Der nächste Morgen war ein Montag Morgen. Er stand zum gewohnten Zeitpunkt auf, frühstückte eine Scheibe Knäckebrot und bereitete sich einen Kaffee zu. Das Glas mit dem Wasser, welches beim Computer stehen geblieben war, stellte er in den Kühlschrank. Er trank nichts davon, da er eine sonderbare Scheu davor hatte, dass es ihn betrunken machen würde.
Er machte sich auf den Weg zur Arbeit. Er musste ungefähr 15 Minuten gehen. Manchmal nahm er auch die Straßenbahn, wenn gerade eine in Sicht war. Sonst dauerte das Warten auf die Straßenbahn länger, als der Weg zu Fuß. Die Kollegen begrüßten ihn freundlich und fragten, wie sein Urlaub gewesen war. Nach zwei, drei gewechselten Sätzen war er an seinem Arbeitsplatz allein und sichtete das Material, welches er zu bearbeiten hatte. Er überlegte sich, wie viel Zeit er benötigen würde. Auf dem Tisch lag Arbeit für einen ganzen Monat für ihn. Soviel Zeit hatte er nicht.
Dieser Gedanke war so neu, dass er plötzlich erschrak. Er hatte die Arbeit immer nach Arbeitsanfall gemacht und so lange gewerkt, bis sie beendet war. Es hatte keine Überlegung für ihn gegeben, dass er sich beeilen müsste, oder dass es zuwenig Zeit für ihn geben könnte, um damit fertig zu werden. Er war oft gelobt worden, dass man sich auf ihn verlassen könne, dass er alles fertig stellen würde, was er an Aufgaben vorfände. Wie konnte plötzlich der Gedanke kommen, dass er nicht genügend Zeit hätte. Er benötigte doch keine Zeit neben seiner Arbeit.
Ganz plötzlich hatte sich bei ihm ein Bedürfnis breitgemacht. Ein Bedürfnis nach viel Zeit, viel Freizeit. Obwohl er nicht wusste, was er in dieser Zeit machen sollte, war der Drang nach mehr Freizeit so stark als hätte er dringend die Toilette aufsuchen müssen. Der Drang war körperlich spürbar. Er sah sich noch einmal das Arbeitsmaterial an. Konnte er es sich so einteilen, dass er weniger Zeit für die Bewältigung brauchen würde? Er beschloss, den Vormittag ausschließlich der Beantwortung dieser Frage zu widmen. An anderen Tagen hätte er sich unmittelbar über die erste Aufgabe hergemacht, aber heute zwang er sich dazu, darüber nach zu denken, ob man die Arbeit besser organisieren könnte. Um elf Uhr kam eine Frau in sein Zimmer. Sie trug eine Mappe, die sie im auf den Tisch legte – zusätzliche Aufgaben. Sie fragte, ob sie schon etwas mitnehmen könnte, worauf er den Kopf schüttelte. Sie blickte verwundert auf, enthielt sich aber eines weiteren Kommentars und verschwand wieder.
Beim Mittagessen in der Kantine gab es nichts Auffälliges, bis der Chef von ihm zu seinem Tisch kam und fragte, ob er sich schon wieder eingearbeitet hätte. Von der kurzen Antwort „nein“ war sowohl der Chef als auch er selbst überrascht. Das hatte es in den vergangenen zweiundzwanzig Jahren noch nie gegeben, dass er so klar eine negative Antwort zustande gebracht hatte.
Nach einer kurzen Schrecksekunde fing der Chef zu lächeln an und meinte: „Naja, nehmen Sie sich ruhig Zeit. Aber dass Sie einmal nein sagen, ist ein kleines Wunder.“ „Sie brauchen sich keine Sorgen machen, ich werde rechtzeitig mit allem fertig werden.“ stammelte er, worauf der Chef nur freundlich erwiderte: „Aber das weiß ich doch.“
Als er nach dem Mittagessen an seinen Arbeitsplatz zurückkehrte, fing er an die Arbeiten zu ordnen. Jemand anderer hätte das Ordnungsprinzip nicht durchschauen können. Dazu hätte er wissen müssen, worin die eigentliche Fertigkeit der benötigten Tätigkeit bestand. Aber er selbst blickte zufrieden auf die Stöße und freute sich. Er wusste, dass er allein mit der Zeit dieses Vormittages eine ganze Woche Arbeit gespart hatte.
Zufrieden lehnte er sich vor und begann mit seiner eigentlichen Arbeit, die darin bestand, bestimmte Arbeitsabläufe im Produktionsprozess zu beschreiben und daraus auch entsprechende Arbeitsanweisungen zu erstellen. Früher hatte er immer einen Ablauf nach dem anderen abgearbeitet. Nun hatte er einige gemeinsame Stellen entdeckt, die er von Anweisung zu Anweisung wiederverwenden konnte. Er hatte sich zwar früher schon manchmal darüber Gedanken gemacht, dass er bestimmte Absätze wieder und wieder abtippen musste, aber er hatte nie die Konsequenz daraus gezogen, etwas in seinem eigenen Arbeitsablauf zu verbessern. Er arbeitete ohne Pause bis in den Abend hinein. Normalerweise würde er um fünf Uhr nachmittags das Büro verlassen. Es war acht Uhr, als er inne hielt. Er hatte ungefähr das Pensum von zwei vollen Arbeitstagen erledigt.
Er verspürt etwas Hunger, stand auf und verließ das Büro. In der Nähe seiner Wohnung gab es eine Reihe kleiner türkischer, persischer und serbischer Lokale. In einem der letzteren aß er einen Teller Rasnici und trank eine Flasche Bier. Dieses schmeckte ihm überhaupt nicht. Er erinnerte sich daran, dass er zuhause im Kühlschrank das Glas Wasser hatte. Er zahlte rasch und eilte nach Hause. Dort angekommen war sein erster Weg der in die Küche zum Kühlschrank. Er setzte das Glas an und trank einen großen Schluck. Es überraschte ihn aufs neue, dass der Inhalt des Glases nicht abnahm. Er fragte sich, warum er überhaupt ein Bier bestellt hate. Unabhängig von dieser Überlegung überfiel ihn aber ganz stark die Fragestellung, warum er plötzlich so auf Zeitersparnis aus war und was er mit dieser Zeit eigentlich anfangen sollte.
Er nahm das Glas und ging in das Arbeitszimmer. Die Datei mit den paar angefangenen Sätzen war noch immer offen. Er verspürte eine Lust zu schreiben. Er setzte sich hin und tippte: „Ich habe viel zu wenig Zeit.“ Erschrocken nahm er das Getippte wahr. Dieser Gedanke war nicht seiner. Er hatte nie Überlegungen über die Zeit angestellt, die er zu Leben hatte. Der Tod schreckte ihn nicht, weil er dafür zuwenig Phantasie besaß. Jeder Mensch muss früher oder später sterben, pflegte er zu sagen, warum sollte ich mir über meinen eigenen Tod Gedanken machen. Zugegeben, das letzte Mal, als er dies jemanden anderen erzählt hatte, war vor 25 Jahren und vielleicht war es gerade diese Zugangsweise zum Thema gewesen, die seine Frau veranlasst hatte, sich von ihm zu trennen. Er glitt an allen üblichen Fragen und Problemstellungen vorbei. Doch jetzt war die Frage da, warum er zuwenig Zeit hätte. Zeit wofür? Er kannte nichts, was so zeitaufwendig gewesen wäre, dass er es nicht innerhalb einer überschaubaren Zeit bewerkstelligen hätte können.
Er wollte heute noch ins Kino gehen. Es gab ein kleines Kino mit uralter Einrichtung, die jeden Tag einen anderen alten Film spielten, das auch noch um zehn Uhr abends einen Film zeigte. Er verstaute das Glas wieder im Kühlschrank und verließ die Wohnung, um zum Kino zu schlendern.
Im Kino löste er eine Eintrittskarte und nahm auf einem der alten Kinostühle, die im Vorraum auch als Wartestühle dienten Platz. Auf dem Platz neben sich entdeckte er ein Taschenbuch mit Computerspielen. Es war aber in Wirklichkeit die Beschreibung einer Computersimulation, die sich mit Modellen einer deutschen Universität füttern ließ.
In dem Buch war die Simulation einer deutschen Kleinstadt und eines afrikanischen Staates mit all seinen Naturproblemen enthalten. Die Bilder zeigten Ausdrucke, wie man sie in den Siebzigerjahren mit dem Computer herstellen konnte, hauptsächlich Tabellen und ein paar wenige Worte als Tabellenbezeichnungen.

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