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aus 2041-13

Die Geschichte nimmt Fahrt auf.
Hartmut war überrascht. Peter hatte ihn gerade gefragt, wieso er nach Alt-Wien wolle. Woher wusste er das? Hartmut beschloss vorsichtig zu sein. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass in diesen Städten niemand mehr wohnt. Das ist doch wertvoller Wohnraum. Ich habe ja sonst nichts zu tun. Vielleicht fällt mir etwas aus, was man nützen kann. Vielleicht gibt es auch Leute hier, die lieber in einer Stadt wohnen.“ Peter nickte bedächtig. „Ich wundere mich nur über deine Energie. So ein Trip kann anstrengend werden. Die Bahn führt nur bis zu den alten Bahnhöfen, den Rest wirst Du zu Fuss machen müssen.“ – „Und wie sieht es mit Fahrrädern aus? Die hat man doch früher bekommen.“ Peter meinte nur: „Keine Ahnung, ich war ja noch nicht dort. Aber die müssten ja schon alle verrostet sein. Aber Du wirst es erforschen.“
Hartmut wollte noch eines wissen: „Woher weißt Du überhaupt davon? Ich habe dir das doch noch nicht erzählt, wollte ich gerade heute machen.“ Peter lächelte nachsichtig: „Habe ich im Büro erfahren. Du bist dort das Tagesgespräch. Es kommt nicht oft vor, dass jemand in eine alte Stadt will, es sei denn für einen Abenteuerurlaub. Aber so schätze ich dich nicht ein.“ Hartmut beschloss, nicht näher darauf einzugehen.
Es dauerte ein paar Tage, bis er auf seinem Bildschirm eine Mitteilung bekam. „Hier sind ihre Codes, die sie für den Besuch von Alt-Wien benötigen werden.“ Es fiel auf, dass hier nicht das Wort Genehmigung aufschien. Es wäre überhaupt zu erkennen gewesen, – wenn man darauf geachtet hätte – dass Worte wie Verbote oder Genehmigungen nie mehr verwendet wurden. Es gab „wir raten Ihnen ab!“ oder eine Mitteilung wie die vorliegende. Zu den Codes gab es noch Angaben. „Zu verwenden beim Verlassen ihres Hauses.“, „Reiseverbindung Center-3 Alt-Wien“, „Reiseverbindung Alt-Wien Center-3“. Das war ja schön. Er würde wieder nach Hause kommen. Ohne jeden nachhaltigen Grund wertete er den dritten Code als eine Art Versicherung. Er würde nicht zu denen gehören, über die sich die Nachbarn manchmal wunderten, weil sie verschwunden waren.
Was sollte er mitnehmen? Jetzt wo es nicht nur den Wunsch gab sondern eine konkrete Reisevorbereitung getroffen werden musste, gab es plötzlich eine Reihe von Fragen. Er versuchte etwas über den Computer herauszubekommen. Das war richtig, es gab komplette Reisebeschreibungen mit Listen, was mitzunehmen wäre. Die Listen enthielten unter anderem: Mineralwasser zwei Liter pro Reisetag, Schlafsack, Notproviant, Münzen für Automate, Taschenlampen. Es wurde abgeraten größere Geldbeträge mitzunehmen allerdings darauf hingewiesen, dass jeder Einkauf nur bar bezahlt werden konnte. Die Kleidung sollte warm und praktisch sein. Man würde entweder auf dem Hauptbahnhof oder auf dem kleineren Westbahnhof ankommen. Beide waren vom Zentrum ungefähr gleich weit entfernt. Die Distanz Westbahnhof – Hauptkathedrale war mit 35 Minuten angegeben. Das betraf die Fussstrecke. Dazu gab es noch eine Warnung: Vorsicht beim Umgang mit Leuten, die vorgeben, die Stadt zu kennen. Es gab Gruppenarrangements, doch Hartmut wollte ja auf eigene Faust forschen. Er war schon fast soweit, das Unternehmen aufzugeben, dann erinnerte er sich an Valeries Worte: Wissen Sie, ich werde in einem Jahr sterben.
Wer sollte denn ihm etwas tun? Es gab keine Verbrechen mehr, zumindest konnte er sich an kein einziges erinnern. Der Mensch starb an Krankheiten, bei einem Verkehrsunfall und weil er gerade im Einzugsbereich einer Naturkatastrophe war. Er verscheuchte die Gedanken, die ihm Angst eingeflößt hatten und plante am kommenden Sonntag zu starten. Wieso es gerade ein Sonntag sein sollte, hätte er nicht sagen können. Es fühlte sich irgendwie richtig an.
Er benötigte eine halbe Stunde bis Center-3. Der Zug nach Alt-Wien fuhr in einer Stunde, Ankunftsbahnhof Wien-Westbahnhof. Der Zug war halb leer. In seinem Abteil war ein Mann um die vierzig, in einen sportlichen Anzug gekleidet mit einer Tasche, die man früher als Pilotenkoffer bezeichnet hätte. Es war unüblich, mit Leuten, die man nicht kannte, ein Gespräch anzufangen. Doch die ganze Reise war unüblich. „Entschuldigen Sie, dass ich frage. Fahren Sie auch das erste Mal nach Alt-Wien?“ – Hartmut war überrascht, wie freundlich der andere antwortete.
„Wenn Sie auch sagen, kann ich daraus schließen, dass es für Sie das erste Mal ist. Ich fahre regelmäßig. Die Stadt erhält sich zwar selbst, doch ab und zu kommt es zu Problemen, mit denen die Maschinen überfordert sind. Ich bin defacto der ‚Stadt-Besorger‘.“ Er lächelte: „Und warum fahren Sie nach Alt-Wien?“ Hartmut traute sich nicht zu sagen, um Recherchen durchzuführen. „Man hat mir gesagt, dass es eine einzigartige Erfahrung sein soll, eine Stadt von früher zu sehen.“ – „Ja. Alt-Wien hat einen großen Reiz. Wussten Sie, dass diese Stadt als die lebenswerteste auf der ganzen Welt klassifiziert wurde?“ – „Nein, wo steht das?“ – „Es wird von Stadtbesorger zu Stadtbesorger überliefert. Ich bin der vierte amtliche Stadtbesorger, seit die Stadt leer steht.“
Das war eine gute Gelegenheit, um zu fragen: „Und wissen Sie auch, warum die Stadt jetzt leer steht, wenn sie so beliebt war?“ Der Mann war nicht verlegen: „Schauen Sie, wo die Leute jetzt wohnen. Bessere Infrastruktur, neue Wohnungen und nur in den Innenstädten gibt es den Anspruch auf Grundgehalt. Das hat viele aus der Stadt getrieben, besonders die Armen. Und die Reichen wollten sowieso lieber am Land ein Anwesen haben. Wenn nichts los ist, wandern die Geschäfte ab. Es hat nicht einmal eine Generation gedauert und die Stadt war leer.“ – „Wann war denn das?“ – „Nun, es muss um 2055 gewesen sein.“
Hartmut dachte nach: „Und bei den anderen Alt-Städten war es genauso?“ – „Ganz genauso. Nur in Südamerika und in China hat es länger gedauert. Dort hat man die bestehenden Alt-Städte in Innenstädte umgebaut. Bezirk für Bezirk.“
„Gibt es denn überhaupt noch jemanden, der in Alt-Wien wohnt.“ – „Ja gibt es, aber Sie werden sie nicht zu Gesicht bekommen. Sehr scheu. Sie vermeiden jeden Kontakt mit Leuten wie Ihnen. Und Innenstädtler kommen sowieso nicht her.“
„Wir sind übrigens gleich da. Hütteldorf. Jetzt kommt Penzing und dann heißt es aussteigen.“ –
„Werde ich Sie noch einmal sehen.“ – „Das ist unwahrscheinlich. Außer Sie machen eines meiner Maschinchen kaputt und warten solange, bis ich komme es zu reparieren. Aber ich gebe Ihnen meine ID, Sie können nach mir an jedem Terminal fragen.“
Der Zug hatte angehalten. „Auf Wiedersehen, viel Spass bei der Entdeckungsreise!“
„Auf Wiedersehen“ Hartmut fand die Abschiedsworte sonderbar. Sie hatten etwas spöttisch geklungen. Vielleicht hatte er sich das aber nur eingebildet.

Aus 2014/20

Die Inhalte der früheren Teile finden sich dort.
Es waren zwei Monate vergangen, in denen sich nichts Außergewöhnliches ereignet hatte. Hartmut hatte seine Erlebnisse in Alt-Wien etwas verdrängt. Er kümmerte sich um den Garten – gemeinsam mit seiner 20 Jahre jüngeren Frau und unternahm wenig außerhalb des Hauses und Garten.
Da trat eine unerwartete Veränderung ein, welche noch große Folgen haben sollte. Von einer seiner letzten Reisen war Peter nicht zurückgekommen. Im Allgemeinen war er nicht länger als vier Tage fortgeblieben, jetzt aber waren es schon zwei Wochen. Hartmut machte sich keine übermäßigen Sorgen, denn seit dem letzten Kontakt über den Infoautomaten in Alt-Wien hatte er Peter nur ganz selten von der Ferne gesehen und sich nicht mehr direkt mit ihm unterhalten.
Hartmut war allerdings sehr überrascht, als er ins Haus trat und seine Frau Tränen in den Augen hatte. „Peter is tot. Mit einem Flugzeug abgestürzt.“ Peter, der Nachbar, war auch der Bruder von Hartmuts Frau. Sie hatte offensichtlich eine Verständigung erhalten. Hartmut dachte in diesem Augenblick nicht daran, dass Flugzeugabstürze fast immer gesteuert waren. Vor allem waren in einem Flugzeug ja viele Passagiere und daher musste man den Absturz nicht gerade mit Peter in Verbindung bringen.
Marina hatte allerdings noch mehr Informationen. Sie bedeutete Hartmut, ihr in den Garten zu folgen. Dort saßen sie nun auf einer Gartenbank, in die Buchstaben eingeritzt waren. xyzzy. „Sie haben ihn entdeckt. Er hätte mehr über dich preisgeben sollen, als er tat. Es wäre besser gewesen, wenn er nicht verschwiegen hätte, dass Du dich mit Veronika getroffen hast.“ Hartmuts Gesicht war ein einziges Fragezeichen. Vorerst konnte er keine Verbindung der Buchstaben mit Peter herstellen. Er erinnerte sich nicht einmal an die Dinge, die ihm Veronika zuletzt mitgeteilt hatte. „Es ist sehr schwer, für das System zu arbeiten und gleichzeitig dagegen zu agieren.“
„Kannst Du mir bitte erklären, was Du meinst?“ Hartmut war ziemlich ratlos. „Sagen dir denn die Buchstaben gar nichts?“ Plötzlich ging Hartmut ein Licht auf. „Sie sagen mir schon etwas, aber was haben sie auf unser Gartenbank verloren?“
„Die Buchstaben sind der Code für eine Kontaktaufnahme. Die hätte im Bedarfsfall durch mich erfolgen sollen.“ Hartmut schaute seine Frau verblüfft an. Die attraktive, aber bis jetzt intellektuell unauffällige Hausfrau sollte eine Frau aus dem Untergrund sein. Und wie weit war da Peter involviert. Er musste nicht fragen. „Peter hätte natürlich auch Kontakt aufnehmen können, doch er musste viel vorsichtiger sein. Denn schließlich war er in das System komplett eingegliedert. Es ist klar, dass das System seine Mitarbeiter überwacht. Er hatte auch eine sehr hohe Einstufung. Die hat ihn aber nicht davor bewahrt, entdeckt zu werden. Vielleicht gab es einen anderen Grund für die Entdeckung. Aber es scheint mir so, dass sie aufmerksam geworden sind, weil er über dich nichts preisgegeben hat.“
Hartmut schüttelte den Kopf. „Aber was hätte er den preisgeben sollen?“ – „Einfach den Umstand, dass Du in der Barawitzkagasse 10 warst. Schließlich hast Du ja erlebt, wie schnell ihr von dort verschwinden musstet.“ Hartmut war noch ungläubig. „Aber wieso weißt denn dann Du davon?“ – „Peter hat es mir erzählt. Vor mir brauchte er keine Geheimnisse haben. Aber er hat nicht geahnt, dass sie so schnell handeln würden. Sonst hätte er sich ja in den Untergrund flüchten können. Ein klare Fehleinschätzung.“
Obwohl Hartmut schon vermuten konnte, was „schnell handeln“ heißt, fragte er nach: „Und Du meinst, dass sie ihn umbringen wollten?“
Marinas Gesicht wurde ganz grau. „Natürlich. Es ist ihre Arbeitsweise. Steigt ein Risiko über eine gewisse Grenze, werden die betroffenen Personen eliminiert. Sie konnten Peter ja nicht anweisen, sich selbst umzubringen.“
„Was bedeutet denn das schon wieder?“
Marina erklärte es ihm. Sie beziehungsweise das System bevorzugten sehr selektive Exekutionen. Die waren ohne Mithilfe möglich, wenn beispielsweise ein Fahrer allein in einem Auto sass. Andernfalls benötigte man Attentäter. Die Attentäter wurden mit allem versorgt, was sie benötigten. Interessanterweise kam es bei den betroffenen Opfern nie zu einer Verfolgung der Täter. Die Attentäter wurden sorgfältig ausgesucht und auf Loyalität und benötigte Kaltblütigkeit getestet. „Peter war ein major executor. Er war für die besonderen Fälle zuständig. Er wurde in Südamerika eingesetzt, vor allem in den Drogenkreisen. Keine ungefährliche Arbeit, aber er war einer der Besten. Wahrscheinlich hat er gedacht, dass sie seine Verdienste anrechnen würden.“ Sie machte eine Pause. „Im Übrigen habe ich dir das nie erzählt und Du weißt auch nichts über den Beruf von Peter. Würdest Du dich verraten, blüht dir und mir das gleiche Schicksal. Deswegen reden wir auch nicht im Haus drüber. Es ist anzunehmen, dass alles überwacht wird.“
Hartmut fühlte, wie er den Boden unter den Füßen verlor. Hatte er einen Schlaganfall oder war es nur eine vorübergehende Schwäche?

Umzug

In Kürze wird dieses Blog keine neuen Artikel mehr aufweisen sondern sie werden unter Umzug zu finden sein.
Da ich die Aktion nicht konzertiert durchführen kann, (also innerhalb eines kurzen Zeitraums) werde ich einige Zeit parallel fahren, und den obigen Link jeweils angeben.
Einige der Features, die mich ursprünglich an Twoday begeistert haben, haben aufgrund der etwas laschen Maintenance der Plattform ihre Anziehungskraft verloren. Aus diesem Grund bin ich auch nicht bereit, etwas für einen größeren Datenraum zu bezahlen. Mir ist nicht um die 5 € schade, sondern ich will einfach keine Unterstützung leisten, wenn mit bestimmten Problemen nicht professionell umgegangen werden kann.
Ich glaube zwar, dass mir nicht alle Leser folgen werden, vor allem die nicht, die nur zufällig immer wieder auf dieses Blog stoßen, doch das Auswechseln eines Lesezeichens wird für die meisten kein technisches Problem darstellen:)

# 11

Mein Gott, ich habe heute wieder einen Schädel. Das darf ja nicht wahr sein. Was war denn da gestern eigentlich los? Das Lokal war ja wirklich super. Das gibt es wohl auch nicht so häufig, einen kleinen Laden in Leipzig (Absintheria), der so große Wirkung erzeugt. Das letzte Mal, zu Silvester 2010, war das anders. Nette Unterhaltung, Mords Spass und die Verkostung von vielleicht drei, maximal vier hochprozentige Absinthen.
Und heute ist es nicht auszuhalten. Dabei war das gar kein Absinth gestern, sondern Martini und Cinzano. Na gut, der Ausgangsstoff ist derselbe: Thujon, ein Öl was in Artemisia absinthium vorkommt. Also doch Absinth, oder?
Eigentlich sollte dann ja auch im Martini Absinthin vorhanden sein. Von der Appetitanregung habe ich nichts bemerkt, das mit der Verdauungsförderung scheint hin zu hauen. Sch….Wermut, im wahrsten Sinne des Wortes. Goethe hätte wahrscheinlich noch Schwermuth geschrieben. Aber ich sage gleich eines: umbringen werde ich mich deswegen nicht. Wichtig ist nur, dass ich den Schmerz loswerde. Naja, mit 600mg Ibuprofen wird es schon werden.
Aber eines weiß ich: das nächste Mal trinke ich nur mehr Absinth, nicht das schwache Zeug, das man dann erst recht in zu großen Mengen runterschüttet. Erinnert mich an ein Besäufnis in Krasnodar, wo die Bar nur mehr Amaretto zur Verfügung hatte. Das war am nächsten Morgen auch kein Kinderspiel. Aber von Schwermut war nichts zu merken.
Na gut, richtig schwermütig wird man auch vom Sch…Wermut nicht. Vor allem, wenn so nette Mädels dabei waren.
Das hier ist mein Beitrag zum Projekt *.txt auf neonwilderness. Es geht um das 11. Wort.

aus 2041 / 12

Die Welt als riesiger Kindergarten, würden Erwachsene in so einer Welt leben wollen?
Hartmut hatte eine Idee. In der Nachbarschaft wohnte eine ältere Dame, – noch einige Jahre älter als er selbst – die mitunter ganz originelle Ideen hatte. Vielleicht konnte sie an die ferne Vergangenheit erinnern. Er erinnerte sich, dass sie um diese Zeit Geburtstag haben musste, was ihm einen Anlass gab, sie „ganz harmlos“ zu besuchen.
Sie war nur eine Viertelstunde mit dem e-car entfernt, er musste nur einmal umsteigen. Er hatte sich angemeldet und sie empfing ihn ihn sorgfältiger Garderobe, die etwas altmodisch aussah. Das Kleid stand ihr aber sehr gut und sie sah angesichts ihres Alters hervorragend aus. Nur einige Falten am Hals die sie nicht wie andere Frauen ihres Alters verdeckt hatte konnten Aufschluss geben, dass sie wohl schon älter war. Mit ihren über achtzig Jahren hatte sie ganz andere Zeiten erlebt.
Er überreichte ihr Blumen aus dem eigenen Garten und sie lud ihn ins Wohnzimmer ein, wo bereits ein Tee vorbereitet war. „Ich hätte etwas gebacken, doch ich wollte nicht die Zutaten bestellen, die ich dafür gebraucht hätte. Es ist nicht gut, ‚die‘ auf einen aufmerksam zu machen.“
„Aber das macht gar nichts. Nur wer sind denn ‚die‘?“ – Sie kicherte etwas jungmädchenhaft und drohte ihm mit dem Finger. „Aber hören Sie auf, Sie arbeiten doch für ‚die‘.“ Hartmut war verunsichert. Er arbeitete nicht mehr und als er gearbeitet hatte, war es für die Regierung. „Was meinen Sie, ich habe für die Regierung gearbeitet. Warum wäre die zu fürchten?“ Sie hörte schlagartig zu kichern auf und schaute ihn entsetzt an. „Was, Sie wissen wohl gar nicht, was hier vor sich geht. Regierung? Ein Schattenkabinett wäre ein besserer Ausdruck. Hartmut fiel plötzlich Wolfram ein. „Ich wurde erpresst.“ Valerie meinte mit ‚die‘ wahrscheinlich dieselben, die Wolfram erpresst hatten. „Sie meinen eine Gruppe, welche die Regierung in der Hand hat?“
Valerie sagte ganz trocken: „Was heißt da Regierung? ‚Sie‘ haben uns alle in der Hand. Fällt Ihnen denn gar nichts auf? Haben Sie die Veränderung nicht mit erlebt? – Naja, wahrscheinlich waren Sie zu jung.“ Sie winkte mit der Hand. „Haben Sie schon einmal versucht, Informationen über die Zeit vor 2020 zu erhalten? Ist alles gelöscht worden. Interessanterweise können Sie mehr über die Zeit vor 2000 Jahren erfahren als über die Zeit vor hundert Jahren. Die Buchläden gibt es nicht mehr, wo man entsprechende Bücher finden könnte.“ Sie nahm einen Schluck Tee. „Haben Sie sich schon einmal den Lehrplan der Universitäten angesehen? Finden Sie da Geschichte? Oder Psychologie? Haben Sie schon einmal eine Zeitung, gedruckt, der damaligen Zeit gesehen?“ Hartmut verneinte mit einer Kopfbewegung. „Wissen Sie, was damals in den Zeitungen stand? Verbrechen und Kriege, die auszubrechen drohten?“ – „Aber es gibt doch keine Kriege mehr. Und Verbrechen werden innerhalb kürzester Zeit aufgedeckt. Nicht, dass ich mich an eines erinnern könnte.“ – Valeries Tonfall wurde zynisch. „Gut, nicht wahr. Wir haben keine Probleme mehr. Doch wir hatten welche. Und wer hat diese Verbesserung bewirkt? Wer, sagen Sie es mir!“ Nach einer kurzen Pause fuhr sie ruhiger fort:
„Wir dürfen uns nicht beschweren, aber wir dürfen auch nicht fragen. Wir dürfen nichts Böses tun. Und unser Wissen ist seicht.“ – „Ja, das stimmt schon, aber eigentlich geht es uns doch gut.“ Er hielt inne. Er wiederholte den letzten Satz und fügte hinzu, was er schon einmal – zu Peter – gesagt hatte: „Eigentlich geht es uns doch gut, doch irgendetwas stimmt nicht.“ Er sagte es leise, denn jetzt war ihm zu Bewusstsein gekommen, dass er recht hatte. Etwas stimmte nicht. Anscheinend wusste Valerie, was nicht stimmte oder sie hatte zumindest einen Verdacht.
„Man hat uns des Menschseins beraubt. Wir haben keinen freien Willen mehr. Alles wird gesteuert. Und wir kennen das Ziel noch weniger als wir es je gekannt haben. Was wiederum nicht so überraschend ist. Wir haben es nie gekannt. Ich habe 2018 noch Philosophie studiert, die ganze Entwicklung seit den alten Griechen. Als ich fertig war, bekam ich einen Bibliothekarsposten und hatte die Aufgabe, die Nationalbibliothek nach Büchern bestimmter Inhalte zu sortieren. Als ich eines Tages in die Bibliothek kam, waren ganze Bücherkontingente verschwunden. Das wiederholte sich einige Male. Eines Tages fragte ich, wohin die Bücher geliefert wurden. Es wurde mir gesagt, dass sie zum besseren Schutz an eine andere Stelle gebracht worden waren. Eine Woche später wurde ich mit einer sehr großzügigen Rente in Pension geschickt. Dieses Haus war der Bonus für die ausgezeichnete Arbeit, die ich angeblich geliefert hatte. Sie sperrten aber gleichzeitig meine Wissenszugänge. Da wusste ich erst, in was für einem Paradies ich gelebt hatte. Sie empfahlen mir auch, nicht über meine Arbeit zu sprechen. Wem hätte ich auch etwas erzählen sollen. Die Menschen waren viel mehr mit den neuen Drogen beschäftigt. Es gab keine Probleme mehr. Ich weiß nicht, wer damals die Macht hatte. Doch unsere Regierungen waren es nicht. Die agierten alle nur auf Anweisungen. Und das traf nicht nur für unser Land zu.“
Sie hielt erschöpft inne.
Hartmut war erschlagen. Ohne dass er gefragt hatte, war das Gespräch in eine Bahn gelaufen, die er ursprünglich erreichen wollte. Er hatte nicht gedacht, dass es so leicht ginge.
„Wissen Sie, ich werde in einem Jahr sterben. Sie können mir nichts mehr tun, wenn ich heute darüber spreche. Interessiert es Sie überhaupt?“
Hartmut bestätigte: „Ich wusste nicht, wie ich Sie das fragen sollte. Sie haben es mir sehr einfach gemacht. Wo würde ich heute noch Information finden können?“
Valerie seufzte. „Wahrscheinlich nirgendwo. Die einzige Chance, die ich mir vorstellen kann, findet sich vermutlich in den „alten Städten“. Die haben jede Menge Museen. Vielleicht haben Sie vergessen, eines auszuräumen. In Alt-Wien gab es mehr als 365 Museen, große und ganz kleine. Ich würde vermuten, dass Sie vielleicht in einem der Bezirksmuseen fündig werden. Eines, das viele Bilder hat. Die Bilder haben ’sie‘ gelassen. Außerdem sind ja immer Menschen im Spiel gewesen. Und Menschen machen Fehler oder sie sind einfach faul und lassen einmal etwas liegen, was sie hätten aufräumen müssen.“
Hartmut fragte sich, ob er so einfach nach Alt-Wien kommen könnte. Jedenfalls würde er anfragen müssen.
Valerie hatte einen Gedanken: „Wenn Sie um eine Besuchsgenehmigung anfragen, sagen Sie, Sie hätten eine Idee, wie man die alten Städte für Wohnraum nützen könnte. Ideen werden immer gefördert, wenn Sie die richtigen Ziele verfolgen. Wohnraum ist ein ewiges Thema, auch wenn es jetzt so aussieht, als hätten wir genug davon.“
Hartmut hatte noch eine Frage: „Gehen wir davon aus, dass es ’sie‘ gibt. Was treibt sie an. Was wollen sie erreichen?“ Valerie verzog keine Miene. „Das ist die Kernfrage. Darüber habe ich die letzten 40 Jahre nachgedacht. Wenn man gläubig wäre, könnte man an eine Form des jüngsten Gerichts denken. Aber diese Erklärung steht mir persönlich nicht offen. Ich kann beim besten Willen keine Motive entdecken. Außer vielleicht den Wunsch nach absoluter Macht. Aber was nützt absolute Macht, wenn sie sich nicht beweisen muss. Mir kommt es eher so vor, als spielten ’sie‘ also ‚die‘ Kindergärtner für die Menschheit.“
Auf das fiel Hartmut nichts mehr ein. Im Gegenteil, er fühlte, dass Valerie irgendwie recht haben musste. Die Beschreibung eines gigantischen Kindergartens würde in jedem Fall zutreffen.

aus 2041/16

Eine Erklärung wird angekündigt.
„Ich kenne das Buch gar nicht. Mich hat nur die Zahl fasziniert. Es ist ja offensichtlich eine Jahreszahl. Vor hundert Jahren. Das interessiert mich.“
Veronika schaute ihn prüfend an. „Und warum interessieren Sie sich für eine derartige Jahreszahl?“
„Ich bin auf der Suche nach historischen Daten. Ich habe festgestellt, dass es kaum Material über die Zeit vor 2040 gibt. Eigentlich gibt es gar nichts. Jetzt habe ich einen Tipp bekommen, dass ich vielleicht in einem Museum fündig werden könnte. Aber offensichtlich gibt es da auch nichts. Zumindest nicht dort, wo ich war.“
– „Und haben Sie eine Erklärung oder Vermutung, warum das so ist?“
Hartmut nickte nachdenklich. „Ich habe eben keine. Ich bin ganz am Anfang meiner Suche.“
In der Zwischenzeit waren die beiden an der Kreuzung Heiligenstädterstrasse Barawitzkagasse angelangt. „Ich nehme an, Sie wollen zur Nummer 10.“ warf Veronika ein.
Hartmut war über das Wundern hinaus. „Ja, Sie haben offensichtlich Erfahrung damit, was passiert, wenn man 1984 anklickt.“
Veronika ging auf die Bemerkung nicht ein. Unvermutet fragte sie plötzlich: „Was haben Sie den für eine Einstufung?“ Hartmut antwortete, dass er nicht wisse was sie meine. Das schien Veronika nicht zu überraschen. „Nun, Sie müssen mindestens 2 wenn nicht 3 haben, wenn man Ihnen eine Besuch in Alt-Wien erlaubt. Sind Sie sich eigentlich bewusst, welche Privilegien Sie haben?“
„Nun, es geht mir gut, ich habe keine Sorgen, ich hatte sogar Arbeit. Jetzt bin ich in Pension.“
„Wenn es das Buch noch zu lesen gäbe und Sie es gelesen hätten, wären Sie all ihrer Privilegien verlustig gegangen. Haben Sie den Hinweis auf klassifizierte Information nicht gelesen? Beim vierten Versuch, das Buch zu öffnen, hätte man Sie herabgestuft. Sie wären neugierig gewesen und hätten weiter geforscht und schlussendlich wären Sie auf Stufe 0 gelandet. Sie würden ihr Haus verlieren und in eine Innenstadt ziehen müssen.“
Sie waren vor dem Haus Nr. 10 angelangt. Die Fassade des Hauses wies eine stark angedunkelte grüne Farbe auf. Es gab eine Klingelanlage, doch Veronika hielt eine Marke an das Schloß und Sie betraten das Stiegenhaus. Allerdings gab es nur wenige Stufen in ein Parterre, danach ging es wieder hinunter in den Keller, der einzelne Abteile für die Mieter aufwies. Es gab eine Türe, die sich von den anderen unterschied. Sie war fast nicht im Dunklen zu erkennen. Wieder hielt Veronika ihre Marke an die Tür und sie öffnete sich nach einer gewissen Wartezeit. Als die Türe offen stand, konnte Hartmut erkennen, dass es sich um eine Sicherheitstüre mit mehreren mechanischen Verriegelungen handelte.
Es gab nur eine spärliche Beleuchtung, die im wesentlichen von ein paar Bildschirmen herrührte. Ein Mann kam auf sie zu und begrüßte Veronika mit einem Vorwurf: „Bist Du wahnsinnig, den Typen hierher zu bringen.“
Veronika antwortete: „Natürlich bin ich wahnsinnig wie wir alle hier. Aber habe ich mich je in meiner Menscheneinschätzung getäuscht?“ Es gab ein abfälliges Grunzen. „Nun, jetzt ist er hier, was machen wir mit ihm?“
„Wir müssen für ihn eine Identität basteln. Eine, welche sein Interesse für 1984 zufällig erscheinen lässt. Es war ja wirklich zufällig, aber seine Nachfrage bedeutet ein Risiko für uns. Wir sollten unseren Stub entfernen.“
„Ist schon passiert. Nachdem er noch zweimal versucht hat, nach zu fassen, wird 1984 sicher untersucht werden. Hoffentlich gibt es keine Spuren mehr von uns.“
„Und die Logs? Hast Du die auch manipulieren können?“ – Zumindest gibt es keine Hinweise mehr auf „Barawitzkagasse. Alles andere ist nicht relevant. Man weiß, dass es uns gibt, aber man duldet uns, solange wir nicht an die Öffentlichkeit treten. Soweit ist alles in Ordnung. Nur dein ‚Bekannter‘ ist noch ein gewisses Risiko.“
Hartmut hörte mit steigender Verwunderung zu. Was er zu verstehen glaubte, war eine Beeinflussung des Computersystems durch den Typen hier im Keller. Er hatte keine Ahnung, was das bedeutete. Seit 2040 gab es keine Hinweise mehr auf Viren, Trojaner oder andere Schadsoftware. Selbst mit dem Begriff Trojaner hätte Hartmut nichts anfangen können.
„Trinken wir einmal einen Tee und ich werde Hartmut aufklären.“
Im nächsten Raum, der Küche und Essecke in einem war, wurde Tee gekocht. „Wir sind keine guten Gastgeber, denn wir scheuen jeden Kontakt mit den herkömmlichen Einrichtungen, es sei denn es ist notwendig wie z.B. heute.“ Sie nahm ihre Perücke und die Brille ab. Plötzlich war sie zu einer sehr gut aussehenden Blondine verwandelt, obwohl sie von ihrer Ausstrahlung her selbst keine Notiz zu nehmen schien.
„Also Hartmut, sag uns, was der eigentliche Auslöser für deinen Besuch in Alt-Wien ist.“
Was sollte er sagen. Er erinnerte sich an sein Gespräch mit Peter. „Es geht uns sehr gut, aber irgendetwas stimmt nicht.“
Er sagte es halblaut, so wie er es sich in Erinnerung rief.
„Und was stimmt nicht?“ – „Es läuft zu gut! Ich habe das Gefühl, dass es nicht immer so war, aber ich kann das Gefühl nirgendwo festmachen.“
„Sie haben ein gutes Gefühl. Sie haben recht, etwas stimmt nicht. Aber Sie haben keine Ahnung, was nicht stimmt.“
Veronika holte tief Atem. „Was ich Ihnen jetzt sagen werde, wird Sie beunruhigen. Es muss Sie beunruhigen. Denn Ihr Leben ist in Gefahr.“
Hartmut nahm das vorab mit Gleichmut hin. Er erinnerte sich an das, was Valerie ihm gesagt hatte. „Ich bin alt genug und muss mir kein Blatt mehr vor den Mund nehmen.“
Sollte das für ihn ebenfalls bereits gelten?
Veronika stellte eine direkte Frage: „Wer kontrolliert Ihrer Meinung nach das, was auf der Welt geschieht? Global?“
Hartmut war versucht zu sagen: „Die Politiker“.
Er überraschte sich allerdings selbst mit der Erkenntnis, dass das nicht stimmen könnte. Er korrigierte seine unmittelbare Reaktion auf „Ich nehme an, die Politiker, aber ich weiß nicht, wer die kontrolliert.“
Veronika nickte zustimmend.
„Richtig! Wer kontrolliert die Politiker? – Nun nehmen wir einmal an, dass es da eine Kontrollinstanz gibt. Die operiert ja gar nicht so schlecht. Viele Probleme, welche die Menschen früher hatten, gibt es nicht mehr.“
Hartmut nickte.
„Es gibt auch kein Verbrechen mehr. Ist Ihnen aufgefallen, dass manche Menschen einfach von der Bildfläche verschwinden?“ Hartmut nickte.
„Sie sind in Gefahr, dass das mit Ihnen auch passiert. Es passiert mit all denen, die vermuten, dass es ein System gibt, ein System hinter den Politikern. Es gibt keine Prozesse. Es gibt keine Rechtsprechung. Der reine Verdacht reicht aus, um jemanden als Gefahr für das System einzustufen und ihn zu eliminieren.“
Hartmut zögerte, es war schwer das so einfach zu verdauen.
„Gibt es jemanden in Ihrer Umgebung, der scheinbar mehr zu wissen scheint?“ Hartmut verneinte, obwohl er langsam unsicher wurde. Peter, der da plötzlich im Infoautomaten aufgetaucht war, konnte schon so jemand sein.
„Trinken Sie Ihren Tee. Dann gebe ich Ihnen ein ungefähres Bild von der Situation. Bis jetzt hat Sie ihre Naivität geschützt, aber nun wird es besser sein, wenn Sie sich der Gefahren bewusst sind.“
Hartmut rätselte: was konnte jenes System sein, das als so gefährlich geschildert wurde.
Veronika fing an zu erklären.

Der einfache Text

Aufgabenstellung: Matt in 3 Zügen und ein Diagramm. Oder ein paar Zahlenbuchstabenkombinationen.
Diagramm und Aufgabenstellung können in wenigen Sekunden erfasst werden.
Hier geht es weiter…

2041 Kapitel

Kurzbeschreibung, spielt im Jahr / in den Jahren, Link
Etwas stimmt nicht 2080
http://steppenhund.twoday.net/stories/752348316/main
Wie sieht es denn aus 2080
http://steppenhund.twoday.net/stories/752348316-2
Peter hat eine Waffe, ein interessantes Angebot 2080
http://steppenhund.twoday.net/stories/752348316-3/main
Epilog 2081
http://steppenhund.twoday.net/stories/752348316-4/main
Der Drachenkopf 2041
http://steppenhund.twoday.net/stories/752348316-5/main
UNA und das Projekt 291040 2031
http://steppenhund.twoday.net/stories/752348316-6/main
Wie schmuggelt man ein Programm 2031
http://steppenhund.twoday.net/stories/752348316-7/main
Das Ender der Kriege 2041
http://steppenhund.twoday.net/stories/752348316-8/main
Beginn und Ende einer Suche 2033
http://steppenhund.twoday.net/stories/752348316-9/main
Der Drachenkopf wird größer, ein nicht stattgefundes Attentat 2080 / 2041
http://steppenhund.twoday.net/stories/752348316-10/main
Auch Südamerika verhält sich sonderbar 2080 / 2041
http://steppenhund.twoday.net/stories/752348316-11/main
Der Verlust eines interessanten Berufs 2080
http://steppenhund.twoday.net/stories/752348316-12/main
Die Reise nach Alt-Wien beginnt 2080
http://steppenhund.twoday.net/stories/aus-2014-13/main
Ankuft und Besuch eines Museums, 1984 2080
http://steppenhund.twoday.net/stories/752348316-14
Kontakt im Hotel Sacher 2080
http://steppenhund.twoday.net/stories/752348316-15
Veronika klärt auf – Lebensgefahr 2080
http://steppenhund.twoday.net/stories/752348316-16
Der Untergrund 2080
http://steppenhund.twoday.net/stories/752348316-17
Die Rückkehr ins normale Leben und eine erstaunliche Entwicklung
2080 / 2043 http://steppenhund.twoday.net/stories/752348316-18
Wei Liu lernt seinen Nachfolger kennen 2043
http://steppenhund.twoday.net/stories/752348316-19
Eine große Überraschung 2080
http://steppenhund.twoday.net/stories/931538502

aus 2041 / 11

Da war was los – in den wilden 30er- und 40er-Jahren.
Yang Li seufzte. „Ich denke, dass ich über die Modalitäten Bescheid weiß. Exekutionen, Mädchenhandel und noch ein paar kleinere Änderungen. Oder irre ich mich?“ Wei Liu war erleichtert, dass er diese Themen nicht selber ansprechen musste. „Sie sind vollkommen richtig informiert, wenn ich so sagen darf. Ich kann Ihnen aber aus den Erfahrungen der letzten zwei Monate berichten, dass sich meine Lage nicht verschlechtert hat. Es war zwar interessant zu erfahren, dass 53 meiner Leute illoyal waren und sich auf meine Kosten bereichert haben. Das Thema ist vom Tisch. Die Einnahmen sind nur geringfügig gesunken. Es werden viel weniger Resourcen zum ‚Aufräumen‘ benötigt. Sie werden sehen, am Anfang ist es gewöhnungsbedürftig, doch nach kurzer Zeit bietet es einen persönlichen Gewinn.“
Yang Li war nicht überzeugt. „Ich kann mir nicht vorstellen, wie das funktionieren kann.“ – „Es funktioniert mit Information. Ich bekomme einen Stadtteil genannt, in dem ein Casino eröffnet werden soll. Die Stadtbehörden spielen mit, die Polizei macht keine Schwierigkeiten. Zwei Wochen nachdem das erste Casino dieser Art eröffnet war, spielte es bereits Gewinn ein. Es gibt eine Regelung, nach der sogar die kleinen Verlierer gestützt werden, wenn sie alles verspielt haben. So landen sie nicht auf der Straße und jeder glaubt, dass er im Casino eine echte Chance hat. Wir können offiziell im Fernsehen werben und haben nichts zu befürchten. Dieses Geschäft bringt uns mehr an Gewinn als wir durch den Verlust vom entgangenen Mädchenhandel verlieren. Sie wissen, das ist kein besonders nettes Geschäft, es verdirbt auch die eigenen Mitarbeiter.“
Yang Li fragte: „Bekomme ich solche Informationen in Zukunft von Ihnen?“ In dem Moment läutete noch einmal das Telefon. Offensichtlich wurde ihr Gespräch abgehört. „Mr. Liu. Sagen Sie ihm, dass strategische Entscheidungen von Ihnen kommen werden. Notwendige Exekutionen werden wir Mr. Li selbst mitteilen. Guten Tag.“
Wei Liu war sich unsicher. Wenn er das Yang Li sagte, gab er indirekt zu, dass er selber nur eine Marionette war. „Sehen Sie, es gibt einen Grund, warum Sie mir den Anschluss Ihrer Organisation angeboten haben. Ich nehme an, dass Sie genau wissen, wie Sie in Zukunft vorzugehen haben. Die strategischen Vorgaben bekommen Sie tatsächlich von mir.“ Er hatte vermieden, das Thema Exekutionen anzusprechen. Yang Lis Gesicht hellte sich auf. „Ich habe eine letzte Frage: wäre es gestattet, mich selbst zu Ruhe zu setzen?“ Diesmal läutete das Telefon nicht. Wei Liu musste seine eigene Entscheidung treffen. „Es wäre für mich in Ordnung. Doch benötige ich Sie für eine gewisse Übergangszeit, solange, bis sich der neue Modus eingespielt hat und ihre Leute mir gegenüber loyal sind. Dann dürfen Sie sich gerne zurückziehen.“ „Vielen Dank, Mr. Liu. Wenn ich nicht den Tod meiner beiden Söhne beklagen müsste, wäre mir dies alles ohne Einschränkung ein angenehmer Wechsel gewesen. Es ist wohl meine Schuld, dass ich nicht glauben konnte, wozu … !“ Er wollte sagen: „diese Leute fähig sind.“ Doch Wei Liu winkte ab. „Lassen Sie es gut sein. Trinken wir unseren Tee?“
In den nächsten drei Jahren hatten sich alle bedeutsamen asiatischen Organisationen angeschlossen. Bei den südamerikanischen Rauschgiftkartellen gab es eine Gruppe, die übrig blieb. Doch auch sie hatte enormen personellen Aderlass zu verzeichnen gehabt. Die Columbianer hatten zuerst auf einen amerikanischen Erpresser getippt. Dies hatte dazu geführt, dass es zu blutigen Kämpfen gekommen war, bei denen vollkommen Unschuldige zum Handkuss kamen. Aber nicht nur Unschuldige. Don Pedro verlor seine gesamte Verwandschaft, bevor er sich selbst das Leben nahm. Don Alejjo übernahm sein Kartell und verlor seine Frau und drei Töchter, die sein ein und alles waren. Don Jorge als Nachfolger verlor seine Frau, doch er lernte schneller. Als ihm gesagt wurde, dass er die Verdienste aus dem Rauschgiftgeschäft seinen Landsleuten zukommen lassen sollte, bat er um Information, wie das geschehen solle. Die Organisation nannte ihm einen Politiker, den er einschalten solle. Über Parteispenden könnte das soziale Programm dieses Politikers finanziert werden. Es lag auf der Hand, dass auch einige Politiker ums Leben kamen. Es waren dies in der Regel korrupte Politiker, die nie auch nur eine einzige politische Leistung gezeigt hatten. Die Todesfälle waren hier nicht durch technische Versagen verursacht. Oder wenn ein technisches Versagen im Spiel war, dann begründete es, warum die normalen Schutzpersonen nicht in der Lage waren, einen einzelnen Attentäter zu stoppen.
Die Attentäter kamen aus unterschiedlichen Gegenden. Die meisten aus umliegenden südamerikanischen Staaten, doch gab es auch Europäer und vereinzelt Asiaten, welche Angriffe durchführten.
Mexiko war ein eigenes Kapitel. Es spielte sich so wie in Columbien ab. Doch war die Verflechtung mit der amerikanischen Mafia tatsächlich gegeben. Daher konnte nicht ein einzelner entscheiden, die Geschäftstätigkeit komplett um zu stellen. Es dauerte noch zwei Jahre, bis auch hier eine kriminelle Organisation praktisch auf humanitäre Hilfestellung umgestellt war.
In diesen Jahren wurde die Drogen herstellung umgestellt. Es wurden nur mehr synthetische Drogen hergestellt, deren wesentliche Wirkung die eines Antidepressivums war. Ein bisschen Freude war dazu gemischt. Der Abhängigkeitsfaktor wurde so eingestellt, dass mit entsprechenden Gegenmitteln eine Abkopplung von der Sucht möglich war.
Die Drogen wurden billigst verkauft und die gesamte Welt damit überschwemmt. Es war nicht notwendig, jemanden zu überfallen, um Geld für den nächsten Schuss zu bekommen. Süchtige bekamen die Droge auf Rezept, mussten sich aber registrieren lassen.
Das alles waren Informationen, die nur indirekt zur Verfügung standen. Hartmut reimte sich die Kausalitäten zusammen. Er nahm an, dass die wesentlichen Personen so erpresst wurden, wie es mit Wolfram geschehen war. Der wesentliche Inhalt, den der bisher aus all den statistischen und vereinzelt historischen Daten gewonnen hatte, war: es gibt eine zentrale Macht, die sich selbst nicht darstellt und keinen Aufschluss über ihre Ziele her gibt. So wie Hartmut das sah, konnte man dieser Macht nicht wirklich böse sein. Sukzessive schienen sich die Lebensumstände für alle verbessert zu haben. Was möglicherweise einem sozialen Gedanken widersprach, war die eklatante Kluft zwischen arm und reich. Arm war zwar nicht wirklich bedrohlich, die Armen bekamen alles, was zum Leben notwendig war. Das betraf nicht nur Nahrung, Kleidungsmittel und Wohnen, sondern auch Anreize wie Sportwettkämpfe und Filme, um sich glücklich fühlen zu können. Über die Medien wurde suggeriert, wie das glückliche Leben auszusehen hatte. Den Rest machten die Drogen.
Die „Reichen“ hingegen arbeiteten, waren relativ isoliert. Sie waren in der Regel drogenfrei und hatten teilweise zur „veralteten“ Kunst, wie Theater und Oper, die in Medienkonserven erhalten geblieben war. Es gab auch Festivals, in denen sich die Reichen selbst als Künstler und Darsteller verwirklichen konnten. Doch der Beruf des Künstlers war ausgestorben.
In den folgenden Jahren wurde die Infrastruktur umgebaut. Die ersten Neustädte waren fertig geworden. Dort gab es Platz für die neuen „Armen“. Doch gleichzeitig war dort kein Platz für Autos.

aus 2041 / 15

Nach einer etwas längeren Pause geht es weiter. Hoffentlich haben sich nicht alle Leser verschlurfelt:)
Auf dem Bildschirm erschien eine weitere Meldung: „Verwenden Sie Ausstellungsstück 334!“ Nach zwei Sekunden verschwand die Meldung und der Infoautomat zeigte den gewohnten Anfangsbildschirm. Hartmut versuchte es erneut. Die Auskunft über die klassifizierte Information erschien erneut und verschwand ohne weiteren Hinweis. Das Gleiche passierte beim dritten Versuch.
Jetzt wurde Hartmut neugierig. Etwas Misstrauen wäre angebracht gewesen, doch Hartmut war schon so alt, dass er sich erinnern konnte, dass Computer nicht immer beim ersten Mal erwartungsgemäß reagierten. Er wusste nicht, dass bei einer neuerlichen Wiederholung seine Einstufung verschlechtert worden wäre.
Er schaute sich um und versuchte das Ausstellungsstück 334 ausfindig zu machen. Nicht alle Exhibitionate waren nummeriert, doch bei einigen fand er kleine Inventaraufkleber. Allerdings waren die Zahlen alle zweistellig.
Er schlenderte weiter. Im übernächsten Raum gab es die Darstellung eines früheren Büroraums. Ein wunderschöner Holzschreibtisch mit einer Lederauflage. Es gab einen Adressenkarteikasten, mit Karten, auf denen Adressen handschriftlich vermerkt waren. Das Telefon hatte eine Drehwählscheibe. Eine der Schubladen des Schreibtisches stand halb offen. Hartmut entdeckte darin einen Anachronismus, hier lag ein Mobiltelefon, das es erst frühestens 50 Jahre später hätte geben können. Jetzt entdeckte Hartmut einen Inventarzettel auf dem Schreibtisch. Der trug die Nummer 334. Hartmut versuchte, die anderen Laden zu öffnen. In der untersten Lade auf der rechten Seite fand er ein Buch. Er las George Orwell. Er nahm es heraus und öffnete es. Die Seiten waren alle bis auf die erste Seite weiß. Auf der ersten Seite stand: „Bei echtem Interesse wählen Sie am Infoautomat die Adresse Barawitzkagasse 10. Bleiben Sie nicht zu lange in diesem Raum. Legen Sie das Buch zurück und schließen Sie die Lade!“
Hartmut befolgte die Anweisungen. Das schien ja richtig interessant zu werden. Vielleicht war es ein Spiel. Hartmut hatte selber nie Computerspiele verwendet. Doch er konnte sich aus Erzählungen von anderen Leuten vorstellen, dass manche Spiele so ablaufen könnten.
Er blieb noch eine Stunde im Museum. Alles andere funktionierte so, wie es in Museen üblich war. Er versuchte andere Bücher zu öffnen und fand dabei keine Hindernisse vor. Vor allem aber fand er nichts, was irgendwie Aufschluss über historische Ereignisse der Vergangenheit, speziell in Hinblick auf politische Geschehnisse geben konnte. Etwas enttäuscht verließ er das Museum. Was hatte der Eisenbahner ihm als Restaurant empfohlen? Nein, es war nicht der Eisenbahner. Peter hatte ihm das Hotel Sacher empfohlen. Er versuchte einen Infoautomaten. Der angezeigte Stadtplan zeigte ihm die Route und eine vermutliche Gehdauer von fünfzehn Minuten an. Er hatte zwar nicht sehr viel Appetit, da aber sein Informationshunger nicht gestillt war, wollte er wenigstens etwas essen. Und vielleicht war es sinnvoll, ein Zimmer zu reservieren. Das könnte er gleich dort tun. Der Infoautomat hatte keinen Knopf mit Hotelreservierung. Hartmut hätte sich erst durch Menüs durchsuchen müssen und wäre schlußendlich erfolglos geblieben. Es gab keine Hotelreservierungen von unterwegs. Nur zuhause konnte man sich ein Hotel reservieren lassen und damit gab es dann auch sämtliche Angaben der Beförderungswege.
Hartmut kam sich in der großen Stadt wie in einer Wildnis vor. Zwar war alles aufgeräumt und sauber. Doch ohne Menschen kam er sich wie in unendlicher Einsamkeit vor. Hartmut hatte keine Ahnung, wie leer die Stadt war, denn es gab auch keine abgestellten Autos oder andere Fahrzeuge. Als er über den Ring der Opernkreuzung zusteuerte, sah er noch einmal einige Radfahrer, deren Verhalten das der früheren wiederspiegelte. Es gab keinen Augenkontakt und ihr Verhalten ähnelte einer Flucht, um ja jeden Kontakt zu vermeiden.
Im Hotel sah Hartmut einige Menschen. Die meisten traten als Paare auf und saßen bei Tisch. Es gab einen menschlichen Kellner, zumindest sah er nicht wie ein Automat aus. Hartmut steuerte einen Tisch an, auf dem bereits eine Speisekarte lag. Das Besondere an der Speisekarte war die Ausführung als ganz flacher Bildschirm. Auf ihm stand die Anweisung: „Bitte legen Sie ihre Hand auf die Karte.“ Als Hartmut seine Hand auf der Karte plazierte, wechselte der Schirm seine Farbe um anschließend ein „danke“ zu produzieren. Als nächstes erschien: „Ihre gesundheitlichen Werte sind in Ordnung, wir freuen uns, Ihnen unsere Standardgerichte anbieten zu können. Bitte wählen Sie aus. Hartmut wusste nicht, dass die Gerichte recht typische Standardgerichte der Alt-Wiener Gastronomie waren. Wiener Schnitzel erschien ihm als wählenswert. Als er es anklickte, kam die Meldung: „Vielen Dank für ihre Bestellung. Wir machen Sie darauf aufmerksam, dass alle unsere Fleischgerichte streng vegetarisch sind. Doch Sie werden geschmacklich keinen Unterschied merken. Wir empfehlen Ihnen ein Glas Weißwein, vorzugsweise ‚Grüner Veltliner‘. Sind Sie einverstanden.?“ Hartmut berührte das Feld mit „JA“, worauf sich das Menü abschaltete und nur mehr der Vermerk sichtbar war: „Es wird Ihnen in 20 Minuten serviert werden.“
Hartmut fand den Hinweis mit dem Geschmackshinweis schon etwas lächerlich. Er hätte ja gar keinen Vergleich gehabt, wie es hätte schmecken sollen.
Der Kellner kam an seinen Tisch und brachte Wein und ein großes Glas Wasser. Er fragte Hartmut: „Wollen Sie auch gleich ein Zimmer reservieren? Wenn ich richtig informiert bin, wollen Sie zwei Nächte bleiben.“ Woher wusste er das? War er vielleicht doch ein Roboter, ein besonders sorgfältig nachgebildeter. Hartmut nickte und blickte dem Kellner nach. Der humpelte ein bisschen, was Hartmut jetzt erst auffiel. Humpelnde Roboter gibt es doch wohl nicht. Doch irgendwer musste wissen, dass er jetzt da war und musste dem Kellner die Information zugespielt haben.
Jetzt erinnerte sich Hartmut an den letzten Kontakt mit Peter am Infoautomat. Er hatte ihm ja das Hotel empfohlen. Wahrscheinlich hatte Peter bereits die Information mit Hartmuts Bild an das Hotel übermittelt. Das war eine plausible Erklärung.
Verstohlen schaute Hartmut um sich. Was waren das für Menschen rund um ihn, die teilweise bereits aßen oder auf ihr Essen warteten. Die meisten Pärchen waren sehr jung – mit ihm verglichen. Sie wirkten alle wie wirkliche Touristen auf der Suche nach dem Besonderen. Es gab eine weitere Einzelperson, die so wie sein Begleiter im Zug wirkte. Ein Edel-Arbeiter. Ein neuer Gast betrat das Sacher und schwenkte in den Restaurantbereich. Eine junge Frau um die dreißig, unauffällig in einem grauen Kostüm, gepflegt wirkend, schaute sich suchend um und wählte, als sie Hartmut sah, einen Tisch in seiner Nähe.
Hartmut schmunzelte. Er überlegte sich die Situation. Diese bot sich gerade zu einem Gesprächsversuch an. Doch Hartmut war mit seiner Frau sehr glücklich. Er konnte keine erotische Anziehungskraft verspüren. Es war aber nicht üblich, mit wildfremden Personen ein Gespräch anzufangen, obwohl er das früher sehr gerne gemacht hatte. Die Frau schien diesbezüglich keine Hemmungen zu haben. „Würde es Sie stören, wenn ich mich zu Ihnen setze. Zu zweit isst es sich doch viel netter?“ Hartmut nickte etwas verhalten. Gerade konnte er ein „Guten Tag“ hervorbringen. Die Frau lächelte und wechselte den Tisch.
Hartmut grübelte, ob er es wohl mit einem Escort-Service zu tun hatte. Angesichts der merkwürdigen Zufälle, die alle darauf hindeuteten, dass man über jeden seiner Schritte bescheid wusste, konnte er jetzt glauben, dass man vielleicht auch interessiert daran wäre, was er nachts so anstellte.
Es fiel ihm nichts Besseres ein, als „Wo leben Sie denn?“ zu fragen. Die Frau lächtelte spöttisch und meinte: „Ich lebe hier in Wien.“ Hartmut fiel aus allen Wolken. Er hatte nicht geglaubt, dass in den Alt-Städten auch Menschen dauerhaft leben würden. Davon war in allen Informationen, die er bisher erhalten hatte, nicht die Rede. Er verschluckte sich an seinem Wasser, dass er gerade zum Trinken angesetzt hatte. „Sie leben hier, hier in Alt-Wien? Dauernd?“ – „Ja, ist das so besonders?“ – „Ich weiß nicht. Es hieß, dass die Alt-Städte lediglich als große Museen dienten. Sehen Sie, ich bin nicht von hier. Aber ich habe ja auch sonst kaum Menschen gesehen. Wie viele Leute leben denn in dieser Stadt?“ Die Frau nickte dem Kellner zu, der gerade gekommen war. „Bringen Sie mir dasselbe wie dem Herrn. Und zum gleichen Zeitpunkt“ Hartmut sah, dass seine Warteanzeige gerade von 12 Minuten auf 20 Minuten gesprungen war. Die Frau warf Hartmut einen prüfenden Blick zu. „Warum interessiert Sie das. Ich verstehe, dass Sie überrascht sind. Aber warum wollen Sie die Einwohnerzahl wissen?“ Hartmut entspannte sich etwas. „Sehen Sie, ich war von Beruf Statistiker. Es muss wohl ein Reflex sein, dass ich mich immer nach Zahlen erkundige. Aber ich dachte, dass es nur die Dienste für die Touristen und Gäste gibt. Wenn hier Menschen wohnen, muss es ja auch Geschäfte für sie geben. Ich habe aber keines gesehen.“
„Es gibt schon Geschäfte, aber nicht hier in der Innenstadt. Sie müssen in die Außenbezirke kommen. Dort wo ich lebe. Da finden Sie dann auch Geschäfte.“ – „Sie kennen sich in der Stadt aber wohl gut aus. Darf ich Sie nach einer Adresse fragen?“ Hartmut war ganz stolz auf sich. Es war doch sicher besser eine Person in der Stadt nach der Adresse zu fragen, als dem Infoautomaten wieder neues Futter für seine Überwachung zu geben. „Fragen Sie nur!“ – „Können Sie mir sagen, wo die Barawitzkagasse liegt?“ – „Ja, die befindet sich in einem Außenbezirk. Sie können Sie sogar leicht mit U-Bahn, Linie 4 erreichen. Von der Endstation sind es nur 10 Minuten zu Fuss.“
Es trat eine zeitlang Stille ein. Hartmut überlegte, ob es Zufall war, dass sie die Adresse so genau kannte. Für sie war die Angelegenheit, wegen der sie auch gekommen war, klar. Hartmut war derjenige, der im Museum nach 1984 gesucht hatte.
Das Essen kam auf den Tisch. Hartmut war recht verblüfft, wie gut es schmeckte. Die Frau lächelte: „Es schmeckt Ihnen. Ich kann es mir vorstellen. Auch wenn das Fleisch nicht echt ist, die Eier für die Panier sind es. Die sind nicht synthetisch hergestellt. Und den Erdäpfelsalat werden Sie zuhause vermutlich auch nicht in der gleichen Qualität erhalten. Es ist eine besondere Sorte von Erdäpfeln, die nur in einem Bezirk von Alt-Wien angebaut wird. Dort, wo übrigens auch der Wein her ist?“
Hartmut seufzte: „Es wäre nett, wenn ich Sie als Fremdenführerin engagieren könnte. Sie kennen sich vermutlich besser aus als jeder Infoautomat, den ich fragen müsste.“ – „Das stimmt. Wenn Sie den fragen, warum das Essen so gut schmeckt, wird er Ihnen nur sagen, dass das Essen den höchsten Qualitätsansprüchen genügt und deswegen so gut schmeckt.“ Sie setzte fort: „Ich kann Ihnen aber ein Angebot machen. Wenn Sie zu Ihre Adresse wollen, dann kann ich Sie begleiten. Ich muss auch zu einem Ort ganz in der Nähe.“ Sie vermied es, die Adresse noch einmal beim Namen zu nennen.
Hartmut strahlte. Der Tag zeigte sich langsam von seiner besseren Seite. „Mein Name ist Hartmut, wenn ich mich vorstellen darf.“ – „Gerne. Sie können mich Vroni nennen. Von Veronika. Aber das ist zu lang.“
Hartmut winkte dem Kellner. „Dir Rechnung bitte, auch die der Dame.“ Der Kellner winkte ab. Wurde bereits von Ihrem Konto abgebucht. „Auch die von der Dame? Woher wissen Sie das im Vorhinein?“ Der Kellner antwortete: „Es ist üblich, dass nur pro Tisch abgerechnet wird. Sie müssten vorher getrennte Rechnung beantragen.“
Hartmut und Veronika verließen das Sacher und schlenderten an der Staatsoper in Richtung Karlsplatz. Dort war der Eingang zur Linie 4. Veronika wies ihn darauf hin, dass sie bis zur Endstation Heiligenstadt fahren müßten.
Als sie dort ausstiegen und sich in Richtung Barawitzkagasse auf den Weg machten, konnte Hartmut sehen, dass vergleichsweise mehr Personen auf den Strassen waren. Er machte Veronika darauf aufmerksam und fragte sie, warum die Leute alle so scheu waren.
„Nun, es ist eine gute Praxis, nicht zu neugierig zu sein. Eine weitere ist es, nicht aufzufallen. Es dauert sehr lange, bis sich die Menschen hier einem anderen anvertrauen.“
Hartmut überlegte ein bisschen, dann fragte er: „Aber wie ist das mit Ihnen? Sie haben sich ja von sich heraus im Sacher zu mir gesetzt. Das würde dann ja überhaupt nicht dem Standardbenehmen entsprechen.“

Veronika antwortete langsam: „Wenn Sie sich für 1984 interessieren, dann interessiere ich mich für Sie. Warum wollten Sie denn 1984 lesen?“




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