Von der plötzlichen Schweigsamkeit Veras bekam Otto nichts mit. Er hielt es für selbstverständlich, dass sie sich jetzt auf das Dessert konzentrierten, dass ihnen beiden großes Vergnügen bereitete. Ihm vielleicht etwas mehr, da er ja nichts von den rasenden Gedanken wusste, die gerade durch Veras Kopf gingen. Er mit diesem palindromischen Namen hatte eine andere Geschichte hinter sich. Im Kindergarten, in der Volksschule war er als ruhiges Kind nicht besonders aufgefallen. Manchmal fand er sich in Gruppen ein, die ihn nicht abwiesen, weil Gruppen immer Mitläufer benötigen, um an Masse und Substanz zu gewinnen. Wenn man jemanden nach seiner Person gefragt hätte, wäre der Name erst nach einigem Zögern genannt worden. Er schien sich immer unbemerkt in eine Gruppe hinein zu schummeln, gehörte dann auch tatsächlich dazu, allerdings nie zum inneren Kern. Einen sogenannten guten Freund hatte er nicht, was ihn nicht weiter störte. Es gab zu vieles, was ihn interessierte und daher hatte er gar keine Zeit, sich mit jemandem seines Alters altersgerecht zu vergnügen. Als die Kinder in der Volksschule einmal auf ihren IQ getestet wurden, – die Lehrerin organisierte das aufgrund einer persönlichen Vorliebe – war er an dem Tag krank gewesen. Vielleicht wäre man auf ihn aufmerksam geworden, denn sicher war sein IQ zumindest überdurchschnittlich. Doch in keinem Fach schien er als der Beste auf.
Im Gymnasium, zu dessen Besuch damals noch das Bestehen einer Aufnahmeprüfung Bedingung war, fand er einen Freund, mit dem er zusammen lernte. Dieser Freund war hochbegabt und auch an vielen Fächern interessiert, so dass es zwischen den beiden zu recht interessanten Diskussionen gekommen war. Hätte man ihnen zugehört, wäre nicht aufgefallen, dass die Diskussionen besonders hochgestochen ausfielen. Man hätte aber bemerkt, dass sie von einem Thema ins andere übergangslos wechselten, wobei der Gesprächspartner jedes Mal mit erstaunlicher Schnelligkeit den neuen Faden aufnahm.
Seine Noten wiesen einen Zweierdurchschnitt auf und so blieb es auch bis zur Matura. Die Eltern mussten nie bemüht werden, bei Elternsprechtagen, waren die Gespräche mit einem Lehrer meistens nach bereits drei Minuten beendet.
Es hätte auffallen müssen, dass er kein einziges Sehr gut bekam. (mit Ausnahme der Betragensnote) Das war angesichts des allgemeinen Notendurchschnitts sehr ungewöhnlich. Noch ungewöhnlicher war der Umstand, dass er nicht studieren wollte. Die Eltern, die das gerne gesehen hätten, obwohl sie beide keine Akademiker waren, beschworen ihn, doch zu studieren. Sie würden ihn auch entsprechend unterstützen. Seine Ablehnung war knapp. Was mich interessiert, kann ich auch so erfahren, dazu muss ich nicht studieren. Und ein typischer „G’studiertenberuf“ interessiert mich nicht. Damit meinte er Arzt, Rechtsanwalt oder Lehrer. Von der Technik fühlte er sich nicht angezogen, obwohl er dafür begabt gewesen wäre, wie sich im späteren Leben noch herausgestellt hat.
Er trat bei einem großen Elektrotechnikkonzern ein, wo man ihn zum Sachbearbeiter ausbildete. Die Unauffälligkeit in der Schulzeit begleitete ihn in den Job. Trotzdem machte er so etwas wie Karriere, weil ihn sein Chef, der im Gegensatz zu ihm durchaus an höheren Posten interessiert war, jeweils ins neue Amt als seinen persönlichen Sekretär mitnahm. Auf diese Weise erreichte er den Posten eines Gruppenleiters, wenn auch Gruppenleiter ohne Gruppe. Er war seinem Chef, einem Abteilungsleiter, unterstellt und der sollte nur Gruppenleiter führen. Es wurde also eine spezielle Lex Otto eingeführt, bei der sein Rang und sein Gehalt denen eines Gruppenleiters angepasst waren, ohne dass er die entsprechende Personalverantwortung zu tragen hatte.
Zu der Zeit, als das Gespräch zwischen Vera und Otto stattfand, war er wohlverdienend, alleinstehend und innerhalb seines Unternehmens angesehen. Er löste Probleme. Manchmal auch dadurch, dass er Verantwortung ablehnte, wenn es sich um etwas handelte, dass persönliche Mediation erforderlich machte. „Sie müssen den A und den B an einen gemeinsamen Tisch bringen und selbst dabei sein. Ich kann diesen Part nicht für Sie übernehmen.“ hatte er manches Mal seinem Chef geraten und der Rat war sowohl auf fruchtbaren Boden gefallen als auch erfolgsbringend gewesen. Seine Kunst bestand allerdings darin, die richtigen Personen A und B zu benennen. Denn oft waren das nicht die offensichtlichen Konfliktpartner sondern ihre Chefs, manchmal auch externe beeinflussende Persönlichkeiten, wofür die Streithanseln nur Platzhalterrollen spielten.
Rein äußerlich war Otto unscheinbar. Er kam täglich im gleichen Anzug ins Unternehmen. Tatsächlich hatte er fünf gleiche Anzüge, die er wechselte. Seine Krawatten waren verschieden aber so unauffällig konservativ, dass sich die Leute nach Sitzungen manchmal fragten, welche Krawatte er denn heute angehabt hätte. Von der Statur etwas eindreiviertel Meter groß, war er schlank geblieben, sein Haar hatte diesen Mischfarbe aus braun und grau, mit leichtem Ausfall, glatt und gescheitelt. Seine Augen waren durch randlose Gläser nicht verdeckt, doch die Wachsamkeit seiner Augen konnte man gerade wegen der Gläser nicht erkennen.
Diese Wachsamkeit passte so gar nicht zum restlichen Bild von Otto. Sie war aber schon die ganzen Jahre zuvor dagewesen. Vielleicht war es diese Wachsamkeit gewesen, die ihn daran gehindert hatte, eine dauerhafte Beziehung zu einer Frau einzugehen. Er fand Berechnung in den Augen der Frauen, mit denen er näher zusammen gekommen war. Berechnung hasste er. Es war vielleicht die stärkste Empfindung, zu der er fähig war. Von seinem nicht zu kleinen Gehalt spendete er viel. Am meisten gab er dann aus, wenn er wieder einmal bei seinen Eltern war und die Mutter über irgendeinen Missstand wehklagte. Regelmäßig fragte er dann, ob es eine Organisation gäbe, die sich darum kümmern könnte. Nach den Informationen, die ihm seine Mutter gab, spendete er für Kinder allgemein, für Kinder in Afrika, für Tiere, für Hunde, für Katzen, für Tierheime, für Ärzte, die sich um Kinder kümmerten, für Kinderkrebshilfe, für die Spitalclowns und noch für viele andere Organisationen. Durch den Filter der Mutter, waren die Spenden entweder für Kinder oder für Tiere ausgewählt. Sie befand, dass sich Erwachsene selbst um ihre Hilfe kümmern müssten. Den Schutzlosen muss geholfen werden. Otto war es egal. Ihm gefiel nur, dass er mit den Spenden seiner Mutter eine Freude machen konnte. Sein Vater wiederum freute sich, dass es Otto so gut ging, dass er sich diese finanziellen Ausgaben leisten konnte.
Otto war Vera bereits auf der Studentenféte aufgefallen. Da er aber kein Student war, hatte sie ihn als uninteressant klassifiziert. Sie scherzte zwar ein bisschen mit ihm herum und bemerkte auch, dass seine Antworten durchaus im Niveau mithalten konnten, aber für eine Beziehung schien er ihr mitnichten genügend attraktiv zu sein.
Otto schaute Vera fragend an, sie hatte ihren Teller leer gefegt.

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