Ich habe eine neue Quaität an facebook entdeckt. Sie ist nicht neu, die time line gibt es schon einige Zeit. Doch ich habe jetzt darin eine Möglichkeit, meine etwas feindselige Haltung gegenüber von „im hier und jetzt leben“ festigen zu können.
Irgendwie scheint es in heutigen Lebensschulen die ultima ratio zu sein, sich auf das hier und jetzt zu begnügen. Genauso stereotyp mutet der Rat an, man solle doch immer in die Zukunft schauen. Was war, das war. Es bringt nichts, in die Vergangenheit zu schauen.
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Nun habe ich einmal auf meiner Facebook-Seite nachgesehen. Vermutlich nehmen negative Einträge dort weniger als 10% ein, vielleicht nicht einmal 5%. Stattdessen schrub (oder schrieb, wenn das jemand bevorzugt) ich über die schönen Momente in meinem Leben. Wenn ich jetzt derartige Meldungen lese, kann ich mir das gute Gefühl, des im damaligen Jetzt-Leben recht gut in Erinnerung rufen.
Und spielerisch frage ich mich: das war ja eine gute Sache, warum mache ich das nicht jetzt. Also lässt sich letzten Endes genau eruieren, was mir einmal gefallen hat und was mir noch gefallen könnte.
Andererseits gibt es Erlebnisse, die nur einmal genossen werden können. Wiederholungen hätten nicht den gleichen Impakt. Wenn ich lernen kann, was mir eigentlich gefallen hat, dann weiß ich, wie ich meine Zukunft ausrichten muss.
Wenn ich mich frage, was ich hier und jetzt tun soll, fällt mir allerdings nichts Besseres ein, als jetzt diesen Beitrag zu schreiben.
Die Verwendung des Wortes „man“ für jemanden, den man persönlich kennt, erscheint mir beleidigend. Allerdings verstehe ich dann, warum man über „Thema verfehlt“ so angerührt reagiert.
Und ehrlich gesagt, ist es mir vollkommen wurscht, was jemand kommentiert. Mittlerweilen.
Ich möchte auch keine diesbezüglichen Mails mehr an meine Privatadresse bekommen.
Keine Kommentare notwendig. Die Empfindlichkeit mancher Personen geht mir ganz schön auf den Sack. Künftig werde ich die Kommentarfunktion einfach streichen und für mich selber schreiben. Und dabei ein paar Publikumsbeschimpfungen loslassen.
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Jetzt bin ich einmal sauer. Bis es soweit ist, dauert das normalerweise eine gewisse Zeit. Aber es hält dann auch einige Zeit an.
Vergesst’s mich einfach.
In vielen Kriminalserien – vor allem denen als USA, aber auch in deutschen – gibt es den folgenschweren Satz: „Mord verjährt nicht“.
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Das ist eigentlich bei näherer Betrachtung ein Sch…satz, weil er einen fürchterlichen Materialismus ausdrückt. Wenn nämlich die Seele umgebracht wird, kann das ohne große Schwierigkeiten verjähren, selbst wenn es jahrzehntelange Tortur für das Opfer bedeutet.
Ich schreibe das nach einem Fernsehreport über das Kinderheim am Wilhelminenberg, aber ähnliche Vorgänge gab es in vielen anderen Heimen, auch in dem, was ganz nahe bei unserer Wohnung gelegen war. Wenn die Kinder außerhalb des Heims geführt wurden, hieß es, „das sind die schwererziehbaren Kinder“. Ich selbst hatte keine Ahnung, wie die Kinder innen gequält und auch vergewaltigt wurden.
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Nun denke ich, dass diese Art der Verbrechen ebenfalls nicht verjähren dürften. Rückwirkend ein Gesetz zu ändern geht nur in totalitären System, dafür plädiere ich auch nicht unbedingt.
Man könnte aber die noch lebenden VergewalterInnen (es gab da auch sadistische Frauen unter den ErzieherInnen) zumindest vorführen und ihnen bewusst machen, was sie angerichtet haben. Entweder machen sie sich dann selbst die entsprechenden Vorwürfe oder sie werden in ein einfaches Altersheim gesteckt – ohne besondere Betreuung.
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Aber Verjährung sollte es in Zukunft für diese Art von Verbrechen nicht mehr geben können.
Seit mehr als einem Monat lauf ich jetzt vermutlich mit einer verschleppten Grippe herum. Ein paar berufliche Termine musste ich unbedingt wahrnehmen. Vorgestern war ich bei der Ärztin, die mich zwar beliebig krank geschrieben hätte. Doch eigentlich hatte ich gedacht, dass ich wieder auf dem Damm bin.
Heute habe ich Ohrenschmerzen und fühle mich noch immer grippig. Trotzdem muss ich morgen zur Gesichtswäsche (sprich zu einer Konferenz).
Aber in Serbien habe ich bereits ein Event auf nächstes Jahr verlegt. Da fühle ich mich momentan nicht ausreichend kräftig dafür.
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Es tut mir leid, dass ich meine Leser mit einer derartigen Raunzerei bemühe. Ich glaube, es ist der erste Beitrag dieser Art. Er gehört in die Rubrik: ist das jetzt das Alter?
Denn momentan fühle ich mich wirklich alt und möchte am liebsten aufhören. (zu arbeiten! keine Panik bitte)
Aber wahrscheinlich werde ich in einem Monat schon wieder ganz anders tönen.
1961
[In Anlehnung an Wiederworte schreibe ich meine eigenen Bedeutungen für das Jahr 1961] hier nieder.
Als ich 1961 als Jahreszahl las, war mir klar, dass dies ein besonderes Jahr in meinem Leben gewesen war. Doch beim Nachrechnen von vorne – also von meiner Geburt weg – war es mir plötzlich nicht mehr so klar. Wann war ich nach Wien gekommen? 1956 oder 1957? Umgekehrt war es leichter zu rechnen. Ich habe 1969 maturiert, also bin ich 1968 in die achte Klasse gekommen. Zwangsläufig war dann 1961 das Jahr, in dem ich ins Gymnasium gekommen bin.
Und das ist wirklich das Jahr, das ich für bemerkenswert halte. Aus unterschiedlichen Gründen, von denen viele mit der Schule zu tun hatten. Eigentlich waren es sogar zwei Schulen. Das Gymnasium und die Musikschule, die ich in dem Jahr zu besuchen begann.
Wien war für mich 1961 keine schlechte Umgebung. Wir wohnten in fünf Minuten Entfernung vom Wertheimstein-Park, wo ich viel Zeit verbrachte. Am Fuße der „Hohen Warte“, war im Sommer auch das Freibad ein Daueraufenthaltsplatz. An den Wochenenden spazierten unsere Eltern mit uns Kindern im Wienerwald. Wir fuhren mit dem Autobus auf den Kahlenberg und spazierten dann gemütlich den Berg mit mehr oder weniger Umwegen herunter. Manchmal kamen wir durch Grinzing, manchmal durch Sievering, und es gab Zeiten, wo meine Mutter Schnitzeln mitgenommen hatte und wir gemeinsam dann bei einem Heurigen einkehrten, die damals noch lange nicht den Restaurant-Charakter von heute hatten. Es gab ausschließlich den selbstangebauten Wein oder einen Almdudler. Bier oder Coca-Cola hätte man vergebens bestellt.
Auf diesen Spaziergängen unterhielt sich mein Vater mit mir, während meine Mutter mit meiner Schwester sprach. Waren Freunde meiner Eltern mit, gesellte ich mich zu den „Herren“ und lauschte aufmerksam, was sie besprachen. Ich muss hinzufügen, dass mein Vater ein ausgezeichneter Unterhalter war. Belesen, mit Lebenserfahrung, leidenschaftlicher Musiker erzählte er unzählige Geschichten, die manchmal von seiner eigenen Wahrnehmung so stark geprägt waren, dass sie nicht unbedingt eine „objektive“ Wahrheit berichteten. Doch von Struktur und Spannung waren sie für mich ein Fundus an Wissen. Außerdem konnte ich meinen Vater fast alles fragen.
Es ist eine besondere Vergünstigung, wenn man in so einem Elternhaus aufwachsen kann. Dann wird auch die Schule zu einem Vergnügen. Schule war interessant. Als Schüler war ich gut genug, dass man mir meine Lebhaftigkeit und Tratscherei verzieh, weil man wusste, dass ich alles haargenau aufnahm. Obwohl ich also zu den besten zählte, war es für mich nicht selbstverständlich, ob ich die Aufnahmeprüfung ins Gymnasium schaffen würde. Da gab es so etwas wie eine gewisse Aufgeregtheit, denn das war eine „erste“ Prüfung, bei der es um etwas ging. Es wird nicht überraschen, dass die Prüfung letztlich sehr leicht ausfiel. Trotzdem haben damals nicht alle die Aufnahmsprüfung geschafft.
Wenn ich heute lese, dass die Gesamtschule so gut sein soll, weil die sozialen Kontakte nicht zerreißen würden, dann wohnen zwei Seelen in meiner Brust. Einerseits verstehe ich das Argument recht gut. Schließlich sind unsere eigenen Kinder in die Waldorfschule gegangen, wo in den ersten acht Jahren ja sogar der Klassenlehrer der gleiche bleiben soll. Andererseits kann ich mich an den Stolz und die Neugier erinnern, mit der ich den ersten Tag in die neue Schule ging. Es war aufregend. Neue Lehrer, die sich jede Stunde abwechselten, und das Gefühl, jetzt endlich in der „wirklichen“ Schule zu sein, wo man etwas lernen würde. Etwas Neues.
Meine Schule gab es noch gar nicht. Das bedeutet, dass es sie als Organisationsform und Institution gab, aber die Schule selbst nicht existierte. Nicht als Gebäude mit Schulklassen, ohne Hausmeister, ohne Turnsäle, ohne Adresse. Die Schule war zur Untermiete an verschiedenen anderen Schulen. Mein erstes Schuljahr verbrachte ich in der Krottenbachstraße, was eigentlich die Realschule war. (Realschule in Österreich entspricht nicht der Realschule in Deutschland, sondern ist nur ein bisschen weniger sprachorientiert als das Gymnasium.)
Erst einige Jahre später, wurde die Schule gebaut, in die ich ging. Sie war dann natürlich eine moderne Schule mit guten Räumen und Fussballplatz und hellen Korridoren. Sie war auch ein bisschen verschrieen, weil die Finanzierung dieser Schule möglicherweise durch Elternbeiträge gefördert wurde, welche nicht ganz freiwillig erbracht wurden. Trotzdem wurde dieser Schule kein Maturaskandal angehängt, obwohl man sie das „Samesianum“ nach dem Namen des Gründungsdirektors bespitznamte.
Es gibt vieles über dieses erste Schuljahr zu berichten. Was mir bis heute in Erinnerung geblieben ist, war die neugierige Frage: wer wird der Klassenvorstand sein. Die Freundin meiner Mutter hatte einen Sohn, der schon zwei Jahre in diese Schule ging. Als ich ihm sagte, wer mein Klassenvorstand war, meinte er „hart aber gerecht“. Damit konnte ich leben. Jenen Lehrer, man sagte damals aber Professor, habe ich die meiste Zeit sehr verehrt, ja vielleicht geliebt. Ich litt dann unter der ungerechten Behandlung, die er einem Mitschüler angedeihen ließ. In der Maturazeitung rächte ich mich dann mit einem Artikel, in dem ich dieses Fehlverhalten Revue passieren ließ, was das Verhältnis zwischen uns naturgemäß trübte. Leider ist er gestorben, bevor wir unsere Maturafeiern wieder zu feiern pflegten.
Vollkommen neu war der im Gymnasium gepflegte Brauch des Buchhandels. Die Schüler der höheren Klassen kamen mit ihren Schulbüchern, die sie verkauften. In der ersten Klasse musste man sich alles erst einmal erwerben. Auch meine Eltern sahen es gerne, dass sie nichts neu kaufen mussten. So war der „Antiquariatshandel“ in den ersten Schultagen noch gesellschaftlich höher angesehen, als hätte man die Bücher von der Schülerlade beziehen müssen. Ich glaube, dass damals meine Lust geweckt wurde, Bücher zu kaufen. Auch heute darf ich mich nicht in ein Antiquariat trauen. Ich komme nicht ohne Bücher um mindestens 100€ oder mindestens 10kg heraus. Es gibt einfach zu viel schöne Bücher.
Und die Schulbücher empfand ich als schön.
Ein hervorstechendes Erlebnis in meinem ersten Gymnasiumsjahr war der Umstand, dass ich fast von der Schule geflogen wäre. Die Begleitumstände waren etwas sonderbar. Wir hatten einen Deutschprofessor, dessen Stunden durch eine eigenartige Einteilung bestimmt waren. Mindestens dreißig Minuten bis manchmal bis zur ganzen Unterrichtsstunde gingen dafür auf, dass die ausgeteilten Strafen eingesammelt wurden. Dafür gab es einen Strafenaufschreiber, der Buch führen musste. Allfälliges Tratschen, Unaufmerksamkeit oder was auch immer wurde mit „zwei Seiten“, „Nacherzählung“, „eine Seite“ in trockenem Ton kommentiert. Hatte jemand seine Strafarbeit nicht gemacht, gab es einen Zinsaufschlag. Dadurch kam es zu einem regelrechten Handel mit dem Strafaufschreiber. „Geh, nimm mich erst am Schluss!“ Dann bestand die Chance, dass die Liste gar nicht erst ganz abgearbeitet werden konnte.
Irgendwann hatte es mich erwischt und faul wie ich war, hatte ich die Strafe nicht vorrätig. Zinsaufschlag. Beim zweiten oder dritten Versäumnis gab es dann die Unterschrift der Eltern zu erbringen. Nachdem ich zweimal erfolgreich, wie ich glaubte, die Unterschrift meines Vaters gefälscht hatte, gab es eine Vorladung. Mit dem Vater vor dem Direktor. Ich war zwar ein guter Schüler, doch der Direktor polterte herum und drohte, mich von der Schule entfernen zu lassen. Dass da ja nicht noch etwas passieren würde. In dem mittleren Trimester bekam ich eine Drei in Betragen, was so ziemlich die schlimmste Note diesbezüglich ist.
Jetzt kommt aber der Treppenwitz der Geschichte. In der sechsten Klasse erlitt jener Deutschprofessor einen Schlaganfall mitten in einer Unterrichtsstunde bei uns. Mit sechszehn Jahren waren wir aber verständig genug, rasch zu reagieren und er konnte zumindest unmittelbar noch aufgefangen werden. Als er dann ein Jahr später starb, erfuhren wir von unserem Klassenvorstand, dass wir seine Lieblingsklasse gewesen waren. Und ich sei sein Lieblingsschüler gewesen. Im Zuge des Fasthinauswurfs mutet das schon etwas sonderbar an.
Geschadet hat mir diese Geschichte nicht. Ich hatte zwar in der ersten Klasse Gymnasium keinen Vorzug. Den hatte ich dann allerdings in allen anderen Klassen bis zum 1.0-Maturaschnitt. Die Betragensnote blieb aber konstant auf zwei. Ich wurde auch nie als Streber apostrophiert. Kurz nach der Geschichte lernte ich aber meinen langjährig besten Schulfreund näher kennen und dieser hatte einen extrem guten Einfluss auf mich. Aus guter Bürgerfamilie stammend, besaß er eine elektrische Eisenbahn, (Märklin) dich mich magisch anzog. Außerdem nahm er Klavierstunden – in der Musikschule. Das war nun auch der Anlass, dass meine Eltern mich dort unterzubringen versuchten. Das war schließlich viel billiger als die einzel bezahlten Klavierstunden, bei einer Lehrerin, die mir sowieso nichts beibringen konnte. In der Musikschule lernte ich meinen Lehrer für die nächsten acht Jahre kennen, über den ich gesondert schreiben möchte. Hier möchte ich ihn nur als wundervollen Musiker, Musiktheoretiker, Musikliebhaber und Komponist einführen.
Zu Ende des Schuljahres 1961-1962 war ich etabliert. Die Unbillen des zweiten Trimesters waren überstanden. Ich hatte in meinem ersten Schülerkonzert gespielt. Und ich hatte einen folgenschweren Entschluss gefasst: ich würde kein Pianist werden. Als ich nämlich am Konservatorium auf einem echten Bösendorfer spielen durfte und nicht den Klang hervorbringen konnte, den ich sonst im Radio im Ohr hatte, schloss ich, dass ich nicht ausreichend begabt dafür war. Wenn ich nicht den Klang erzeugen konnte, den ich innerlich hörte, war das professionelle Klavierspiel nicht meine Berufung.
Als ich viel, viel später in meinem Leben mit Bösendorfer beruflich in Berührung kam, bekam ich Komplimente über meinen Anschlag. Trotzdem habe ich die Entscheidung, die ich damals traf, nie bereut.
Jetzt gibt es in meinem Umfeld ja viele Menschen, die auch ihm Jahr 1961 einiges Bemerkenswertes erlebt haben. So war meine Schwester als Austauschstudentin in Amerika und die Geschenke, die sie uns und mir nach Wien schickte, haben damals erstmalig etwas von amerikanischem „Kulturgut“ anklingen lassen. 1961 war das Jahr des J.F. Kennedy, der mir – obwohl sehr unpolitisch – Eindruck machte. Das Treffen zwischen Kennedy und Chrustschov machte mir großen Eindruck, auch wenn dieser vielleicht eher meine snobistische Ader förderte. Einmal wollte ich auch ins Imperial-Hotel. Ja, das habe ich viel später noch oft geschafft. Interviews mit Fritz Gulda wollte dieser am liebsten im Imperial_Cafe abgehalten haben. Und eine Bösendorfer-Verkaufskonferenz mit allen Händlern (ca. 160 weltweit) hielten wir im Imperial ab.
Und so schließe ich das Jahr 1961 mit einer quintessentiellen Zusammenfassung meines Innenlebens. Ich glaube, damals wurde meine Haltung geprägt: „ich will auch …“ Und seither versuche ich diese Haltung zu reduzieren. Es ist mir recht gut gelungen, weil ich heute sagen kann „ich habe einmal …“ Auf diese Weise bin ich jetzt mit so vielem zufrieden, dass mir Leute vorwerfen, dass ich zuwenig an die Zukunft denke. Für all die kann ich nur sagen, dass ich eine bestimmte Resignation schon früher hatte. Dann gab es wieder etwas, was mich beisterte, und das Hamsterrad fing sich von neuem an zu drehen.
Aber es ist schön, dankbar und zufrieden sein zu können.
http://www.youtube.com/watch?v=MrYcRzN91eE
Einfach ansehen!
Nicht so neu für mich. Doch der Vortrag ist sehr anschaulich. Vielleicht kann er denen helfen, die dem _Glück_ nachjagen. Hier könnte man es finden.
Zitat aus dem http://ORF.AT (= ORF ONLINE) – ist leider nicht verlinkbar, daher hier als unmittelbares Zitat:
Reich-Ranicki: Versäumtes „in sexueller Hinsicht“
Der Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki empfindet das Altwerden als fürchterlich. Auf die Frage, ob er etwas in seinem Leben verpasst habe, sagte der 92-Jährige dem „Focus“, es gebe immer etwas, das man versäumt habe – „zumal in sexueller Hinsicht“.
„Lassen sie sich nichts von Altersweisheit oder Altersmilde erzählen. Das ist sentimentales Geschwätz“, sagte der 92-Jährige dem „Focus“. Man stehe einem „übermächtigen Gegner“ gegenüber. „Dieser Gegner, die Zeit, wird immer stärker, und sie vernichtet nach und nach immer mehr von uns, ohne dass wir uns wehren können, bis sie uns schließlich ganz auslöscht“, sagte Reich-Ranicki dem Magazin.
Nach dem Tod seiner Frau Teofila im vergangenen Jahr sei ihm der Gedanken an den Tod indes nicht nähergekommen. „Wenn man wie ich über 90 Jahre alt ist, steht einem der Tod immerzu vor Augen“, sagte er. „Noch näher kann er nicht kommen.“
Die Religion könne ihm keinen Trost spenden. „Es gibt kein Weiterleben nach dem Tod. Das ist Wunschdenken“, sagte er. Auch die Literatur könne nicht helfen. „Mit dem Gedanken an den Tod kann man nicht fertig werden. Er ist völlig sinnlos und vernichtend.“
Dass ich ihn nicht mag, habe ich ja schon früher hier geschrieben. Ich wünsche ihm aber, dass er noch möglichst lange leben soll. Schließlich leidet er ja unter dem Alter. Man darf einem Menschen doch wünschen, dass er lang lebe, oder?
Und solange er lebt, darf man auch noch schlecht über ihn sprechen.
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Was sich eigentlich dahinter erschreckend verbirgt, ist etwas ganz Anderes. Dass er an das Leben nach dem Tod nicht glaubt, ist traurig für ihn. Doch das tun viele, die das gelassen hinnehmen. Wenn er allerdings nur das Leben von Geburt bis Tod als essentiell ansieht, dann ist er ja ein ungeheuerlicher Materialist, wenn er in all den Jahren, in denen er sich mit Literatur beschäftigt hat, nie das Schöne und Tröstliche in der Literatur gefunden hat.
Ein Speisekritiker, dem es nie geschmeckt hat; einer der nur anmerkt, dass die Suppe versalzen und das Besteck nicht sauber geputzt war.
Der Mensch – in diesem Fall dieser Mensch – ist sich selbst wirklich der ärgste Feind.
Da ist der Originallink zum ursprünglichen Interview für focus.
„Also das ist die Hölle. Ich hätte es nie geglaubt … Wißt ihr noch: Schwefel, Scheiterhaufen, Rost… Was für Albernheiten. Ein Rost ist gar nicht nötig, die Hölle, das sind die andern.“ das sagt Garcin in Geschlossene Gesellschaft von Jean-Paul Sartre.
Es gibt noch eine Steigerung: die Hölle, das bin ich. Den Spruch habe ich gerade erfunden, nachdem ich das Interview mit MRR gelesen habe.
So betrachtet gibt es vielleicht wirklich Gerechtigkeit.
Vor kurzer Zeit habe ich in meinen Backup-Dateien gesurft und bin auf das verlinkte sommermenu() gestoßen, in dem ich hauptsächlich über Beethoven geplaudert habe. Meine Meinung hat sich in der Zwischenzeit nicht geändert, daher stelle ich es jetzt „in die Ewigkeit“.
Andernfalls schaut es ja so aus, als gäbe es nur ganz wenige Komponisten, die mich in meinem Leben so wirklich beschäftigen.
