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Wenn ein Eintrag fünf unterschiedliche Kommentare von mir hervorruft, könnte er vielleicht von allgemeinem Interesse sein, vor allem, weil der Eintrag selbst recht kurz formuliert ist.
Im Jahr 2007 traf ich bei einer Konferenz und der damit verbundenen Herstellerausstellung auf eine Firma, die ein sehr hübsches Give-Away hatte. Keine Zuckerln, Kugelschreiber oder Mozartkugeln, wie wir selbst sie immer dabei haben, sondern ein sehr empfehlenswertes Buch von Marco Wehr Welche Farbe hat die Zeit?. (ISBN 978-3-8218-5793-0) Es tat nichts zur Sache, dass dich das Buch gerade erst vor kurzem gekauft hatte, da es im Radio beschrieben war.
–
Um ganz andere Farben geht es beim Anlass zu diesem Beitrag. Vor wenigen Tagen sah ich im Fernsehen einen Film, von dem ich den Text nicht verstand, weil ich den Ton nicht hören konnte, die Untertitel aber auch nicht verstehen konnte. Trotzdem war ich ziemlich sicher, dass es sich um eine Verfilmung eines Terry Pratchett-Romans handeln musste. Als ich dann auf kyrillisch „Rhincewind“ ausmachen konnte fand ich meine Bestätigung.
Heute schalte ich zufällig auf ATV und finde den gleichen Film im österreichischen Fernsehen. (Er wurde 2008 als Zweiteiler für Sky gedreht.)
Ich habe keine Zeit, ihn mir in Ruhe anzusehen. Ich sollte eigentlich schon längst in der Firma sein.
Doch erinnere ich mich mit Vergnügen daran, mit welcher Begeisterung ich die ersten Romane von der Scheibenwelt gelesen habe. Die ersten zehn habe ich verschlungen, später war ich nicht mehr ganz so gefesselt, obwohl sich am Stil nicht viel verändert hatte.
Sehr hübsch ist im Film die laufende Truhe gezeigt, die ich mir auch wirklich so vorgestellt hatte.
Der erste Roman von der Scheibenwelt heißt Die Farben der Magie und ist als Einstieg auch hervorragend geeignet um sich mit dem Stil des Autors anzufreunden.
Aber wem schreibe ich das. Ich denke, dass die meisten meiner Leserinnen und Leser einige Bücher Pratchetts kennen werden.
Im Nachlass meines Großvaters fand sich einst eine Geschichte, mit einer alten Schreibmaschine getippt, auf so dünnem Papier, dass es sogar den Mäusen gut geschmeckt zu haben scheint.
Ich selbst habe schon einmal die erste Seite auf einer der ersten mit speicher versehenen Schreibmaschinen (ich glaube, es war eine Philips) abgetippt. Damals blieb es dabei. Die Geschichte ist aber einfach zu urig, um in Vergessenheit zu geraten.
Es handelt sich um meine Vorfahren und die Geschichte selbst hat auch einiges zu bieten.
Ich tippe sie jetzt ab und behalte dabei sowohl die Schreibweise als auch einige Fehler, die vermutlich unbeabsichtigt beim ersten Tippen vor vielleicht 60 Jahren entstanden sind. Ebenso behalte ich gesperrte Namen bei. Die einzige Änderung, die ich mir erlaubt habe, ist das Anfügen eines Leerzeichens nach Beistrichen, von denen einige auch einmal fehlen.
Viel Spass beim Lesen.
Seite 1 und 2 von 33.
Jugendschichte
Unserer theuren Mutter
J O S E F A S W O B O D A, geborene H A A S,
zu W e i l e r bei Bregenz
Vorarlberg’schen am 20. November 1784 geboren. –
Ihren Nachkommen erzählt in schlichter, wahrgetreuer Weise von ihrem sie hochverehrenden Sohne L O U I S.
I.
E i n l e i t u n g .
An einem heissen Sommer-Mittage des Jahres 1762 trat ein hübscher Bursche mit einem Ränzel am Rücken in die Gaststube des Brauhauses zu Weiler, einem Marktflecken bei Bregens im Vorarlbergischen.
Hitze und Müdigkeit liessen ihn kaum die schmucke Dirne beachten, die ihm das auf seinen Wunsch frisch aus dem Keller geholte Bier kredenzte. Erst, nachdem er seinen Durst genügend gestillt, weidete sich sein Auge an dem hübschen Gesichtchen und den gefälligen Formen des geschäftigen Mädchens, und bard ward die Bekanntschaft näher gemacht.
Die schöne Dorfhebe war die Tochter des reichen Braumeisters Linder, Anastasia, der Fremde dagegen nannte sich Haas und gab vor, Handel mit allerlei Artikel zu treiben, was auch der Zweck seiner Ankunft im Flecken wäre.
Des fremden Händlers Anwesenheit im Dorfe verlängerte sich nun sonderbarer Weise über die Massen; oft sprach er im Brauhause ein, und wusste sich bald das Wohlwollen Aller von der Wirthschaft, besonders aber Stasels zu erwerben. Als er nun gar dem alten Linder erzählte, sein Bruder sei ein reicher Lederermeister in Wien, der ihn, seinen nächstem und einzigen Verwandten, bei einer allfallsigen Wendung seiner Verhältnisse nicht im Stiche lassen würde, als er endlich mit der Farbe herausrückte, und förmlich um die Hand der schönen Stasel anhielt, da lugte der Vater seitwärts zur lauschenden hocherröthenden Tochter, dann gab er lächelnd und freudig seine Einwilligung, seinen Segen. Haas nahm nun wirklich von seinem Bruder in Wien die für die damalige Zeit grosse Summe von achthundert Gulden zu leihen, und eröffnete unweit seines künftigen Schwiegervaters Hause ein Wirthsgeschäft, dass er zur „K r o n e“ nannte.
Bald wurde Hochzeit gefeiert, zum nicht geringen Aerger der Dorfburschen, denen der fremde Hoorzopfer, wie sie Haas seines gewaltigen Zopfes wegen nannten, das schönste Sputele weit und breit wegkaperte.
Die erste Zeit ihres Ehestandes schwand dem neuen Paare in Wonne und Freude dahin, bald jedoch wurde dem Manne die Stube zu enge, die alte Gewohnheit des Wanderns von einem Orte zum andern machte sich abermals geltend. Er fieng seinen Handel wieder an, mit Käse, Schnecken u.s.w., die er nach Wien in einem Flosse auf der Donau transportirte, und dort gut absetzte: sein Fahrzeug verkaufte er dann und machte die Heimreise meist zu Fuss.
Da er jedoch dabei selbst viel verbrauchte, unter welchen Ausgaben der Wein nicht die kleinste Rolle spielte, so trugen diese Reisen wenig Gewinn.
Auch nahm er öfters Leute, die nach Wien zu reisen wünschten, in seiner Zille gegen geringes Entgeld mit. So brachte er auch unter andern den durch sein tragisches Ende bekannten Abbé B l a n k, seinen nächsten Nachbar in Weiler, an dessen unglückseligen Bestimmungsort.
Sein junges Weibchen versah indessen recht gut die Wirthschaft. Von den damaligen und dortigen Gasthaus-Zuständen kann man sich einen Begriff machen, wenn man hört, dass die „Krone“ mit einem Eimer Wein ein Vierteljahr versorgt war, und wenn Jemand ein Glas Bier holte, gefragt wurde, ob zu Hause ein Kranker wäre der Bier brauchte. Jetzt ist diess freilich anders geworden.
Einstmals überredete er seine Frau mit ihm nach Wien zu fahren, da der Bruder ohnediess neugierig wäre, seine neue Schwägerin kennen zu lernen, wozu sie sich auch gerne bereit erklärte.
Sie kamen einige Tage vor dem Rohnleichnams-Feste in der grossen Stadt an, und wohnten dieser Feier auch bei, nachdem ihnen der Schwager einen recht guten Platz „zum Sehen“ verschafft hatte.
Als Kaiser Josef II. hart an ihnen vorüberging, blieb er, angenehm überrascht beim Anblick seiner in ihrem schönsten Schmucke, im knappen brennrothen Mieder mit silbernen Spangen eingezwängten wunderhübschen Unterthanin einen Moment stehen, worüber diese über und über erröthete, und in ihrer Einfalt schon glaubte, der Monarch wolle sich in eine Unterredung mit ihr einlassen.
Dass alle diese früher nie gesehenen Herrlichkeiten viel und auf lange Zeit Stoff zur Unterhaltung nach ihrer Rückkehr gab, kann man sich leicht vorstellen.
Eines Morgens sah man in Weiler Jung und Alt an einer Mauerecke stehen, und auf ein beschriebenes Blatt Papier gaffen.
Sobald wieder ein neuer Ankömmling die Versammlung zahlreicher machte, und des Lesens unkundig, die Nächststehenden neugierig befragte, was auf dem Zettel dadroben stehe, wurde ihm angedeutet, es werde nächsten Sonntag in der Kirche Komödie gespielt. Ein Schöngeist, der sich besonders wichtig zu machen bemüht war, las alsbald mit lauter Stimme die Anzeige dem Volke vor: „Sonntag den so und so vielten, wird in der Kirche zu Weiler aufgeführt die schöne aber furchtbare Geschichte aus dem alten Testamente von J u d i t h und H o l o f e r n e s.“
Die gottgefällige Mörderin gab ein schönes, junges Weib aus dem Dorfe, unserer Stasel war Episonden-Rolle der verführerischen Welt zugedacht. Wunderbar schön, mit aufgelöstem Haar, mit Flitter aller Art bedeckt, trat letztere Sonntags bei gedrängt vollem Gotteshaus vor den Sünder Philotea, der, ein blasser Jüngling, mit Rosenketten an den Stuhl gebunden, mit wehmüthiger Stimme sang:
„Ach wie hart bin ich gebunden
Durch des Teufels Kett‘ und Band‘,
Wenn Einer meint, er woll‘ nur scherzen
Bring lauter Gift, bringt lauter Schmerzen.“
„Steh‘ auf, Philotea,“ lockte die Verführerin, steh auf vom Schlafe Deiner Sünden, wir wollen unsere Häuser mit Raub füllen, wir werden Alles Köstliche und Gut’s geniessen, wag’s mit uns, es soll uns Allen Ein Säckel sein.“ Dabei schüttelte sie einen Beutel mit Spielpfennigen gefüllt, hoch in der Luft ober ihrem Kopfe.
Ein Schauder durchlief bei diesen Worten das Publikum, und als dann Judith erschien mit dem blutigen Haupte des Holfernes, als ihre Dienerin vor ihr niedersinken wollte, und Judith deren Ueberschwenglichkeit mit den Worten Einhalt that: „Schweig Afra, nicht ich, sondern die Hand Gottes hat es gethan,“ da brach der Beifallssturm von allen Seiten los, und wollte schier kein Ende nehmen.
Und einstimmig wurde die Wiederholung an dem nächsten heiligen Tag verlangt; anders jedoch war es im Rathe zu Bregenz beschlossen. Von dort gelangte ein Befehl in die Gemeinde, wornach jede fernere Schaustellung aus Sittlichkeitsrücksichten zu unterbleiben hat.
Fortsetzung
Vor 50 Jahren ist Anna Achmatowa gestorben
Sie schreibt über ihre Begegnung mit Robert Frost zu einem Zeitpunkt,als sie wieder „fast“ präsentabel war.
„Bei mir zu Hause durfte ich ihn doch nicht empfangen. Das Potjomkinsche Dorf wurde in der Datscha des Akademiemitglieds Alexejew errichtet. Ich weiß nicht mehr, woher man diese feine Tischdecke, das Kristall geholt hatte. Ich wurde festlich frisiert, elegant gekleidet… Und dann erscheint ein alter Mann. Ein amerikanischer Opa, aber so einer, wissen Sie, der schon langsam zu einer Oma wird: rötliche Backen, weiße Haare, sehr munter. Wir sitzen nebeneinander in Korbsesseln, man legt uns allerlei Leckerbissen vor, schenkt uns verschiedene Weine ein. Wir unterhalten uns in aller Ruhe. Aber ich denke immerzu: Du, mein Lieber, bist also ein Nationaldichter, jedes Jahr, jedes Jahr bringt man deine Bücher heraus, und natürlich gibt es bei dir keine Gedichte, die nur „für die Schublade“ geschrieben wurden. Alle Zeitungen und Zeitschriften rühmen dich, in den Schulen hören die Schüler von dir, der Präsident empfängt dich als Ehrengast. Dir sind alle denkbaren Ehrungen, Reichtum und Ruhm zuteil geworden. Und ich? Welche Hunde hat man nicht auf mich gehetzt! In welchen Dreck hat man mich nicht getreten?!
Alles gab es – Armut, Elendsschlangen vor den Gefängnissen, Angst, Gedichte, die man nur auswendig kannte, nur im Kopf hatte, und verbrannte Gedichte. Demütigungen und Leid, immer wieder Leid… Nichts von all dem weißt du und würdest es auch nicht verstehen, wenn ich davon erzählte… Aber nun sitzen wir nebeneinander, zwei alte Menschen in Korbsesseln. So als ob es keine Unterschied gäbe. Und das Ende wird für uns beide das gleiche sein. Aber vielleicht ist der Unterschied auch nicht so groß?“
Und zwei Gedichte:
Der nicht gegangene Weg
Zwei Wege trennten sich im fahlen Wald
und, weil ich nicht auf beiden konnte gehn
und einer bleiben, macht‘ ich lange Halt
und schaute auf des einen Wegs Gestalt,
soweit ich durch die Büsche konnte sehn.
Ging dann den andern – der, genauso schön,
den größer’n Anspruch hatte auf Gebrauch,
denn Gras wuchs drauf und brauchte Drübergehn –
obgleich die Wand’rer, muß ich schon gestehn,
gebrauchten einen wie den andern auch.
Sie lagen vor mir, beide gleich, zuhauf
mit Blättern, die kein Tritt noch aufgestört.
Ich hob mir einen Weg für später auf!
Doch Wege führ’n zu and’rer Wege Lauf:
Ich wußte wohl, daß keiner wiederkehrt.
Und seufzend werd‘ ich einmal sicherlich
es dort erzählen, wo die Zeit verweht:
Zwei Waldeswege trennten sich und ich –
ich ging und wählt‘ den stilleren für mich –
und das hat all mein Leben umgedreht.
[nicht von Achmatowa und den Übersetzer kenne ich nicht 🙂 ]
Aber das Gedicht ist eines der berühmtesten, welche die Studenten bestimmter Studienrichtungen einfach auswendig kennen müssen.
Und ein ganz anderes:
Die Rauhnächte waren von Feuern erwärmt,
Es rollten die Kutschen dicht über die Brücken.
Die in Trauer gekleidete Stadt
Schwamm mit unbekannter Bestimmung
Die Newá hinab oder gegen den Strom, −
Nur fort von den Gräbern.
Es dunkelte der Galernaja Bogen,
Im Sommergarten die Wetterfahne
Sang im Falsett, und der silberne Mond
Fror hell überm Silber der Zeit.
Und weil sich auf allen Wegen
Und bis zu allen Schwellen hin
Zu langsam der Schatten genähert,
Riß der Wind von der Wand die Plakate,
Tanzte der Wind auf dem Dach Kasatschok,
Roch der Flieder nach Friedhof.
Und, verflucht von der Zarin Awdotja,
Versank in ihrem Nebel die Stadt,
Das dämonische Petersburg Dostojewskis.
Und aus der Finsternis sah
Wieder der alte versoffene Piter,
Wie vor der Hinrichtung schlug eine Trommel…
Und in der frostigen Schwüle des Vorkriegs,
In der verbuhlten und drohenden, hörte
Man immer ein künftiges Grollen.
Doch damals wars dumpfer zu hören,
Obwohl: die Seelen hats kaum gestört,
Es versank in den Schneewächten an der Newá.
Aber so wie ein Mensch im Spiegel der Nacht
Wie ein Besessener tobt und sich nicht
Wiedererkennt, näherte sich auf dem Kai,
Dem legendären, das nicht reguläre −
Das wirkliche neue Jahrhundert.
[Übersetzt von Heinz Czechowski]
Was zuvor geschah
Seite 5,6 von 33
Anhängig wurde auch dieser Prozess gemacht, fortgeführt durch lange Jahre, aber ausgefochten haben ihn – die Franzosen, wie wir später sehen werden. Nun kam noch der fatale Umstand hinzu, dass der reiche Richter vielen Häuslern Geld geliehen, daher Niemand den, dem Herrn Feuerle verhassten Leuten Obdacht geben wollte, um nicht das Kapital gekündigt zu sehen; diese rafften demnach ihr Letztes zusammen, kauften (natürlich mit Schulden) eine kleine Hütte ausser dem Dorfe, und lebten hier kümmerlich. Dabei ware sie so herabgekommen, dass auf einen Erwerb gedacht werden musste.
Schon während ihres Wirthsbetriebes kam einmal ein Reisender mit Nahmen Leutnant in die Krone, nachdem er die Wirthin um Verschiedenes befragte und erfuhr, dass die im Durchschnitte sehr arme Bevölkerung fast ohne andere Erwerbsquellen und Beschäftigung sei, als die Bearbeitung des Feldes, liess er einen Dreher (Drechsler) kommen, zeichnete mit Kreide auf den Tisch ein Spinnrad sammt Bestandtheilen, und lehrte dann von dem ganz gut verfertigten Rocken dem jungen, unternehmendem Weibe das Spinnen, worin sie es bald zur Meisterschaft bracht, und diese Kunst auch den übrigen Weibern beibringen konnte.
Der Fremde kam dann oft in’s Ort, brachte Wolle mit, welche er an die Frauen vertheilte, die es ihm gesponnen zurückerstatten mussten, wofür er ihnen annehmbaren Spinnerlohn bezahlte.
Auf diese humane Art brachte Leutnant diesen Industriezweig in jene Gegenden, wodurch die Weiber und kleinsten Kinder im Stande waren, sich den Winter über angenehmen und leichten Verdienst zu verschaffen.
Ein Glück nun war es für das arme herabgekommene Weib, sich und ihre Kinder durch’s fleissige Drehen des Spinnrädchens, wohl kümmerlich ernähren zu können, während der Mann seine Reisen nach Wien auf fremden Schiffen fortsetzte, wobei er durch die anstrengende Handhabung des Steuers seinen Unterhalt erlangte.
In dieser Hütte nun lebten sie mehrere Jahre und bekamen sechs Kinder, die kam fünf Jahre alt, des Sommers Kühe auf fremden Weiden hüthen, des Winters aber neben schwachem Schulbesuche fleissig spinnen mussten. Die Kleinen erhielten in der Taufe dort übliche Namen: Amandus, Crescenzia, Machares, Hieronimus, Judith, Barbara, Willibald bis auf das zuletzt geborne Mädchen Josefa, der eigentlichen Heldin unserer Geschichte, der wir ein neues Kapitel widmen wollen.
II.
S E F E R L E
Unter Donner und Blitz, unter den ungünstigsten Aussichten erblickte Seferle das Licht dieser Welt, und erhielt nebst der wenig nährenden Brust der Muter den unabweisbaren Zulp, den jedoch die Philosophie der letzteren nicht etwas mit Kandis oder Marzipan, sondern einfach mit Kartoffeln füllte, der aber nichts desto weniger dazu beitrug, den kleinen Schreihals zum Schweigen zu bringen. In erster dunkler Erinnerung des Kindes schwebt die Abreise der beiden ältesten Brüder Amandus und Hieronimus, die ihrer Militärpflicht Genüge leisten mussten. Der Vater begleitete beide nach Wien. Sie neigten sich zu gleicher Zeit über das armselige Bettchen ihres Schwesterchens, und zwei heisse Thränen fielen zu gleicher Zeit auf beide Wangen des Mädchens.
Hieronimus fand bald in Belgrad im Spital seinen Tod, während Amandus nach dreizehnjähriger Dienstzeit, mit der silbernen und goldenen Tapferkeits-Medaille geschmückt, in der Schlacht bei Genua, in welcher er als Offizier freiwillig statt eines Kameraden ging, von einer Kanonenkugel mitten entzwei gerissen wurde.
Die zweite Erinnerung des Kindes umfasst die Erscheinung zweier Herren des Gerichtes, die die Pfändung der Hütte vorzunehmen hatten, da Stasel die Interessen für das ihr zu deren Ankauf vorgestreckte Kapital nicht aufzutreiben vermochte. „Jetzt ist’s Ernst, Stasel, „ meinten die Organe des Gerichtes, und unter bittern Thränen nahm diese Abschied von ihrem liebgewordenem Häuschen. Erstaunt erblickte Seferle, das sich zur Schürze der Mutter geflüchtet hatte, dem Treiben der beiden Männer zu, und fühlte die Zähren der Mutter tropfenweise auf den Scheitel fallen.
Gegen Abend wandert nun die von ihrem Herde gestossene Familie weiter, und findet bei einer mitleidigen Frau in einem Schoppen Unterstand. Nachts jedoch kommt halbbetrunken der Herr des Hauses, ein Hauptschuldner des inzwischen durch Stasels Umtriebe abgesetzten Richters, und tobt fürchterlich, als er von der neuen Einquartirung hört.
Vergebens war das Flehen der Armen, noch in der Nacht musste Stasel mit ihren Kindern den Wanderstab ergreifen und planlos weiter ziehen.
Wie bitter musste ein solches Leben der einstmal so angesehenen Brauerstochter erscheinen, wie viele Thränen kostete ihr in mütterlicher Selbstvergessenheit das Schicksal ihrer geliebten Kinder, das sie sich vielleicht früher glänzend ausgemalt haben mochte.
Nach langem Herumirren gelang es endlich des andern Tages der Armen, eine Wohnung in Premaried, eine halbe Stunde von Weiler entfernt, zu finden.
Sie bestand aus einem Dachstübchen; zu ebener Erde wohnten die Hausleute, und hier unten stand der grosse Ofen; ober diesem war ein Schieber angebracht, durch den die Wärme im Winter in die obern Regionen dringen sollte, die Leute unten liessen jedoch beständig den Schieber zu, und so verbrachte die arme Familie vor Hunger, Frost und Entkräftung einen förmlichen Winterschlaf, das Spinnen wollte mit den starren Fingern nicht recht vor sich gehen, bis das dort späte Frühjahr mit seinen erwärmenden Strahlen ersehnte Erlösung brachte. Die Kinder mussten sich jetzt bei Bauern verdingen und Vieh auf die Weiden treiben, die Mutter machte mit ihrme Gespunste kleine Reisen in die Umgegend, und hatte wenigstens nur für sich allein zu sorgen.
Auch unser winziges, kaum etwas über vier Jahre altes Sputele, musste die Aufsicht über eine fremde Kuh übernehmen, und sonderbar genug nahm sich die kleine Gebietherin aus, wenn sie mit ihrem Peitschchen das grosse Thier abzuhalten bemüht war, über den Zaun zu springen, um sich mit einer Nachbarin zu unterhalten.
III.
Das erste Jahr diente Seferle bei einem Schuhmacher, der sich in seinen Mussestunden mit Fangen der Mäuse beschäftifgte, daher ihm die Gewohnheit des Ortes mit dem Spitznahmen „Muser“ beehrte. Seinen eigentlichen Nahmen hörte man nie aussprechen.
Bei dieser Gelegenheit sei erlaubt, einer sonderbaren Art von Umschreibungen der Nahmen zu erwähnen, mit der sich die Leute bezeichneten. So wurde z.B. eine Frau Nahmens Barbara allgemein „Bärbele’s Man Wib,“ (Das Weib von Bärbels Mann) genannt, Murer’s Hans Hansjörgele war der Sohn eines Maurers, der seinen Familiennahmen vielleicht selbst nicht wusste.
Bease Josef wurde so genannt, weil er vom Besenbinden lebte. Dieser ein blödsinniger Bursche, wohnte eine Stunde ausser dem Dorfe. Einst war der Vater schwer krank, Josef lud ihn auf den Schlitten um ihn in die Kirche zu Weiler mit den Sterbesakramente versehen zu lassen; als er jedoch zur Pforte kam, bemerkte er zu seinem Schrecken, dass er den Vater verloren hatte; er kehrte sogleich zurück, und fand den armen alten Mann eine Strecke weit halbtodt im Schnee liegen; leider erzählt die Chronik nicht ,ob er dabei zu Grunde ging oder ob nicht etwa diese unfreiwillige Kaltkur eine Reaction in seiner Krankheit herbeigeführt habe.
I ndem Hause, in welchem der Böde seinen luftigen Wohnsitz auf hohen Dachfirste aufgeschlagen, diente Judith, die älteste Schwester Seferle’s, und wurde von den Mitbewohnern scherzweise stets das Bräutle Bease Josefles genannt, in welchem Scherz sie auch wacker einstimmte, den aber der Arme in seiner unglücklichen Einfalt für bare Münze nahm. Eines Sonntags jedoch kam dieser aufgeregt und verstört aus der Vesper nach Hause, warf ingrimmig Jacke und Hut auf den Tisch, und setzte sich schmollend in den entferntesten Winkel des Zimmers. Befragt von den Anwesen über sein sonderbares Benehmen, lalllte er mit stotternder Zunge: „Ju – Ju – Judithle, mit uns Zwei ist’s nichts!“ „Ja warum das?“ frugen ihn alle mit verstelltem Staunen und verbissenem Lachen, Judith mit scheinbarer Traurigkeit. „Ich ging heute hinter Dir aus der Kirche,“ erklärte nun Josef, „und sah Dich über einen groossen Hufnagel steigen, ohne dass Du ihn aufhobst, das gibt keine gute Wirtschaftlerin!“
Ein Glück, dass er nach diesen Worten das Zimmer verliess, denn das Gelächter brach nun los, und Judith hatte noch lange Zeit Witze und Sticheleien zu ertragen. Bease Josef aber lachte nie wieder.
Wenden wir uns wieder unserer Geschichte zu.
Fortsetzung
Ein alter Beitrag aus dem Jahr 2005, der sonst hier stehen würde:
Eine Fabel
Die Leser meiner Wassergeschichte muss ich noch etwas vertrösten, zwar hat sich der Inhalt schon recht nett weiter entwicklelt, doch die Ausformulierung erfordert einen Grad an Ruhe, den ich zur Zeit nicht hatte. Ich glaube, dass bald wieder neue Kapitel erscheinen werden. Die Ordnung im Blog ist bereits verbessert und die Kapitel können einzeln angewählt werden.
Die Fortsetzung der Wassergeschichte finden künftig dort statt.
Neues Kapitel: Erinnerungen.
Neues Kapitel: Telefon.
Neues Kapitel: Simultandenken
Neues Kapitel: die Pleite
Neues Kapitel: Im Restaurant
Neu: Ein weiterer Eintrag zu >>>Paralipomena
– dort dem Link folgen;)
Neues Kapitel: Vera
Neues Kapitel: Otto
Neues Kapitel: Gibt es Zufälle ?
Neues Kapitel: Darf man darüber reden ?
Zusätzlich neu gibt es etwas über einen ziemlich unbekannten Komponisten: >>>George Onslow.
Und für die, welche es interessiert, ein bisschen etwas über meine derzeitige Tätigkeit in Belgrad. (auf englisch) Die zukünftigen Mitarbeiter arbeiten begeistert mit.
Hier geht es zur ersten Seite nach dem Umzug:
>>>Umzug
Auf meinen letzten Beitrag habe ich sehr liebe Kommentare bekommen. Doch bis auf Jossele kennen mich ja alle persönlich und haben daher die Gehirnwäsche des REAL LIFE über sich ergehen lassen müssen.
Da können keine objektiven Urteile mehr gebildet werden:)
–
Und überhaupt habe ich festgestellt, dass ich polymorph pervers bin.
Warum ich das heute so genau weiß?
Da habe ich doch nach der Lektüre dieses Beitrages mir ein nettes pornografisches Werk kaufen wollen. Und was kam dabei heraus?
Statistik von Kopf bis Fuss.
Ich mag diese „Kopf bis Fuss“-Bücher, die in einem ganz eigenem und didaktisch anregendem Stil verfasst sind.
Also Leute, mit so einem Spinner wollt ihr nicht wirklich etwas zu tun haben!
Untertitel: Was ich so lese
Als ich jung war, las ich sehr gerne Entwicklungsromane.
Es waren meistens Männer, die sich entwickelten. Ich erinnere mich noch sehr gut an meine Begeisterung vo Arrowsmith (Sinclair Lewis) oder „Of Human Bondage“ (W.S.Maugham). Ebenso gehörte der „Wilhelm Meister“ (s Lehrjahre) zu meiner Jugendlektüre und in Mignon muss ich wohl ebenso verliebt gewesen sein wie in Dostojewskis Sonja.
Als Kind las ich aber auch begeistert die Nesthäkchen-Bücher. Ich weiß nicht einmal, ob man das heute zugeben darf. Da wird sicher jemand Vorläufertum zum Nationalsozialismus zuordnen. Oder halt eine „heile, rechte Welt des Establishments.“
Je älter ich wurde desto häufiger waren die Hauptpersonen Frauen. Es war interessant zu lesen, wie Frauen ihr Leben erleben. Jane Austin war nicht so mein Fall, trotzdem fand ich nach dem Ansehen des Films „Stolz und Vorurteil“, dass ich etwas dazu gelernt hatte. Frauen haben mich immer sehr interessiert und ich hatte Glück, eine sehr tolerante Ehefrau an meiner Seite zu haben.
Diese brachte nun wieder andere Literatur in mein Leben. Eines der letzten Bücher, die ich in einem Sitz bis zum Ende durchlas, war „das Schloss aus Glas“ von Jeannette Walls.
Jetzt habe ich über dieses Medium hier ein weiteres Buch gefunden, es heruntergeladen und gestern nach der Arbeit in einem Zug durchgelesen. Es ist „Wegen der Schuld“ von Yenta E.
Das Buch hat bei mir eine Stimmung wie „Die andere Seite“ von Kubin ausgelöst. Eine zunächst nicht so schlimm erscheinende Gesamtsituation wird durch die Schilderung der Psychotherapie zu einem Albtraum transformiert.
Es kommt immer noch schlimmer.
Würde ich das Buch ohne Begleitinformation lesen, hätte ich vielleicht irgendwann zum Lesen aufgehört. Es wurde schlimmer und schlimmer und unvorstellbar, wie die Protagonistin, (wenn man sie überhaupt so nennen kann) die Kurve kratzen könnte.
Offensichtlich hat sie das geschafft, denn die Geschichte endet mit einem Nachwort, was zehn Jahre nach dem Geschehen spielt oder vielleicht überhaupt erst nach einer viel längeren Periode verfasst wurde. Das Überleben ist also geglückt.
Die Autorin hat geschrieben, dass sie den 2. Abschnitt stark gekürzt hat, um den roten Faden nicht zu zerstören. Vielleicht wird aus dem doch noch ein separates Buch.
Es ist schwer zu sagen, ob sich das Buch verkaufen wird. Alles ist möglich: vom Bestseller zum Ladenhüter.
Für mich finde ich ein Attribut dafür: „packend“.
Gegen dem Ende zu sind ein paar psychologische Befunde angeführt, deren Textierung einem die Haare aufstellen lässt.
–
Und wie es im Nachwort heißt: es ist leider möglich, an sehr schlechte Psychiater zu geraten. Wie sehr sie ein Leben beeinflussen können, ist hier deutlich genug geschildert.
Nachsatz: Im Buch sind einige Vorfälle geschildert, die ich in meiner Jugend nie für möglich gehalten hatte. Oder jedenfalls als sehr selten angesehen hätte. Mittlerweile kenne ich Statistiken über inzestuösen Missbrauch und bin überhaupt nicht skeptisch, wenn ich Berichte darüber lese. Aber manchmal ist es für mich unvorstellbar, was sich Menschen gefallen lassen. Wirklich unglaublich.
Was zuvor geschah…
Seite 3,4 von 33
Man munkelte nämlich, die geheuchelte Liebe Judith’s zum assirischen Feldherrn sei hinter den Coulissen in eine zärtliche und wirkliche verwandelt worden.
Die Weilheimer aber liessen sich so leichten Kaufs nicht abweisen, sondern versprachen dem Haas, der sich oft rühmte, überall in Wien, selbst bei Hofe ganz gut angeschrieben zu sein, dreihundert Gulden Belohnung, wenn er vom Kaiser selbst die Erlaubniss dazu einholte.
Dreihundert Gulden! Das liess sich der nicht zweimal sagen, nichts war dem Manne erwünschter; in wenigen Tagen schon ruderte er gegen Wien, wo er alsbald sich zur Audienz meldete, und ein vom Schulmeister schön geschriebenes Memoriale, in welchem auf die ungeheuren Verdienste des Ortes angespielt war, und die Erfüllung des heiss ersehnten Wunsches ein Gnadenpfennig genannt wurde, erfurchtsvoll überreichte.
Lächelnd liess sich der Kaiser den etwas sonderbaren Wunsch vortragen,klopfte dann Haas vertraulich auf die Achsel, und sagte: „Nun Ihr’s als ein‘ Gnadenpfennig annehmen wollt, soll’s Euch bewilligt sein.“
Mit welchen Gefühlen Haas seine Rückreise mit der zwar kaiserlichen, jedoch bloss mündlich ertheilten Erlaubniss antrat, kann man sich nicht vorstellen. Im Geiste schon zählte er das Geld, und machte hunderterlei Pläne zu dessen Verwendung. Anderseits schmeichelte ihm die Herablassung des „Koischers,“ die er zu Hause in seinem Berichte wohl noch etwas herablassender gemacht haben mochte, als sie in der That gewesen.
Hocherfreut über dieses Resultat, bereitete die Gemeinde schon die Vorstellung auf den nächsten Festtag vor, als ein Rescript von Bregenz folgenden Inhaltes anlangte: „Von Sr. Majestät zwar bewilligt, von der Kreis-Regierung jedoch abgesprochen.“ Die Bauern glotzten einander an, und Haas sah seine schönen Schlösser in der Luft zerfliessen.
Drei Jahre blieb seine Ehe kinderlos, erst im vierten wurde ihm ein Knabe geboren, den er Amandus nannte.
Da traf ein harter Schlag sein thatkräftiges Weib, der Schwiegervater starb, und lange brauchte es, bis der Tochter Schmerz gedämpt war.
Bald sollten noch ärge folgen.
Eines Tages kam Ammann Blum aus Höchst zu Haas und bath ihn, seine zwei Buben gegen gute Bezahlung nach Wien zu bringen, wo sie „schtudieren“ sollten. Gerne war dieser dazu erböthig, gab ihm diese Ursache doch wieder Gelegenheit, seine gute Kaiserstadt zu besuchen.
Während seiner Abwesenheit tauchte plötzlich das Gerücht auf, Haas habe die Amtmann-Buben dem Juden zu kaufen gegeben. Das abgeschmackte Märchen fand bald den Weg zu den Ohren des Vaters, und – wurde von diesem würdigen Beamten auch gleich geglaubt.
Nun brachen der nur schlummernde Nei und die Missgunst mit einem Male über das verlassene Weib hervor, und es begann eine Reihe von Quälereien und Misshandlungen, dass sich die Feder fast sträubt, sie zu erzählen.
Von Seite der Gerichtsbarkeit wurde ihr das im Gasthause von den Zünften hinterlegte Silberzeug weggenommen, man sperrte und versiegelte das Schanklokale, böse Buben zeichneten Galgen auf die geschlossenen Fensterläden, Steine und manchmal brennende Strohbüschel flogen über’s Haus in den Hofraum, und alte Weiber schrien beim Thor hinein: „Gelt, schöne Wirthin, jetzt werden sie Deinen stolzen Mann hängen, der gar die lieben, unschuldigen Kindlein den Christenfeinden verkauft!“ Viele Bewohner des Dorfes machten lieber einen Umweg, als das Haus des Menschenverkäufers zu passiren, oder bekreuzten sich bei dessen Anblick, so dass das geängstigte Weib endlich selbst anfing, diesen Unsinn zu glauben, manche Nacht wandelte sie, da sie sich Tags nicht vor die Thüre zu gehen wagte, ihr Kind auf dem Arme, zum nahen reissenden Bache, ihrem gebrandmarktem Leben ein Ende zu machen; nur ihre tiefgewurzelte Religion hielt sie stets vor diesem verzweifelten Schritte ab.
Endlich kam der Mann zurück. Seiner Gewohnheit gemäss kehrte er bei einem Vetter, der beiläufig tausend Schritte ausser dem Dorfe wohnte, ein, um sich vorerst über den Gesundheitszustand seiner Angehörigen zu erkundigen. Seine Ankunft verbreitet sich mit Blitzesschnelle, und als Haas über die ausweichenden verlegen Antworten und die verwirrte Miene seines Vetters erschreckt, sich erhob, trat Ammann Blum in die Stube.
„Nun,“ sagte dieser, „was machen meine Kinder? Ich hab‘ gehört, Ihr hätt‘ sie dem Jude verkauft.“ Der Angeredete, glaubend, der Vater wolle einen Scherz machen, ging gleich darauf ein, und erwiederte pfiffig lächelnd:
„Ja freilich, ich hab‘ auch ein gut’s Stück Geld dafür kriegt!“ Da öffnete sich abermals die Thüre, und herein traten vier bewaffnete Gerichtsdiener, die den erschrockenen Mann in’s Gefängniss nach Ebenschwand, wo noch „Stock und Deage“ nach dem Ausdrucke der Zeitgenossen herrschte, führten, obwohl er an seiner Behausung vorüber musste, wurde ihm doch nicht gestattet, sein liebes Weib zu begrüssen, zu befragen, zu beruhigen. Stasel sah durch eine Thürspalte den Zug vorübereilen, und stürzte bei diesem entsetzlichen Anblicke ohnmächtig zusammen. Neun volle Wochen schmachtete der geängstigte Mann hinter Schloss und Riegel, während ein Bote vom Gerichte nach Wien reiste, um sich von der Unwahrheit des ausgestreuten Gerüchtes zu überzeugen, und die Kinder unversehrt ihrem Vater wie zurückzubringen, nach welcher Zeit Haas ohne die geringste Genugthuung in Freiheit gesetzt wurde.
Einen interessante Beleg zur damaligen und dortigen Gerichtspflege liefert der Umstand, dass schon während der Haft des vermeintlen Kinderhändlers der Richter von Weiler, ein einst abgewiesener Freier des Bräumeistertöchterlein und mithin Erzfein des Haas, alles Bewegliche fortschaffen liess und seinem Sohne zuwandte, der nun, ohne zu wissen wie, Wirth zur Krone und Herbergsvater wurde.
Jedem wurde, der vorgab, der Inhaftirte sei ihm Geld schuldig, die genannte Summe ohne den geringsten Ausweis, ja selbst ohne den Verhafteten nur zu fragen, von dessen vorgefundenem ersparten Vermögen ausbezahlt.
Dass dieses nur noch mehr zur Erbitterung der Parteien beitrug, ist selbstverständlich. So schrieb unter andern Stasel in einem Briefe an den Amtmann Blum: „Hoch vom Teufel angetriebener Herr Blum! Mich, meinen Mann und mein Kind habt ihr bereits an den Hirtenstab gebracht, nun treib Ihr’s so lange, bis Ihr uns an den Bettelstab seht!“ Und so kam es auch!
Fast das ganze Geld war auf die angeführte Art verschleudert und der elende Richter zu seinem Zwecke gelangt, dem Verhassten alle Mittel zu entziehen, selbstständig wieder auftreten zu können.
Augenblicklich war Haas wieder bereit, die 900 Meilen lange Strecke nach der Residenz zurückzulegen, um vom Kaiser selbst Satisfaction für die erlittenen Unbilden zu erlangen. Huldvoll wurde ihm Gehör geschenkt, und bald darauf der Bescheid erteilt, vom Amtmann Blum für jede Woche Untersuchungshaft hundert Gulden, mithin neunhundert Gulden Schadenersatz ansprechen zu können.
Jetzt ging eine grossartige Bestechung an, und viele, viele Körbe mit Lebensmitteln wanderten von Höchst nach Weiler zum Richter, zur Vertuschung der ganzen Angelegenheit, was auch insoferne erzielt wurde, als nach langem Prozesssiren und vielleicht zwanzigmaliger Reise der Frau Haas nach Bregenz die Leute nicht einen Heller von der Summe sahen.
Nach der Freilassung des Haas und nachdem sein Weib in Bregenz alle Hebel in Bewegung gesetzt hatte, kam eine Commission von dort nach Weiler, bestehend aus dem Syndikus, dem Stadtschultheiss und dem Landvogte. Der letzte, ein kleiner Mann mit ausdrucksvollen Augen und hoher geistvoller Stirne, stellte sich dicht vor den Richter und frug ihn mit durchdringender Stimme: „Gesteht Herr Richter! Habt Ihr das gethan, habt Ihr dem braven Mann sein Geld verschleudert, verschleudert an vermeintliche Gläubiger, die ihre Ansprüche gar nicht leitimiren konnten? Hab Ihr das wirklich gethan?“ Der rothköpfige Richter kaute verlegen an den Nägeln, und antwortete: „I woiss nit, es muss’s grad der Gerichtsschreiber than haben.“
„Das gibt einen Prozess“ entgegene verächtlich der Landvogt, „der in Bregenz ausgefochten wird!“
Fortsetzung
Der Beginn findet sich dort.
Die Regeln
Währenddessen spielte sich anderswo eine heftige Diskussion ab. Die Heftigkeit zeigte sich nicht durch Lautstärke oder Körpereinsatz. Es wurde ganz ruhig gesprochen. Doch die Aussagen waren so konträr und die dazu gehörenden Beweisführungen so kompliziert, dass es schien, als würden sich die Aussagen ins Wort fallen und der eine nicht warten, bis der andere zu Ende gesprochen hatte.
Für einen, der die Hintergründe nicht verstand, hörte es sich ungefähr so an:
„Wir betrachten die Phase 2000. Unschärfen sind erlaubt und werden akzeptiert werden.“ Dieser Satz wurde durch eine Reihe von Zitaten begleitet, welche alle auf bestimmte Unlösbarkeiten, die der Mensch im Zuge der Zeit gefunden hatte, eingingen.
„Wir können nicht das Absolute darstellen und dann würfeln, ob wir zu einer Frage ja oder nein sagen.“ Diese Aussage wurde von dogmatischen Beispielen untermalt, die den Beweis erbringen sollten, dass der Glaube Berge versetzt.
Die Debatte verlief einige Zeit, bis einer, der bis dahin nichts gesprochen hatte, sich einmischte.
„Wir können die Frage nicht beantworten. Wenn wir aber jetzt eine Entscheidung treffen, muss sie auch später noch begründbar sein. Wir müssen also irgendwann die Möglichkeit haben, festzustellen, ob wir heute richtig waren oder nicht. Dazu benötigen wir ein Orakel, welches die Frage von einer anderen Seite beleuchtet. Dieses Orakel haben wir nicht. Es bleibt uns also nichts Anderes übrig, als zusätzliche Daten zu sammeln und die Untersuchung auf einen späteren Zeitpunkt zu verlegen.“
„Das haben wir doch auch schon früher so gemacht und das Resultat war immer dasselbe. Dann können wir das Resultat jetzt aufgrund der früheren Erfahrungen festlegen.“
Es ging noch einige Zeit hin und her. Die Meinung der momentanen Unentscheidbarkeit setzte sich durch. Doch jetzt ging die Diskussion in eine andere Richtung.
„Soll er wieder Wasserträger werden? Die meisten gehen bereits an einem Glas zugrunde.“
„Wenn wir die Frage beantwortet haben wollen, so muss er wieder Wasserträger sein. Sonst werden wir keine hinreichende Auskunft bekommen.“
„Wenn er sofort stirbt, werden wir nicht mehr wissen als jetzt.“
„Dieses Problem lässt sich leicht behandeln. Er bekommt kein neues Wasser. Wir nehmen das, welches bereits in ihm ist.“
Ein neuer Anfang
…
