In ihm stiegen Erinnerungen hoch. Er hatte das Buch gelesen und er war begeistert gewesen. Besonders beeindruckt hatte ihn der Abdruck eines Berichts aus den Nachrichten, der über die Probleme eines afrikanischen Staates berichtete. Die Ähnlichkeit mit der Computersimulation war unübersehbar. Allerdings betraf der Bericht einen Zeitraum von über dreißig Jahren, während die Computersimulation während eines Semesters mit Studenten durchgeführt worden war. Damals hatte er geglaubt, dass es nur eine Frage der Zeit wäre, bis die Leistung von Computern soweit zunehmen würde, dass man die politischen, wirtschaftlichen und ökologischen Geschehnisse auf der gesamten Erde simulieren könnte. Mit Hilfe der Simulation könnte man quasi in die Zukunft schauen und sinnvolle Entscheidungen treffen. Oder besser ausgedrückt, unsinnige Entscheidungen wären vermeidbar geworden.
Er musste über seine Naivität lächeln. Doch plötzlich gefror sein Lächeln zu einer Maske. Da gab es doch überhaupt nichts zu lachen. Auch andere Personen mussten diesen Gedanken gehabt haben. Und es gab Prophezeiungen, die auf Computersimulationen beruhten. Allerdings trafen sie nicht ein.
Das ging ihn doch nichts an. Er konnte nichts dagegen unternehmen und genauso wenig konnte er zu einer Veränderung beitragen. Doch in seinem Leben hatte sich etwas verändert. Es war etwas Unerklärbares passiert und in seinem Leben gab es jetzt ein Element, für das es schlicht keine Erklärung gab. Ein „Tischlein deck dich“, das zwar auf die schlichte Substanz von Wasser beschränkt war, nichtsdestoweniger aber ein märchenhaftes Wunder darstellte. Basierte die Geschichte des „Tischlein deck dich“s auf einem realen Erlebnis, das eines der Brüder Grimm erlebt hatte? Oder hatten sie lediglich Mythen aufgegriffen, die ein früheres Geschehen tradiert und vielleicht ein bisschen ausgeschmückt hatten?
Er schüttelte den Kopf. Verrückte Gedanken. Gedanken, die er früher nie gehabt hatte. Die Kinobesucher wurden in den Saal gelassen. Der Film handelte von radioaktivem Material, das im Zuge eines Flugzeugabsturzes, auf einer Insel gelandet war. Es war in einem sicheren Bleibehälter unversehrt durch einen Fallschirm gebremst gelandet und befand sich jetzt in einer unbewohnten Gegend auf dem Berg der Insel, die als Touristikziel diente. Der Behälter war mit einem Transponder ausgerüstet, sodass die Amerikaner den ungefähren Ort ermitteln konnten.
Trotzdem kamen sie zu spät. Ein Fischer entdeckte während eines Spaziergangs die Kiste, vermutete einen Schatz und konnte mit Brachialgewalt die Verschlusssicherungen öffnen. Als er den darin befindlichen unscheinbaren, grauen Metallklumpen sah, wendete er sich enttäuscht ab. Dabei stieß er noch verächtlich mit dem Fuß gegen den Behälter. Der kippte trotz seines Gewichts zur Seite und der Metallklumpen rollte heraus und landete in einem kleinen Bach. Während die Gäste in einem Hotel das Neue Jahr begrüßten, floss radioaktiv verseuchtes Wasser ins Meer. Am Morgen konnte man tote Fische an der Oberfläche des Wassers beobachten.
Der Film war kein Erfolg geworden, obwohl Katastrophenfilme später regelmäßig Unsummen einspielten. Wahrscheinlich war der Mangel an Überzeichnung schuld daran gewesen, dass man die eigentliche Aussage des Films leicht wegstecken konnte. Die einzige Spannungsdramatik war das gerade um Stunden verspätete Eintreffen des Entsorgungsteams, die das Öffnen des Behälters gerade verpasst hatten.
Er sah den Film auch beim zweiten Mal noch mit großer Begeisterung. Doch neben den Filmszenen lief noch ein weiteres Szenario in seinem Hirn ab. Er vermochte das Skelett des Films zu sehen, das Drehbuch. Doch es war nicht das Drehbuch des Films, wie es ein Autor verfasst. Es waren Formeln oder Grafiken, bildliche Darstellungen von logischen Zusammenhängen. Er sah sie wie Untertitel in seiner Wahrnehmung eingeblendet.
Als der Film zu Ende war, versuchte er sich an die Darstellungen zu erinnern, doch es gelang ihm so wenig, wie man sich an einen Traum erinnern kann, wenn man seit dem Aufwachen an etwas anderes intensiv gedacht hat.
Er war sehr verärgert und er tat das, was im Augenblick als das Logischste erschien. Er kaufte sich noch eine Karte für die gleich folgende Vorführung. Er war neugierig, ob sich die Wahrnehmung wiederholen würde. Bevor er in den Saal gehen konnte, überfiel ihn ein unmäßiges Durstgefühl. Er ging in die Toilette und wollte aus dem Wasserhahn trinken. Doch er fühlte nur Abscheu und konnte sich nicht überwinden, die Hand unter den Hahn zu halten, um damit einen Becher zu emulieren. Er musste nach Hause, jetzt sofort. Nur das Wasser im Kühlschrank konnte ihm jetzt den Durst löschen. Die Karte würde verfallen. Halbherzig versuchte er sie, zurück zu geben. Die Kassiererin lächelte nur mitleidig, sie mochte ihn für etwas verschroben halten.

Er wusste nicht, wie er nach Hause gekommen war. Der Durst wurde so unerträglich, dass er alle Eindrücke zu verdrängen versuchte. Im Stiegenhaus war er zu ungeduldig, auf den Lift zu warten. Er fummelte am Schloss herum und endlich war er in der Wohnung. Als er den Becher zum Trinken ansetzte, konnte er es nicht fassen, dass bereits die ersten Tropfen, die seinen Mund berührten, sein Durstgefühl schlagartig verschwinden ließen.

Noch etwas passierte gleichzeitig. Er sah eine Grafik aus dem Film. Sie sah so ähnlich aus, wie früher Fahrpläne der Eisenbahn ausgesehen hatten. Schräge Linien, welche den Zusammenhang zwischen Uhrzeit und Position der Züge darstellten. Er fragte sich nur, warum ihm eine so einfache Darstellung nicht früher eingefallen war und warum er sich gleich nach Ansehen des Filmes nicht daran erinnern konnte.
Diesmal war er klüger. Er nahm sich ein Blatt Papier und skizzierte die Zeichnung. Es war nur eine sehr rohe Skizze, doch den Rest konnte er später noch verfeinern. Jetzt ging er mit der Zeichnung ins Wohnzimmer, legte sie vor sich auf den Tisch, setzte sich nieder und starrte die Zeichnung an. Was bedeuteten die „Untertitel“ und warum konnte er sie sehen. Würden sie andere Menschen sehen oder würden sie ihn für verrückt halten? Vielleicht nur mitleidig belächeln. Er wurde müde. „Nicht einschlafen“ dachte er noch. Angst ergriff ihn. Als er das letzte Mal eingeschlafen war, war etwas passiert, woran er sich nur undeutlich erinnern konnte. Er konnte sich eigentlich gar nicht erinnern, nur das Gefühl, das Schlafen unangebracht war, war geblieben. Er würde schlafen müssen.
Er raffte sich auf und ging noch einmal in die Küche. Diesmal trank er das ganze Glas leer. Die Müdigkeit verschwand ebenso wie der Durst zuvor.
Das Telefon läutete.

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