Währenddessen spielte sich anderswo eine heftige Diskussion ab. Die Heftigkeit zeigte sich nicht durch Lautstärke oder Körpereinsatz. Es wurde ganz ruhig gesprochen. Doch die Aussagen waren so konträr und die dazu gehörenden Beweisführungen so kompliziert, dass es schien, als würden sich die Aussagen ins Wort fallen und der eine nicht warten, bis der andere zu Ende gesprochen hatte.
Für einen, der die Hintergründe nicht verstand, hörte es sich ungefähr so an:
„Wir betrachten die Phase 2000. Unschärfen sind erlaubt und werden akzeptiert werden.“ Dieser Satz wurde durch eine Reihe von Zitaten begleitet, welche alle auf bestimmte Unlösbarkeiten, die der Mensch im Zuge der Zeit gefunden hatte, eingingen.
„Wir können nicht das Absolute darstellen und dann würfeln, ob wir zu einer Frage ja oder nein sagen.“ Diese Aussage wurde von dogmatischen Beispielen untermalt, die den Beweis erbringen sollten, dass der Glaube Berge versetzt.
Die Debatte verlief einige Zeit, bis einer, der bis dahin nichts gesprochen hatte, sich einmischte.
„Wir können die Frage nicht beantworten. Wenn wir aber jetzt eine Entscheidung treffen, muss sie auch später noch begründbar sein. Wir müssen also irgendwann die Möglichkeit haben, festzustellen, ob wir heute richtig waren oder nicht. Dazu benötigen wir ein Orakel, welches die Frage von einer anderen Seite beleuchtet. Dieses Orakel haben wir nicht. Es bleibt uns also nichts Anderes übrig, als zusätzliche Daten zu sammeln und die Untersuchung auf einen späteren Zeitpunkt zu verlegen.“
„Das haben wir doch auch schon früher so gemacht und das Resultat war immer dasselbe. Dann können wir das Resultat jetzt aufgrund der früheren Erfahrungen festlegen.“
Es ging noch einige Zeit hin und her. Die Meinung der momentanen Unentscheidbarkeit setzte sich durch. Doch jetzt ging die Diskussion in eine andere Richtung.
„Soll er wieder Wasserträger werden? Die meisten gehen bereits an einem Glas zugrunde.“
„Wenn wir die Frage beantwortet haben wollen, so muss er wieder Wasserträger sein. Sonst werden wir keine hinreichende Auskunft bekommen.“
„Wenn er sofort stirbt, werden wir nicht mehr wissen als jetzt.“
„Dieses Problem lässt sich leicht behandeln. Er bekommt kein neues Wasser. Wir nehmen das, welches bereits in ihm ist.“
Ein neuer Anfang
In den weißen Raum kam ein Mann, welcher ein Glas und etwas, das wie eine Spritze aussah, herein. Er nickte der Frau bestätigend zu und ging zu ihm.
Dieser war ängstlich auf dem Sessel gesessen, sich unbequem fühlend, müde, aber außerstande, einzuschlafen, da er dachte, dass jede Sekunde, die er bewusst erleben würde, kostbar sei. Der Mann streifte seinen Ärmel hoch und hielt das Gerät an den Arm. Es war keine Spritze. Es bestand aus einer Reihe von Saugnäpfen, die sehr klein waren und den Eindruck einer Zahnbürste erweckten. Der Mann betätigte einen unsichtbaren Knopf und das Glas, welches er noch in der Hand hielt, begann sich zu füllen, obwohl es keine sichtbare Verbindung gab. Es schien sich aus sich selbst zu füllen.
Als es bis ungefähr einen Zentimeter unter dem Rand gefüllt war, zog der Mann die Zahnbürste zurück. Er fischte in seiner Tasche und brachte einen Verschluss für das Glas heraus, welcher sich oben aufstecken ließ.
„In diesen Räumen lässt es sich verschütten. Man muss vorsichtig sein.“ Der Mann drückte den Verschluss auf das Glas und gab ihm das Glas. „Gut aufpassen darauf!“ Er nickte der Frau zu und verschwand durch die unsichtbare Tapetentür, durch die er gekommen war. Die Frau blickte noch einmal skeptisch auf ihn, dann begann sie fast einen Roman auf die Tastatur zu klopfen. Es dauerte, so wie er es empfand, eine Viertelstunde. Dann begannen die Wände wieder Bilder zu zeigen.
Auf den Wänden erschienen Landschaften, die sich bewegten. Die Wände wurden kleiner. Der sichtbare Teil der Landschaften wurde von Fensterrahmen eingeengt. Die Rahmen bekamen ein metallisches Aussehen und wurden zu Zugfenstern. Als er dies neugierig betrachtete, geriet die Frau aus seinem Sichtbereich. Als er den Kopf zur Seite drehte, um die andere Wand zu sehen, sah er dort ebenfalls Fenster und Landschaften, aber beim Drehen des Kopfes geriet die Frau nicht mehr in sein Blickfeld. Dort, wo sie gesessen hatte, war nur mehr eine Bank und die Wand eines Zugabteils.
Er war aus einem langen und schweren Traum erwacht. Er konnte kurz nach dem Aufwachen nicht sagen, wieso er in einem Zug saß. Die nähere Vergangenheit entzog sich seinem Gedächtnis. An den Traum konnte er sich nicht erinnern. Er sah auf dem kleinen Tisch des Zugabteils ein Glas Wasser mit einem Deckel stehen. Er wusste, dass es damit etwas Besonderes auf sich hatte, aber als er jetzt angestrengt darüber nachdachte, was es denn wäre, fiel ihm kein Zusammenhang ein.
Er zog den Deckel ab und kostete. Ein unbeschreiblich befriedigender Geschmack löschte seinen Durst. Er hatte gar nicht mitgekommen, dass er aus dem Traum mit entsetzlichem Durst erwacht war. Nach einem Schluck war der Durst weg. Er konnte sehen, dass er fast nichts getrunken zu haben schien. Er trank noch einmal einen kräftigen Schluck. Als er das Glas absetzte, war es noch bis einen Zentimeter unter dem Rand gefüllt.
Er dachte nach. Das war ihm doch schon einmal passiert. Damals in einem Kaffeehaus hatte er so ein Glas Wasser bekommen. Was war mit dem geschehen? Er hatte keine blasse Ahnung. Allerdings erschien ihm diese Frage jetzt als die wichtigste seines Lebens. Wie konnte es sein, dass ein so seltsamer Umstand und die damit verbundenen Ereignisse keinen Eindruck in seiner Erinnerung hinterlassen hatten. Er hörte die Zugsansage. Der Zug würde in wenigen Minuten in seinem Wohnort einfahren. Von welcher Reise war er zurückgekommen? Er versah das Glas wieder mit dem Deckel, obwohl der Wasserspiegel sich nicht vom Rucken des Waggons zu beeinflussen schien. Er packte es in seine Aktentasche.
Er verließ den Zug und machte sich auf den Weg nach seinem Zuhause. Er konnte die kurze Strecke zu Fuß gehen. Als er zuhause angekommen war, öffnete er die Fenster und sah nach, ob Post gekommen war. Es lag keine im Briefkasten und auch nicht im Vorzimmer, wohin sie jemand ausgeräumt hätte. Er ging in sein Arbeitszimmer und blickte umher. Der Computer war abgedreht. Auf dem Drucker befand sich noch ein Blatt im Einzug. Er schaltete die Anlage ein und holte das Blatt im Einzug mit dem Druckervorschub heraus. Auf dem Papier stand:
„Lebe ich? Bei der Beantwort “ danach gab es ein paar Leerzeilen und den Ausdruck einer Systemnachricht, die besagte, dass die zu druckende Datei zu groß sei und zu einem Abbruch des Systems geführt hatte. Auf der Fußzeile schien sich der Drucker doch noch durchgesetzt zu haben, denn es war ein Vermerk gedruckt: „wasser.doc erstellt am 18. Juni 2000“
Er hatte inzwischen den Computer angeschaltet und das Betriebssystem war bereit. Er suchte nach der Datei wasser.doc und fand sie ganz rasch. An der Datei war nichts Außergewöhnliches. Eine kurze Datei mit einer Seite, zuletzt am 18. Juni 2000 geändert. Als Text gab es lediglich ein „Lebe ich?“ Nichts mehr. Keine Beantwortung, keine Erklärung. Er suchte noch nach weiteren Dateien mit ähnlichem Namen. Erfolglos.
Er nahm das Glas aus der Aktentasche und stellte es neben den Computer. Er hatte sich etwas überlegt. Er würde einen kleinen Schluck trinken und aufschreiben, was ihm gleich darauf durch den Kopf ging. Vielleicht konnte er so etwas rekonstruieren, was zu tief in ihm vergraben schien.
Er nahm einen Schluck. Er schrieb gleich in der Wasserdatei weiter.
Absatz.
„Die Menschheit wird verhungern.“ Als er den Satz geschrieben hatte, froren seine Finger fest. Er konnte nicht mehr schreiben. Wieso sollte er so etwas schreiben. Das war nicht sein Thema. Das waren nicht seine Fragen. Das ging ihn nichts an. Das sollten Politiker lösen oder Bauern oder Wirtschafter. Er kannte keine Randbedingungen. Geographie war nicht sein Fach gewesen und Biologie schon gar nicht. Dieser Satz gehörte nicht zu seiner Person. Wenn er ihn in einer Zeitung lesen würde, würde sein Blick nicht stehen bleiben. Er versuchte einen Trick. Er zwang sich das Wort „Warum“ an seinen Satz anzufügen. Er wartete eine Weile, dann trank er noch einmal von dem Wasser. Würde jetzt die Antwort kommen?
Da war nichts. Sein Hirn blieb leer und die Finger taub. Er ging in die Küche und sah nach, ob er etwas zu Essen fand. Er hatte keine Erinnerung daran, wie lange er von zuhause weg gewesen war. Aber das ließ sich später noch herausfinden. Er fischte eine Packung Knäckebrot und ein Konserve mit Fisch heraus und sah nach allfälligen Weinflaschen. Da war eine Flasche Bordeaux, die er öffnete. Er schenkte sich ein Glas ein, nahm das Brot und die geöffnete Konserve mit zum Computer und beschloss, nach seinem Posteingang zu sehen. Er konnte feststellen, dass seit seiner letzten Abholung eine Woche vergangen war. Er hatte nicht viel Post bekommen. Keines der Poststücke hatte einen Bezug auf das Wasser. Er trank einen Schluck vom Bordeaux. Es war kein besonders guter, denn er pflegte sich in der Regel mit Sonderangeboten vom Supermarkt einzudecken. Der Wein schmeckte ihm trotzdem ausnehmend gut. Er dachte kurz nach. Was würde sich im Internet unter Wasser des Lebens finden lassen? Es gab unzählige Einträge, die sich alle mit kultischen Geheimnissen beschäftigten. Er versuchte den Begriff „nie versiegend“ in die Abfrage hineinzunehmen. Jede Menge Sagen und wieder Okkultismus.
Er war ein nüchterner Mensch. Er lebte allein. Eine frühe Ehe war nach wenigen Jahren geschieden worden. Sie hatten keine Kinder gehabt. Danach hatte er nie mehr nach einer Partnerin gesucht. Er verbrachte sein Leben damit, zu arbeiten, ab und zu in sein Stammlokal zu gehen und im Urlaub lange Spaziergänge im Waldviertel zu unternehmen. In seiner Arbeit schätzten ihn seine Kollegen, weil sie sich auf ihn verlassen konnten. Bei sozialen Veranstaltungen enthielt er sich meistens. Nachdem er einige Einladungen ausgeschlagen hatte, luden ihn die Kollegen auch nicht mehr ein und respektierten seine selbstgewählte Einsamkeit. Seine Tätigkeiten bestanden darin, Pläne von anderen zu realisieren oder zumindest der Realisierung näher zu bringen. Er hatte keine eigenen Ideen. Er mochte auch keine Ideen. Ideen waren im Gegensatz zu Plänen Unausgegorenes, Unpraktisches. Warum sollte sich jemand mit Dingen beschäftigen, die nie ihre reale Entsprechung finden würden.
Mit okkultistischen Einträgen konnte er daher nichts anfangen. Trotzdem hätte er gerne gewusst, ob es jemand gäbe, der mit einem ähnlichen Wunder wie er konfrontiert gewesen war. Ein Wunder konnte er akzeptieren. Er war zwar kein religiöser Mensch. Was an Religion in seiner Kindheit in ihn hineingepumpt worden war, hatte kaum Spuren hinterlassen. Aber den Begriff des Wunders kannte er, wenn er auch nie damit gerechnet hätte, selbst Zeuge davon zu sein. Er konnte sich dumpf an zwei Wunder erinnern, die mit dem sonderbaren Glas Wasser in Verbindung stehen konnten. Es gab da eine wunderbare Weinvermehrung, die aus der Quelle einfachen Wassers entstand und dann gab es da noch die wundersame Brotvermehrung, eine recht bequeme Form von Catering.
Er erschien ihm als Verschwendung, ein Wunder auf seine unbedeutende Person zu verschwenden. Das Schicksal oder irgendwer anderer hatte da einen Fehler gemacht. Er holte sich die ursprüngliche Textdatei an die Oberfläche zurück.
„Lebe ich?“
„Die Menschheit wird verhungern.“ Warum
Er löschte das „Warum“. Es hatte nichts bewirkt. Als das W verschwand, fühlte er sich veranlasst, die Finger auf die Tastatur zu legen. Fast wie von selbst tippte er die Frage: „Gibt es eine Möglichkeit, das zu verhindern?“
Erstaunt hielt er inne. Er durfte nicht zu direkt sein. Er musste warten, was aus ihm selbst herauskam. Es war unheimlich. Er war nicht gewohnt, neue Ideen zu haben oder neue Sätze zu formen. Mit dem Genuss des Wassers formten sich in ihm aber neue Fähigkeiten. Er erlebte das nicht bewusst mit. Bis jetzt war es eine eher unheimliche Erfahrung. Doch er konnte spüren, dass etwas mit ihm vorging.
Er trank noch die halbe Flasche leer, verschloss den Rest mit einem Gummiverschluss und legte sich schlafen.

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