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„Es ist eine Schmerzhafte und… Zeit.“ berichtet die Ehefrau eines nicht Unbekannten über den derzeitigen Zustand.
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Aufgeschnappt im Frühstücksfernsehen im Puls 4. Es ist das erste Mal, dass ich in einem Untertitel einen so „gravierenden“ Fehler entdecke.
Im Allgemeinen entdecke ich im Schriftverkehr oft eine unangebrachte Großschreibung eines Adjektivs. Ich selber bin manchmal zu faul, sie in einem SMS, wo sie sich aufgrund einer Vervollständigungsautomatik einschleicht, auszubessern.
Ist Ja In wirklichkeit Scheisegal!
Was zuvor geschah…
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Man munkelte nämlich, die geheuchelte Liebe Judith’s zum assirischen Feldherrn sei hinter den Coulissen in eine zärtliche und wirkliche verwandelt worden.
Die Weilheimer aber liessen sich so leichten Kaufs nicht abweisen, sondern versprachen dem Haas, der sich oft rühmte, überall in Wien, selbst bei Hofe ganz gut angeschrieben zu sein, dreihundert Gulden Belohnung, wenn er vom Kaiser selbst die Erlaubniss dazu einholte.
Dreihundert Gulden! Das liess sich der nicht zweimal sagen, nichts war dem Manne erwünschter; in wenigen Tagen schon ruderte er gegen Wien, wo er alsbald sich zur Audienz meldete, und ein vom Schulmeister schön geschriebenes Memoriale, in welchem auf die ungeheuren Verdienste des Ortes angespielt war, und die Erfüllung des heiss ersehnten Wunsches ein Gnadenpfennig genannt wurde, erfurchtsvoll überreichte.
Lächelnd liess sich der Kaiser den etwas sonderbaren Wunsch vortragen,klopfte dann Haas vertraulich auf die Achsel, und sagte: „Nun Ihr’s als ein‘ Gnadenpfennig annehmen wollt, soll’s Euch bewilligt sein.“
Mit welchen Gefühlen Haas seine Rückreise mit der zwar kaiserlichen, jedoch bloss mündlich ertheilten Erlaubniss antrat, kann man sich nicht vorstellen. Im Geiste schon zählte er das Geld, und machte hunderterlei Pläne zu dessen Verwendung. Anderseits schmeichelte ihm die Herablassung des „Koischers,“ die er zu Hause in seinem Berichte wohl noch etwas herablassender gemacht haben mochte, als sie in der That gewesen.
Hocherfreut über dieses Resultat, bereitete die Gemeinde schon die Vorstellung auf den nächsten Festtag vor, als ein Rescript von Bregenz folgenden Inhaltes anlangte: „Von Sr. Majestät zwar bewilligt, von der Kreis-Regierung jedoch abgesprochen.“ Die Bauern glotzten einander an, und Haas sah seine schönen Schlösser in der Luft zerfliessen.
Drei Jahre blieb seine Ehe kinderlos, erst im vierten wurde ihm ein Knabe geboren, den er Amandus nannte.
Da traf ein harter Schlag sein thatkräftiges Weib, der Schwiegervater starb, und lange brauchte es, bis der Tochter Schmerz gedämpt war.
Bald sollten noch ärge folgen.
Eines Tages kam Ammann Blum aus Höchst zu Haas und bath ihn, seine zwei Buben gegen gute Bezahlung nach Wien zu bringen, wo sie „schtudieren“ sollten. Gerne war dieser dazu erböthig, gab ihm diese Ursache doch wieder Gelegenheit, seine gute Kaiserstadt zu besuchen.
Während seiner Abwesenheit tauchte plötzlich das Gerücht auf, Haas habe die Amtmann-Buben dem Juden zu kaufen gegeben. Das abgeschmackte Märchen fand bald den Weg zu den Ohren des Vaters, und – wurde von diesem würdigen Beamten auch gleich geglaubt.
Nun brachen der nur schlummernde Nei und die Missgunst mit einem Male über das verlassene Weib hervor, und es begann eine Reihe von Quälereien und Misshandlungen, dass sich die Feder fast sträubt, sie zu erzählen.
Von Seite der Gerichtsbarkeit wurde ihr das im Gasthause von den Zünften hinterlegte Silberzeug weggenommen, man sperrte und versiegelte das Schanklokale, böse Buben zeichneten Galgen auf die geschlossenen Fensterläden, Steine und manchmal brennende Strohbüschel flogen über’s Haus in den Hofraum, und alte Weiber schrien beim Thor hinein: „Gelt, schöne Wirthin, jetzt werden sie Deinen stolzen Mann hängen, der gar die lieben, unschuldigen Kindlein den Christenfeinden verkauft!“ Viele Bewohner des Dorfes machten lieber einen Umweg, als das Haus des Menschenverkäufers zu passiren, oder bekreuzten sich bei dessen Anblick, so dass das geängstigte Weib endlich selbst anfing, diesen Unsinn zu glauben, manche Nacht wandelte sie, da sie sich Tags nicht vor die Thüre zu gehen wagte, ihr Kind auf dem Arme, zum nahen reissenden Bache, ihrem gebrandmarktem Leben ein Ende zu machen; nur ihre tiefgewurzelte Religion hielt sie stets vor diesem verzweifelten Schritte ab.
Endlich kam der Mann zurück. Seiner Gewohnheit gemäss kehrte er bei einem Vetter, der beiläufig tausend Schritte ausser dem Dorfe wohnte, ein, um sich vorerst über den Gesundheitszustand seiner Angehörigen zu erkundigen. Seine Ankunft verbreitet sich mit Blitzesschnelle, und als Haas über die ausweichenden verlegen Antworten und die verwirrte Miene seines Vetters erschreckt, sich erhob, trat Ammann Blum in die Stube.
„Nun,“ sagte dieser, „was machen meine Kinder? Ich hab‘ gehört, Ihr hätt‘ sie dem Jude verkauft.“ Der Angeredete, glaubend, der Vater wolle einen Scherz machen, ging gleich darauf ein, und erwiederte pfiffig lächelnd:
„Ja freilich, ich hab‘ auch ein gut’s Stück Geld dafür kriegt!“ Da öffnete sich abermals die Thüre, und herein traten vier bewaffnete Gerichtsdiener, die den erschrockenen Mann in’s Gefängniss nach Ebenschwand, wo noch „Stock und Deage“ nach dem Ausdrucke der Zeitgenossen herrschte, führten, obwohl er an seiner Behausung vorüber musste, wurde ihm doch nicht gestattet, sein liebes Weib zu begrüssen, zu befragen, zu beruhigen. Stasel sah durch eine Thürspalte den Zug vorübereilen, und stürzte bei diesem entsetzlichen Anblicke ohnmächtig zusammen. Neun volle Wochen schmachtete der geängstigte Mann hinter Schloss und Riegel, während ein Bote vom Gerichte nach Wien reiste, um sich von der Unwahrheit des ausgestreuten Gerüchtes zu überzeugen, und die Kinder unversehrt ihrem Vater wie zurückzubringen, nach welcher Zeit Haas ohne die geringste Genugthuung in Freiheit gesetzt wurde.
Einen interessante Beleg zur damaligen und dortigen Gerichtspflege liefert der Umstand, dass schon während der Haft des vermeintlen Kinderhändlers der Richter von Weiler, ein einst abgewiesener Freier des Bräumeistertöchterlein und mithin Erzfein des Haas, alles Bewegliche fortschaffen liess und seinem Sohne zuwandte, der nun, ohne zu wissen wie, Wirth zur Krone und Herbergsvater wurde.
Jedem wurde, der vorgab, der Inhaftirte sei ihm Geld schuldig, die genannte Summe ohne den geringsten Ausweis, ja selbst ohne den Verhafteten nur zu fragen, von dessen vorgefundenem ersparten Vermögen ausbezahlt.
Dass dieses nur noch mehr zur Erbitterung der Parteien beitrug, ist selbstverständlich. So schrieb unter andern Stasel in einem Briefe an den Amtmann Blum: „Hoch vom Teufel angetriebener Herr Blum! Mich, meinen Mann und mein Kind habt ihr bereits an den Hirtenstab gebracht, nun treib Ihr’s so lange, bis Ihr uns an den Bettelstab seht!“ Und so kam es auch!
Fast das ganze Geld war auf die angeführte Art verschleudert und der elende Richter zu seinem Zwecke gelangt, dem Verhassten alle Mittel zu entziehen, selbstständig wieder auftreten zu können.
Augenblicklich war Haas wieder bereit, die 900 Meilen lange Strecke nach der Residenz zurückzulegen, um vom Kaiser selbst Satisfaction für die erlittenen Unbilden zu erlangen. Huldvoll wurde ihm Gehör geschenkt, und bald darauf der Bescheid erteilt, vom Amtmann Blum für jede Woche Untersuchungshaft hundert Gulden, mithin neunhundert Gulden Schadenersatz ansprechen zu können.
Jetzt ging eine grossartige Bestechung an, und viele, viele Körbe mit Lebensmitteln wanderten von Höchst nach Weiler zum Richter, zur Vertuschung der ganzen Angelegenheit, was auch insoferne erzielt wurde, als nach langem Prozesssiren und vielleicht zwanzigmaliger Reise der Frau Haas nach Bregenz die Leute nicht einen Heller von der Summe sahen.
Nach der Freilassung des Haas und nachdem sein Weib in Bregenz alle Hebel in Bewegung gesetzt hatte, kam eine Commission von dort nach Weiler, bestehend aus dem Syndikus, dem Stadtschultheiss und dem Landvogte. Der letzte, ein kleiner Mann mit ausdrucksvollen Augen und hoher geistvoller Stirne, stellte sich dicht vor den Richter und frug ihn mit durchdringender Stimme: „Gesteht Herr Richter! Habt Ihr das gethan, habt Ihr dem braven Mann sein Geld verschleudert, verschleudert an vermeintliche Gläubiger, die ihre Ansprüche gar nicht leitimiren konnten? Hab Ihr das wirklich gethan?“ Der rothköpfige Richter kaute verlegen an den Nägeln, und antwortete: „I woiss nit, es muss’s grad der Gerichtsschreiber than haben.“
„Das gibt einen Prozess“ entgegene verächtlich der Landvogt, „der in Bregenz ausgefochten wird!“
Fortsetzung
Was zuvor geschah
Seite 7,8,9 von 33
Wenn Seferle während des kurzen Sommers, der sich in aller Pracht entfaltete, täglich auf ihrer Weide sass, nahte sich alsbald ein würdiger alter Geistlicher, Herr Pritz, der Kaplan des Dorfes, mit einem Gebethbuche in der linken, einer Peitsche in der rechten Hand, der, nachdem er die Messe gelesen, seine einzige Kuh auf die Weide führte. Er stellte sich dann gewöhnlich an den Zahn, der beide Plätze trennte, und sagte zur Kleinen mit salbungsvoller Stimme: „Alle’t beathe, all’t beathe, Sputele! (Alle Zeit bethen, Kind), es kimmt a lange, lange Ewigkeit!“ Dann öffnete er sein Buch und vertiefte sich in seine Lektüre, das Kind staunte ihn von der Seite an, und bethete wie ihr geheissen wurde; die Kühe schlossen halb die Augen, und besorgten ihre Wiederkäuungs-Geschäfte.
Die geneigten Leser werden sich noch des Fremden erinnern, der die Kunst des Spinnens in die dortigen Gegenden pflanzte, und sich nach Erreichung seines edlen Zweckes in andere begab, um sein schönes Wert der Barmherzigkeit auf die uneigennützigste Art im wahren christlichen Sinne fortzusetzen. Bald nahm nun ein unternehmender Mann diesen Geschäftszweig in grösserem Masstabe auf, liess in Weiler und in der Umgebung die Weiber den Winter hindurch fleissig spinnjen, und errichtete eine kleine Niederlage in einer Kammer des Schusterhauses, zufällig gerade neben der, in welcher das Kind jener Frau schlief, die den Impuls dazu gegeben! Hier war oft des Sommers hindurch ein grosser Vorrath aufgespeichert, den Herr Rädler, so hiess der Industrielle, bis auf Winterszeit fast gänzlich ausverkaufte, um dann wieder frische Wolle spinnen zu lassen, und sich auf diese Art ein immer beträchtlicheres Vermögen zu sammeln. Noch sind seine Nachkommen die Träger mehrer reellen und grossartigen Spinnerei-Firmen in Oesterreich.
IV.
Um ein Jahr älter, um keinen ganzen Zoll grösser, diente unser Sputele bei Murer Hans, dessen Häuschen auf einem Hügel des Nazaberges stand. Die Familie bestand aus Mann und Weib, ruhige, alte, ernste Leute, deren Thun und Lassen sich seit dem Tode ihres Sohnes Hansjörgele immer im selben Geleise fortbewegte, bis ein Ereigniss geheimnissvoller und romantischer Art die Ruhe der Wirtschaft auf kurze Zeit störte.
Die Leute erhielten einen Brief von unbekannter Hand, und da ein solcher etwas Unerhörtes war, trugen sie lange Bedenken, ihn zu erbrechen. Endlich that sich der Mann Gewalt an, das Siegel war gelöset, und – niegesehene Hierogliphen starrten die Verwunderten an. Nach einer verlegenen Pause fiel dem Weibe ein: „Kuhsputeles Mutter kann lesen!“ Kuhsputeles Mutter war flugs herbeigeholt, und entzifferte bald das kurze Schreiben.
Darinnen stand, dass sich kommende Nacht, Schlag 12 Uhr, die beiden Alten auf dem Kreuzwege im Wald bei Scheidegg einfinden sollten, um aus der Hand einer verschleierten, in einer Kutsche sitzenden Dame ein lebendes Kind zu empfangen. Hiebei sollten sie sich jedes Fragens oder Sprechens entschlagen.
Da noch dabei bemerkt war, es solle nicht ihr Schade sein, sich pünktlich einzustellen, entschlossen sich nach langem Zaudern die Bauersleute, dieser Weisung Folge zu leisten.
Sie machten sich auch, als die Glocke elf schlug, auf den Weg; mit Zittern und Bangen sah das auf dem Dachstübchen in dem einsamen Häuschen ganz allein gelassene Kind die alten Leute sich in der Richtung gegen den nahen Wald entfernen. Hell schien der Mond, lange konnte Seferle die beiden Gestalten mit den Augen verfolgen, bis sie zwischen den hohen Bäumen verschwanden.
Nach Verlauf von drei Stunden kamen die beiden Alten mit dem schreienden Beweis, dass der Brief wahr gesprochen, nebst einem Bündel feiner Wäsche zu Hause, dabei fand sich nebst einem Zettel, laut welchem das drei Monat alte Kind noch nicht getauft war, ein ansehnlicher Geldbetrag, der Pfarrer wurde in die Mitwissenschaft gezogen, das Kindlein Fundus getauft, und nun hatte Seferle die Aufsicht über ein zweites Wesen zu übernehmen.
Es war ein wunderschönes Kind, dessen Züge von edler Abkunft zeigten. Später wurde es, vielleicht schon an mildere Sorge oder an milderes Klima gewühnt, kränklich, und starb nach langem Leiden, ohne dass sich irgend wer jemals mehr darum bekümmert hätte.
In einer finsteren Nacht wurde plötzlich das ärmliche Dachzimmer, worin Seferle von schönen Dingen träumte, durch hellen Schein erleuchtet; diese sprang erscheckt mit beiden Füsschen zugleich aus ihrem Bette.
Da vereinte sich das Läuten der Sturmglocke mit anderm verworrenen Lärm, kein Zweifel, es brantte im Dorfe! Seferle eit an’s Fenster, und siehe, einie 1000 Schritte vom Hause stand die Mühle zu Rothach in hellen Flammen.
Sie neigte sich so tief als möglich aus dem Fenster und rief mit zarter Stimme, um die Leute nicht zu sehr zu erschrecken, hinab: „Hans Jörgerle, Hans Jörgerle! In der Mühle z’Rothach brinnt’s!“ Bald hörte sie unten murmelnde Stimmen, die Alten standen auf, zogen sich an, und wieder sah Seferle die Leute bei Nacht aus dem Hause gehen, die beiden Kinder sich allein überlassend. Doch hatte das fremde Schauspiel etwas Anziehendes für Seferle, das sie von der eigenen, gefahrvollen Lage abwandte. Bald krachte das obere Stockwerk der Mühle und stürzte mit fürchterlichem Getöse zusammen. Sprang eine Gans oder ein Schwein, vom Feuer angezogen, in dasselbe hinein, da prasselte es frisch und lustig von neuem empor, die Brunst verzehrte das ganzeGebäude bis auf den Grund nebst allen Vieh, aller Einrichtung, das im Keller verwahrte Silber lag des anderen Morgens in wenig geschmolzenen Klumpen herum.
Gleich bei Beginn des Feuers bemerkte Seferle einen Mann beim Hause vorbei der Mühle zu fliegen, die Hände schlug er oftmals über den Kopf zusammen, und jammerte: Jesus Maria, Jesus Maria.
Es war der reiche Müller selbst, der einige Stunden vorher im Wirthshause äusserte: „Wenn mir heute Haus und Hof verbrinnt, bin ich doch noch reicher als Ihr Wilhoimer All‘!“
Als aber darauf die Wirthin mit den Worten in’s Gastzimmer trat: „He Müller, in Deiner Gegend brinnts, „ entgegnete der Prahlhans: „Es wird wohl so a Beattler Hütte sein, mein Alewise (Alis) hat mir schon oft versprochen, alle anzünden z’wollen.“ Es standen nämlich um seine Mühle fünf oder sechs arme Keuschen.
Als aber dann die Kunde kam, diese selbst brenne, da stand der zum Tode erschrockenen Mann auf, und schlich ohne ein Wort mehr zu verlieren zur Thüre hinaus. Draussen jedoch eilte er seinem bedrohten Eigenthum mit schnelleren Schritten zu, und stürzte beim Anblick der rauchenden Trümmer überwätigt zusammen.
Vieles hätte gerettet werden können, viel hätte dem Brande Einhalt gethan werden können, aber der Müller war theils seines Reichthums, theils seiner Prahlsucht wegen verhasst, und so umstanden die Weilheimer plaudern die brennende Stätte, und zündeten lachend ihre Pfeifen mit den glühenden Kohlen an, ohne eine Hand zum Retten zu heben.
Des andern Morgens war der Müller ein Bettler.
Der Brand war in Folge der Unvorsichtigkeit eben desselben Alwise ausgebrochen, der so frech sich brüstete, andern eine Grube graben zu wollen. In der Hütte nebenan wohnte nämlich eine arme Familie, deren Oberhaupt diesen Abend betrunken nach Hause kam, und aus Gewohnheit seine Ehehälfte arg durchprügelte. Alewise hatte gerade im Stalle die Pferde gefüttert, als das Geschrei des Weibes herübertönte. Er hing die Laterne an einen Nagel, und schlich sich zum Nachbarfenster, und sah eine Zeitlang dem Kosen der Eheleute zu. Mittlerweile war die Kerze herabgebrannt, fiel auf’s Stroh und im Nu stand der Stall in hellen Flammen, nicht ein Pferd konnte mehr gerettet werden.
Wir leissen unser armes Sputele allein.
Bald nach dem Fortgehen des Maurers und seines Weibes, hörte es unter an der Thür heftig rütteln, als ob Jemand diese mit Gewalt öffnen wollte, da kletterte Seferle in fürchterlicher Angst, da sie der Finsterniss wegen unten nichts unterscheiden konnte, auf das Fensterchen, fest Willens, bei einem Eindringen eines Räubers in ihre nur durch das Strumpfbändle zugehaltene Behausung auf den Klafter tief unten liegenden Düngerhaufen hinabzuspringen. Nach einigen peinlichen Minuten hörte sie mit erleichtertem Herzen deutlich den Störenfried sich entfernen.
Erst des andern Tages klärte sich der Vorfall auf, das Weib kehrte auf halben Wege um, um etwas Vergessenes zu holen, konnte aber nicht hinein, da der Mann die Schalle abgezogen und zu sich gesteckt hatte, versuchte sich aber dennoch durch vielles Rütteln an der Thüre Eingang zu verschaffen, was ihr jedoch, wie wir gesehen haben, nicht gelang, und was vielleicht ein Menschenleben gekostet hätte. –
V.
Zwei Sommer diente Seferle bei Maurer Hans Jörgerle, das nächste Jahr beim Küfer.
Hier war es schon etwas schwieriger. Der Küfer war ein vermöglicher Bauer, dessen Kuhsputele 6 Stück Vieh unter Aufsicht halten musste.
Er war ein kleiner heiterer Mann, sein Weib eine grosse ernste Frau, von unheimlichem Benehmen.
Eines Morgens sagte Sirene, die Tochter zu Seferle: „Treib heute die Kühe auf die Weide am Littebiehl.“
„Am Nazaberg!“ entgegnete hastig die Mutter, „nein, am Littebiehl, „wiederholte die Tochter, und „am Nazaberg“ wollte die Alte.
So stritten die beiden Frauen, und Sputele wusste nicht, wem folgen.
Plötzlich stiess die Mutter einen gellenden Schrei aus, der Schaum trat ihr auf die blutigen Lippen, mit entsetzlichen Geberden wand sie sich auf der Erde.
Das Kind floh erschreckt aus der Stube, und trieb die Kühe auf neutralen Boden, als es Abends mit seinen gehörnten Unterthanen nach Hause kam, war Alles wieder in seinem gewohnten Gange, nur sah die Frau noch bleicher, noch ernster aus. Öftere Male wiederholte sich dieser grässliche Zustand, ein qualvoller Anblick für das gunge Geschöpf.
Die Mutter wohnte jetzt in einer Hütte des Thales, die Hafnerhütte genannt. Zu beiden Seiten des Thales erhoben sich die Berge, auf denen sich die Weiden ihrer jüngsten Kinder Seferle und Wilibald befanden.
Alle Samstage erhielten beide Kinder von ihren betreffend Herren Butterbrot. Da liefen die braven Kleinen auf ihre Weiden, von wo sie einander sehen konnten und die frischen Stimmer johlten: „Jopahleh! Hast schon z’Morge ‚gesse?“ Zurück kam die Antwort: „Jopahleh! Grad hab i’s g’schmalz’ne Brödle kriegt!“ Worauf hinüber telegrafirt wurde: „Jopaleh! D’vorig Woch hast Du’s gschmalzne Brödle dem Muatterle bracht, heut‘ bring‘ ich’s!“ „Jopahleh,“ tönte es von drüben als Einwilligung, und etgegen flogen sich die Geschwister, das eine Kind, an dem heute die Reihe war, nahm des andern Butterbrot, klebte beide zusammen, und lief, was die Füsschen konnten, den Berg hinab zur theuern Mutter. Die nahm eine Schale, kratzte mit einem Messer die Butter ab, mit welcher sie sich die ganze kommende Woche die Wassersuppe fett machte, gab das Brot dem Kinde zurück, und nach einem herzlichen Abschied lief dasselbe wieder dem Dienstorte zu. Auf dem Wege dahin verzehrte es mit wahrer Wollust das noch immer fette Brötchen.
Gottes reichster Segen überschütte Euch, theure Kinder, dachte die gerührte Mutter, dem Kinde so lange nachsehend, bis es verschwunden war, dann blickte sie stolz und dankbar gegen Himmel.
Fortsetzung
hier lesen
Ein ausgezeichneter Artikel über die Essenz Europas und die Begründung, bestimmte Bücher hervor zu heben, welche Europa in der Nachkriegszeit charakterisieren.
daraus ein Zitat:
Der große Europäer Paul Valéry, der in dem Jahr starb, in dem unser europäischer Kanon auf den folgenden Seiten beginnt, hat in seinem Essay Die Krise des Geistes im Jahr 1919 eine Definition des europäischen Geistes versucht, die noch vom letzten Abendsonnenschein des europäischen Weltmachtbewusstseins beglänzt war. Der europäische Geist, schrieb Valéry, beziehe seine welthistorische Einzigartigkeit aus genau drei Quellen. Erstens aus seiner Herkunft aus dem Römischen Reich und dessen Ordnungs- und Stabilitätssystemen. Zweitens aus dem christlichen Glauben, der gewissermaßen das Kulturprogramm des römischen Imperialismus wurde. Und drittens aus der griechischen Denkfabrik, die Rom in einer kultursynkretistischen Meisterleistung übernommen und weitergegeben hat.
etwas später folgt die Wirkung von Ausschwitz als Reduzierung der europäischen Stärke auf Null.
Lesenswert.
Wenn ein Eintrag fünf unterschiedliche Kommentare von mir hervorruft, könnte er vielleicht von allgemeinem Interesse sein, vor allem, weil der Eintrag selbst recht kurz formuliert ist.
Im Jahr 2007 traf ich bei einer Konferenz und der damit verbundenen Herstellerausstellung auf eine Firma, die ein sehr hübsches Give-Away hatte. Keine Zuckerln, Kugelschreiber oder Mozartkugeln, wie wir selbst sie immer dabei haben, sondern ein sehr empfehlenswertes Buch von Marco Wehr Welche Farbe hat die Zeit?. (ISBN 978-3-8218-5793-0) Es tat nichts zur Sache, dass dich das Buch gerade erst vor kurzem gekauft hatte, da es im Radio beschrieben war.
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Um ganz andere Farben geht es beim Anlass zu diesem Beitrag. Vor wenigen Tagen sah ich im Fernsehen einen Film, von dem ich den Text nicht verstand, weil ich den Ton nicht hören konnte, die Untertitel aber auch nicht verstehen konnte. Trotzdem war ich ziemlich sicher, dass es sich um eine Verfilmung eines Terry Pratchett-Romans handeln musste. Als ich dann auf kyrillisch „Rhincewind“ ausmachen konnte fand ich meine Bestätigung.
Heute schalte ich zufällig auf ATV und finde den gleichen Film im österreichischen Fernsehen. (Er wurde 2008 als Zweiteiler für Sky gedreht.)
Ich habe keine Zeit, ihn mir in Ruhe anzusehen. Ich sollte eigentlich schon längst in der Firma sein.
Doch erinnere ich mich mit Vergnügen daran, mit welcher Begeisterung ich die ersten Romane von der Scheibenwelt gelesen habe. Die ersten zehn habe ich verschlungen, später war ich nicht mehr ganz so gefesselt, obwohl sich am Stil nicht viel verändert hatte.
Sehr hübsch ist im Film die laufende Truhe gezeigt, die ich mir auch wirklich so vorgestellt hatte.
Der erste Roman von der Scheibenwelt heißt Die Farben der Magie und ist als Einstieg auch hervorragend geeignet um sich mit dem Stil des Autors anzufreunden.
Aber wem schreibe ich das. Ich denke, dass die meisten meiner Leserinnen und Leser einige Bücher Pratchetts kennen werden.
Im Nachlass meines Großvaters fand sich einst eine Geschichte, mit einer alten Schreibmaschine getippt, auf so dünnem Papier, dass es sogar den Mäusen gut geschmeckt zu haben scheint.
Ich selbst habe schon einmal die erste Seite auf einer der ersten mit speicher versehenen Schreibmaschinen (ich glaube, es war eine Philips) abgetippt. Damals blieb es dabei. Die Geschichte ist aber einfach zu urig, um in Vergessenheit zu geraten.
Es handelt sich um meine Vorfahren und die Geschichte selbst hat auch einiges zu bieten.
Ich tippe sie jetzt ab und behalte dabei sowohl die Schreibweise als auch einige Fehler, die vermutlich unbeabsichtigt beim ersten Tippen vor vielleicht 60 Jahren entstanden sind. Ebenso behalte ich gesperrte Namen bei. Die einzige Änderung, die ich mir erlaubt habe, ist das Anfügen eines Leerzeichens nach Beistrichen, von denen einige auch einmal fehlen.
Viel Spass beim Lesen.
Seite 1 und 2 von 33.
Jugendschichte
Unserer theuren Mutter
J O S E F A S W O B O D A, geborene H A A S,
zu W e i l e r bei Bregenz
Vorarlberg’schen am 20. November 1784 geboren. –
Ihren Nachkommen erzählt in schlichter, wahrgetreuer Weise von ihrem sie hochverehrenden Sohne L O U I S.
I.
E i n l e i t u n g .
An einem heissen Sommer-Mittage des Jahres 1762 trat ein hübscher Bursche mit einem Ränzel am Rücken in die Gaststube des Brauhauses zu Weiler, einem Marktflecken bei Bregens im Vorarlbergischen.
Hitze und Müdigkeit liessen ihn kaum die schmucke Dirne beachten, die ihm das auf seinen Wunsch frisch aus dem Keller geholte Bier kredenzte. Erst, nachdem er seinen Durst genügend gestillt, weidete sich sein Auge an dem hübschen Gesichtchen und den gefälligen Formen des geschäftigen Mädchens, und bard ward die Bekanntschaft näher gemacht.
Die schöne Dorfhebe war die Tochter des reichen Braumeisters Linder, Anastasia, der Fremde dagegen nannte sich Haas und gab vor, Handel mit allerlei Artikel zu treiben, was auch der Zweck seiner Ankunft im Flecken wäre.
Des fremden Händlers Anwesenheit im Dorfe verlängerte sich nun sonderbarer Weise über die Massen; oft sprach er im Brauhause ein, und wusste sich bald das Wohlwollen Aller von der Wirthschaft, besonders aber Stasels zu erwerben. Als er nun gar dem alten Linder erzählte, sein Bruder sei ein reicher Lederermeister in Wien, der ihn, seinen nächstem und einzigen Verwandten, bei einer allfallsigen Wendung seiner Verhältnisse nicht im Stiche lassen würde, als er endlich mit der Farbe herausrückte, und förmlich um die Hand der schönen Stasel anhielt, da lugte der Vater seitwärts zur lauschenden hocherröthenden Tochter, dann gab er lächelnd und freudig seine Einwilligung, seinen Segen. Haas nahm nun wirklich von seinem Bruder in Wien die für die damalige Zeit grosse Summe von achthundert Gulden zu leihen, und eröffnete unweit seines künftigen Schwiegervaters Hause ein Wirthsgeschäft, dass er zur „K r o n e“ nannte.
Bald wurde Hochzeit gefeiert, zum nicht geringen Aerger der Dorfburschen, denen der fremde Hoorzopfer, wie sie Haas seines gewaltigen Zopfes wegen nannten, das schönste Sputele weit und breit wegkaperte.
Die erste Zeit ihres Ehestandes schwand dem neuen Paare in Wonne und Freude dahin, bald jedoch wurde dem Manne die Stube zu enge, die alte Gewohnheit des Wanderns von einem Orte zum andern machte sich abermals geltend. Er fieng seinen Handel wieder an, mit Käse, Schnecken u.s.w., die er nach Wien in einem Flosse auf der Donau transportirte, und dort gut absetzte: sein Fahrzeug verkaufte er dann und machte die Heimreise meist zu Fuss.
Da er jedoch dabei selbst viel verbrauchte, unter welchen Ausgaben der Wein nicht die kleinste Rolle spielte, so trugen diese Reisen wenig Gewinn.
Auch nahm er öfters Leute, die nach Wien zu reisen wünschten, in seiner Zille gegen geringes Entgeld mit. So brachte er auch unter andern den durch sein tragisches Ende bekannten Abbé B l a n k, seinen nächsten Nachbar in Weiler, an dessen unglückseligen Bestimmungsort.
Sein junges Weibchen versah indessen recht gut die Wirthschaft. Von den damaligen und dortigen Gasthaus-Zuständen kann man sich einen Begriff machen, wenn man hört, dass die „Krone“ mit einem Eimer Wein ein Vierteljahr versorgt war, und wenn Jemand ein Glas Bier holte, gefragt wurde, ob zu Hause ein Kranker wäre der Bier brauchte. Jetzt ist diess freilich anders geworden.
Einstmals überredete er seine Frau mit ihm nach Wien zu fahren, da der Bruder ohnediess neugierig wäre, seine neue Schwägerin kennen zu lernen, wozu sie sich auch gerne bereit erklärte.
Sie kamen einige Tage vor dem Rohnleichnams-Feste in der grossen Stadt an, und wohnten dieser Feier auch bei, nachdem ihnen der Schwager einen recht guten Platz „zum Sehen“ verschafft hatte.
Als Kaiser Josef II. hart an ihnen vorüberging, blieb er, angenehm überrascht beim Anblick seiner in ihrem schönsten Schmucke, im knappen brennrothen Mieder mit silbernen Spangen eingezwängten wunderhübschen Unterthanin einen Moment stehen, worüber diese über und über erröthete, und in ihrer Einfalt schon glaubte, der Monarch wolle sich in eine Unterredung mit ihr einlassen.
Dass alle diese früher nie gesehenen Herrlichkeiten viel und auf lange Zeit Stoff zur Unterhaltung nach ihrer Rückkehr gab, kann man sich leicht vorstellen.
Eines Morgens sah man in Weiler Jung und Alt an einer Mauerecke stehen, und auf ein beschriebenes Blatt Papier gaffen.
Sobald wieder ein neuer Ankömmling die Versammlung zahlreicher machte, und des Lesens unkundig, die Nächststehenden neugierig befragte, was auf dem Zettel dadroben stehe, wurde ihm angedeutet, es werde nächsten Sonntag in der Kirche Komödie gespielt. Ein Schöngeist, der sich besonders wichtig zu machen bemüht war, las alsbald mit lauter Stimme die Anzeige dem Volke vor: „Sonntag den so und so vielten, wird in der Kirche zu Weiler aufgeführt die schöne aber furchtbare Geschichte aus dem alten Testamente von J u d i t h und H o l o f e r n e s.“
Die gottgefällige Mörderin gab ein schönes, junges Weib aus dem Dorfe, unserer Stasel war Episonden-Rolle der verführerischen Welt zugedacht. Wunderbar schön, mit aufgelöstem Haar, mit Flitter aller Art bedeckt, trat letztere Sonntags bei gedrängt vollem Gotteshaus vor den Sünder Philotea, der, ein blasser Jüngling, mit Rosenketten an den Stuhl gebunden, mit wehmüthiger Stimme sang:
„Ach wie hart bin ich gebunden
Durch des Teufels Kett‘ und Band‘,
Wenn Einer meint, er woll‘ nur scherzen
Bring lauter Gift, bringt lauter Schmerzen.“
„Steh‘ auf, Philotea,“ lockte die Verführerin, steh auf vom Schlafe Deiner Sünden, wir wollen unsere Häuser mit Raub füllen, wir werden Alles Köstliche und Gut’s geniessen, wag’s mit uns, es soll uns Allen Ein Säckel sein.“ Dabei schüttelte sie einen Beutel mit Spielpfennigen gefüllt, hoch in der Luft ober ihrem Kopfe.
Ein Schauder durchlief bei diesen Worten das Publikum, und als dann Judith erschien mit dem blutigen Haupte des Holfernes, als ihre Dienerin vor ihr niedersinken wollte, und Judith deren Ueberschwenglichkeit mit den Worten Einhalt that: „Schweig Afra, nicht ich, sondern die Hand Gottes hat es gethan,“ da brach der Beifallssturm von allen Seiten los, und wollte schier kein Ende nehmen.
Und einstimmig wurde die Wiederholung an dem nächsten heiligen Tag verlangt; anders jedoch war es im Rathe zu Bregenz beschlossen. Von dort gelangte ein Befehl in die Gemeinde, wornach jede fernere Schaustellung aus Sittlichkeitsrücksichten zu unterbleiben hat.
Fortsetzung
Vor 50 Jahren ist Anna Achmatowa gestorben
Sie schreibt über ihre Begegnung mit Robert Frost zu einem Zeitpunkt,als sie wieder „fast“ präsentabel war.
„Bei mir zu Hause durfte ich ihn doch nicht empfangen. Das Potjomkinsche Dorf wurde in der Datscha des Akademiemitglieds Alexejew errichtet. Ich weiß nicht mehr, woher man diese feine Tischdecke, das Kristall geholt hatte. Ich wurde festlich frisiert, elegant gekleidet… Und dann erscheint ein alter Mann. Ein amerikanischer Opa, aber so einer, wissen Sie, der schon langsam zu einer Oma wird: rötliche Backen, weiße Haare, sehr munter. Wir sitzen nebeneinander in Korbsesseln, man legt uns allerlei Leckerbissen vor, schenkt uns verschiedene Weine ein. Wir unterhalten uns in aller Ruhe. Aber ich denke immerzu: Du, mein Lieber, bist also ein Nationaldichter, jedes Jahr, jedes Jahr bringt man deine Bücher heraus, und natürlich gibt es bei dir keine Gedichte, die nur „für die Schublade“ geschrieben wurden. Alle Zeitungen und Zeitschriften rühmen dich, in den Schulen hören die Schüler von dir, der Präsident empfängt dich als Ehrengast. Dir sind alle denkbaren Ehrungen, Reichtum und Ruhm zuteil geworden. Und ich? Welche Hunde hat man nicht auf mich gehetzt! In welchen Dreck hat man mich nicht getreten?!
Alles gab es – Armut, Elendsschlangen vor den Gefängnissen, Angst, Gedichte, die man nur auswendig kannte, nur im Kopf hatte, und verbrannte Gedichte. Demütigungen und Leid, immer wieder Leid… Nichts von all dem weißt du und würdest es auch nicht verstehen, wenn ich davon erzählte… Aber nun sitzen wir nebeneinander, zwei alte Menschen in Korbsesseln. So als ob es keine Unterschied gäbe. Und das Ende wird für uns beide das gleiche sein. Aber vielleicht ist der Unterschied auch nicht so groß?“
Und zwei Gedichte:
Der nicht gegangene Weg
Zwei Wege trennten sich im fahlen Wald
und, weil ich nicht auf beiden konnte gehn
und einer bleiben, macht‘ ich lange Halt
und schaute auf des einen Wegs Gestalt,
soweit ich durch die Büsche konnte sehn.
Ging dann den andern – der, genauso schön,
den größer’n Anspruch hatte auf Gebrauch,
denn Gras wuchs drauf und brauchte Drübergehn –
obgleich die Wand’rer, muß ich schon gestehn,
gebrauchten einen wie den andern auch.
Sie lagen vor mir, beide gleich, zuhauf
mit Blättern, die kein Tritt noch aufgestört.
Ich hob mir einen Weg für später auf!
Doch Wege führ’n zu and’rer Wege Lauf:
Ich wußte wohl, daß keiner wiederkehrt.
Und seufzend werd‘ ich einmal sicherlich
es dort erzählen, wo die Zeit verweht:
Zwei Waldeswege trennten sich und ich –
ich ging und wählt‘ den stilleren für mich –
und das hat all mein Leben umgedreht.
[nicht von Achmatowa und den Übersetzer kenne ich nicht 🙂 ]
Aber das Gedicht ist eines der berühmtesten, welche die Studenten bestimmter Studienrichtungen einfach auswendig kennen müssen.
Und ein ganz anderes:
Die Rauhnächte waren von Feuern erwärmt,
Es rollten die Kutschen dicht über die Brücken.
Die in Trauer gekleidete Stadt
Schwamm mit unbekannter Bestimmung
Die Newá hinab oder gegen den Strom, −
Nur fort von den Gräbern.
Es dunkelte der Galernaja Bogen,
Im Sommergarten die Wetterfahne
Sang im Falsett, und der silberne Mond
Fror hell überm Silber der Zeit.
Und weil sich auf allen Wegen
Und bis zu allen Schwellen hin
Zu langsam der Schatten genähert,
Riß der Wind von der Wand die Plakate,
Tanzte der Wind auf dem Dach Kasatschok,
Roch der Flieder nach Friedhof.
Und, verflucht von der Zarin Awdotja,
Versank in ihrem Nebel die Stadt,
Das dämonische Petersburg Dostojewskis.
Und aus der Finsternis sah
Wieder der alte versoffene Piter,
Wie vor der Hinrichtung schlug eine Trommel…
Und in der frostigen Schwüle des Vorkriegs,
In der verbuhlten und drohenden, hörte
Man immer ein künftiges Grollen.
Doch damals wars dumpfer zu hören,
Obwohl: die Seelen hats kaum gestört,
Es versank in den Schneewächten an der Newá.
Aber so wie ein Mensch im Spiegel der Nacht
Wie ein Besessener tobt und sich nicht
Wiedererkennt, näherte sich auf dem Kai,
Dem legendären, das nicht reguläre −
Das wirkliche neue Jahrhundert.
[Übersetzt von Heinz Czechowski]
Was zuvor geschah
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Anhängig wurde auch dieser Prozess gemacht, fortgeführt durch lange Jahre, aber ausgefochten haben ihn – die Franzosen, wie wir später sehen werden. Nun kam noch der fatale Umstand hinzu, dass der reiche Richter vielen Häuslern Geld geliehen, daher Niemand den, dem Herrn Feuerle verhassten Leuten Obdacht geben wollte, um nicht das Kapital gekündigt zu sehen; diese rafften demnach ihr Letztes zusammen, kauften (natürlich mit Schulden) eine kleine Hütte ausser dem Dorfe, und lebten hier kümmerlich. Dabei ware sie so herabgekommen, dass auf einen Erwerb gedacht werden musste.
Schon während ihres Wirthsbetriebes kam einmal ein Reisender mit Nahmen Leutnant in die Krone, nachdem er die Wirthin um Verschiedenes befragte und erfuhr, dass die im Durchschnitte sehr arme Bevölkerung fast ohne andere Erwerbsquellen und Beschäftigung sei, als die Bearbeitung des Feldes, liess er einen Dreher (Drechsler) kommen, zeichnete mit Kreide auf den Tisch ein Spinnrad sammt Bestandtheilen, und lehrte dann von dem ganz gut verfertigten Rocken dem jungen, unternehmendem Weibe das Spinnen, worin sie es bald zur Meisterschaft bracht, und diese Kunst auch den übrigen Weibern beibringen konnte.
Der Fremde kam dann oft in’s Ort, brachte Wolle mit, welche er an die Frauen vertheilte, die es ihm gesponnen zurückerstatten mussten, wofür er ihnen annehmbaren Spinnerlohn bezahlte.
Auf diese humane Art brachte Leutnant diesen Industriezweig in jene Gegenden, wodurch die Weiber und kleinsten Kinder im Stande waren, sich den Winter über angenehmen und leichten Verdienst zu verschaffen.
Ein Glück nun war es für das arme herabgekommene Weib, sich und ihre Kinder durch’s fleissige Drehen des Spinnrädchens, wohl kümmerlich ernähren zu können, während der Mann seine Reisen nach Wien auf fremden Schiffen fortsetzte, wobei er durch die anstrengende Handhabung des Steuers seinen Unterhalt erlangte.
In dieser Hütte nun lebten sie mehrere Jahre und bekamen sechs Kinder, die kam fünf Jahre alt, des Sommers Kühe auf fremden Weiden hüthen, des Winters aber neben schwachem Schulbesuche fleissig spinnen mussten. Die Kleinen erhielten in der Taufe dort übliche Namen: Amandus, Crescenzia, Machares, Hieronimus, Judith, Barbara, Willibald bis auf das zuletzt geborne Mädchen Josefa, der eigentlichen Heldin unserer Geschichte, der wir ein neues Kapitel widmen wollen.
II.
S E F E R L E
Unter Donner und Blitz, unter den ungünstigsten Aussichten erblickte Seferle das Licht dieser Welt, und erhielt nebst der wenig nährenden Brust der Muter den unabweisbaren Zulp, den jedoch die Philosophie der letzteren nicht etwas mit Kandis oder Marzipan, sondern einfach mit Kartoffeln füllte, der aber nichts desto weniger dazu beitrug, den kleinen Schreihals zum Schweigen zu bringen. In erster dunkler Erinnerung des Kindes schwebt die Abreise der beiden ältesten Brüder Amandus und Hieronimus, die ihrer Militärpflicht Genüge leisten mussten. Der Vater begleitete beide nach Wien. Sie neigten sich zu gleicher Zeit über das armselige Bettchen ihres Schwesterchens, und zwei heisse Thränen fielen zu gleicher Zeit auf beide Wangen des Mädchens.
Hieronimus fand bald in Belgrad im Spital seinen Tod, während Amandus nach dreizehnjähriger Dienstzeit, mit der silbernen und goldenen Tapferkeits-Medaille geschmückt, in der Schlacht bei Genua, in welcher er als Offizier freiwillig statt eines Kameraden ging, von einer Kanonenkugel mitten entzwei gerissen wurde.
Die zweite Erinnerung des Kindes umfasst die Erscheinung zweier Herren des Gerichtes, die die Pfändung der Hütte vorzunehmen hatten, da Stasel die Interessen für das ihr zu deren Ankauf vorgestreckte Kapital nicht aufzutreiben vermochte. „Jetzt ist’s Ernst, Stasel, „ meinten die Organe des Gerichtes, und unter bittern Thränen nahm diese Abschied von ihrem liebgewordenem Häuschen. Erstaunt erblickte Seferle, das sich zur Schürze der Mutter geflüchtet hatte, dem Treiben der beiden Männer zu, und fühlte die Zähren der Mutter tropfenweise auf den Scheitel fallen.
Gegen Abend wandert nun die von ihrem Herde gestossene Familie weiter, und findet bei einer mitleidigen Frau in einem Schoppen Unterstand. Nachts jedoch kommt halbbetrunken der Herr des Hauses, ein Hauptschuldner des inzwischen durch Stasels Umtriebe abgesetzten Richters, und tobt fürchterlich, als er von der neuen Einquartirung hört.
Vergebens war das Flehen der Armen, noch in der Nacht musste Stasel mit ihren Kindern den Wanderstab ergreifen und planlos weiter ziehen.
Wie bitter musste ein solches Leben der einstmal so angesehenen Brauerstochter erscheinen, wie viele Thränen kostete ihr in mütterlicher Selbstvergessenheit das Schicksal ihrer geliebten Kinder, das sie sich vielleicht früher glänzend ausgemalt haben mochte.
Nach langem Herumirren gelang es endlich des andern Tages der Armen, eine Wohnung in Premaried, eine halbe Stunde von Weiler entfernt, zu finden.
Sie bestand aus einem Dachstübchen; zu ebener Erde wohnten die Hausleute, und hier unten stand der grosse Ofen; ober diesem war ein Schieber angebracht, durch den die Wärme im Winter in die obern Regionen dringen sollte, die Leute unten liessen jedoch beständig den Schieber zu, und so verbrachte die arme Familie vor Hunger, Frost und Entkräftung einen förmlichen Winterschlaf, das Spinnen wollte mit den starren Fingern nicht recht vor sich gehen, bis das dort späte Frühjahr mit seinen erwärmenden Strahlen ersehnte Erlösung brachte. Die Kinder mussten sich jetzt bei Bauern verdingen und Vieh auf die Weiden treiben, die Mutter machte mit ihrme Gespunste kleine Reisen in die Umgegend, und hatte wenigstens nur für sich allein zu sorgen.
Auch unser winziges, kaum etwas über vier Jahre altes Sputele, musste die Aufsicht über eine fremde Kuh übernehmen, und sonderbar genug nahm sich die kleine Gebietherin aus, wenn sie mit ihrem Peitschchen das grosse Thier abzuhalten bemüht war, über den Zaun zu springen, um sich mit einer Nachbarin zu unterhalten.
III.
Das erste Jahr diente Seferle bei einem Schuhmacher, der sich in seinen Mussestunden mit Fangen der Mäuse beschäftifgte, daher ihm die Gewohnheit des Ortes mit dem Spitznahmen „Muser“ beehrte. Seinen eigentlichen Nahmen hörte man nie aussprechen.
Bei dieser Gelegenheit sei erlaubt, einer sonderbaren Art von Umschreibungen der Nahmen zu erwähnen, mit der sich die Leute bezeichneten. So wurde z.B. eine Frau Nahmens Barbara allgemein „Bärbele’s Man Wib,“ (Das Weib von Bärbels Mann) genannt, Murer’s Hans Hansjörgele war der Sohn eines Maurers, der seinen Familiennahmen vielleicht selbst nicht wusste.
Bease Josef wurde so genannt, weil er vom Besenbinden lebte. Dieser ein blödsinniger Bursche, wohnte eine Stunde ausser dem Dorfe. Einst war der Vater schwer krank, Josef lud ihn auf den Schlitten um ihn in die Kirche zu Weiler mit den Sterbesakramente versehen zu lassen; als er jedoch zur Pforte kam, bemerkte er zu seinem Schrecken, dass er den Vater verloren hatte; er kehrte sogleich zurück, und fand den armen alten Mann eine Strecke weit halbtodt im Schnee liegen; leider erzählt die Chronik nicht ,ob er dabei zu Grunde ging oder ob nicht etwa diese unfreiwillige Kaltkur eine Reaction in seiner Krankheit herbeigeführt habe.
I ndem Hause, in welchem der Böde seinen luftigen Wohnsitz auf hohen Dachfirste aufgeschlagen, diente Judith, die älteste Schwester Seferle’s, und wurde von den Mitbewohnern scherzweise stets das Bräutle Bease Josefles genannt, in welchem Scherz sie auch wacker einstimmte, den aber der Arme in seiner unglücklichen Einfalt für bare Münze nahm. Eines Sonntags jedoch kam dieser aufgeregt und verstört aus der Vesper nach Hause, warf ingrimmig Jacke und Hut auf den Tisch, und setzte sich schmollend in den entferntesten Winkel des Zimmers. Befragt von den Anwesen über sein sonderbares Benehmen, lalllte er mit stotternder Zunge: „Ju – Ju – Judithle, mit uns Zwei ist’s nichts!“ „Ja warum das?“ frugen ihn alle mit verstelltem Staunen und verbissenem Lachen, Judith mit scheinbarer Traurigkeit. „Ich ging heute hinter Dir aus der Kirche,“ erklärte nun Josef, „und sah Dich über einen groossen Hufnagel steigen, ohne dass Du ihn aufhobst, das gibt keine gute Wirtschaftlerin!“
Ein Glück, dass er nach diesen Worten das Zimmer verliess, denn das Gelächter brach nun los, und Judith hatte noch lange Zeit Witze und Sticheleien zu ertragen. Bease Josef aber lachte nie wieder.
Wenden wir uns wieder unserer Geschichte zu.
Fortsetzung
Ein alter Beitrag aus dem Jahr 2005, der sonst hier stehen würde:
Eine Fabel
Die Leser meiner Wassergeschichte muss ich noch etwas vertrösten, zwar hat sich der Inhalt schon recht nett weiter entwicklelt, doch die Ausformulierung erfordert einen Grad an Ruhe, den ich zur Zeit nicht hatte. Ich glaube, dass bald wieder neue Kapitel erscheinen werden. Die Ordnung im Blog ist bereits verbessert und die Kapitel können einzeln angewählt werden.
Die Fortsetzung der Wassergeschichte finden künftig dort statt.
Neues Kapitel: Erinnerungen.
Neues Kapitel: Telefon.
Neues Kapitel: Simultandenken
Neues Kapitel: die Pleite
Neues Kapitel: Im Restaurant
Neu: Ein weiterer Eintrag zu >>>Paralipomena
– dort dem Link folgen;)
Neues Kapitel: Vera
Neues Kapitel: Otto
Neues Kapitel: Gibt es Zufälle ?
Neues Kapitel: Darf man darüber reden ?
Zusätzlich neu gibt es etwas über einen ziemlich unbekannten Komponisten: >>>George Onslow.
Und für die, welche es interessiert, ein bisschen etwas über meine derzeitige Tätigkeit in Belgrad. (auf englisch) Die zukünftigen Mitarbeiter arbeiten begeistert mit.
Hier geht es zur ersten Seite nach dem Umzug:
>>>Umzug
