Darstellung so kompliziert ausgewählt hatte. Interessant, dass er sich daran jetzt noch erinnern konnte. Überhaupt schien es ihm, als könne er sich an viel mehr erinnern. Es war nicht eine Erinnerung, wenn er in die Vergangenheit nachgrübelte. Die Inhalte kamen vielmehr von selbst, wenn ihre Bedeutung anwendbar war. Wenn alles in seinem Gehirn gespeichert war, müsste es nicht zerplatzen?
Er schmunzelte, als diese Frage kurz aufblitzte, dann konzentrierte er sich wieder auf das Fahrplanbild. Ja, das war es: kein Fahrplan sondern ein Fahrplanbild. Im Film gab es statt der Züge Menschen, die sich bewegten. Auf einander zu, sich begegnend, sich verfehlend. Das Thema des Films war die Unausweichlichkeit. Der Zuseher wusste, was passiert war, was passieren musste, doch er konnte den Ausgang nicht verändern.
Er konnte lediglich entscheiden, ob er auf ein happy end hoffen durfte oder ob bestimmte Unausweichlichkeiten endgültigen Charakter hatten. Da er den Film ja schon einmal gesehen hatte, wusste er um sein Ende.
Er verfiel in eine Art Trance, bei der er gleichzeitig ins Kino zurück versetzt war. In ihm liefen drei Zeitspuren gleichzeitig ab: als er den Film das erste Mal gesehen hatte, als er den Film das zweite Mal gesehen hatte und jetzt, als er darüber nachdachte.

Simultandenken

Es lief noch eine vierte Spur ab, eine übergelagerte, eine kontrollierende. Plötzlich verspürte er ein ganz intensives Gefühl des Überlegens. Es dachte in ihm. Er schlief nicht, aber wie in einem Traum mengten sich unterschiedliche Inhalte, die nichts miteinander zu tun zu haben schienen, ineinander. Sie verschlangen sich wie Fäden oder wie Kabel, die man nur ganz kurz außer Acht gelassen hatte, zu einer Art Rattenkönig. Gedanklich war es unmöglich sie wieder zu entwirren. Vielleicht benötigte man eine besondere Art der Traumdeutung. Er träumte nicht, oder wenn es ein Traum war, dann gab es da noch diese vierte Spur, die es ihm ermöglichte, sich beispielsweise aktiv an das soeben geführte Telefonat zu erinnern.
Vielleicht war das Telefongespräch eine Art Startsignal gewesen. Die spontan ablaufenden Überlegungen konnte er nur verschwommen erahnen. Aber er wusste, dass sich da etwas abspielte und er versuchte verzweifelt irgendetwas davon klarer zu sehen oder besser klarer denken zu können.
Eine leichte Angst stieg in ihm auf. Wurde er vielleicht verrückt? Er sollte nicht schlafen, doch Schlafdeprivation konnte durchaus Auslöser für psychisches Fehlverhalten sein.
Etwas rastete in seiner Wahrnehmung ein und er sah ein vollkommen scharfes Bild. Da war die Zeitlinie, die er beim ersten Ansehen des Films aufgezeichnet hatte – in seiner Erinnerung. Es gab eine Stundenskalierung, die von -5 bis 100 reichte. Es gab verschiedenfarbige Kurven, von denen die eine -5 anfing. Sie war rot und veränderte sich bei der Achsenbezeichnung 60 nach violett. Davor war sie gezackt, danach stieg der violette Ast steil in die Höhe. Eine weitere Kurve in braun fing erst bei 20 an und endete bei 60. Darunter gab es ein weiteres Bild, ähnlich dem ersten, allerdings waren die Farben anders und der Anstieg des violetten Asts war nicht so stark. Ab 60 ging eine gerade violette Linie nach rechts ansteigend weiter. Parallel dazu gab es eine weitere schwarze Gerade in der Grafik, die sich am parallelen Ast ausrichtete, aber viel höher verlief. Ihre Verlängerung nach links ging genau durch den Ursprung des Achsenkreuzes, an dem sich die Kurve ausrichtete. Die Bilder verfeinerten sich und er konnte sehen, dass es sich nicht um zusammenhängende Linien handelte sondern es gab eine Unzahl von Punkten. Manchmal verschmolzen einige Pünktchen zu einer Linie, die ihm wie ein Millimeter lang vorkam.
Er fuhr sich mit den Händen durch das Haar. Die Bilder verschwanden nicht. Sie schienen etwas sagen zu wollen. Doch er war nicht so weit, bereits zu verstehen. Er nahm sich ein Blatt Papier und begann eine Skizze zu machen von dem, was er sah.
Die vierte Spur nickte befriedigt ab. Was für eine verblödete Vorstellung. In Wirklichkeit hatte ihm die vierte Spur das Bild vermittelt, wie Naturforscher das im Mikroskop Betrachtete skizziert hatten. Lange bevor, es Fotokameras gab, mit denen man das mikroskopische Bild unmittelbar abkupfern konnte. Gab es vielleicht eine Fotokamera für seine Gedanken? Unbewusst schüttelte er seinen Kopf. Er glaubte zu wissen, dass es diese Kamera noch nicht gab. Und noch ein weiterer Gedanke blitzte auf. Wenn er lang genug am Leben blieb, würde er so eine Kamera erfinden.
Er war sich ganz gewiss, dass er so eine Kamera herstellen könnte. Ein leiser Schock durchfuhr ihn. Das war doch genau diese Art von Wachträumen, in denen man besondere Fähigkeiten hatte, die nur durch den Wegfall von natürlich vorhandenen Randbedingungen möglich waren. Fähigkeiten, die man nur im Traum hatte. Träume bedeuteten aber genauso, dass er offensichtlich schlief. Jetzt hatte er Angst. Wenn er so unkontrolliert wegsackte, war es unmöglich wach zu bleiben. Ach was! Das mit dem Wachbleiben war sowieso nicht auf die Dauer durchzuhalten. Jetzt könnte er genauso gut einschlafen. Ein bisschen Schlaf würde ihm gut tun. Er schloss die Augen.
Das Telefon läutete. Er schreckte hoch. „Hallo!“ – „Sie beherrschen sich noch nicht. Ich kann Sie mit dem Telefon aufwecken, wenn Sie zuhause sind, doch wenn Sie unterwegs sind, sind Sie echt in Gefahr, wenn Sie sich so gehen lassen. Sind Sie wirklich so müde?“ – Er horchte in sich hinein, er war gar nicht so müde. Er war überhaupt nicht müde. Aber er erinnerte sich, dass er vor lauter Erschöpfung die Augen geschlossen hatte. „Ach du meine Güte. Sie müssen sich doch erst aufwärmen. Malen da ein Trilin aus dem Stand heraus. Das ist ja sehr ehrenhaft, dass Sie es versuchen. Aber das ist noch viel zu anstrengend für Sie. Was machen wir da?“ Wie in einer Konferenzschaltung meldete sich eine weitere Stimme zu Wort: „Aber Madame, Sie haben doch diagnostiziert, dass es sich um einen EinsSigma handelt. Da können Sie doch jetzt nicht überrascht sein. Sie wissen doch, dass er keine Bremse hat. Er wird immer das denken, was gerade noch in seinem Denkbereich möglich ist.“ – „Aber der kann doch noch nicht Trilins beherrschen?“ – „Kann er anscheinend doch! Aber wenn er die nicht könnte, wäre es Ihnen sowieso unmöglich, mit ihm Kontakt aufzunehmen. Allein der Umstand, dass er uns zuhören kann, deutet schon auf die Überwindung einer Stufe hin.“ – „Und wieso fällt er dann in Schlaf, wenn er schon so weit ist?“ – „Kondition, meine Gnädigste, Kondition! Man müsste ihn in ein Wasserzelt einsperren, damit er immer versorgt ist, selbst wenn er vergisst, was für ihn notwendig ist.“
Er sah das Glas vor sich. Ohne lang nachzudenken, setzte er es an seine Lippen und trank es leer. Die Verbindung im Telefon bestand noch, er hörte allerdings keinen Laut. Er sah sich die Zeichnung an, die er eben verfertigt hatte. Die Darstellung war vollkommen klar. Er erkannte aber das Besondere Detail, dass er richtigerweise auch so skizziert hatte. Es waren keine Linien sondern Pünktchen zu sehen. Nun war ihm aber klar, was das bedeuten sollte. Die Zeit floss nicht dahin. Die Zeit sprang.
Oder anders herum betrachtet: konnte die Zeit kontinuierlich sein, wenn wir sie nur in Schrittchen beobachten konnten?
Es war nur seine Zeichnung. Aber er was sich gewiss, dass das, was er gesehen hatte, Pünktchen waren. Und auch über deren Bedeutung schien es keinen Zweifel zu geben.
Sein Blick fiel auf das Glas. Es war schon wieder voll. Das Licht einer Lampe wurde gebrochen oder gespiegelt und ergab ein hübsches Muster. Beim Licht wusste man ja auch nicht, ob es Teilchen oder Schwingungen waren. Warum war man sich dann bei der Zeit so sicher. Jetzt wusste er, was ihm an theoretischem Wissen fehlte. Heute wollte er nicht mehr das Haus verlassen. Aber er erinnerte sich an eine Studentin vor langer Zeit, die Mathematik und Physik studiert hatte. Wo sie wohl gelandet war? Er machte sich eine Notiz. Ob sie noch denselben Nachnamen hatte? N.M? Er fühlte sich leicht beschwingt. Seit langer Zeit war es das erste Mal, dass er an eine andere Person dachte, weil er Hilfe in Anspruch nehmen wollte.
Er suchte unter seinen Büchern „die Zeitmaschine“ von Wells. Die würde ihn die Nacht lang unterhalten, bis es anständig war, jemand telefonisch aus dem Bett zu holen.

Eine Pleite

Um fünf Uhr früh hatte er das Buch ausgelesen. Er konnte nicht mehr verstehen, warum er das Buch einmal so geschätzt hatte. Wahrscheinlich war das nur deswegen gewesen, weil es das erste Mal war, dass er etwas über Zeitreisen gelesen hatte. In der Zwischenzeit hatte er das Thema aber immer in der Weise behandelt gesehen, dass die auftretenden Paradoxa das Hauptproblem darstellten. Dagegen kam der Wells jetzt geradezu naiv daher.
Als er mit dem Buch fertig geworden war, hatte er ein ganzes Glas getrunken. Dementsprechend frisch fühlte er sich. Und da war noch etwas: er war tolerant geworden. Er hätte sich zu einer anderen Gelegenheit über die Zeit aufgeregt, die er für die Lektüre des Buches aufgewendet hatte. Diese Zeit hätte er für eine verschwendete gehalten. Doch sein derzeitiger Betrachtungswinkel war ein anderer geworden. Er überlegte, dass die komplexesten Sachverhalte und Entwicklungen in der Regel aus sehr einfachen Grundregeln entstanden waren. Jemand hatte hinter den Mustern der Komplexität die einfachen Zusammenhänge erkannt.
Er schlug sich zwei Eier in die Pfanne, wozu er normalerweise viel zu faul war und schaffte es, um halb sieben im Büro zu sein. Dort arbeitete er mit der neu gewonnenen Effizienz und hatte seine Aufgabe, für die zwei Tage vorgesehen waren, bis zu Mittag erledigt. Allerdings behielt er das für sich und behauptete, dass er den Nachmittag für Recherchen außer Haus benützen müsste. Sein Chef und seine Kollegen waren das schon gewöhnt. Manchmal verstanden sie überhaupt nicht, wie er arbeitete. Er verstand es ja selber nicht genau. Aber er brachte die Resultate. Sein Chef verstand genug, um zu erkennen, was ihm dies für Vorteile brachte. Er selbst war ein Joker, der jedes Problem stach.
Es war also kein Problem, dass er sich am Nachmittag seinen eigenen Recherchen hingab. Und die waren auf N.M. gerichtet.
Er fand fünf Einträge in den diversen Medien von Telefonbuch angefangen, bis zu Facebook, wo er es bereits in der Firma versucht hatte. Er ging bei der Suche recht direkt vor. Seine Anrufe fingen alle mit: „Guten Tag. Entschuldigen Sie. Haben Sie in W. Mathematik und Physik studiert?“
Die Reaktionen waren unterschiedlich, doch beim vierten Anruf war die Antwort fast schon eine Bestätigung: „Und warum glauben sie, dass ich immer noch den gleichen Namen habe?“ – „Nun es war die erste Strategie, die ich verfolgen konnte. Es ist natürlich nicht sehr wahrscheinlich gewesen, dass Ihr Nachname gleich geblieben ist. Aber eine Chance hat es gegeben.“ Am anderen Ende der Leitung hörte er ein verhaltenes Lachen. Vera erzählte ihm, dass sie vor zwei Jahren geschieden worden war und bei der Gelegenheit nicht nur ihren Mädchennamen wieder angenommen hatte, sondern auch ihren ersten Namen, der eben nicht Nina sondern Vera war. Allerdings war sie in allen Medien noch mit Nina vermerkt, sodass es sozusagen ein doppeltes Glück war, dass er sie wirklich ausfindig machen konnte.
„Und was willst Du jetzt von mir? Bist leicht einsam geworden und erinnerst dich der alten Bekannten?“ Er wusste nicht, was er darauf antworten sollte. Er hatte nie besonders auf die Attraktivität von Frauen geachtet. Jetzt fiel ihm ein, dass N.M. oder besser V.M. ja recht attraktiv gewesen war. Vielleicht war sie es noch. Vm konnte er sich sowieso leichter merken. Ein Freund aus alten Zeiten wurde in der Abkürzung nur vm genannt. [Anmerkung des Herausgebers: an dieser Stelle erkennt man den autobiografischen Einschlag ganz genau.]
„Wie gut sind denn deine physikalischen Grundkenntnisse erhalten geblieben?“ – „Frag mich was!“ – „Ist die Zeit stetig?“ – „Na, jetzt hör einmal auf! Wenn Du dich wirklich über so etwas unterhalten willst, musst du mich in ein erstklassiges Lokal ausführen, mich betrunken machen und vielleicht kannst Du mich dazu bringen, mich mit dem Thema zu beschäftigen.“ Sie lachte noch einmal. „Normalerweise rufen mich Männer an, die mit mir schlafen wollen. Du bist schon ein komischer Irrer. Also wo willst Du mich treffen?“ – Wann hättest Du denn Zeit.“ – Wenn Du willst, heute. Aber so kenne ich dich ja gar nicht.“
Er musste ein bisschen Zeit gewinnen: „Heute ist wunderbar, aber ich muss mir noch überlegen, wo wir einen Platz bekommen, wo wir ungestört reden können. Ich rufe dich in fünfzehn Minuten wieder an. Passt das?“ – „Also heute jedenfalls.“
Wohin sollte er sie einladen? Er wusste nicht, wen er anrufen konnte. Er setzte sich in ein Cafe mit Internetplätzen und surfte ein bisschen herum. Es war leichter, als er gedacht hatte. Da gab es Plattformen mit Kritiken und für ihn war es relativ leicht, eine Auswahl von drei Lokalen zu treffen, bei denen er sich sicher war, dass sie ihre Ansprüche erfüllen würden.
Es war seine Art, dass er, bevor sie auswählen würde, überall anrief, ob man noch reservieren könne. Als er ihr dann die möglichen Plätze nannte, wählte sie –das Schmunzeln konnte man durch die Telefonleitung nicht erkennen – das billigste der drei. „Neunzehn Uhr ist ok?“ – „Wunderbar, wir treffen uns im Lokal, ich reserviere unter meinem Namen.“
Jetzt hatte er noch etwas Zeit bis zum Abend und die musste er nutzen, weil sich ein Problem ergeben hatte. Was machte er mit dem Wasser. Er konnte es ja nicht umfüllen. Er beschloss, es einfach in seine Aktentasche zu packen. Das war eine wunderschöne, ererbte, lederne Tasche, ähnlich, wie sie Ärzte hatten, mit einem Boden der breit war. Er stopfte den Boden mit Zeitungspapier so aus, dass das Glas darin stabil gehalten war. Die Sorge war überflüssig, es würde nicht ausrinnen.
Plötzlich wurde ihm bewusst, wie unsinnig er gerade handelte. Da steuerte er auf ein Rendezvous zu, bei dem es ihm nur um die Frage ging, ob Zeit kleine Lücken hatte, und jetzt beschäftigte er sich mit einer dilettantischen Lösung für etwas, was sowieso nicht drohte, nämlich dass das Wasser ausflösse.
Es fiel ihm ein, dass es viel praktischer wäre, wenn das Wasser in einer Trinkflasche aufbewahrt würde, wie sie die Radfahrer verwenden. Normalerweise verschlossen, was ihm ein viel sichereres Gefühl vermitteln würde und trotzdem jederzeit verfügbar.
Obwohl er wenig Hoffnung hegte, fasste er den Entschluss, am nächsten Tag eine derartige Flasche zu kaufen und das Umfüllen zu versuchen.

Im Restaurant

Er machte sich auf den Weg. Er fuhr mit der Straßenbahn ein paar Stationen und ging dann noch zehn Minuten zu Fuß, weil er nicht beim Umsteigen warten wollte. Er hatte gar nicht auf das Wetter geachtet, weil die Temperatur so angenehm erschien und der Himmel einen hellen Eindruck machte. Doch gerade als er das Restaurant in Sichtweite hatte, sah er die Reflektion eines Blitzes in einem der Schaufenster und fast unmittelbar darauf einen Donnerschlag. Als er hinaufschaute, sah er einen pechschwarzen Himmel. Er hastete den verbleibenden Weg und gerade als er die Tür zum Restaurant öffnete, hörte er das beginnende Prasseln der Regentropfen.
Wie bereits erwähnt, war er weder dem Okkultismus noch einer anderen Esoterik zugeneigt. Jetzt allerdings fragte er sich, um diese merkwürdige zeitliche Koinzidenz des Gewitters mit dem Erreichen des Restaurants etwas zu bedeuten hatte.
Er hatte aber wenig Zeit, darüber nach zu denken, denn Vera winkte ihm von einem Tisch heftig zu. Sie war schon früher gekommen.
„Das Wetter war mir zu unsicher, daher wollte ich sicher gehen, dass ich nicht nass werde. Und deswegen bin ich jetzt schon hier. Du hast es ja auch gerade noch geschafft.“
„Grüß dich, ja, das ist schon ein Wahnsinn.“ Besonders geistreich war das nicht als Begrüßung von seiner Seite, aber er war von ihrer Erscheinung überwältigt. Irgendwie hatte er sich nicht vorstellen können, dass Frauen in seinem Alter so jung, so hübsch, gleichzeitig so dynamisch und energiegeladen wirken könnten. An ihre Stimme konnte er sich augenblicklich erinnern. Das war eine tiefe Altstimme, die sie schon als Studentin besonders ausgezeichnet hatte.
„Jetzt kannst Du mit dem Anstarren schon aufhören.“ lächelte sie. Offensichtlich war ihr das damit sehr ungeschickt ausgedrückte Kompliment nicht unangenehm. Sie schien sich ein bisschen über ihn lustig zu machen. „Was wollen wir trinken? Ich hätte ja ganz gerne einen Rotwein. Du auch?“ Es durchfuhr ihn ein Schrecken. Durfte er überhaupt etwas anderes trinken? Durfte er Alkohol zu sich nehmen? Dann fiel ihm aber ein, dass er zuhause ja auch schon dem billigen Bordeaux zugesprochen hatte. „Ja, ich hätte gerne einen Bordeaux.“ Sie schmunzelte und wandte sich an den Kellner, der gerade vorbei kam. „Könnten Sie uns bitte die Weinkarte bringen?“
Er fühlte sich unwohl. Nein nicht unwohl, fehl am Platz. Nein, nicht fehl am Platz. Er fühlte sich außer sich. Das war nicht er, der da saß. Er konnte die Menschen im Lokal sehen, die teils unverhohlen das seltsame Paar beäugten. Was hatte diese Frau mit dem Mann zu tun. Star und Manager hätten vom Erscheinungsbild her gepasst, doch wie ein Manager wirkte er nicht. Er wirkte wie ein Nerd, allerdings sind Nerds nicht zweiundfünfzig Jahre alt oder sie werden es nicht, ohne entweder in einen Althippie oder einen Spießbürger zu mutieren.
Doch er, der er sich nicht für die Frau, für ihre Person, ihre Persönlichkeit interessierte, sondern lediglich eine Frage beantwortet haben wollte, er war der Inbegriff des Nerds.
„Pass auf! Ich habe nicht vergessen, was Du mich gefragt hast. Wir werden darüber sprechen. Doch zuerst reden wir einmal darüber, was wir essen werden, was wir so machen, was wir erlebt haben. Und dann beim Dessert können wir uns deiner hochgeistigen Frage widmen.“ Der letzte Satz hätte spöttisch klingen können, tat es aber nicht. Im Gegenteil, ihr Gesicht hatte momentan eine Art Verdunklung erfahren, als hätte eine Wolke einen Schatten geworfen.
Nach und nach taute er auf. Als er sich entschuldigte, um die Toilette aufzusuchen, nahm er seine Tasche mit. Das Glas war fällig. Als er an den Tisch zurück kam, war er ein anderer. Jetzt wirkte er frisch. Er konnte sich an alles erinnern, was sie ihm aus ihrem Leben erzählt hatte und das eigentliche Thema war ihm zu Bewusstsein gekommen. Diesmal ergriff er die Initiative: „Du warst doch als Studentin so von Crépe Suzette begeistert, wollen wir uns die bestellen?“ „Unbedingt. Weißt Du denn, ob wir das hier kriegen?“ Er verließ den Tisch noch einmal und fing einen Kellner ab, der direkt aus der Küche kam. „Sagen Sie, könnten wir Crepe Suzette bestellen. Das würde uns so viel bedeuten?“ Der Kellner lächelte: „Der Koch kann das schon machen, doch am Tisch zubereiten können wir das hier nicht. Aber wenn Sie wollen, dann bereiten wir es in der Küche zu. Anzünden können wir dann beim Servieren.“ – „Wunderbar. Ja dann bestellen wir das!“
Er kehrte an den Tisch zurück, strahlte Vera an: „das habe ich jetzt hinbekommen, die Crépes bekommen wir. Und jetzt sag mir bitte, ob die Zeit stetig ist!“

Vera

Als er Vera das erste Mal näher kennen lernte, geschah das auf einer Studentenféte, die sich im Atrium abspielte. Er selbst war damals kein Student sondern bereits berufstätig unterwegs und war in der Gruppe willkommen, weil er manchmal die letzte Ressource an benötigtem Geld darstellte. Er war über seinen Freund in die Gruppe gekommen, obwohl er damals noch eigenbrötlerischer als jetzt unterwegs war. So hatte er nichts von einer Unterhaltung mitbekommen, die Vera mit einem anderen Studenten führte. Dieser versuchte ihr zuerst den Hof zu machen, im späteren Verlauf, der die Erkenntnis brachte, dass Vera schon glücklich vergeben war, kam es dann aber noch zu einer interessanten Diskussion über die gemachten Lebenserfahrungen. Der Student traf nämlich das erste Mal einen Menschen, der von sich behauptete, glücklich zu sein und keine Probleme zu kennen. Das forderte Widerspruch heraus. Vera war damals ungefähr zwanzig Jahre alt, sah gut aus, doch es war sehr schwer, ihr abzunehmen, dass sie in ihrer Kindheit nur frohe Tage erlebt hatte.
Sie hatte allerdings ganz bestimmt darauf beharrt, dass es in ihrer Kindheit kein Ereignis gegeben hätte, das für sie mit unangenehmen Erinnerungen verknüpft war. Ihr Vater hatte wohl ein gutes Einkommen, ihre Mutter war Hausfrau, der Haussegen hing gerade, nicht einmal Kinderkrankheiten schienen einen Eindruck hinterlassen zu haben.
Von all dem hatte er nichts mitbekommen.
Vera war intelligent, studierte Mathematik, konnte aber keinesfalls als versponnen betrachtet werden. Ihre Attraktivität beruhte nicht auf einem modell-ähnlichem Aussehen. Vielmehr wirkte sie wie jemand, der im Groschenroman mit „gesund, gut gebaut, offenes Gesicht, strahlende blaue Augen usw. usw.“ bezeichnet wird. Das mit den blauen Augen stimmte nicht, die waren braun mit kleinen grünen Ringen, doch den Rest der Beschreibung konnte man gelten lassen. Vielleicht sollte man noch dunkelblondes, halblanges, gelocktes Haar und eine etwas überdurchschnittliche Körpergröße von einem Meter 78 erwähnen. Ihre Bewegungen wirkten geschmeidig, obwohl sie keinen Sport betrieb. Damals war sie attraktiv gewesen. Das war allerdings kein Vergleich zu ihrem gegenwärtigen Aussehen.
Man könnte behaupten, dass sie sich erst auswachsen musste, denn jetzt mit fast fünfzig Jahren, stellte sie die damalige Studentin noch weit in den Schatten. Sie wirkte so ungemein präsent. Ihre Augen hätte man jetzt für blau halten können, obwohl sich an der Farbe selbst nicht geändert hatte. Doch ihr Blick war derart bestimmt, alles rund um sie blitzartig erfassend, wie es sonst nur blauäugigen Menschen zugedacht wird.
Sie hatte die Situation jetzt ebenfalls voll im Griff, wenn der letzte Coup mit den Crépes Suzette ihm vielleicht ein bisschen Luft verschafft hatte.
„Jein! Wenn Du es genau wissen willst.“ lachte sie jetzt. „Auf welcher Erklärungsebene möchtest Du denn die Antwort haben?“
„Ich hatte gedacht, dass es eine physikalische Theorie geben könnte, über die Du am ehestens Auskunft geben kannst. Deswegen habe ich ja gerade dich angerufen.“
„Das ist mir schon klar. Aber wo soll ich denn mit der Erklärung anfangen? Wie weit bist Du denn schon mit deinen eigenen Überlegungen gekommen? Und was bringt dich überhaupt dazu, darüber nachzudenken?“ Jetzt war er in der Zwickmühle. Wie viel konnte er ihr denn von der Veränderung, die in seinem Leben stattgefunden hatte, mitteilen?
Als er mit einer Antwort auf sich warten ließ, lachte sie ihn an und meinte: „Ich mache es einfacher. Sag mir einmal einfacher, was Du mit dem Begriff stetig überhaupt meinst? – Bezogen auf die Zeit natürlich.“
„Nun, im Allgemeinen spricht man doch davon, dass die Zeit vergeht. Man sieht dem Sekundenzeiger zu, der ja im Prinzip auch schon springt. Also anders, bei einer Sanduhr rieselt der Sand, allerdings sind das auch Körner. Also noch einmal anders: wenn man eine Sonnenuhr verwendet, wandert der Schatten. Und da gibt es keinen Fleck, der nicht irgendwann einmal von dem Schatten berührt wird und sei er auch noch so klein. Da könnte man doch meinen, dass alle Zeitpunkte, die es gibt, miteinander zusammenhängen. So wie die Punkte auf einer Geraden. Und jetzt stelle ich mir vor, eine absolute Zeit könnte nur mit rationalen Zahlen ausgedrückt werden. Dann gäbe es doch zwischen den einzelnen Zeitpunkten Zwischenräume. Und die Zeit müsste springen!“ Zufrieden lehnte er sich zurück.
Sie schmunzelte ihn an: „Gar nicht schlecht für einen Laien! Doch warum kümmert dich das denn? Gehört doch sicher nicht zu deinem Beruf?“ – „Nein, aber die Gedanken gehen mir seit wenigen Tagen nicht aus den Kopf.“ Soviel konnte er doch wohl zugeben, ohne etwas zu verraten. „Seit drei Tagen also“ murmelte sie, für ihn unhörbar. Auf ihrer Stirn hatte sich eine kleine Falte gebildet.
Er konnte das doch nicht sein. Da passte etwas überhaupt nicht zusammen. Bevor sie noch über eine Antwort nachdenken konnte, kam der Kellner mit einer edlen Kupferpfanne, wo die Crépes in der Grand-Marnier-Sauce schwammen. Er stellte die Pfanne auf einem Nebentischchen ab, auf dem schon weiterer Grand-Marnier und Gerätschaften vor allem der auf die Pfanne passende Deckel vorbereitet waren. Der Kellner schaute sie an, um sich ihrer Aufmerksamkeit zu versichern, dann goss er ungefähr einen Esslöffel Grand-Marnier hinein und hielt einen Flammenstrahl aus dem Feuerzeug in die Pfanne. Sofort glimmte es bläulich auf. Der Kellner schüttelte die Pfanne, damit sich der Alkohol gleichmäßig verteilen konnte und nach kurzer Zeit deckte er die Pfanne mit dem Deckel zu, um das Feuer zu löschen.
Danach richtete der Kellner die zwei Teller mit dem Dessert an. Während er frohgemut einen Bissen nach dem anderen verkostete, war ihre Laune gar nicht dem köstlichen Dessert angemessen. Etwas arbeitete in ihr, ganz offensichtlich „denkte“ es in ihr.

Otto

Von der plötzlichen Schweigsamkeit Veras bekam Otto nichts mit. Er hielt es für selbstverständlich, dass sie sich jetzt auf das Dessert konzentrierten, dass ihnen beiden großes Vergnügen bereitete. Ihm vielleicht etwas mehr, da er ja nichts von den rasenden Gedanken wusste, die gerade durch Veras Kopf gingen. Er mit diesem palindromischen Namen hatte eine andere Geschichte hinter sich. Im Kindergarten, in der Volksschule war er als ruhiges Kind nicht besonders aufgefallen. Manchmal fand er sich in Gruppen ein, die ihn nicht abwiesen, weil Gruppen immer Mitläufer benötigen, um an Masse und Substanz zu gewinnen. Wenn man jemanden nach seiner Person gefragt hätte, wäre der Name erst nach einigem Zögern genannt worden. Er schien sich immer unbemerkt in eine Gruppe hinein zu schummeln, gehörte dann auch tatsächlich dazu, allerdings nie zum inneren Kern. Einen sogenannten guten Freund hatte er nicht, was ihn nicht weiter störte. Es gab zu vieles, was ihn interessierte und daher hatte er gar keine Zeit, sich mit jemandem seines Alters altersgerecht zu vergnügen. Als die Kinder in der Volksschule einmal auf ihren IQ getestet wurden, – die Lehrerin organisierte das aufgrund einer persönlichen Vorliebe – war er an dem Tag krank gewesen. Vielleicht wäre man auf ihn aufmerksam geworden, denn sicher war sein IQ zumindest überdurchschnittlich. Doch in keinem Fach schien er als der Beste auf.
Im Gymnasium, zu dessen Besuch damals noch das Bestehen einer Aufnahmeprüfung Bedingung war, fand er einen Freund, mit dem er zusammen lernte. Dieser Freund war hochbegabt und auch an vielen Fächern interessiert, so dass es zwischen den beiden zu recht interessanten Diskussionen gekommen war. Hätte man ihnen zugehört, wäre nicht aufgefallen, dass die Diskussionen besonders hochgestochen ausfielen. Man hätte aber bemerkt, dass sie von einem Thema ins andere übergangslos wechselten, wobei der Gesprächspartner jedes Mal mit erstaunlicher Schnelligkeit den neuen Faden aufnahm.
Seine Noten wiesen einen Zweierdurchschnitt auf und so blieb es auch bis zur Matura. Die Eltern mussten nie bemüht werden, bei Elternsprechtagen, waren die Gespräche mit einem Lehrer meistens nach bereits drei Minuten beendet.
Es hätte auffallen müssen, dass er kein einziges Sehr gut bekam. (mit Ausnahme der Betragensnote) Das war angesichts des allgemeinen Notendurchschnitts sehr ungewöhnlich. Noch ungewöhnlicher war der Umstand, dass er nicht studieren wollte. Die Eltern, die das gerne gesehen hätten, obwohl sie beide keine Akademiker waren, beschworen ihn, doch zu studieren. Sie würden ihn auch entsprechend unterstützen. Seine Ablehnung war knapp. Was mich interessiert, kann ich auch so erfahren, dazu muss ich nicht studieren. Und ein typischer „G’studiertenberuf“ interessiert mich nicht. Damit meinte er Arzt, Rechtsanwalt oder Lehrer. Von der Technik fühlte er sich nicht angezogen, obwohl er dafür begabt gewesen wäre, wie sich im späteren Leben noch herausgestellt hat.
Er trat bei einem großen Elektrotechnikkonzern ein, wo man ihn zum Sachbearbeiter ausbildete. Die Unauffälligkeit in der Schulzeit begleitete ihn in den Job. Trotzdem machte er so etwas wie Karriere, weil ihn sein Chef, der im Gegensatz zu ihm durchaus an höheren Posten interessiert war, jeweils ins neue Amt als seinen persönlichen Sekretär mitnahm. Auf diese Weise erreichte er den Posten eines Gruppenleiters, wenn auch Gruppenleiter ohne Gruppe. Er war seinem Chef, einem Abteilungsleiter, unterstellt und der sollte nur Gruppenleiter führen. Es wurde also eine spezielle Lex Otto eingeführt, bei der sein Rang und sein Gehalt denen eines Gruppenleiters angepasst waren, ohne dass er die entsprechende Personalverantwortung zu tragen hatte.
Zu der Zeit, als das Gespräch zwischen Vera und Otto stattfand, war er wohlverdienend, alleinstehend und innerhalb seines Unternehmens angesehen. Er löste Probleme. Manchmal auch dadurch, dass er Verantwortung ablehnte, wenn es sich um etwas handelte, dass persönliche Mediation erforderlich machte. „Sie müssen den A und den B an einen gemeinsamen Tisch bringen und selbst dabei sein. Ich kann diesen Part nicht für Sie übernehmen.“ hatte er manches Mal seinem Chef geraten und der Rat war sowohl auf fruchtbaren Boden gefallen als auch erfolgsbringend gewesen. Seine Kunst bestand allerdings darin, die richtigen Personen A und B zu benennen. Denn oft waren das nicht die offensichtlichen Konfliktpartner sondern ihre Chefs, manchmal auch externe beeinflussende Persönlichkeiten, wofür die Streithanseln nur Platzhalterrollen spielten.
Rein äußerlich war Otto unscheinbar. Er kam täglich im gleichen Anzug ins Unternehmen. Tatsächlich hatte er fünf gleiche Anzüge, die er wechselte. Seine Krawatten waren verschieden aber so unauffällig konservativ, dass sich die Leute nach Sitzungen manchmal fragten, welche Krawatte er denn heute angehabt hätte. Von der Statur etwas eindreiviertel Meter groß, war er schlank geblieben, sein Haar hatte diesen Mischfarbe aus braun und grau, mit leichtem Ausfall, glatt und gescheitelt. Seine Augen waren durch randlose Gläser nicht verdeckt, doch die Wachsamkeit seiner Augen konnte man gerade wegen der Gläser nicht erkennen.
Diese Wachsamkeit passte so gar nicht zum restlichen Bild von Otto. Sie war aber schon die ganzen Jahre zuvor dagewesen. Vielleicht war es diese Wachsamkeit gewesen, die ihn daran gehindert hatte, eine dauerhafte Beziehung zu einer Frau einzugehen. Er fand Berechnung in den Augen der Frauen, mit denen er näher zusammen gekommen war. Berechnung hasste er. Es war vielleicht die stärkste Empfindung, zu der er fähig war. Von seinem nicht zu kleinen Gehalt spendete er viel. Am meisten gab er dann aus, wenn er wieder einmal bei seinen Eltern war und die Mutter über irgendeinen Missstand wehklagte. Regelmäßig fragte er dann, ob es eine Organisation gäbe, die sich darum kümmern könnte. Nach den Informationen, die ihm seine Mutter gab, spendete er für Kinder allgemein, für Kinder in Afrika, für Tiere, für Hunde, für Katzen, für Tierheime, für Ärzte, die sich um Kinder kümmerten, für Kinderkrebshilfe, für die Spitalclowns und noch für viele andere Organisationen. Durch den Filter der Mutter, waren die Spenden entweder für Kinder oder für Tiere ausgewählt. Sie befand, dass sich Erwachsene selbst um ihre Hilfe kümmern müssten. Den Schutzlosen muss geholfen werden. Otto war es egal. Ihm gefiel nur, dass er mit den Spenden seiner Mutter eine Freude machen konnte. Sein Vater wiederum freute sich, dass es Otto so gut ging, dass er sich diese finanziellen Ausgaben leisten konnte.
Otto war Vera bereits auf der Studentenféte aufgefallen. Da er aber kein Student war, hatte sie ihn als uninteressant klassifiziert. Sie scherzte zwar ein bisschen mit ihm herum und bemerkte auch, dass seine Antworten durchaus im Niveau mithalten konnten, aber für eine Beziehung schien er ihr mitnichten genügend attraktiv zu sein.
Otto schaute Vera fragend an, sie hatte ihren Teller leer gefegt.

Gibt es Zufälle

Vera hatte sich vor dem Dessert an ein Horoskop erinnert, dass sie im Internet vorgefunden hatte. Die Horoskopseite war nur eine Spielerei, die ein lustiger Student programmiert hatte, der eine ganze Reihe von Sprüchen gesammelt hatte, die zufallsmäßig ausgegeben wurde, wenn man die Seite aufrief. So etwas hatte es bereits vor den Zeiten des Internets gegeben. Im Betriebssystem Unix erschien beim Hochstarten immer ein Sinnspruch. Aus Nostalgiegründen hatte Vera daher ihren Computer so konfiguriert, dass er beim Einschalten die Horoskopseite aufrief.
Dabei gab es zwei Besonderheiten. Erstens wiederholten sich die Sprüche nie. Zweitens schien der Fundus, aus dem die Sprüche stammten, unermesslich. Was Vera nicht wusste und auch sonst kaum jemandem bekannt war, war das Ableben des Studenten, der die Anwendung programmiert hatte, er war bei einem Autounfall vor einem Jahr ums Leben gekommen.
Was Vera allerdings schon merkwürdig vorkam, war die prophetische Genauigkeit der Texte. Eines Tages erschien der Text: „Heute wird sich das Problem lösen lassen.“ Und genau an dem Tag fiel ihr die Lösung zu, an der sie zwei Monate vergeblich gearbeitet hatte. Ein anderes Mal war der Text noch banaler: „Es zahlt sich nicht aus, einen Wochenendausflug zu planen.“ Das erschien deplaziert, denn der Wetterbericht für das Wochenende war sehr vielversprechend. Doch prompt fingen freitags Abend überraschend die Wolken an, sich zusammen zu ziehen. Das erste Gewitter gab es noch um Mitternacht. Doch anstatt danach aufzuklaren, ersetzten Sturm und Regen den vorhergesagten Sonnenschein für Samstag und Sonntag.
Das letzte Horoskop, dass sie vor drei Tagen gelesen hatte, lautete: „Ein alter Bekannter wird eine große Rolle in ihrem Leben spielen. Es hängt von Ihnen ab, ob sie für Sie beglückend wirkt.“
Dann hatte Otto sie angerufen. Wenn das Orakel so zuverlässig wie immer funktionierte, so konnte nur Otto dieser alte Bekannte sein. Und was war dieser versponnene Hobbyphilosoph oder Hobbyphysiker? Innerlich beutelte es sie. Sie sah ihn sich genauer an. Da war nichts an Attraktivem an ihm. Die Augen vielleicht. Und anders war er, anders als all die Männer, mit denen sie bisher zu tun gehabt hatte.
Vorsichtig fing sie an:

Darf man darüber reden?

„Sag einmal, was hat sich denn vor drei Tagen abgespielt, dass Du auf einmal den Philosophischen kriegst? Da muss doch etwas gewesen sein.“ Otto hatte die Frage befürchtet. Darüber war bisher noch nichts gesagt worden, ob er über das Wasser sprechen durfte. Vielleicht war das auch deshalb, weil ihm sowieso niemand glauben würde.
Er wich aus: „Wahrscheinlich so etwas wie eine verspätete Midlife-Krise. Da wird man dann ja plötzlich besinnlich, oder?“ Vera hakte nach. „Sicher, sicher. Man beschäftigt sich mit dem Sterben, vielleicht auch mit der Zeit, doch das hat doch nichts damit zu tun, dass man plötzlich über die Granularität der Zeit nachdenkt.“
In Otto klickte es. Damit hatte sie ja praktisch schon bestätigt, dass die Zeit nicht kontinuierlich verlief. „Damit Du mich nicht falsch verstehst. Das ist keine Antwort, aus der Du schließen kannst, dass die Zeit unstetig ist. So einfach wird es sowieso nicht sein. Vermutlich ist es ähnlich wie beim Licht.“
Otto fiel ihr ins Wort: „Ja, ja, so einfach denke ich mir das ja auch nicht. Es liegt auf der Hand, dass wir mit der Zeitmessung nur Quanten messen können. Aber das bedeutet doch nicht, dass es dazwischen nichts gibt.“
Er hielt inne. Gerade war ihm ein Gedanke durch den Kopf geschossen. Man müsste eine Methode finden, mit der man einen Zeitpunkt zwischen zwei gemessenen Zeitpunkten interpolieren konnte. Wenn man das beliebig wiederholen könnte, wäre wenigstens im mathematischen Sinn eine Stetigkeit nachzuweisen. Aber was wäre die Schlussfolgerung daraus? Er drehte sich offenbar im Kreis.
Vera ließ nicht locker: „Also pass auf! Ich weiß, dass Du nicht einer der Dümmsten warst. Doch in Physik warst Du nicht so besonders. Und jetzt beschäftigst Du dich auf einmal mit einer Kernfrage der Physik, die sich noch nicht einmal die Physiker selbst anzugreifen trauen. Da muss sich doch irgendetwas abgespielt haben.“
Otto machte einen ertappten Eindruck. Konnte er einfach behaupten, dass er seine Gehirnleistung durch eine Droge aufgepeppt hatte? Sie würde sofort nach Namen und Herkunft fragen.
„Kannst Du dich noch an den Film ‚Dr. Seltsam oder wie ich lernte, die Bombe zu lieben‘ mit Peter Sellers erinnern. Da gab es doch diesen Typen, der behauptete, dass alles Unheil von schlechtem Wasser kommen würde. Die Feinde würden alles vergiften und daher war ihm seine Wasserversorgung sehr wichtig.“ – „Ja, sicher, obwohl die Wassergeschichte nicht wirklich so bedeutend war.“ Otto fuhr mit neuem Mut fort. „Nun, ich trinke nur mehr Wasser, mit der heutigen Ausnahme“ (die anderen verschwieg er wohlweislich. „Diese Diät scheint eine magische Wirkung zu haben.“ lächelte er zaghaft.
Vera schien in sich hinein zu horchen. „Aha, ich verstehe.“ Sie blickte ihn prüfend an, dann schüttelte sie den Kopf.
Musste das wirklich sein? Musste sie mit Wasser auskommen. Nachdenklich betrachtete sie ihre Ringe und die Armbanduhr. Sie trug zwar nur wenig Schmuck und den auch nur selten, doch alles war aus Gold. Das war nicht zufällig. Sie musste wenigstens einen Goldschmuck tragen, um die fitte, bewegliche und attraktive Vera darzustellen. Das Gold war für sie genauso eine Batterie, wie für Otto das Wasser.
So wie es aussah, brauchte Otto gar kein Feuer, seine Energie schien auch so nicht besonders beschränkt zu sein. Warum hatte er sich an sie gewandt? Warum war er laut Horoskop für sie wichtig? Dieses dumme Horoskop, von dem man nicht mehr wusste, wer es eigentlich steuerte.
„Wie bist Du den eigentlich drauf gekommen, dass die Zeit unstetig sein könnte?“ Otto war erleichtert. Er musste nichts über das besondere Wasser berichten. Es kam ihm gar nicht erst in den Sinn, dass Vera darüber vielleicht mehr Bescheid wusste als er. So erzählte er unbeschwert von seinem Kinoerlebnis und den Bildern, die er aus der Erinnerung aufgezeichnet hatte. Er holte sich eine saubere Serviette und fing an, ein Trilin zu zeichnen.
Vera sah ihm zuerst belustigt zu. Doch dann wurde sie zunehmend ernster, bis ihr am Schluss sogar ein Seufzer entkam. Dieser galt ihr selber. Es war nunmehr ganz klar, dass Otto ein Wassermensch war. Den Ausdruck Wasserträger kannte sie nicht, genauso wenig, wie Otto ahnte, dass er es mit Feuer zu tun hatte. Nein, Otto war in dieser Beziehung ganz ahnungslos und hatte nicht einmal den leisesten Verdacht, dass es neben ihm noch andere merkwürdige Personen geben könnte. Er freute sich, dass er das Trilin so gut hin bekommen hatte und versuchte, es Vera zu erklären.
Diese ließ nicht erkennen, dass sie genau wusste, wovon er sprach. Sie hätte ihm sogar erzählen können, dass sich Zeitlinien in einem Trilin nie wirklich schnitten. Sie lagen quasi dreidimensional übereinander und nur in den seltensten Fällen gab es wirklich einen gemeinsamen Zeitpunkt, einen, der auf beiden Zeitlinien aufgefunden werden konnte.
Sie dachte an die Entsprechung, wie sie bei menschlichen Begegnungen gegeben war. Zwei Menschen konnten einander begegnen sich ansehen und trotzdem nichts vom anderen wahrnehmen. In ganz seltenen Fällen blitzte etwas auf, manchmal wurde das als Liebe auf den ersten Blick bezeichnet. In Wirklichkeit hatte das noch nichts mit Liebe zu tun sondern war ausschließlich das sehen können. Bei Vera und Otto war das darüber hinaus eine Einbahnstraße: Vera konnte Otto sehen, er sie aber nicht. Er spürte nicht, dass da etwas eingerastet war. Anscheinend war das auch nicht notwendig. Vera fragte ihn ganz direkt: „Sag einmal, das wird ein längerer Exkurs. Wie sieht denn das bei dir mit Urlaub aus? Fahren wir eine Woche ans Meer. Wir liegen in der Sonne und plaudern über die Zeit – oder auch über etwas anderes.“
Wie reagiert ein Mann, wenn ihn eine attraktive und gescheite Frau einfach frontal angeht und ihm anbietet, gemeinsam Urlaub zu verbringen. Sein mit den Crépes errungenes Selbstvertrauen hatte sich schlagartig verabschiedet. Er stotterte fast: „Du willst mit mir auf Urlaub fahren? Ich versteh‘ das nicht ganz.“ Vera wirkte etwas gequält. Es war ja nicht so, dass sie wollte. Sie musste. Für sie war es schon recht eindeutig, dass Otto der Mann aus dem Horoskop war. Sie musste mit ihm jetzt eine Zeit, hoffentlich nur eine kurze, zusammen bleiben, um die Möglichkeiten, die das Horoskop bot, im positiven Sinn auszuschöpfen. Blödes Horoskop.
„Also wir fahren ans Meer. Wir kleiden dich ein bisschen moderner und passender ein und dann sehen wir, ob die Sonne unsere gedanklichen Höhenflüge entsprechend anheizen kann. Miteinander schlafen werden wir nicht. Das ist quasi ein Arbeitsurlaub.“
Otto hatte an letzteres nicht einmal im Traum gedacht. Es hatte ihn eher beunruhigt, weil er nicht wusste, welche Avancen von ihm erwartet würden. Die letzten Worten beruhigten ihn. Das könnte er schon machen. Urlaub hatte er noch von drei vergangenen Jahren gut. Die Zeit war kein Problem.
„Also gut, machen wir das. Wann kannst Du dir denn freinehmen?“ – „Wir können nächsten Montag starten, wenn dir das nicht zu früh ist.“ – „Nein, nein, das geht schon in Ordnung so.“ – „Gut, dann wirst Du jetzt wie vereinbart zahlen. Ich rufe dich an, weil ich mich um die Flüge und das Hotel kümmern werde. Zerbrich dir in der Zwischenzeit nicht zu viel den Kopf!“
Sie war zwar mit dem Auto gekommen, wollte es aber stehen lassen, da sie doch den größeren Teil vom Bordeaux getrunken hatte. Otto fuhr im Taxi mit ihr mit und verabschiedete sich mit Handkuss, danach ließ er sich nach Hause bringen.
Man kann sagen, dass er sich stimmungsmäßig viel besser als Vera fühlte.

wird fortgesetzt

(c) 2007-2011 Steppenhund

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  1. Begleitenderweise nachvollziehbar und wohl verpackt.
    Kubin dämmert herauf neben Kafka.
    Du hast Brüder.

    • @Jossele
      Die Erwähnung von Kubin ehrt mich sehr. Tatsächlich schätze ich die „andere Seite“. Sie hat auf mich einen außergewöhnlichen Eindruck gemacht, der selbst ohne die Illustrationen entstanden wäre.
      Ich hoffe, dass sich meine Geschichte aber genau in die andere Richtung entwickelt und nicht immer dunkler werden wird. Aber wer weiß?

  2. Sehr ambitioniert. Kafka wurde schon genannt. Phasenweise erinnerte es mich an den Film „Quiet Earth“, den ich sehr schätze. Zumal es möglich erscheint, dass der Protagonist tot ist oder zumindest zeitweise in einer Art „Zwischenreich“ versetzt wird – und es dann „überwinden“ kann. Dann wiederum kommt mir Walter Faber aus Max Frischs „Homo faber“ in den Sinn – ein naturwissenschafts- und technikgläubiger Mensch, der erleben muss, wie seine wohlgeordnete Welt aus den Fugen gerät. Manchmal ist die Metaphorik etwas erdrückend und bietet dem Leser viele, zum Teil disparate Deutungs- und Interpretationsmöglichkeiten an.

    • @GK
      Das ist schon fast zu viel der Ehre. Vielleicht bin ich gerade durch das zuletzt gelesene Montauk aufge“frisch“t. Ich kann sagen, dass ich ein genaues Bild von dem habe, was ich transportieren möchte. Es ist spannend zu erfahren, ob mir das gelingen wird.

  3. Sich durchaus wiederfindend im Text mit dem Telefon.
    Ich denke, Wasser steht für sehr viel.

  4. Wiederfinden freut mich unheimlich. Und es ist richtig, es steckt sehr viel drin. Mehr verrate ich aber vorläufig nicht:)

  5. alle achtung, ich hab das bisherige jetzt in einem zug (…) gelesen, ist ja richtig packend!

  6. VVera …? Jetzt wird´s spannend.

  7. Wenn jemand bis jetzt mit liest, müssen die anderen Kapitel ja auch ein Mindestmaß an Spannung aufgebaut haben:)

  8. ha – auch upgedatet. also mein bisher-gelesenes;-)

  9. Endlich konnte ich mal mit Muse in Ruhe Ihre Wasser-„Geschichte“ gelesen. Wunderbar! Spannend. Packend. Surreal und doch manchmal erschreckend nah an der Realität [etwa in dem Textteil mit den beiden Spuren, als der Protagonist sich für die „Spur Sonstige“ entscheidet und dann zurückgeschickt wird in die Spur der „Wasserträger“ – für mich ein ganz starkes Text“stück“! Da ließe sich viel zu sagen]. Und auch witzig, humorvoll. An einigen Stellen schmunzelte ich – unweigerlich… außerdem begegnete mir wieder das „EinsSigma“…. toll!

    Und wie komme ich plötzlich dazu Ihre Wasser-„Geschichte“ zu lesen? Nicht weil ich mir etwas Abkühlung von den 35 Hitzegraden draußen vor der Tür versprach, sondern weil ich eben las, dass das Stuttgarter Sommer-Musikfest der Internationalen Bachakademie sich dieses Mal dem Thema WASSER widmet. [und da fiel mir Ihr „Wasser“ wieder ein und dass ich dies noch nicht vollständig gelesen…]

    Weil es Sie ggf. interessieren könnte: Bei den musikalischen Wasser-„Spielen“ erklingt von Banchieris Madrigaloper »Barca di Venezia per Padova« über Bachs Kantate »Christ unser Herr zum Jordan kam«, Johann Strauss’ Donauwalzer und Vaughan Williams’ Sea Symphony bis hin zu Erkki-Sven Tüürs »Aqua« (fast) alles, was mit dem Wasser musikalisch in Verbindung steht. Das dreiwöchige Festivalprogramm wird in rund dreißig Spielstätten im Stuttgarter Stadtgebiet dargeboten, darunter auch an ungewöhnlichen Orten: im Wasserwerk, im Wasserspeicher, auf dem Schiff und in Schwimmbädern.
    Hm… vielleicht eine Inspiration für Sie, lieber Steppenhund, der Sommerhitze trotzend, die Füße in eine Schüssel kaltes Wasser stellend, an dieser interessanten Wasser-Geschichte weiter zu schreiben. Ich erwarte jedenfalls sehr gespannt Ihre Fortsetzung!

  10. Nach wie vor, ein Vergnügen hier zu lesen.
    Allerdings, Veras Horoskopgläubigkeit verwundert mich doch ein wenig, scheint sie doch eher (auch) Geistesmensch zu sein.

    Und wie geht´s weiter?

  11. Ja, es ist allerdings nicht das typische Zeitungshoroskop sondern jeweils eine Meldung am Computer, von der man nicht weiß, wer sie überhaupt schreibt, da der ursprüngliche Autor ja bereits tot ist.
    Ein bisschen unheimlich ist das schon, weil sich die Sprüche nicht wiederholen. Aber auch dafür wird es eine Auflösung geben, nehme ich einmal an:)




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