Archive for the ‘Schreiben’ Category
Es ist nicht unbedingt Absicht, aber meine Texte sind oft wie Schachrätsel aufgebaut.
Denn ich mag Schachrätsel.
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Für Fortgeschrittene:
Artikel in orf.online:
30 Jahre Aids – Homophobie und Verschlampung
AIDS
1982
Kalter Krieg
Die Russen sind dümmer als die Amerikaner
SIDA
Professor K.
heute bereits verstorben
Musik
Freund
Scherenschnitt
Arbeiten an seinem Institut
Mikrospektralphotometrie
Und hier jetzt geht es zum Text…
Das Diagrammbild – übersetzt:
Es gab eine Zeit, als ich mit meinen Kenntnissen der Mikrosprektralphotometrie meine spätere Karriere (vor allem finanziell) begründete.
Die Aufgabenstellung – in diesem Fall die „eigentliche Message“:
„Amerikanische Republikaner sind miese Arschlöcher!“
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Die Schwierigkeit eines Schachrätsels besteht darin, dass eine ganz klare Aufgabenstellung durch Beiwerk so maskiert wird, dass der eigentliche Lösungsweg unmöglich erscheint.
Das ist der Kick für den Rätsellöser, das scheinbar Unmögliche im Dickicht der Ablenkungen herauszufinden.
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Kurzbeschreibung, spielt im Jahr / in den Jahren, Link
Etwas stimmt nicht 2080
http://steppenhund.twoday.net/stories/752348316/main
Wie sieht es denn aus 2080
http://steppenhund.twoday.net/stories/752348316-2
Peter hat eine Waffe, ein interessantes Angebot 2080
http://steppenhund.twoday.net/stories/752348316-3/main
Epilog 2081
http://steppenhund.twoday.net/stories/752348316-4/main
Der Drachenkopf 2041
http://steppenhund.twoday.net/stories/752348316-5/main
UNA und das Projekt 291040 2031
http://steppenhund.twoday.net/stories/752348316-6/main
Wie schmuggelt man ein Programm 2031
http://steppenhund.twoday.net/stories/752348316-7/main
Das Ender der Kriege 2041
http://steppenhund.twoday.net/stories/752348316-8/main
Beginn und Ende einer Suche 2033
http://steppenhund.twoday.net/stories/752348316-9/main
Der Drachenkopf wird größer, ein nicht stattgefundes Attentat 2080 / 2041
http://steppenhund.twoday.net/stories/752348316-10/main
Auch Südamerika verhält sich sonderbar 2080 / 2041
http://steppenhund.twoday.net/stories/752348316-11/main
Der Verlust eines interessanten Berufs 2080
http://steppenhund.twoday.net/stories/752348316-12/main
Die Reise nach Alt-Wien beginnt 2080
http://steppenhund.twoday.net/stories/aus-2014-13/main
Ankuft und Besuch eines Museums, 1984 2080
http://steppenhund.twoday.net/stories/752348316-14
Kontakt im Hotel Sacher 2080
http://steppenhund.twoday.net/stories/752348316-15
Veronika klärt auf – Lebensgefahr 2080
http://steppenhund.twoday.net/stories/752348316-16
Der Untergrund 2080
http://steppenhund.twoday.net/stories/752348316-17
Die Rückkehr ins normale Leben und eine erstaunliche Entwicklung
2080 / 2043 http://steppenhund.twoday.net/stories/752348316-18
Wei Liu lernt seinen Nachfolger kennen 2043
http://steppenhund.twoday.net/stories/752348316-19
Eine große Überraschung 2080
http://steppenhund.twoday.net/stories/931538502
Da war was los – in den wilden 30er- und 40er-Jahren.
Yang Li seufzte. „Ich denke, dass ich über die Modalitäten Bescheid weiß. Exekutionen, Mädchenhandel und noch ein paar kleinere Änderungen. Oder irre ich mich?“ Wei Liu war erleichtert, dass er diese Themen nicht selber ansprechen musste. „Sie sind vollkommen richtig informiert, wenn ich so sagen darf. Ich kann Ihnen aber aus den Erfahrungen der letzten zwei Monate berichten, dass sich meine Lage nicht verschlechtert hat. Es war zwar interessant zu erfahren, dass 53 meiner Leute illoyal waren und sich auf meine Kosten bereichert haben. Das Thema ist vom Tisch. Die Einnahmen sind nur geringfügig gesunken. Es werden viel weniger Resourcen zum ‚Aufräumen‘ benötigt. Sie werden sehen, am Anfang ist es gewöhnungsbedürftig, doch nach kurzer Zeit bietet es einen persönlichen Gewinn.“
Yang Li war nicht überzeugt. „Ich kann mir nicht vorstellen, wie das funktionieren kann.“ – „Es funktioniert mit Information. Ich bekomme einen Stadtteil genannt, in dem ein Casino eröffnet werden soll. Die Stadtbehörden spielen mit, die Polizei macht keine Schwierigkeiten. Zwei Wochen nachdem das erste Casino dieser Art eröffnet war, spielte es bereits Gewinn ein. Es gibt eine Regelung, nach der sogar die kleinen Verlierer gestützt werden, wenn sie alles verspielt haben. So landen sie nicht auf der Straße und jeder glaubt, dass er im Casino eine echte Chance hat. Wir können offiziell im Fernsehen werben und haben nichts zu befürchten. Dieses Geschäft bringt uns mehr an Gewinn als wir durch den Verlust vom entgangenen Mädchenhandel verlieren. Sie wissen, das ist kein besonders nettes Geschäft, es verdirbt auch die eigenen Mitarbeiter.“
Yang Li fragte: „Bekomme ich solche Informationen in Zukunft von Ihnen?“ In dem Moment läutete noch einmal das Telefon. Offensichtlich wurde ihr Gespräch abgehört. „Mr. Liu. Sagen Sie ihm, dass strategische Entscheidungen von Ihnen kommen werden. Notwendige Exekutionen werden wir Mr. Li selbst mitteilen. Guten Tag.“
Wei Liu war sich unsicher. Wenn er das Yang Li sagte, gab er indirekt zu, dass er selber nur eine Marionette war. „Sehen Sie, es gibt einen Grund, warum Sie mir den Anschluss Ihrer Organisation angeboten haben. Ich nehme an, dass Sie genau wissen, wie Sie in Zukunft vorzugehen haben. Die strategischen Vorgaben bekommen Sie tatsächlich von mir.“ Er hatte vermieden, das Thema Exekutionen anzusprechen. Yang Lis Gesicht hellte sich auf. „Ich habe eine letzte Frage: wäre es gestattet, mich selbst zu Ruhe zu setzen?“ Diesmal läutete das Telefon nicht. Wei Liu musste seine eigene Entscheidung treffen. „Es wäre für mich in Ordnung. Doch benötige ich Sie für eine gewisse Übergangszeit, solange, bis sich der neue Modus eingespielt hat und ihre Leute mir gegenüber loyal sind. Dann dürfen Sie sich gerne zurückziehen.“ „Vielen Dank, Mr. Liu. Wenn ich nicht den Tod meiner beiden Söhne beklagen müsste, wäre mir dies alles ohne Einschränkung ein angenehmer Wechsel gewesen. Es ist wohl meine Schuld, dass ich nicht glauben konnte, wozu … !“ Er wollte sagen: „diese Leute fähig sind.“ Doch Wei Liu winkte ab. „Lassen Sie es gut sein. Trinken wir unseren Tee?“
In den nächsten drei Jahren hatten sich alle bedeutsamen asiatischen Organisationen angeschlossen. Bei den südamerikanischen Rauschgiftkartellen gab es eine Gruppe, die übrig blieb. Doch auch sie hatte enormen personellen Aderlass zu verzeichnen gehabt. Die Columbianer hatten zuerst auf einen amerikanischen Erpresser getippt. Dies hatte dazu geführt, dass es zu blutigen Kämpfen gekommen war, bei denen vollkommen Unschuldige zum Handkuss kamen. Aber nicht nur Unschuldige. Don Pedro verlor seine gesamte Verwandschaft, bevor er sich selbst das Leben nahm. Don Alejjo übernahm sein Kartell und verlor seine Frau und drei Töchter, die sein ein und alles waren. Don Jorge als Nachfolger verlor seine Frau, doch er lernte schneller. Als ihm gesagt wurde, dass er die Verdienste aus dem Rauschgiftgeschäft seinen Landsleuten zukommen lassen sollte, bat er um Information, wie das geschehen solle. Die Organisation nannte ihm einen Politiker, den er einschalten solle. Über Parteispenden könnte das soziale Programm dieses Politikers finanziert werden. Es lag auf der Hand, dass auch einige Politiker ums Leben kamen. Es waren dies in der Regel korrupte Politiker, die nie auch nur eine einzige politische Leistung gezeigt hatten. Die Todesfälle waren hier nicht durch technische Versagen verursacht. Oder wenn ein technisches Versagen im Spiel war, dann begründete es, warum die normalen Schutzpersonen nicht in der Lage waren, einen einzelnen Attentäter zu stoppen.
Die Attentäter kamen aus unterschiedlichen Gegenden. Die meisten aus umliegenden südamerikanischen Staaten, doch gab es auch Europäer und vereinzelt Asiaten, welche Angriffe durchführten.
Mexiko war ein eigenes Kapitel. Es spielte sich so wie in Columbien ab. Doch war die Verflechtung mit der amerikanischen Mafia tatsächlich gegeben. Daher konnte nicht ein einzelner entscheiden, die Geschäftstätigkeit komplett um zu stellen. Es dauerte noch zwei Jahre, bis auch hier eine kriminelle Organisation praktisch auf humanitäre Hilfestellung umgestellt war.
In diesen Jahren wurde die Drogen herstellung umgestellt. Es wurden nur mehr synthetische Drogen hergestellt, deren wesentliche Wirkung die eines Antidepressivums war. Ein bisschen Freude war dazu gemischt. Der Abhängigkeitsfaktor wurde so eingestellt, dass mit entsprechenden Gegenmitteln eine Abkopplung von der Sucht möglich war.
Die Drogen wurden billigst verkauft und die gesamte Welt damit überschwemmt. Es war nicht notwendig, jemanden zu überfallen, um Geld für den nächsten Schuss zu bekommen. Süchtige bekamen die Droge auf Rezept, mussten sich aber registrieren lassen.
Das alles waren Informationen, die nur indirekt zur Verfügung standen. Hartmut reimte sich die Kausalitäten zusammen. Er nahm an, dass die wesentlichen Personen so erpresst wurden, wie es mit Wolfram geschehen war. Der wesentliche Inhalt, den der bisher aus all den statistischen und vereinzelt historischen Daten gewonnen hatte, war: es gibt eine zentrale Macht, die sich selbst nicht darstellt und keinen Aufschluss über ihre Ziele her gibt. So wie Hartmut das sah, konnte man dieser Macht nicht wirklich böse sein. Sukzessive schienen sich die Lebensumstände für alle verbessert zu haben. Was möglicherweise einem sozialen Gedanken widersprach, war die eklatante Kluft zwischen arm und reich. Arm war zwar nicht wirklich bedrohlich, die Armen bekamen alles, was zum Leben notwendig war. Das betraf nicht nur Nahrung, Kleidungsmittel und Wohnen, sondern auch Anreize wie Sportwettkämpfe und Filme, um sich glücklich fühlen zu können. Über die Medien wurde suggeriert, wie das glückliche Leben auszusehen hatte. Den Rest machten die Drogen.
Die „Reichen“ hingegen arbeiteten, waren relativ isoliert. Sie waren in der Regel drogenfrei und hatten teilweise zur „veralteten“ Kunst, wie Theater und Oper, die in Medienkonserven erhalten geblieben war. Es gab auch Festivals, in denen sich die Reichen selbst als Künstler und Darsteller verwirklichen konnten. Doch der Beruf des Künstlers war ausgestorben.
In den folgenden Jahren wurde die Infrastruktur umgebaut. Die ersten Neustädte waren fertig geworden. Dort gab es Platz für die neuen „Armen“. Doch gleichzeitig war dort kein Platz für Autos.
Nach einer etwas längeren Pause geht es weiter. Hoffentlich haben sich nicht alle Leser verschlurfelt:)
Auf dem Bildschirm erschien eine weitere Meldung: „Verwenden Sie Ausstellungsstück 334!“ Nach zwei Sekunden verschwand die Meldung und der Infoautomat zeigte den gewohnten Anfangsbildschirm. Hartmut versuchte es erneut. Die Auskunft über die klassifizierte Information erschien erneut und verschwand ohne weiteren Hinweis. Das Gleiche passierte beim dritten Versuch.
Jetzt wurde Hartmut neugierig. Etwas Misstrauen wäre angebracht gewesen, doch Hartmut war schon so alt, dass er sich erinnern konnte, dass Computer nicht immer beim ersten Mal erwartungsgemäß reagierten. Er wusste nicht, dass bei einer neuerlichen Wiederholung seine Einstufung verschlechtert worden wäre.
Er schaute sich um und versuchte das Ausstellungsstück 334 ausfindig zu machen. Nicht alle Exhibitionate waren nummeriert, doch bei einigen fand er kleine Inventaraufkleber. Allerdings waren die Zahlen alle zweistellig.
Er schlenderte weiter. Im übernächsten Raum gab es die Darstellung eines früheren Büroraums. Ein wunderschöner Holzschreibtisch mit einer Lederauflage. Es gab einen Adressenkarteikasten, mit Karten, auf denen Adressen handschriftlich vermerkt waren. Das Telefon hatte eine Drehwählscheibe. Eine der Schubladen des Schreibtisches stand halb offen. Hartmut entdeckte darin einen Anachronismus, hier lag ein Mobiltelefon, das es erst frühestens 50 Jahre später hätte geben können. Jetzt entdeckte Hartmut einen Inventarzettel auf dem Schreibtisch. Der trug die Nummer 334. Hartmut versuchte, die anderen Laden zu öffnen. In der untersten Lade auf der rechten Seite fand er ein Buch. Er las George Orwell. Er nahm es heraus und öffnete es. Die Seiten waren alle bis auf die erste Seite weiß. Auf der ersten Seite stand: „Bei echtem Interesse wählen Sie am Infoautomat die Adresse Barawitzkagasse 10. Bleiben Sie nicht zu lange in diesem Raum. Legen Sie das Buch zurück und schließen Sie die Lade!“
Hartmut befolgte die Anweisungen. Das schien ja richtig interessant zu werden. Vielleicht war es ein Spiel. Hartmut hatte selber nie Computerspiele verwendet. Doch er konnte sich aus Erzählungen von anderen Leuten vorstellen, dass manche Spiele so ablaufen könnten.
Er blieb noch eine Stunde im Museum. Alles andere funktionierte so, wie es in Museen üblich war. Er versuchte andere Bücher zu öffnen und fand dabei keine Hindernisse vor. Vor allem aber fand er nichts, was irgendwie Aufschluss über historische Ereignisse der Vergangenheit, speziell in Hinblick auf politische Geschehnisse geben konnte. Etwas enttäuscht verließ er das Museum. Was hatte der Eisenbahner ihm als Restaurant empfohlen? Nein, es war nicht der Eisenbahner. Peter hatte ihm das Hotel Sacher empfohlen. Er versuchte einen Infoautomaten. Der angezeigte Stadtplan zeigte ihm die Route und eine vermutliche Gehdauer von fünfzehn Minuten an. Er hatte zwar nicht sehr viel Appetit, da aber sein Informationshunger nicht gestillt war, wollte er wenigstens etwas essen. Und vielleicht war es sinnvoll, ein Zimmer zu reservieren. Das könnte er gleich dort tun. Der Infoautomat hatte keinen Knopf mit Hotelreservierung. Hartmut hätte sich erst durch Menüs durchsuchen müssen und wäre schlußendlich erfolglos geblieben. Es gab keine Hotelreservierungen von unterwegs. Nur zuhause konnte man sich ein Hotel reservieren lassen und damit gab es dann auch sämtliche Angaben der Beförderungswege.
Hartmut kam sich in der großen Stadt wie in einer Wildnis vor. Zwar war alles aufgeräumt und sauber. Doch ohne Menschen kam er sich wie in unendlicher Einsamkeit vor. Hartmut hatte keine Ahnung, wie leer die Stadt war, denn es gab auch keine abgestellten Autos oder andere Fahrzeuge. Als er über den Ring der Opernkreuzung zusteuerte, sah er noch einmal einige Radfahrer, deren Verhalten das der früheren wiederspiegelte. Es gab keinen Augenkontakt und ihr Verhalten ähnelte einer Flucht, um ja jeden Kontakt zu vermeiden.
Im Hotel sah Hartmut einige Menschen. Die meisten traten als Paare auf und saßen bei Tisch. Es gab einen menschlichen Kellner, zumindest sah er nicht wie ein Automat aus. Hartmut steuerte einen Tisch an, auf dem bereits eine Speisekarte lag. Das Besondere an der Speisekarte war die Ausführung als ganz flacher Bildschirm. Auf ihm stand die Anweisung: „Bitte legen Sie ihre Hand auf die Karte.“ Als Hartmut seine Hand auf der Karte plazierte, wechselte der Schirm seine Farbe um anschließend ein „danke“ zu produzieren. Als nächstes erschien: „Ihre gesundheitlichen Werte sind in Ordnung, wir freuen uns, Ihnen unsere Standardgerichte anbieten zu können. Bitte wählen Sie aus. Hartmut wusste nicht, dass die Gerichte recht typische Standardgerichte der Alt-Wiener Gastronomie waren. Wiener Schnitzel erschien ihm als wählenswert. Als er es anklickte, kam die Meldung: „Vielen Dank für ihre Bestellung. Wir machen Sie darauf aufmerksam, dass alle unsere Fleischgerichte streng vegetarisch sind. Doch Sie werden geschmacklich keinen Unterschied merken. Wir empfehlen Ihnen ein Glas Weißwein, vorzugsweise ‚Grüner Veltliner‘. Sind Sie einverstanden.?“ Hartmut berührte das Feld mit „JA“, worauf sich das Menü abschaltete und nur mehr der Vermerk sichtbar war: „Es wird Ihnen in 20 Minuten serviert werden.“
Hartmut fand den Hinweis mit dem Geschmackshinweis schon etwas lächerlich. Er hätte ja gar keinen Vergleich gehabt, wie es hätte schmecken sollen.
Der Kellner kam an seinen Tisch und brachte Wein und ein großes Glas Wasser. Er fragte Hartmut: „Wollen Sie auch gleich ein Zimmer reservieren? Wenn ich richtig informiert bin, wollen Sie zwei Nächte bleiben.“ Woher wusste er das? War er vielleicht doch ein Roboter, ein besonders sorgfältig nachgebildeter. Hartmut nickte und blickte dem Kellner nach. Der humpelte ein bisschen, was Hartmut jetzt erst auffiel. Humpelnde Roboter gibt es doch wohl nicht. Doch irgendwer musste wissen, dass er jetzt da war und musste dem Kellner die Information zugespielt haben.
Jetzt erinnerte sich Hartmut an den letzten Kontakt mit Peter am Infoautomat. Er hatte ihm ja das Hotel empfohlen. Wahrscheinlich hatte Peter bereits die Information mit Hartmuts Bild an das Hotel übermittelt. Das war eine plausible Erklärung.
Verstohlen schaute Hartmut um sich. Was waren das für Menschen rund um ihn, die teilweise bereits aßen oder auf ihr Essen warteten. Die meisten Pärchen waren sehr jung – mit ihm verglichen. Sie wirkten alle wie wirkliche Touristen auf der Suche nach dem Besonderen. Es gab eine weitere Einzelperson, die so wie sein Begleiter im Zug wirkte. Ein Edel-Arbeiter. Ein neuer Gast betrat das Sacher und schwenkte in den Restaurantbereich. Eine junge Frau um die dreißig, unauffällig in einem grauen Kostüm, gepflegt wirkend, schaute sich suchend um und wählte, als sie Hartmut sah, einen Tisch in seiner Nähe.
Hartmut schmunzelte. Er überlegte sich die Situation. Diese bot sich gerade zu einem Gesprächsversuch an. Doch Hartmut war mit seiner Frau sehr glücklich. Er konnte keine erotische Anziehungskraft verspüren. Es war aber nicht üblich, mit wildfremden Personen ein Gespräch anzufangen, obwohl er das früher sehr gerne gemacht hatte. Die Frau schien diesbezüglich keine Hemmungen zu haben. „Würde es Sie stören, wenn ich mich zu Ihnen setze. Zu zweit isst es sich doch viel netter?“ Hartmut nickte etwas verhalten. Gerade konnte er ein „Guten Tag“ hervorbringen. Die Frau lächelte und wechselte den Tisch.
Hartmut grübelte, ob er es wohl mit einem Escort-Service zu tun hatte. Angesichts der merkwürdigen Zufälle, die alle darauf hindeuteten, dass man über jeden seiner Schritte bescheid wusste, konnte er jetzt glauben, dass man vielleicht auch interessiert daran wäre, was er nachts so anstellte.
Es fiel ihm nichts Besseres ein, als „Wo leben Sie denn?“ zu fragen. Die Frau lächtelte spöttisch und meinte: „Ich lebe hier in Wien.“ Hartmut fiel aus allen Wolken. Er hatte nicht geglaubt, dass in den Alt-Städten auch Menschen dauerhaft leben würden. Davon war in allen Informationen, die er bisher erhalten hatte, nicht die Rede. Er verschluckte sich an seinem Wasser, dass er gerade zum Trinken angesetzt hatte. „Sie leben hier, hier in Alt-Wien? Dauernd?“ – „Ja, ist das so besonders?“ – „Ich weiß nicht. Es hieß, dass die Alt-Städte lediglich als große Museen dienten. Sehen Sie, ich bin nicht von hier. Aber ich habe ja auch sonst kaum Menschen gesehen. Wie viele Leute leben denn in dieser Stadt?“ Die Frau nickte dem Kellner zu, der gerade gekommen war. „Bringen Sie mir dasselbe wie dem Herrn. Und zum gleichen Zeitpunkt“ Hartmut sah, dass seine Warteanzeige gerade von 12 Minuten auf 20 Minuten gesprungen war. Die Frau warf Hartmut einen prüfenden Blick zu. „Warum interessiert Sie das. Ich verstehe, dass Sie überrascht sind. Aber warum wollen Sie die Einwohnerzahl wissen?“ Hartmut entspannte sich etwas. „Sehen Sie, ich war von Beruf Statistiker. Es muss wohl ein Reflex sein, dass ich mich immer nach Zahlen erkundige. Aber ich dachte, dass es nur die Dienste für die Touristen und Gäste gibt. Wenn hier Menschen wohnen, muss es ja auch Geschäfte für sie geben. Ich habe aber keines gesehen.“
„Es gibt schon Geschäfte, aber nicht hier in der Innenstadt. Sie müssen in die Außenbezirke kommen. Dort wo ich lebe. Da finden Sie dann auch Geschäfte.“ – „Sie kennen sich in der Stadt aber wohl gut aus. Darf ich Sie nach einer Adresse fragen?“ Hartmut war ganz stolz auf sich. Es war doch sicher besser eine Person in der Stadt nach der Adresse zu fragen, als dem Infoautomaten wieder neues Futter für seine Überwachung zu geben. „Fragen Sie nur!“ – „Können Sie mir sagen, wo die Barawitzkagasse liegt?“ – „Ja, die befindet sich in einem Außenbezirk. Sie können Sie sogar leicht mit U-Bahn, Linie 4 erreichen. Von der Endstation sind es nur 10 Minuten zu Fuss.“
Es trat eine zeitlang Stille ein. Hartmut überlegte, ob es Zufall war, dass sie die Adresse so genau kannte. Für sie war die Angelegenheit, wegen der sie auch gekommen war, klar. Hartmut war derjenige, der im Museum nach 1984 gesucht hatte.
Das Essen kam auf den Tisch. Hartmut war recht verblüfft, wie gut es schmeckte. Die Frau lächelte: „Es schmeckt Ihnen. Ich kann es mir vorstellen. Auch wenn das Fleisch nicht echt ist, die Eier für die Panier sind es. Die sind nicht synthetisch hergestellt. Und den Erdäpfelsalat werden Sie zuhause vermutlich auch nicht in der gleichen Qualität erhalten. Es ist eine besondere Sorte von Erdäpfeln, die nur in einem Bezirk von Alt-Wien angebaut wird. Dort, wo übrigens auch der Wein her ist?“
Hartmut seufzte: „Es wäre nett, wenn ich Sie als Fremdenführerin engagieren könnte. Sie kennen sich vermutlich besser aus als jeder Infoautomat, den ich fragen müsste.“ – „Das stimmt. Wenn Sie den fragen, warum das Essen so gut schmeckt, wird er Ihnen nur sagen, dass das Essen den höchsten Qualitätsansprüchen genügt und deswegen so gut schmeckt.“ Sie setzte fort: „Ich kann Ihnen aber ein Angebot machen. Wenn Sie zu Ihre Adresse wollen, dann kann ich Sie begleiten. Ich muss auch zu einem Ort ganz in der Nähe.“ Sie vermied es, die Adresse noch einmal beim Namen zu nennen.
Hartmut strahlte. Der Tag zeigte sich langsam von seiner besseren Seite. „Mein Name ist Hartmut, wenn ich mich vorstellen darf.“ – „Gerne. Sie können mich Vroni nennen. Von Veronika. Aber das ist zu lang.“
Hartmut winkte dem Kellner. „Dir Rechnung bitte, auch die der Dame.“ Der Kellner winkte ab. Wurde bereits von Ihrem Konto abgebucht. „Auch die von der Dame? Woher wissen Sie das im Vorhinein?“ Der Kellner antwortete: „Es ist üblich, dass nur pro Tisch abgerechnet wird. Sie müssten vorher getrennte Rechnung beantragen.“
Hartmut und Veronika verließen das Sacher und schlenderten an der Staatsoper in Richtung Karlsplatz. Dort war der Eingang zur Linie 4. Veronika wies ihn darauf hin, dass sie bis zur Endstation Heiligenstadt fahren müßten.
Als sie dort ausstiegen und sich in Richtung Barawitzkagasse auf den Weg machten, konnte Hartmut sehen, dass vergleichsweise mehr Personen auf den Strassen waren. Er machte Veronika darauf aufmerksam und fragte sie, warum die Leute alle so scheu waren.
„Nun, es ist eine gute Praxis, nicht zu neugierig zu sein. Eine weitere ist es, nicht aufzufallen. Es dauert sehr lange, bis sich die Menschen hier einem anderen anvertrauen.“
Hartmut überlegte ein bisschen, dann fragte er: „Aber wie ist das mit Ihnen? Sie haben sich ja von sich heraus im Sacher zu mir gesetzt. Das würde dann ja überhaupt nicht dem Standardbenehmen entsprechen.“
–
Veronika antwortete langsam: „Wenn Sie sich für 1984 interessieren, dann interessiere ich mich für Sie. Warum wollten Sie denn 1984 lesen?“
Ich weiß jetzt, warum meine Texte so lange werden und vielleicht auch schwer verständlich sind.
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Die Inhalte der früheren Teile finden sich dort.
Es waren zwei Monate vergangen, in denen sich nichts Außergewöhnliches ereignet hatte. Hartmut hatte seine Erlebnisse in Alt-Wien etwas verdrängt. Er kümmerte sich um den Garten – gemeinsam mit seiner 20 Jahre jüngeren Frau und unternahm wenig außerhalb des Hauses und Garten.
Da trat eine unerwartete Veränderung ein, welche noch große Folgen haben sollte. Von einer seiner letzten Reisen war Peter nicht zurückgekommen. Im Allgemeinen war er nicht länger als vier Tage fortgeblieben, jetzt aber waren es schon zwei Wochen. Hartmut machte sich keine übermäßigen Sorgen, denn seit dem letzten Kontakt über den Infoautomaten in Alt-Wien hatte er Peter nur ganz selten von der Ferne gesehen und sich nicht mehr direkt mit ihm unterhalten.
Hartmut war allerdings sehr überrascht, als er ins Haus trat und seine Frau Tränen in den Augen hatte. „Peter is tot. Mit einem Flugzeug abgestürzt.“ Peter, der Nachbar, war auch der Bruder von Hartmuts Frau. Sie hatte offensichtlich eine Verständigung erhalten. Hartmut dachte in diesem Augenblick nicht daran, dass Flugzeugabstürze fast immer gesteuert waren. Vor allem waren in einem Flugzeug ja viele Passagiere und daher musste man den Absturz nicht gerade mit Peter in Verbindung bringen.
Marina hatte allerdings noch mehr Informationen. Sie bedeutete Hartmut, ihr in den Garten zu folgen. Dort saßen sie nun auf einer Gartenbank, in die Buchstaben eingeritzt waren. xyzzy. „Sie haben ihn entdeckt. Er hätte mehr über dich preisgeben sollen, als er tat. Es wäre besser gewesen, wenn er nicht verschwiegen hätte, dass Du dich mit Veronika getroffen hast.“ Hartmuts Gesicht war ein einziges Fragezeichen. Vorerst konnte er keine Verbindung der Buchstaben mit Peter herstellen. Er erinnerte sich nicht einmal an die Dinge, die ihm Veronika zuletzt mitgeteilt hatte. „Es ist sehr schwer, für das System zu arbeiten und gleichzeitig dagegen zu agieren.“
„Kannst Du mir bitte erklären, was Du meinst?“ Hartmut war ziemlich ratlos. „Sagen dir denn die Buchstaben gar nichts?“ Plötzlich ging Hartmut ein Licht auf. „Sie sagen mir schon etwas, aber was haben sie auf unser Gartenbank verloren?“
„Die Buchstaben sind der Code für eine Kontaktaufnahme. Die hätte im Bedarfsfall durch mich erfolgen sollen.“ Hartmut schaute seine Frau verblüfft an. Die attraktive, aber bis jetzt intellektuell unauffällige Hausfrau sollte eine Frau aus dem Untergrund sein. Und wie weit war da Peter involviert. Er musste nicht fragen. „Peter hätte natürlich auch Kontakt aufnehmen können, doch er musste viel vorsichtiger sein. Denn schließlich war er in das System komplett eingegliedert. Es ist klar, dass das System seine Mitarbeiter überwacht. Er hatte auch eine sehr hohe Einstufung. Die hat ihn aber nicht davor bewahrt, entdeckt zu werden. Vielleicht gab es einen anderen Grund für die Entdeckung. Aber es scheint mir so, dass sie aufmerksam geworden sind, weil er über dich nichts preisgegeben hat.“
Hartmut schüttelte den Kopf. „Aber was hätte er den preisgeben sollen?“ – „Einfach den Umstand, dass Du in der Barawitzkagasse 10 warst. Schließlich hast Du ja erlebt, wie schnell ihr von dort verschwinden musstet.“ Hartmut war noch ungläubig. „Aber wieso weißt denn dann Du davon?“ – „Peter hat es mir erzählt. Vor mir brauchte er keine Geheimnisse haben. Aber er hat nicht geahnt, dass sie so schnell handeln würden. Sonst hätte er sich ja in den Untergrund flüchten können. Ein klare Fehleinschätzung.“
Obwohl Hartmut schon vermuten konnte, was „schnell handeln“ heißt, fragte er nach: „Und Du meinst, dass sie ihn umbringen wollten?“
Marinas Gesicht wurde ganz grau. „Natürlich. Es ist ihre Arbeitsweise. Steigt ein Risiko über eine gewisse Grenze, werden die betroffenen Personen eliminiert. Sie konnten Peter ja nicht anweisen, sich selbst umzubringen.“
„Was bedeutet denn das schon wieder?“
Marina erklärte es ihm. Sie beziehungsweise das System bevorzugten sehr selektive Exekutionen. Die waren ohne Mithilfe möglich, wenn beispielsweise ein Fahrer allein in einem Auto sass. Andernfalls benötigte man Attentäter. Die Attentäter wurden mit allem versorgt, was sie benötigten. Interessanterweise kam es bei den betroffenen Opfern nie zu einer Verfolgung der Täter. Die Attentäter wurden sorgfältig ausgesucht und auf Loyalität und benötigte Kaltblütigkeit getestet. „Peter war ein major executor. Er war für die besonderen Fälle zuständig. Er wurde in Südamerika eingesetzt, vor allem in den Drogenkreisen. Keine ungefährliche Arbeit, aber er war einer der Besten. Wahrscheinlich hat er gedacht, dass sie seine Verdienste anrechnen würden.“ Sie machte eine Pause. „Im Übrigen habe ich dir das nie erzählt und Du weißt auch nichts über den Beruf von Peter. Würdest Du dich verraten, blüht dir und mir das gleiche Schicksal. Deswegen reden wir auch nicht im Haus drüber. Es ist anzunehmen, dass alles überwacht wird.“
Hartmut fühlte, wie er den Boden unter den Füßen verlor. Hatte er einen Schlaganfall oder war es nur eine vorübergehende Schwäche?
Beim Aussteigen aus dem Zug fiel Hartmut die Leere des Bahnhofs auf. Er war zwar keine Menschenmassen gewöhnt, aber es war klar ersichtlich, dass sich auf dem Gelände eines Bahnhofs mehr Menschen befinden müssten. Tatsächlich stiegen mit ihm zusammen nur weniger als zehn Personen aus, die sehr rasch von der Bildfläche verschwunden waren.
Dort, wo die Gleise endeten, befanden sich eine Reihe von Automaten. Ein Teil der Automaten bot Snacks an, der andere Teil bestand aus Auskunftsstationen, über die man erfahren konnte, wie man einen bestimmten Teil der Stadt erreichen konnte.
Hartmut war froh, dass er mit seiner Personalkarte auch die Snacks bezahlen konnte. Die Preise waren ziemlich klein, Hartmut vermutete, dass es sich eher um ein Überwachungssystem handelte. Sein Aufenthaltsort konnte auf diese Weise noch leichter überwacht werden.
Nachdem er einen Müsliriegel aufgeknabbert hatte, wandte er sich an einen Auskunftsautomaten. Als er sich dem Automaten näherte, sah er vier Gesichter auf dem Bildschirm aufscheinen. Das war durchaus die Regel bei öffentlichen Auskunftgebern, so konnte man sich Geschlecht und Hautfarbe der Berater aussuchen. Hartmut war allerdings sehr überrascht, als er in einem der Gesichter seinen Freund Peter erkannte. Selbstverständlich wählte er ihn an und es dauerte nicht einmal zehn Sekunden, bis das Gesicht einer Standverbindung Platz machte und ihn Peter begrüßte. „Servus Hartmut, was kann ich für dich tun.“ Sein Tonfall war nicht so locker und ungezwungen, wie es Hartmut von den persönlichen Zusammentreffen kannte. Peter klang – resigniert. „Eigentlich wollte ich ja nach dem Weg zum Josefstädter Bezirksmuseum fragen. Doch jetzt, wo ich dich hier antreffe, bin ich etwas perplex. Was machst denn Du hier als Auskunftsperson?“ Peter konnte ihm nicht sagen, dass dies ein vollkommen unüblicher Auftrag für ihn war. Die Menschen, für die er zuständig war, bekamen ihn nie zu Gesicht.
Hartmut war jedoch in Aufmerksamsstufe drei gerutscht. In eins war er zu dem Zeitpunkt geraten, als er den Job als öffentlicher Beamter begonnen hatte. Zwei hatte er nach seinem Gespräch mit Valerie erreicht.
Sein Interesse an Alt-Wien hatte ihn auf drei befördert, das bedeutete eine persönliche Überwachung ohne negative Voreinstellung. Das System wollte einfach wissen, was er in Wien wollte. Die Kenntnis über Überwachungsmethoden war mittlerweile so ausgereift, dass die Zusammenarbeit zwischen maschineller und persönlicher Überwachung effizienter verlief, wenn persönliche Überwachung durch Vertrauenspersonen der überwachten Person durchgeführt werden konnte.
Peter mit einer Vertrauensstufe von minus zehn war ein viel zu schweres Kaliber für einen Dreier-Hartmut. Es gab aber in dem näheren Bekanntenkreis von ihm nur Peter, der eine negative Vertrauensstufe aufwies.
Von all dem wusste Hartmut nichts. Personen mit Minusklassifizierung wussten Besseres, als diese irgend jemandem preiszugeben.
„Das gehört zu einem Teil meines Jobs. Jemand muss dich ja beraten. Findest Du es nicht besser, dass es jemand ist, den Du kennst?“
Hartmut schüttelte bejahend den Kopf. „Und Du hast alle die Informationen, nach denen Du gefragt wirst?“
„Es gibt Datenbanken, in denen ich nachfragen kann. Ich weiß sie zu bedienen. Aber diese Bedienung ist für nicht Spezialisten zu umständlich.“
Hartmut dachte nach, es leuchtete ihm ein. „Also gut, kannst Du mir helfen?“
„Wie gut ist denn deine Kondition? Traust Du dir zu, eine halbe Stunde mit einem Fahrrad zu fahren?“ – „Was wäre denn die Alternative?“ – „Die U-Bahnen werden rund um die Uhr betrieben. Du kannst mit der Line 3 bis zum ‚Volkstheater‘ fahren und dann in die Line 2 in Richtung ‚Seestadt‘ fahren. Eine Station und Du steigst beim ‚Rathaus‘ aus. Von dort, gehst Du dann gemäß dem Plan zum Museum.“ Der Automat brummte etwas, dabei schon sich eine Seite mit der Anweisung, wie man zum Museum spazieren könnte heraus.
Hartmut wollte die Gelegenheit nützen: „Eigentlich hat mich ja nur das Museum interessiert, aber wenn ich dich da schon dran habe: kannst Du mir Sehenswürdigkeiten empfehlen?“
Peters Gesichtsausdruck wurden noch resignierter: „Ganz Alt-Wien ist eine Sehenswürdigkeit. So wie alle anderen Alt-Städte. Es hängt ganz ab, was dich interessiert. Wie lange willst Du denn in Alt-Wien bleiben? Wirst Du übernachten wollen?“ – „Nun ich bin für Übernachtung ausgerüstet. Ich dachte, ich werde im Museum schlafen.“ – „Also pass auf! Mit deinem Einkommen kannst Du dir das einzige Restaurant und Hotel in Alt-Wien, welches durchgehend betrieben wird, schon leisten. Hinter der ‚Staatsoper‘ gibt es das Hotel ‚Sacher‘. Du kannst es vom Museum aus entweder zu Fuss oder mit U-Bahn erreichen.“ Der Automat brummte wieder, zwei Blätter schoben sich heraus. „Soll ich für dich reservieren?“ – „Das wäre sehr nett, wobei ich mich frage, woher Du weisst, dass ich mir das leisten kann.“ – Glaube mir, ich weiß es. Jeder kann es sich leisten, der in unserer Nachbarschaft wohnt. Ich reserviere einmal für zwei Nächte. Übrigens kannst Du dort auch sehr gut essen.“
Hartmut wunderte sich: „Wieso für zwei Nächte?“ – Nun nach dem ersten Tag, wirst Du viel länger bleiben wollen, nach dem zweiten Tag freust Du dich aufs Heimkommen. Es geht praktisch allen Besuchern so. Statistik kennst Du doch:)“
„Werde ich noch später Gelegenheit, dich etwas fragen zu können?“ – Wenn ich Dienst habe, immer. Info-Automaten findest Du überall. Sobald Du erkannt wirst, wirst Du mein Gesicht sehen.“
„Vielen Dank. Dann mache ich mich einmal auf den Weg.“ – „Viel Spass!“ Es klang aber nicht so, als ob Peter das so richtig ernst meinte. Der Bildschirm schaltete wieder auf eine neutrale Anzeige.
Hartmut fühlte, dass etwas nicht stimmte, aber er konnte sich kein Bild machen. Er hatte keine Ahnung, wodurch die resignierte Haltung von Peter verursacht war.
Als er die Bahnsteigebene verließ, fiel ihm die Beschilderung auf. Sie schien für Vierjährige gemacht zu sein. Es war ein Kinderspiel, den Weg zur U-Bahn zu finden. Als er die Rolltreppe betrat, konnte er die Anzeige sehen, die den nächsten Zug in zwei Minuten ankündigte. Am unteren Ende der Rolltreppe angekommen konnte er bereits das Rauschen eines einfahrenden Zuges hören.
Er selbst war der einige Wartende auf dem Bahnsteig, der hereinkommende Zug war leer. Er stieg zu, der Zug fuhr an. Eine mechanische Ansage verkündete, dass der nächste Halt ‚Volkstheater‘ sein würde. Als er dort ausstieg fand er eine ebenso klare Beschilderung, die ihn zur Line zwei wies. Das gleiche Verfahren wie am Westbahnhof wiederholte sich hier. Die Linie wurde in zwei Minuten angekündigt, die einfahrende Garnitur war leer.
Als Hartmut wieder die Oberfläche erreichte, konnte er das ‚Rathaus‘ von hinten sehen. Die Orientierung nach ausgedrucktem Plan war eindeutig festgelegt. Die Sonne schien, es war aber durch einen kleinen Wind nicht gar zu heiß. Es schien ein netter Spaziergang zu werden.
Während des gesamten Spaziergangs sah er gerade mal zwei Menschen, die auf ihren Fahrrädern unterwegs waren. Sie beachteten ihn nicht, jedenfalls grüßten sie ihn nicht. Hartmut hätte sich gerne mit ihnen unterhalten, aber sie schienen fast zu flüchten.
Als Hartmut beim Museum angekommen war, fiel ihm endlich auf, was er schon die ganze Zeit beobachten konnte: die Stadt oder der Teil, den er gesehen hatte, war blink blank geputzt. Die Straßenkehrer mussten zehn Minuten vor ihm am Werk gewesen sein. Allerdings konnte er keine sehen. Dafür gab es eine Erklärung. Die Straßenkehrer waren kleine Roboter, welche die Reinigungsarbeiten durchführten. Diese Roboter verwendeten eine Tarnung, wenn sie nicht arbeiteten. Die Tarnung war je nach Ort verschieden und bestand in Abdeckblechen, die sich so harmonisch in die Architektur eingliederten, dass man glauben konnte, es handelte sich um beabsichtigte Verzierungen.
Erst viel später konnte Hartmut die Tarnungen mit freiem Auge ausmachen. Hinter der offenen Eingangstür zum Museum konnte Hartmut eine Anzeige sehen: „Wir begrüßen heute Herrn Hartmut als 3.776.432ten Besucher.“ Daneben gab es einen Informationsautomaten im üblichen Design.
Hartmut beschloss, sich einmal das Museum anzusehen. Er wusste nicht, wie offen er den Wunsch aussprechen könnte, auch den Keller und Lagerraum des Museums sehen zu wollen.
Im ersten Stock gab es in den Gängen eine Bildergalerie. Die aufgehängten Bilder waren mit „aus der Biedermeierzeit“ beschrieben. Interessante Kleidungen, merkwürdige Personenzusammenstellung. Hartmut machte sich klar, dass es um Darstellungen ging, die über 200 Jahre alt waren. Dann kam er in einen Raum, der mit Vitrinen vollgestellt waren. In den Vitrinen gab es – Bücher! Da waren mehr Bücher enthalten, als Hartmut in den letzten zwanzig Jahren gesehen hatte. Er versuchte eine Vitrine zu öffnen. Eine Stimme machte ihn darauf aufmerksam, dass die Artefakte geschützt werden müsste. Er könnte sich die Bücher virtuell am Info-Automaten ansehen.
Er merkte sich einen Titel: „1848“. Im Raum gab es einen Infoautomaten. Er gab 1848 Buch ein und bekam den Titel ‚1848‘ und den Verfasser des Buches genannt, der auch am Buchrücken aufschien.
Als Hartmut das virtuelle Buch aufschlagen wollte, sah er eine Meldung: „Dies ist eine klassifizierte Information, bitte warten Sie ein paar Minuten.“
Nach ein paar Minuten meldete sich der Infoautomat wieder. Nun war Hartmut sehr überrascht.
