Er wollte das Telefon abheben, doch dann stockte er plötzlich. Wieso hatte er zuhause ein Telefon? Er hatte kein Telefon. Seine instinktive Reaktion, abheben zu wollen, war die Macht der Gewohnheit und selbst im Büro fühlte er sich durch einen Anruf immer gestört.
Deswegen hatte er nie ein Telefon zuhause gewollt, es gab ja auch gar keinen Anlass dafür. Er war ein Einzelgänger, wer sollte ihn anrufen. Das Telefon läutete beharrlich, es hätte schon längst aufhören sollen zu läuten. Der Klingelton war der von ganz alten Telefonen mit Wählscheiben, der einer richtigen elektrischen Klingel. Er ging dem Geräusch nach. Es kam aus seiner Aktentasche. Als er sie öffnete, sah er das Display eines Mobiltelefon leuchten. Das war die normale Automatik, wenn ein Anruf einging. Er hob das Telefon aus der Aktentasche. Er hatte weder eine Ahnung, woher das Telefon kam noch wie er abheben sollte. Es gab keine Tasten. Er berührte das Display und das Läuten hörte auf. Er hatte den Anruf abgelehnt. Da er sich mit dem Gerät nicht auskannte, konnte er nicht nachsehen, woher der Anruf gekommen war.
Doch das beschäftigte ihn momentan weniger als die Frage, wie das Telefon überhaupt in seine Tasche hineingekommen war.
Das Telefon läutete wieder. Diesmal konnte er aber den Anweisungstext erkennen, der ihm mitteilte, wie er das Display berühren musste, um den Anruf anzunehmen.
Eine unfreundliche Stimme klang aus dem Gerät: „Hören Sie, Sie sind ja ein ganz sonderbarer Verweigerer. Haben Sie überhaupt nichts gelernt? Wenn Sie ihr Verhalten nicht ändern, habe ich Sie sehr bald wieder vor mir und muss mich darüber ärgern, dass ich die Angelegenheit ausbügeln muss.
Ich dürfte mit Ihnen zum gegenwärtigen Zeitpunkt gar nicht sprechen. Aber jetzt hören Sie einmal gut zu. Sie nehmen das Wasser immer mit sich mit. Wenn Sie müde werden, trinken Sie. Sie dürfen einfach nicht mehr einschlafen. Es ist zu gefährlich. Haben Sie keine Angst davor, nicht zu schlafen. Das Wasser übernimmt alle Aufgaben, die sonst der Schlaf für sie bewerkstelligt. Haben Sie gut aufgepasst. Das ist es für jetzt al…“ Die Verbindung wurde unterbrochen.
Er wusste weder, dass der Anruf genau dreißig Sekunden gedauert hatte noch wer die Anruferin war. An die weißgekleidete Frau, die ihn einmal als einen EinsSigma bezeichnet hatte, hatte er keine Erinnerung.
Er war ratlos. Die Anweisung hatte er verstanden. Er hatte es ja selbst erlebt, wie das Wasser auf ihn gewirkt hatte. Wahrscheinlich war irgendeine Aufputschdroge enthalten, anders konnte er sich den plötzlichen Aktivitätsschub nicht erklären. Doch wieso war der Schlaf gefährlich?
Und was bedeutete das für sein Leben? Er hatte, wenn er den Schlaf vermied um rund fünfzig Prozent mehr Lebenszeit. Was sollte er damit tun? Wofür war diese Zeit vorgesehen. Er beschloss, sich mit dem Thema Zeit näher zu beschäftigen. Er war jetzt zwar nicht körperlich müde, doch er fühlte sich irgendwie geistig müde. Er wollte nachdenken. Aber sein eigenes Denken erschien ihm so ungeordnet.
Das Bild aus dem Kino fiel ihm wieder ein. Es sah ungefähr so wie ein Fahrplan aus, allerdings ohne dass er Bezeichnungen der einzelnen Stationen gesehen hätte.
← Zeit → Weg
E
| --------------------------- | 0' 0' Heilbronn Pfühlpark
X X 2' 2' - Finanzamt
|\ E| 3' 3' - Friedensplatz
| \ /-----\ E | 5' 5' - Harmonie
| \ / X | 7' 7' - Rathaus
| \ / E \ | 9' 9' - Neckar Turm am Kurt-Schumacher-Platz
| \ / E \| 11' 11' Heilbronn Hbf Vorplatz
| X E X
| / \ E / | 14' Böckingen Sonnenbrunnen
| / \ E / | 15' Böckingen Berufsschulzentrum
| / X / | 19' Leingarten Ost
| / E \ / | 21' - Bahnhof
X E X | 22' - Mitte
| \ E / \ | 24' Leingarten West
| \ E / \ | 26' Schwaigern Ost
| \ E / \ | 20' 28' - Bahnhof
| \-----/ \ | 29' Schwaigern West
| E X 23' 32' Stetten am Heuchelberg
| E / | 26' 35' Gemmingen Bahnhof
| E / | 37' Gemmingen West
X / | 33' 42' Eppingen Bahnhof
Jetzt erinnerte er sich aber, dass er so etwas als Kind gesehen hatte. Er hatte sich damals gefragt, warum man diese Darstellung so kompliziert ausgewählt hatte. Interessant, dass er sich daran jetzt noch erinnern konnte. Überhaupt schien es ihm, als könne er sich an viel mehr erinnern. Es war nicht eine Erinnerung, wenn er in die Vergangenheit nachgrübelte. Die Inhalte kamen vielmehr von selbst, wenn ihre Bedeutung anwendbar war. Wenn alles in seinem Gehirn gespeichert war, müsste es nicht zerplatzen?
Er schmunzelte, als diese Frage kurz aufblitzte, dann konzentrierte er sich wieder auf das Fahrplanbild. Ja, das war es: kein Fahrplan sondern ein Fahrplanbild. Im Film gab es statt der Züge Menschen, die sich bewegten. Auf einander zu, sich begegnend, sich verfehlend. Das Thema des Films war die Unausweichlichkeit. Der Zuseher wusste, was passiert war, was passieren musste, doch er konnte den Ausgang nicht verändern.
Er konnte lediglich entscheiden, ob er auf ein happy end hoffen durfte oder ob bestimmte Unausweichlichkeiten endgültigen Charakter hatten. Da er den Film ja schon einmal gesehen hatte, wusste er um sein Ende.
Er verfiel in eine Art Trance, bei der er gleichzeitig ins Kino zurück versetzt war. In ihm liefen drei Zeitspuren gleichzeitig ab: als er den Film das erste Mal gesehen hatte, als er den Film das zweite Mal gesehen hatte und jetzt, als er darüber nachdachte.

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