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Die Auswirkungen des Bachmannpreises

Bei TeresaHZW habe ich einen Kommentar hinterlassen, dass mich die Frustration über die heutigen Themen fast veranlassen, selber etwas zu schreiben, obwohl es Berufenere gibt.
Jetzt habe ich aber einen Kompromiss gefunden. Ich hatte schon einmal etwas veröffentlicht, dann aber nicht fortgeführt. Wenn ich den Text jetzt lese, könnte ich glauben, dass ich das ursprüngliche Sujet gar nicht mehr im Kopf habe. Tatsächlich sollte sich die Geschichte ja erst während des Schreibens entwickeln.

Aber als ich den Text gelesen habe, dachte ich mir, zumindest mir gefällt es. Also stelle ich ihn wieder ein. Vielleicht schreibe ich auch einmal weiter. Ich habe zwar nicht 32 Jahren nichts getan sondern nur 8 Jahre. Doch ich weiß genau, wo ich hin wollte. Und der Text erinnert mich nicht nur an die Story sondern auch an Wünsche und Pläne.

Wasser
Kann man dies Geschenk nennen?
Er saß in einem Kaffeehaus und blätterte durch die Illustrierten. Er belächelte die Gesellschaftsspalten, ließ die gerade in der Hand befindliche Illustrierte sinken und verlor sich in Gedanken. Eine Stimme weckte ihn auf. „Ich habe ein Geschenk für dich. Du wirst nie mehr Durst haben.“ Er sah auf und erblickte vor sich ein Glas Wasser. Es war ein ganz normales Wasserglas bis circa einen Zentimeter unter dem Rand mit Wasser gefüllt. So schien es. Er glaubte, dass ihm die Kellnerin das Glas hingestellt hatte und hob es an die Lippen. Er trank von dem Glas und stutzte. Es schmeckte wie Wasser, aber das war nur der erste Eindruck. Es war kein Wasser. Es schmeckte wie eine Mischung aus allen Getränken, die man sich gerade hätte wünschen können. Als er das Glas absetzte, bemerkte er, dass die Flüssigkeit nicht weniger geworden war. Das Glas erschien genauso gefüllt wie bisher. „Du darfst nur aus diesem Glas trinken. Du darfst das Wasser des Lebens nicht vergießen.“ hörte er die gleiche Stimme.
Er sah sich um, konnte aber niemanden sehen. Er nahm das Glas noch einmal hoch und betrachtete es aus der Nähe. Es fiel ihm aus, dass die Flüssigkeit eigentlich fest wirkte. Wenn er das Glas schief hielt, floss nichts heraus. Es war so, als wäre die Flüssigkeit plötzlich gefroren. Er hielt das Glas an seine Lippen und neigte es. Prompt floss die Flüssigkeit in seinen Mund. Der gleiche Geschmack wie vorher. Nein, das konnte man nicht sagen. Der Geschmack war unbeschreiblich. Er erfüllte den Trinkenden mit einer unsagbaren Befriedigung. Es war kein suchterzeugender Reiz. Man konnte sich nicht vorstellen, wie das Wasser schmecken würde, bevor man es tatsächlich über die Zunge zum Rachen rinnen ließ.
Er erbat sich von der Kellnerin eine Plastiktasche und stellte vorsichtig das Glas hinein. Indem er das Glas indirekt über die Plastiktasche angriff, versuchte er noch einmal Flüssigkeit durch Kippen auszuschütten. Das gelang nicht. Die Gesetze der Schwerkraft schienen ausgeschaltet zu sein. Er faltete die Plastiktasche so, als müsste er das Glas besonders gut schützen und steckte sie in seine Aktentasche. Daraufhin zahlte er und fuhr nach Hause, vorsichtig bemüht die Tasche nicht zu kippen und damit zu riskieren, dass die Flüssigkeit vielleicht doch noch vergossen würde.
Die Sorge war unbegründet. Als er die Tasche zu Hause entpackte und das Glas aus der Plastiktasche nahm, erschien die Flüssigkeit unverändert und es gab auch keinerlei Benetzung des Glasrandes. Jetzt versuchte er noch einmal zu trinken. Der gewohnte Effekt stellte sich ein.
Er nahm das Glas und stellte es in den Kühlschrank. Es erschien ihm logisch, dies zu tun, denn vielleicht würde das Wasser schal werden, wenn es nur offen im Raum stehen würde. Zuvor nahm er noch einen kleinen Schluck. Er empfand es als interessant, dass er kein Bedürfnis verspürte, es auszutrinken, wie er es sonst gewohnt war. Ja keine kleinen Reste stehen lassen.
Er setzte sich an den Schreibtisch und überlegte, an welche Arbeit er sich wohl machen sollte. Es gab ziemlich viel zu tun und in der letzten Zeit hatte er das Gefühl, dass ihn dieses Zuviel blockierte, obwohl er mit jeder der anstehenden Aufgaben sehr vertraut war und es ihm Spaß machte, die verschiedenen Probleme zu lösen.
Er sinnierte: „Das Wasser des Lebens“. Soviel er wusste, war das eine Umschreibung für einen regenerativen Trank, der den Alterungsprozess aufhalten sollte. In Märchen und Sagen war dieser Ausdruck geläufig. In Kaffeehäusern mit Wirtschaftszeitungen und Boulevardillustrierten eher nicht. Und was sollte es für ihn bedeuten? Er hatte keine Angst vor dem Altwerden. Noch nicht. Er konnte sich auch nicht vorstellen, wie das je passieren sollte. Er hatte Angst vor Schmerzen und vor dem Verlust seiner geistigen Präsenz. Aber würde ihn das Wasser davor schützen können? Wer hatte es ihm überhaupt gegeben?
Der Umstand, dass sich der Flüssigkeitsstand auch nach dem Trinken nicht verringerte, machte ihm nicht so sehr zu schaffen. Aber dass diese Frage ihn nicht beunruhigte, brachte seine Gedanken auf Trab. Er war ein Verfechter der Gültigkeit von Erhaltungssätzen. Wenn etwas von einer Sache weggenommen wurde und die Sache blieb vollständig, dann bedeutete das, dass die Sache eine unendliche Dimension hatte. Diese Dimension musste eine sein, die ihm verborgen blieb. Das Glas war in den drei räumlichen Dimensionen beschränkt. Man konnte nicht sehen, dass es von oben nachgefüllt wurde. Das Wasser erneuerte sich aus sich selbst heraus.
Das Wasser konnte das Glas nicht verlassen, es sei denn durch seinen Körper. Er konnte trinken. Würde er es ausscheiden können? Als er daran dachte, fiel ihm ein, dass der Umstand, dass er das Wasser aufnehmen konnte, ein Beweis war, dass auch er in dieser unbekannten Dimension außerhalb des Raumes eine Ausprägung hatte. Er selbst musste auch unendlich sein. Das stimmt nicht, dachte er, unendlich muss ich nicht sein. Es bedeutet nur, dass ich in dieser Dimension eine Ausdehnung besitze, von der ich bisher noch nichts wusste. „Stimmt“. Die körperlose Stimme hatte sich wieder gemeldet.
„Wie lautet die Erklärung für das Wasser“ fragte er. Seine Stimme schien unterdrückt. Vielleicht hatte er die Frage auch nur gedacht.
„Es gibt keine Erklärungen, es sei denn sie sind in dir selbst enthalten.“ “
Gibt es etwas, das ich darüber lesen kann?“ – „Alles, was du selber aufschreibst, wirst du später lesen können. Darüber hinaus gibt es nichts.“ Er versuchte darüber nachzudenken und schlief darüber ein. Als er wieder aufwachte, sah er, dass er vor dem Einschlafen zwei Worte geschrieben hatte: „Lebe ich?“
Vor seinen Augen verwandelten sich die Buchstaben in ein: „Habe ich gelebt?“ Er fragte sich, wie lange er geschlafen hätte. Er befand sich nicht mehr vor seinem Schreibtisch. Er befand sich in einem Zug. Sein Sitzplatz hatte einen Tisch vor sich, auf dem sich sein Laptop befand, auf dem sich die getippten Worte verwandelt hatten.
Er fuhr an einem Badesee vorbei und konnte aufgrund der Ortsnamen erkennen, dass er gerade durch seine Geburtsstadt durchgefahren sein musste. Dort hielten aber alle Züge. Er hatte offensichtlich tief geschlafen. Wo war er, wo war das Wasser geblieben? Er hatte es doch in einen Kühlschrank gestellt. Wie war er in den Zug gekommen?
Als er die Worte betrachtete, die da vor ihm getippt standen, bemerkte er, dass die Worte nicht der Anfang eines Textes waren sondern am Ende eines Dokumentes standen. Er blätterte zurück und wollte an den Anfang des Textes kommen. Nachdem er einige Seiten zurückgeblättert hatte, bemerkte er, dass der Zeiger, der seine Orientierung im Text markierte noch immer am Ende stand. Nun sah er genauer hin. Er befand sich auf Seite 14 547 von 14560 Seiten. Der Zug, in dem er saß, fuhr gerade durch einen Tunnel. Er suchte nach einer Funktion, mit der er an den Anfang des Textes gelangen konnte. Als er die Tasten betätigte, von denen er glaubte, dass sie es bewerkstelligen würden, bemerkte er, dass der gesamte Text ausgewählt war. Offensichtlich war er noch an ein Taste angekommen und es erschien eine Frage: „Sie sind im Begriff, ihren gesamten Text zu löschen. Aufgrund der Größe des ausgeschnittenen Textes ist eine Wiederherstellfunktion unmöglich. Möchten Sie wirklich löschen?“ Die Frage wies nur eine mögliche Beantwortung auf: „Ja“. Es gab kein „Abbrechen“, kein „Nein“ oder irgend eine Möglichkeit, seine vorherige Aktion zurückzunehmen.
Seine Unachtsamkeit hatte dazu geführt, dass er einen Text gelöscht hatte, von dem er jetzt plötzlich wusste, dass er die Antwort auf all die Fragen aufweisen musste, die ihn sein ganzes Leben beschäftigt hatten. Wenn er Pech hatte und gleich, nachdem er die Frage quittiert hätte, eine automatische Speicherung erfolgen würde, hätte er keine Gelegenheit mehr, an seinen Text heranzukommen.
Er stellte den Laptop senkrecht auf und entfernte den Akku. Er wusste zwar, dass dies eine riskante Operation war und möglicherweise alle Daten vernichten könnte, die für ihn wichtig schienen, aber er hoffte, dass das Dokument noch einmal aufrufbar war und er an die ursprünglichen Seiten herankommen würde. Erwartungsgemäß erloschen alle Kontrollleuchten und der Rechner erschien abgeschaltet. Er setzte den Akku wieder ein und drückte auf die Einschalt-Taste. Beim Hochfahren kamen eine Reihe von Fehlermeldungen bzw. Warnungen, die alle darauf hindeuteten, dass das System nicht ordentlich niedergefahren worden war. Als der Rechner wieder betriebsbereit war, durch das Fenster konnte er gerade einen Bagger Schrott schaufeln sehen, wollte er die bewusste Datei öffnen. Er wusste nicht, wie sie hieß. Er verwendete die Volltextsuche und gab „Habe ich gelebt“ ein. Das müsste ausreichen, um die Datei eindeutig zu identifizieren.
Nachdem er fünf Minuten gewartet hatte und die Suche als beendet markiert war, war keine einzige Datei gefunden worden, die diesen Inhalt hatte.
Er versuchte es noch einmal mit den Worten „Lebe ich“. Auch hier gab es kein Resultat. Da fiel ihm das Wasser ein. Er suchte nach dem Dokument „Wasser.*“. Dieses gab es. Er wollte auf das Erstellungsdatum sehen, aber das konnte er nicht aus der Dateibeschreibung herauslesen. Es war nur das Datum der letzten Änderung angeführt. Aber dieses Datum lag dreißig Jahre in der Zukunft. Das konnte durch das harte Abschalten des Rechners passiert sein. Aber die Datei ließ sich nicht öffnen. Sie war mit einem Passwort geschützt. Er versuchte sie zu öffnen, in dem er alle Passwörter ausprobierte, die er je verwendet hatte und an die er sich noch erinnern konnte.
Er blieb erfolglos. Der Zug fuhr durch einen weiteren Tunnel. Der Tunnel war ziemlich lange. Er konnte sich nicht erinnern, dass auf der Strecke zwischen seiner Geburtsstadt und dem Zielort so ein langer Tunnel war. Er sah hinaus. Alles erschien auf den ersten Blick normal. Gebäude, Wiesen, Wälder, Strassen und Autos. Und doch hatte alles einen seltsamen Anstrich. Sie fuhren über eine kleine Brücke. In der Schnelligkeit konnte er nicht so genau sehen aber er bildete sich ein, dass das Flussbett leer war. Er schaute rund um sich im Abteil. Es gab in dem ganzen Abteil keinen anderen Menschen. Jetzt konnte er sehen, dass sie an einem Stift vorbei fuhren. Schon ging es wieder in einen Tunnel. Außer dem gleichmäßigen Fahrgeräusch war nichts zu hören. Jetzt bremste der Zug stark und es ergab sich die Gelegenheit genauer hinaus zu sehen. Es gab keine Menschen. Es gab kein sichtbares Wasser. Die Autos bewegten sich alle mit gleicher Geschwindigkeit, als wären sie ferngesteuert und von Maschinen kontrolliert. Der Himmel war in ein fahles Blau getaucht. Wolkenlos, aber nicht das Blau eines wolkenlosen Tages, sondern ein stechendes Lichtblau mit einem Stich ins Gelbliche. Es war heiß, obwohl der Waggon offensichtlich eine Klimaanlage hatte. Wieder ein Flussbett ohne Wasser. In seiner Konzentration war er jetzt irritiert. Einerseits suchte er noch „seine“ Datei, andererseits machte ihm der Anblick, den er durch die Fenster sah, Unbehagen.
Eine menschenleere Landschaft, die aber lebte, auch wenn es kein Wasser gab. Er würde bald ankommen. Dort musste es Menschen geben. Er fuhr durch die Vororte der großen Hauptstadt. Noch immer konnte er keine Menschen sehen. Als der letzte Nebenbahnhof passiert war, erwartete er ein Langsamerwerden des Zuges. Aber der Zug fuhr mit unverminderter Geschwindigkeit weiter. Statt in den Kopfbahnhof einzufahren verschwand der Zug erneut in einem Tunnel. Dieser war über zehn Kilometer lang und zog sich unter der gesamten Stadt hin. Jetzt hielt es ihn nicht länger. Er stand von seinem Sitz auf, packte den Rechner unter den Arm, er wollte ihn trotz der Menschenleere nicht unbeaufsichtigt lassen und machte sich in Richtung Speisewagen auf. Er hatte die Richtung verwechselt, denn er befand sich im letzten Waggon und konnte die Gleise in rasender Schnelle aus dem Wagon förmlich herausgleiten sehen. Eine Zeit lang schaute er den Gleisen zu, wie sie da abgespult wurden, dann ging er in den Waggon zurück, um zu den restlichen zu gelangen. Am anderen Ende des Waggons gab es aber auch keinen Durchgang. Mächtig und rot konnte er durch das kleine Stirnfenster in der Durchgangstür die Lokomotive erkennen. Kein Wunder, dass der Zug so schnell unterwegs war. Er bestand nur aus Lokomotive und einem Waggon.
„Wohin bringt mich dieser Zug?“ sinnierte er, als er wieder auf seinem Platz saß. „Wie lange wird die Fahrt noch dauern?“ Im gleichen Augenblick fuhr der Zug in einen weiteren Tunnel. Im Gegensatz zu den vorherigen, war dieser Tunnel nicht ganz dunkel. Zu Beginn war es ein gewöhnlicher Tunnel. Aber die Wände begannen lichter zu werden und der Tunnel war erleuchtet. Die Beleuchtung nahm zu. Es wurde heller und heller. Die Wände wichen auseinander und der Zug fuhr jetzt in eine Halle ein, in der er mit quietschenden Bremsen zu einem Halt kam.
„N.N. Endstation“ N.N. war sein Name. Er wurde etwas undeutlich ausgesprochen. „Der Reisende wird gebeten, keine Habseligkeiten im Zug zurückzulassen.“ Er fühlte sich entsetzlich schwer. Er packte den Rechner in seine Aktentasche, nachdem er in kontrolliert abgeschaltet hatte. Er stand von seinem Sitz auf. Das Gefühl war sehr irritierend. Er fühlt sich ganz schwer, aber das Gehen schien wie ein Hüpfen, als wäre er in einem Gebiet geringer Schwerkraft. Als er aus dem Zug ausgestiegen war, wurde er durch Schilder zum Ausgang geleitet. Der Ausgang wies ähnlich wie bei Flughäfen eine Kontrollstation zur Passage auf.
Es gab zwei Gruppen von Ausgängen, die mit „Wasserträger“ und „Sonstige“ beschrieben waren. Er betrat die Zugangsspur zu „Sonstige“. Er war der einzige Mensch im Raum. Die Person, die seinen Durchgang kontrollierte, war von ihm durch eine dunkle Rauchglasscheibe getrennt. Die Überwachung fand mit Video statt. Es erschien eine Leuchtschrift: „Sie haben sich falsch eingereiht. Sie sind Wasserträger. Bitte reihen sie sich am richtigen Ausgang ein.“
Er verließ seine Spur und ging zu der Wasserträgerspur. Die Leuchtschrift an dieser Kontrollstation sagte nur: „Bitte übergeben sie die Wasserträgerdatei.“ Da er nicht wusste, was er tun sollte, packte er seinen Rechner aus und legte ihn in eine Schale, die sofort nachdem das Gewicht registriert wurde, fortbewegt wurde. Die Leuchtschrift wechselte zu „Bitte warten Sie eine kleine Ewigkeit.“ Er sah sich um, ob er sich irgendwo hinsetzen könnte, aber schon ging die Türe auf, die die weitere Passage blockiert hatte und veranlasste ihn, einzutreten. Dort befand sich ein Schreibtisch, hinter der eine zeitlos erscheinende, elegante Dame saß. Sie trug einen weißen Anzug. Alles an ihr war weiß. Der Teint sehr hell und die Haare silbergrau, obwohl die Gesichtszüge auch zu einer Dreißigjährigen gepasst hätten.
„Guten Tag“ begrüßte sie ihn. „Da ist ja einiges schief gelaufen.“ Er wusste nicht, was er sagen sollte.
„Du hast zweiunddreißig Jahre deines Lebens bewusstlos verbracht. Zusätzlich zu den zweiundfünfzig Jahren davor. Wir sprechen nicht von den 52 Jahren. Die meisten Menschen verbringen ihr ganzes Leben bewusstlos. Aber nicht die Wasserträger. Die haben Verpflichtungen.“
Sie bediente eine sehr flache Tastatur vor sich auf dem Tisch. Er konnte nicht sofort erkennen, wo der Bildschirm war, bis er darauf kam, dass rund um ihn die Wände mit wechselnden Informationen bestrahlt wurden. Er befand sich innerhalb eines Raumes, der nur von Großwandmonitoren begrenzt war.
„Wasserübergabe erfolgte im Jahr 2002. Kein bewusstes Leben seither. Die Wasserdatei ist leer.“ Wenn er sich nicht so schwer vorgekommen wäre, hätte er aufbegehrt. Er fühlte sich ungerecht behandelt. Irgend etwas war an ihm vorbei gelaufen, ohne dass er eine Chance gehabt hätte, einzugreifen.
„Hatte ich den irgendeine Chance?“ fragte er sich still.
„Verwendung des Wassers während zwei Stunden!“ diagnostizierte die Frau. „Hat man dir denn nicht über die Wichtigkeit Bescheid gegeben?“ Er schüttelte den Kopf. Er konnte sich nicht einmal an die Umstände der Wasserübergabe erinnern. Das war im Kaffeehaus gewesen. Dumpf erinnerte er sich, dass man das Wasser nicht ausschütten konnte. Was hätte er damit tun sollen?
„Trinken. Trinken und ich dich hineinhören.“ schien die Frau seine Gedanken zu lesen.
Er schien noch schwerer zu werden. Es hatte keinen Sessel in dem Raum auf seiner Seite des Schreibtisches gegeben, als er hereingekommen war. Jetzt befand sich hinter ihm ein bequemer weißbezogener Lederstuhl. „Setz dich ruhig hin.“ wies sie ihn an. „Du wirst noch schwerer werden.“
Sie betätigte einige Tasten und die Bilder auf den Wänden veränderten sich. Schemenhaft konnte er Verwandte und Freunde erkennen. Seine Kinder. Auf einem Schirm erschien eine Formel. Klar leserlich, nicht verschwommen, ihm aber unverständlich. Er versuchte sie zu analysieren, aber einige der Zeichen blieben für ihn bedeutungslos. Sie schaute ihm aufmerksam zu und meinte schließlich: „Nie gesehen, oder?“ Er schüttelte erneut den Kopf.
„Das ist deine Formel. Du hättest sie entdecken sollen. Aber statt dessen hast du geschlafen.“ Aber er konnte doch nichts dafür. Er war einfach eingeschlafen. Es ist doch nicht üblich, dass man am Schreibtisch einschläft und dreißig Jahre später in einem Zug aufwacht. Was sollte die Formel. Sie schien aus der Physik zu stammen, aber für das Verständnis fehlten im praktisch alle Grundlagen.
Sie tippte weiter auf ihrer dünnen Tastatur. Auf einer Wand erschien in großen Ziffern „-0.2 +/- 1.3“. Sie runzelte die Stirn und tippte etwas längere Passagen ein. Die Zahlen wechselten zu „-0.15 +/- 1.25“. Sie schien noch immer nicht befriedigt. Sie sah ihn jetzt aufmerksam an, aber im Unterschied zu vorhin schien jene gewisse Verachtung gewichen zu sein, die vorher die Herablassung getragen hatte. Er fühlte sich ziemlich unbehaglich unter ihrem Blick, obwohl dieser jetzt viel freundlicher war. Offensichtlich konnte sie in ihn hineinsehen, so wie sie vorher schon seine Gedanken lesen konnte. Aus der Tischplatte kam ein Telefon heraus. Ohne zu wählen und ohne dass es klingelte hob sie den Hörer ab: „Ich habe hier einen Eins-Sigma. Was soll ich tun?“
Die Gegenstimme konnte man nicht hören, aber sie las die letzten Zahlen von der Wand ab. Es gab eine längere Pause.
„Übergabe ist vor dreißig Jahren erfolgt.“ Nach der offensichtlich kurzen Antwort fuhr sie fort: „Ja, ich weiß selber, dass das unmöglich ist. Ich habe es aber kontrolliert.“
Er war inzwischen so schwer geworden, dass sich die Seitenteile des Fauteills gebogen hatten, da sie zusätzlich sein Gewicht über die Tapezierung mit aufnehmen mussten. Die Frau hatte das offensichtlich bemerkt. „Ich muss rasch eine Entscheidung haben, sonst verlieren wir ihn. Er sitzt schon auf dem Fußboden.“
„Und wer autorisiert diese Entscheidung?“ Das Telefon, das wie der Rest des Raumes weiß war, blinkte drei mal blau auf. Die Frau legte den Hörer auf und tippte eine Reihe von Eingaben in die Tastatur. Die Bilder auf den Wänden verschwanden und er konnte spüren, dass die Gewichtszunahme aufgehört hatte. Nunmehr in rasendem Tempo klickten die Tasten.
„Ich kann dich nur stabilisieren. Leider musst du dich an das Gewicht, dass du jetzt hast, gewöhnen, bis eine Entscheidung herbeigeführt ist.“
„Ich habe doch gar keine Chance gehabt, das Wasser zu ‚verwerten’. Ich bin sofort nach der Übergabe eingeschlafen und erst heute wieder aufgewacht.“
„Das spielt keine Rolle. In den zwei Stunden, in denen du noch wach warst, hättest du alles Notwendige erreichen können. Der Schlaf ist keine Entschuldigung.“ Sie hatte zu ihrer früheren Herablassung zurückgefunden. Sie schien ihn absolut nicht zu mögen.
Sie saßen nun beide still und warteten auf etwas, wovon er nicht wusste, was es war. Er spürte nur ein leises Frohlocken, dass sie mit ihm nicht so verfahren konnte, wie sie es wohl gerne getan hätte.
Es verging eine Zeit, die ihm wie zwei Stunden erschienen. Wer konnte das aber sagen, wenn er vorher dreißig Jahre lang geschlafen zu haben schien. Vielleicht verging in dieser Zeit ein Sonnenjahr.
Die Regeln

(2003 (c) Steppenhund

2. Fortsetzung 1784

Was zuvor geschah
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Anhängig wurde auch dieser Prozess gemacht, fortgeführt durch lange Jahre, aber ausgefochten haben ihn – die Franzosen, wie wir später sehen werden. Nun kam noch der fatale Umstand hinzu, dass der reiche Richter vielen Häuslern Geld geliehen, daher Niemand den, dem Herrn Feuerle verhassten Leuten Obdacht geben wollte, um nicht das Kapital gekündigt zu sehen; diese rafften demnach ihr Letztes zusammen, kauften (natürlich mit Schulden) eine kleine Hütte ausser dem Dorfe, und lebten hier kümmerlich. Dabei ware sie so herabgekommen, dass auf einen Erwerb gedacht werden musste.
Schon während ihres Wirthsbetriebes kam einmal ein Reisender mit Nahmen Leutnant in die Krone, nachdem er die Wirthin um Verschiedenes befragte und erfuhr, dass die im Durchschnitte sehr arme Bevölkerung fast ohne andere Erwerbsquellen und Beschäftigung sei, als die Bearbeitung des Feldes, liess er einen Dreher (Drechsler) kommen, zeichnete mit Kreide auf den Tisch ein Spinnrad sammt Bestandtheilen, und lehrte dann von dem ganz gut verfertigten Rocken dem jungen, unternehmendem Weibe das Spinnen, worin sie es bald zur Meisterschaft bracht, und diese Kunst auch den übrigen Weibern beibringen konnte.
Der Fremde kam dann oft in’s Ort, brachte Wolle mit, welche er an die Frauen vertheilte, die es ihm gesponnen zurückerstatten mussten, wofür er ihnen annehmbaren Spinnerlohn bezahlte.
Auf diese humane Art brachte Leutnant diesen Industriezweig in jene Gegenden, wodurch die Weiber und kleinsten Kinder im Stande waren, sich den Winter über angenehmen und leichten Verdienst zu verschaffen.
Ein Glück nun war es für das arme herabgekommene Weib, sich und ihre Kinder durch’s fleissige Drehen des Spinnrädchens, wohl kümmerlich ernähren zu können, während der Mann seine Reisen nach Wien auf fremden Schiffen fortsetzte, wobei er durch die anstrengende Handhabung des Steuers seinen Unterhalt erlangte.
In dieser Hütte nun lebten sie mehrere Jahre und bekamen sechs Kinder, die kam fünf Jahre alt, des Sommers Kühe auf fremden Weiden hüthen, des Winters aber neben schwachem Schulbesuche fleissig spinnen mussten. Die Kleinen erhielten in der Taufe dort übliche Namen: Amandus, Crescenzia, Machares, Hieronimus, Judith, Barbara, Willibald bis auf das zuletzt geborne Mädchen Josefa, der eigentlichen Heldin unserer Geschichte, der wir ein neues Kapitel widmen wollen.
II.
S E F E R L E
Unter Donner und Blitz, unter den ungünstigsten Aussichten erblickte Seferle das Licht dieser Welt, und erhielt nebst der wenig nährenden Brust der Muter den unabweisbaren Zulp, den jedoch die Philosophie der letzteren nicht etwas mit Kandis oder Marzipan, sondern einfach mit Kartoffeln füllte, der aber nichts desto weniger dazu beitrug, den kleinen Schreihals zum Schweigen zu bringen. In erster dunkler Erinnerung des Kindes schwebt die Abreise der beiden ältesten Brüder Amandus und Hieronimus, die ihrer Militärpflicht Genüge leisten mussten. Der Vater begleitete beide nach Wien. Sie neigten sich zu gleicher Zeit über das armselige Bettchen ihres Schwesterchens, und zwei heisse Thränen fielen zu gleicher Zeit auf beide Wangen des Mädchens.
Hieronimus fand bald in Belgrad im Spital seinen Tod, während Amandus nach dreizehnjähriger Dienstzeit, mit der silbernen und goldenen Tapferkeits-Medaille geschmückt, in der Schlacht bei Genua, in welcher er als Offizier freiwillig statt eines Kameraden ging, von einer Kanonenkugel mitten entzwei gerissen wurde.
Die zweite Erinnerung des Kindes umfasst die Erscheinung zweier Herren des Gerichtes, die die Pfändung der Hütte vorzunehmen hatten, da Stasel die Interessen für das ihr zu deren Ankauf vorgestreckte Kapital nicht aufzutreiben vermochte. „Jetzt ist’s Ernst, Stasel, „ meinten die Organe des Gerichtes, und unter bittern Thränen nahm diese Abschied von ihrem liebgewordenem Häuschen. Erstaunt erblickte Seferle, das sich zur Schürze der Mutter geflüchtet hatte, dem Treiben der beiden Männer zu, und fühlte die Zähren der Mutter tropfenweise auf den Scheitel fallen.
Gegen Abend wandert nun die von ihrem Herde gestossene Familie weiter, und findet bei einer mitleidigen Frau in einem Schoppen Unterstand. Nachts jedoch kommt halbbetrunken der Herr des Hauses, ein Hauptschuldner des inzwischen durch Stasels Umtriebe abgesetzten Richters, und tobt fürchterlich, als er von der neuen Einquartirung hört.
Vergebens war das Flehen der Armen, noch in der Nacht musste Stasel mit ihren Kindern den Wanderstab ergreifen und planlos weiter ziehen.
Wie bitter musste ein solches Leben der einstmal so angesehenen Brauerstochter erscheinen, wie viele Thränen kostete ihr in mütterlicher Selbstvergessenheit das Schicksal ihrer geliebten Kinder, das sie sich vielleicht früher glänzend ausgemalt haben mochte.
Nach langem Herumirren gelang es endlich des andern Tages der Armen, eine Wohnung in Premaried, eine halbe Stunde von Weiler entfernt, zu finden.
Sie bestand aus einem Dachstübchen; zu ebener Erde wohnten die Hausleute, und hier unten stand der grosse Ofen; ober diesem war ein Schieber angebracht, durch den die Wärme im Winter in die obern Regionen dringen sollte, die Leute unten liessen jedoch beständig den Schieber zu, und so verbrachte die arme Familie vor Hunger, Frost und Entkräftung einen förmlichen Winterschlaf, das Spinnen wollte mit den starren Fingern nicht recht vor sich gehen, bis das dort späte Frühjahr mit seinen erwärmenden Strahlen ersehnte Erlösung brachte. Die Kinder mussten sich jetzt bei Bauern verdingen und Vieh auf die Weiden treiben, die Mutter machte mit ihrme Gespunste kleine Reisen in die Umgegend, und hatte wenigstens nur für sich allein zu sorgen.
Auch unser winziges, kaum etwas über vier Jahre altes Sputele, musste die Aufsicht über eine fremde Kuh übernehmen, und sonderbar genug nahm sich die kleine Gebietherin aus, wenn sie mit ihrem Peitschchen das grosse Thier abzuhalten bemüht war, über den Zaun zu springen, um sich mit einer Nachbarin zu unterhalten.
III.
Das erste Jahr diente Seferle bei einem Schuhmacher, der sich in seinen Mussestunden mit Fangen der Mäuse beschäftifgte, daher ihm die Gewohnheit des Ortes mit dem Spitznahmen „Muser“ beehrte. Seinen eigentlichen Nahmen hörte man nie aussprechen.
Bei dieser Gelegenheit sei erlaubt, einer sonderbaren Art von Umschreibungen der Nahmen zu erwähnen, mit der sich die Leute bezeichneten. So wurde z.B. eine Frau Nahmens Barbara allgemein „Bärbele’s Man Wib,“ (Das Weib von Bärbels Mann) genannt, Murer’s Hans Hansjörgele war der Sohn eines Maurers, der seinen Familiennahmen vielleicht selbst nicht wusste.
Bease Josef wurde so genannt, weil er vom Besenbinden lebte. Dieser ein blödsinniger Bursche, wohnte eine Stunde ausser dem Dorfe. Einst war der Vater schwer krank, Josef lud ihn auf den Schlitten um ihn in die Kirche zu Weiler mit den Sterbesakramente versehen zu lassen; als er jedoch zur Pforte kam, bemerkte er zu seinem Schrecken, dass er den Vater verloren hatte; er kehrte sogleich zurück, und fand den armen alten Mann eine Strecke weit halbtodt im Schnee liegen; leider erzählt die Chronik nicht ,ob er dabei zu Grunde ging oder ob nicht etwa diese unfreiwillige Kaltkur eine Reaction in seiner Krankheit herbeigeführt habe.
I ndem Hause, in welchem der Böde seinen luftigen Wohnsitz auf hohen Dachfirste aufgeschlagen, diente Judith, die älteste Schwester Seferle’s, und wurde von den Mitbewohnern scherzweise stets das Bräutle Bease Josefles genannt, in welchem Scherz sie auch wacker einstimmte, den aber der Arme in seiner unglücklichen Einfalt für bare Münze nahm. Eines Sonntags jedoch kam dieser aufgeregt und verstört aus der Vesper nach Hause, warf ingrimmig Jacke und Hut auf den Tisch, und setzte sich schmollend in den entferntesten Winkel des Zimmers. Befragt von den Anwesen über sein sonderbares Benehmen, lalllte er mit stotternder Zunge: „Ju – Ju – Judithle, mit uns Zwei ist’s nichts!“ „Ja warum das?“ frugen ihn alle mit verstelltem Staunen und verbissenem Lachen, Judith mit scheinbarer Traurigkeit. „Ich ging heute hinter Dir aus der Kirche,“ erklärte nun Josef, „und sah Dich über einen groossen Hufnagel steigen, ohne dass Du ihn aufhobst, das gibt keine gute Wirtschaftlerin!“
Ein Glück, dass er nach diesen Worten das Zimmer verliess, denn das Gelächter brach nun los, und Judith hatte noch lange Zeit Witze und Sticheleien zu ertragen. Bease Josef aber lachte nie wieder.
Wenden wir uns wieder unserer Geschichte zu.
Fortsetzung

Europa

hier lesen
Ein ausgezeichneter Artikel über die Essenz Europas und die Begründung, bestimmte Bücher hervor zu heben, welche Europa in der Nachkriegszeit charakterisieren.
daraus ein Zitat:
Der große Europäer Paul Valéry, der in dem Jahr starb, in dem unser europäischer Kanon auf den folgenden Seiten beginnt, hat in seinem Essay Die Krise des Geistes im Jahr 1919 eine Definition des europäischen Geistes versucht, die noch vom letzten Abendsonnenschein des europäischen Weltmachtbewusstseins beglänzt war. Der europäische Geist, schrieb Valéry, beziehe seine welthistorische Einzigartigkeit aus genau drei Quellen. Erstens aus seiner Herkunft aus dem Römischen Reich und dessen Ordnungs- und Stabilitätssystemen. Zweitens aus dem christlichen Glauben, der gewissermaßen das Kulturprogramm des römischen Imperialismus wurde. Und drittens aus der griechischen Denkfabrik, die Rom in einer kultursynkretistischen Meisterleistung übernommen und weitergegeben hat.
etwas später folgt die Wirkung von Ausschwitz als Reduzierung der europäischen Stärke auf Null.
Lesenswert.

aufgezappt

„Es ist eine Schmerzhafte und… Zeit.“ berichtet die Ehefrau eines nicht Unbekannten über den derzeitigen Zustand.

Aufgeschnappt im Frühstücksfernsehen im Puls 4. Es ist das erste Mal, dass ich in einem Untertitel einen so „gravierenden“ Fehler entdecke.
Im Allgemeinen entdecke ich im Schriftverkehr oft eine unangebrachte Großschreibung eines Adjektivs. Ich selber bin manchmal zu faul, sie in einem SMS, wo sie sich aufgrund einer Vervollständigungsautomatik einschleicht, auszubessern.
Ist Ja In wirklichkeit Scheisegal!

1. Fortsetzung 1784

Was zuvor geschah
Seite 3,4 von 33
Man munkelte nämlich, die geheuchelte Liebe Judith’s zum assirischen Feldherrn sei hinter den Coulissen in eine zärtliche und wirkliche verwandelt worden.
Die Weilheimer aber liessen sich so leichten Kaufs nicht abweisen, sondern versprachen dem Haas, der sich oft rühmte, überall in Wien, selbst bei Hofe ganz gut angeschrieben zu sein, dreihundert Gulden Belohnung, wenn er vom Kaiser selbst die Erlaubniss dazu einholte.
Dreihundert Gulden! Das liess sich der nicht zweimal sagen, nichts war dem Manne erwünschter; in wenigen Tagen schon ruderte er gegen Wien, wo er alsbald sich zur Audienz meldete, und ein vom Schulmeister schön geschriebenes Memoriale, in welchem auf die ungeheuren Verdienste des Ortes angespielt war, und die Erfüllung des heiss ersehnten Wunsches ein Gnadenpfennig genannt wurde, erfurchtsvoll überreichte.
Lächelnd liess sich der Kaiser den etwas sonderbaren Wunsch vortragen,klopfte dann Haas vertraulich auf die Achsel, und sagte: „Nun Ihr’s als ein‘ Gnadenpfennig annehmen wollt, soll’s Euch bewilligt sein.“
Mit welchen Gefühlen Haas seine Rückreise mit der zwar kaiserlichen, jedoch bloss mündlich ertheilten Erlaubniss antrat, kann man sich nicht vorstellen. Im Geiste schon zählte er das Geld, und machte hunderterlei Pläne zu dessen Verwendung. Anderseits schmeichelte ihm die Herablassung des „Koischers,“ die er zu Hause in seinem Berichte wohl noch etwas herablassender gemacht haben mochte, als sie in der That gewesen.
Hocherfreut über dieses Resultat, bereitete die Gemeinde schon die Vorstellung auf den nächsten Festtag vor, als ein Rescript von Bregenz folgenden Inhaltes anlangte: „Von Sr. Majestät zwar bewilligt, von der Kreis-Regierung jedoch abgesprochen.“ Die Bauern glotzten einander an, und Haas sah seine schönen Schlösser in der Luft zerfliessen.
Drei Jahre blieb seine Ehe kinderlos, erst im vierten wurde ihm ein Knabe geboren, den er Amandus nannte.
Da traf ein harter Schlag sein thatkräftiges Weib, der Schwiegervater starb, und lange brauchte es, bis der Tochter Schmerz gedämpt war.
Bald sollten noch ärge folgen.
Eines Tages kam Ammann Blum aus Höchst zu Haas und bath ihn, seine zwei Buben gegen gute Bezahlung nach Wien zu bringen, wo sie „schtudieren“ sollten. Gerne war dieser dazu erböthig, gab ihm diese Ursache doch wieder Gelegenheit, seine gute Kaiserstadt zu besuchen.
Während seiner Abwesenheit tauchte plötzlich das Gerücht auf, Haas habe die Amtmann-Buben dem Juden zu kaufen gegeben. Das abgeschmackte Märchen fand bald den Weg zu den Ohren des Vaters, und – wurde von diesem würdigen Beamten auch gleich geglaubt.
Nun brachen der nur schlummernde Nei und die Missgunst mit einem Male über das verlassene Weib hervor, und es begann eine Reihe von Quälereien und Misshandlungen, dass sich die Feder fast sträubt, sie zu erzählen.
Von Seite der Gerichtsbarkeit wurde ihr das im Gasthause von den Zünften hinterlegte Silberzeug weggenommen, man sperrte und versiegelte das Schanklokale, böse Buben zeichneten Galgen auf die geschlossenen Fensterläden, Steine und manchmal brennende Strohbüschel flogen über’s Haus in den Hofraum, und alte Weiber schrien beim Thor hinein: „Gelt, schöne Wirthin, jetzt werden sie Deinen stolzen Mann hängen, der gar die lieben, unschuldigen Kindlein den Christenfeinden verkauft!“ Viele Bewohner des Dorfes machten lieber einen Umweg, als das Haus des Menschenverkäufers zu passiren, oder bekreuzten sich bei dessen Anblick, so dass das geängstigte Weib endlich selbst anfing, diesen Unsinn zu glauben, manche Nacht wandelte sie, da sie sich Tags nicht vor die Thüre zu gehen wagte, ihr Kind auf dem Arme, zum nahen reissenden Bache, ihrem gebrandmarktem Leben ein Ende zu machen; nur ihre tiefgewurzelte Religion hielt sie stets vor diesem verzweifelten Schritte ab.
Endlich kam der Mann zurück. Seiner Gewohnheit gemäss kehrte er bei einem Vetter, der beiläufig tausend Schritte ausser dem Dorfe wohnte, ein, um sich vorerst über den Gesundheitszustand seiner Angehörigen zu erkundigen. Seine Ankunft verbreitet sich mit Blitzesschnelle, und als Haas über die ausweichenden verlegen Antworten und die verwirrte Miene seines Vetters erschreckt, sich erhob, trat Ammann Blum in die Stube.
„Nun,“ sagte dieser, „was machen meine Kinder? Ich hab‘ gehört, Ihr hätt‘ sie dem Jude verkauft.“ Der Angeredete, glaubend, der Vater wolle einen Scherz machen, ging gleich darauf ein, und erwiederte pfiffig lächelnd:
„Ja freilich, ich hab‘ auch ein gut’s Stück Geld dafür kriegt!“ Da öffnete sich abermals die Thüre, und herein traten vier bewaffnete Gerichtsdiener, die den erschrockenen Mann in’s Gefängniss nach Ebenschwand, wo noch „Stock und Deage“ nach dem Ausdrucke der Zeitgenossen herrschte, führten, obwohl er an seiner Behausung vorüber musste, wurde ihm doch nicht gestattet, sein liebes Weib zu begrüssen, zu befragen, zu beruhigen. Stasel sah durch eine Thürspalte den Zug vorübereilen, und stürzte bei diesem entsetzlichen Anblicke ohnmächtig zusammen. Neun volle Wochen schmachtete der geängstigte Mann hinter Schloss und Riegel, während ein Bote vom Gerichte nach Wien reiste, um sich von der Unwahrheit des ausgestreuten Gerüchtes zu überzeugen, und die Kinder unversehrt ihrem Vater wie zurückzubringen, nach welcher Zeit Haas ohne die geringste Genugthuung in Freiheit gesetzt wurde.
Einen interessante Beleg zur damaligen und dortigen Gerichtspflege liefert der Umstand, dass schon während der Haft des vermeintlen Kinderhändlers der Richter von Weiler, ein einst abgewiesener Freier des Bräumeistertöchterlein und mithin Erzfein des Haas, alles Bewegliche fortschaffen liess und seinem Sohne zuwandte, der nun, ohne zu wissen wie, Wirth zur Krone und Herbergsvater wurde.
Jedem wurde, der vorgab, der Inhaftirte sei ihm Geld schuldig, die genannte Summe ohne den geringsten Ausweis, ja selbst ohne den Verhafteten nur zu fragen, von dessen vorgefundenem ersparten Vermögen ausbezahlt.
Dass dieses nur noch mehr zur Erbitterung der Parteien beitrug, ist selbstverständlich. So schrieb unter andern Stasel in einem Briefe an den Amtmann Blum: „Hoch vom Teufel angetriebener Herr Blum! Mich, meinen Mann und mein Kind habt ihr bereits an den Hirtenstab gebracht, nun treib Ihr’s so lange, bis Ihr uns an den Bettelstab seht!“ Und so kam es auch!
Fast das ganze Geld war auf die angeführte Art verschleudert und der elende Richter zu seinem Zwecke gelangt, dem Verhassten alle Mittel zu entziehen, selbstständig wieder auftreten zu können.
Augenblicklich war Haas wieder bereit, die 900 Meilen lange Strecke nach der Residenz zurückzulegen, um vom Kaiser selbst Satisfaction für die erlittenen Unbilden zu erlangen. Huldvoll wurde ihm Gehör geschenkt, und bald darauf der Bescheid erteilt, vom Amtmann Blum für jede Woche Untersuchungshaft hundert Gulden, mithin neunhundert Gulden Schadenersatz ansprechen zu können.
Jetzt ging eine grossartige Bestechung an, und viele, viele Körbe mit Lebensmitteln wanderten von Höchst nach Weiler zum Richter, zur Vertuschung der ganzen Angelegenheit, was auch insoferne erzielt wurde, als nach langem Prozesssiren und vielleicht zwanzigmaliger Reise der Frau Haas nach Bregenz die Leute nicht einen Heller von der Summe sahen.
Nach der Freilassung des Haas und nachdem sein Weib in Bregenz alle Hebel in Bewegung gesetzt hatte, kam eine Commission von dort nach Weiler, bestehend aus dem Syndikus, dem Stadtschultheiss und dem Landvogte. Der letzte, ein kleiner Mann mit ausdrucksvollen Augen und hoher geistvoller Stirne, stellte sich dicht vor den Richter und frug ihn mit durchdringender Stimme: „Gesteht Herr Richter! Habt Ihr das gethan, habt Ihr dem braven Mann sein Geld verschleudert, verschleudert an vermeintliche Gläubiger, die ihre Ansprüche gar nicht leitimiren konnten? Hab Ihr das wirklich gethan?“ Der rothköpfige Richter kaute verlegen an den Nägeln, und antwortete: „I woiss nit, es muss’s grad der Gerichtsschreiber than haben.“
„Das gibt einen Prozess“ entgegene verächtlich der Landvogt, „der in Bregenz ausgefochten wird!“
Fortsetzung

3. Fortsetzung 1784

Was zuvor geschah
Seite 7,8,9 von 33

Wenn Seferle während des kurzen Sommers, der sich in aller Pracht entfaltete, täglich auf ihrer Weide sass, nahte sich alsbald ein würdiger alter Geistlicher, Herr Pritz, der Kaplan des Dorfes, mit einem Gebethbuche in der linken, einer Peitsche in der rechten Hand, der, nachdem er die Messe gelesen, seine einzige Kuh auf die Weide führte. Er stellte sich dann gewöhnlich an den Zahn, der beide Plätze trennte, und sagte zur Kleinen mit salbungsvoller Stimme: „Alle’t beathe, all’t beathe, Sputele! (Alle Zeit bethen, Kind), es kimmt a lange, lange Ewigkeit!“ Dann öffnete er sein Buch und vertiefte sich in seine Lektüre, das Kind staunte ihn von der Seite an, und bethete wie ihr geheissen wurde; die Kühe schlossen halb die Augen, und besorgten ihre Wiederkäuungs-Geschäfte.
Die geneigten Leser werden sich noch des Fremden erinnern, der die Kunst des Spinnens in die dortigen Gegenden pflanzte, und sich nach Erreichung seines edlen Zweckes in andere begab, um sein schönes Wert der Barmherzigkeit auf die uneigennützigste Art im wahren christlichen Sinne fortzusetzen. Bald nahm nun ein unternehmender Mann diesen Geschäftszweig in grösserem Masstabe auf, liess in Weiler und in der Umgebung die Weiber den Winter hindurch fleissig spinnjen, und errichtete eine kleine Niederlage in einer Kammer des Schusterhauses, zufällig gerade neben der, in welcher das Kind jener Frau schlief, die den Impuls dazu gegeben! Hier war oft des Sommers hindurch ein grosser Vorrath aufgespeichert, den Herr Rädler, so hiess der Industrielle, bis auf Winterszeit fast gänzlich ausverkaufte, um dann wieder frische Wolle spinnen zu lassen, und sich auf diese Art ein immer beträchtlicheres Vermögen zu sammeln. Noch sind seine Nachkommen die Träger mehrer reellen und grossartigen Spinnerei-Firmen in Oesterreich.
IV.
Um ein Jahr älter, um keinen ganzen Zoll grösser, diente unser Sputele bei Murer Hans, dessen Häuschen auf einem Hügel des Nazaberges stand. Die Familie bestand aus Mann und Weib, ruhige, alte, ernste Leute, deren Thun und Lassen sich seit dem Tode ihres Sohnes Hansjörgele immer im selben Geleise fortbewegte, bis ein Ereigniss geheimnissvoller und romantischer Art die Ruhe der Wirtschaft auf kurze Zeit störte.
Die Leute erhielten einen Brief von unbekannter Hand, und da ein solcher etwas Unerhörtes war, trugen sie lange Bedenken, ihn zu erbrechen. Endlich that sich der Mann Gewalt an, das Siegel war gelöset, und – niegesehene Hierogliphen starrten die Verwunderten an. Nach einer verlegenen Pause fiel dem Weibe ein: „Kuhsputeles Mutter kann lesen!“ Kuhsputeles Mutter war flugs herbeigeholt, und entzifferte bald das kurze Schreiben.
Darinnen stand, dass sich kommende Nacht, Schlag 12 Uhr, die beiden Alten auf dem Kreuzwege im Wald bei Scheidegg einfinden sollten, um aus der Hand einer verschleierten, in einer Kutsche sitzenden Dame ein lebendes Kind zu empfangen. Hiebei sollten sie sich jedes Fragens oder Sprechens entschlagen.
Da noch dabei bemerkt war, es solle nicht ihr Schade sein, sich pünktlich einzustellen, entschlossen sich nach langem Zaudern die Bauersleute, dieser Weisung Folge zu leisten.
Sie machten sich auch, als die Glocke elf schlug, auf den Weg; mit Zittern und Bangen sah das auf dem Dachstübchen in dem einsamen Häuschen ganz allein gelassene Kind die alten Leute sich in der Richtung gegen den nahen Wald entfernen. Hell schien der Mond, lange konnte Seferle die beiden Gestalten mit den Augen verfolgen, bis sie zwischen den hohen Bäumen verschwanden.
Nach Verlauf von drei Stunden kamen die beiden Alten mit dem schreienden Beweis, dass der Brief wahr gesprochen, nebst einem Bündel feiner Wäsche zu Hause, dabei fand sich nebst einem Zettel, laut welchem das drei Monat alte Kind noch nicht getauft war, ein ansehnlicher Geldbetrag, der Pfarrer wurde in die Mitwissenschaft gezogen, das Kindlein Fundus getauft, und nun hatte Seferle die Aufsicht über ein zweites Wesen zu übernehmen.
Es war ein wunderschönes Kind, dessen Züge von edler Abkunft zeigten. Später wurde es, vielleicht schon an mildere Sorge oder an milderes Klima gewühnt, kränklich, und starb nach langem Leiden, ohne dass sich irgend wer jemals mehr darum bekümmert hätte.
In einer finsteren Nacht wurde plötzlich das ärmliche Dachzimmer, worin Seferle von schönen Dingen träumte, durch hellen Schein erleuchtet; diese sprang erscheckt mit beiden Füsschen zugleich aus ihrem Bette.
Da vereinte sich das Läuten der Sturmglocke mit anderm verworrenen Lärm, kein Zweifel, es brantte im Dorfe! Seferle eit an’s Fenster, und siehe, einie 1000 Schritte vom Hause stand die Mühle zu Rothach in hellen Flammen.
Sie neigte sich so tief als möglich aus dem Fenster und rief mit zarter Stimme, um die Leute nicht zu sehr zu erschrecken, hinab: „Hans Jörgerle, Hans Jörgerle! In der Mühle z’Rothach brinnt’s!“ Bald hörte sie unten murmelnde Stimmen, die Alten standen auf, zogen sich an, und wieder sah Seferle die Leute bei Nacht aus dem Hause gehen, die beiden Kinder sich allein überlassend. Doch hatte das fremde Schauspiel etwas Anziehendes für Seferle, das sie von der eigenen, gefahrvollen Lage abwandte. Bald krachte das obere Stockwerk der Mühle und stürzte mit fürchterlichem Getöse zusammen. Sprang eine Gans oder ein Schwein, vom Feuer angezogen, in dasselbe hinein, da prasselte es frisch und lustig von neuem empor, die Brunst verzehrte das ganzeGebäude bis auf den Grund nebst allen Vieh, aller Einrichtung, das im Keller verwahrte Silber lag des anderen Morgens in wenig geschmolzenen Klumpen herum.
Gleich bei Beginn des Feuers bemerkte Seferle einen Mann beim Hause vorbei der Mühle zu fliegen, die Hände schlug er oftmals über den Kopf zusammen, und jammerte: Jesus Maria, Jesus Maria.
Es war der reiche Müller selbst, der einige Stunden vorher im Wirthshause äusserte: „Wenn mir heute Haus und Hof verbrinnt, bin ich doch noch reicher als Ihr Wilhoimer All‘!“
Als aber darauf die Wirthin mit den Worten in’s Gastzimmer trat: „He Müller, in Deiner Gegend brinnts, „ entgegnete der Prahlhans: „Es wird wohl so a Beattler Hütte sein, mein Alewise (Alis) hat mir schon oft versprochen, alle anzünden z’wollen.“ Es standen nämlich um seine Mühle fünf oder sechs arme Keuschen.
Als aber dann die Kunde kam, diese selbst brenne, da stand der zum Tode erschrockenen Mann auf, und schlich ohne ein Wort mehr zu verlieren zur Thüre hinaus. Draussen jedoch eilte er seinem bedrohten Eigenthum mit schnelleren Schritten zu, und stürzte beim Anblick der rauchenden Trümmer überwätigt zusammen.
Vieles hätte gerettet werden können, viel hätte dem Brande Einhalt gethan werden können, aber der Müller war theils seines Reichthums, theils seiner Prahlsucht wegen verhasst, und so umstanden die Weilheimer plaudern die brennende Stätte, und zündeten lachend ihre Pfeifen mit den glühenden Kohlen an, ohne eine Hand zum Retten zu heben.
Des andern Morgens war der Müller ein Bettler.
Der Brand war in Folge der Unvorsichtigkeit eben desselben Alwise ausgebrochen, der so frech sich brüstete, andern eine Grube graben zu wollen. In der Hütte nebenan wohnte nämlich eine arme Familie, deren Oberhaupt diesen Abend betrunken nach Hause kam, und aus Gewohnheit seine Ehehälfte arg durchprügelte. Alewise hatte gerade im Stalle die Pferde gefüttert, als das Geschrei des Weibes herübertönte. Er hing die Laterne an einen Nagel, und schlich sich zum Nachbarfenster, und sah eine Zeitlang dem Kosen der Eheleute zu. Mittlerweile war die Kerze herabgebrannt, fiel auf’s Stroh und im Nu stand der Stall in hellen Flammen, nicht ein Pferd konnte mehr gerettet werden.
Wir leissen unser armes Sputele allein.
Bald nach dem Fortgehen des Maurers und seines Weibes, hörte es unter an der Thür heftig rütteln, als ob Jemand diese mit Gewalt öffnen wollte, da kletterte Seferle in fürchterlicher Angst, da sie der Finsterniss wegen unten nichts unterscheiden konnte, auf das Fensterchen, fest Willens, bei einem Eindringen eines Räubers in ihre nur durch das Strumpfbändle zugehaltene Behausung auf den Klafter tief unten liegenden Düngerhaufen hinabzuspringen. Nach einigen peinlichen Minuten hörte sie mit erleichtertem Herzen deutlich den Störenfried sich entfernen.
Erst des andern Tages klärte sich der Vorfall auf, das Weib kehrte auf halben Wege um, um etwas Vergessenes zu holen, konnte aber nicht hinein, da der Mann die Schalle abgezogen und zu sich gesteckt hatte, versuchte sich aber dennoch durch vielles Rütteln an der Thüre Eingang zu verschaffen, was ihr jedoch, wie wir gesehen haben, nicht gelang, und was vielleicht ein Menschenleben gekostet hätte. –
V.
Zwei Sommer diente Seferle bei Maurer Hans Jörgerle, das nächste Jahr beim Küfer.
Hier war es schon etwas schwieriger. Der Küfer war ein vermöglicher Bauer, dessen Kuhsputele 6 Stück Vieh unter Aufsicht halten musste.
Er war ein kleiner heiterer Mann, sein Weib eine grosse ernste Frau, von unheimlichem Benehmen.
Eines Morgens sagte Sirene, die Tochter zu Seferle: „Treib heute die Kühe auf die Weide am Littebiehl.“
„Am Nazaberg!“ entgegnete hastig die Mutter, „nein, am Littebiehl, „wiederholte die Tochter, und „am Nazaberg“ wollte die Alte.
So stritten die beiden Frauen, und Sputele wusste nicht, wem folgen.
Plötzlich stiess die Mutter einen gellenden Schrei aus, der Schaum trat ihr auf die blutigen Lippen, mit entsetzlichen Geberden wand sie sich auf der Erde.
Das Kind floh erschreckt aus der Stube, und trieb die Kühe auf neutralen Boden, als es Abends mit seinen gehörnten Unterthanen nach Hause kam, war Alles wieder in seinem gewohnten Gange, nur sah die Frau noch bleicher, noch ernster aus. Öftere Male wiederholte sich dieser grässliche Zustand, ein qualvoller Anblick für das gunge Geschöpf.
Die Mutter wohnte jetzt in einer Hütte des Thales, die Hafnerhütte genannt. Zu beiden Seiten des Thales erhoben sich die Berge, auf denen sich die Weiden ihrer jüngsten Kinder Seferle und Wilibald befanden.
Alle Samstage erhielten beide Kinder von ihren betreffend Herren Butterbrot. Da liefen die braven Kleinen auf ihre Weiden, von wo sie einander sehen konnten und die frischen Stimmer johlten: „Jopahleh! Hast schon z’Morge ‚gesse?“ Zurück kam die Antwort: „Jopahleh! Grad hab i’s g’schmalz’ne Brödle kriegt!“ Worauf hinüber telegrafirt wurde: „Jopaleh! D’vorig Woch hast Du’s gschmalzne Brödle dem Muatterle bracht, heut‘ bring‘ ich’s!“ „Jopahleh,“ tönte es von drüben als Einwilligung, und etgegen flogen sich die Geschwister, das eine Kind, an dem heute die Reihe war, nahm des andern Butterbrot, klebte beide zusammen, und lief, was die Füsschen konnten, den Berg hinab zur theuern Mutter. Die nahm eine Schale, kratzte mit einem Messer die Butter ab, mit welcher sie sich die ganze kommende Woche die Wassersuppe fett machte, gab das Brot dem Kinde zurück, und nach einem herzlichen Abschied lief dasselbe wieder dem Dienstorte zu. Auf dem Wege dahin verzehrte es mit wahrer Wollust das noch immer fette Brötchen.
Gottes reichster Segen überschütte Euch, theure Kinder, dachte die gerührte Mutter, dem Kinde so lange nachsehend, bis es verschwunden war, dann blickte sie stolz und dankbar gegen Himmel.
Fortsetzung

Europa

hier lesen
Ein ausgezeichneter Artikel über die Essenz Europas und die Begründung, bestimmte Bücher hervor zu heben, welche Europa in der Nachkriegszeit charakterisieren.
daraus ein Zitat:
Der große Europäer Paul Valéry, der in dem Jahr starb, in dem unser europäischer Kanon auf den folgenden Seiten beginnt, hat in seinem Essay Die Krise des Geistes im Jahr 1919 eine Definition des europäischen Geistes versucht, die noch vom letzten Abendsonnenschein des europäischen Weltmachtbewusstseins beglänzt war. Der europäische Geist, schrieb Valéry, beziehe seine welthistorische Einzigartigkeit aus genau drei Quellen. Erstens aus seiner Herkunft aus dem Römischen Reich und dessen Ordnungs- und Stabilitätssystemen. Zweitens aus dem christlichen Glauben, der gewissermaßen das Kulturprogramm des römischen Imperialismus wurde. Und drittens aus der griechischen Denkfabrik, die Rom in einer kultursynkretistischen Meisterleistung übernommen und weitergegeben hat.
etwas später folgt die Wirkung von Ausschwitz als Reduzierung der europäischen Stärke auf Null.
Lesenswert.

in der Kürze liegt die Würze

Wenn ein Eintrag fünf unterschiedliche Kommentare von mir hervorruft, könnte er vielleicht von allgemeinem Interesse sein, vor allem, weil der Eintrag selbst recht kurz formuliert ist.

Farben

Im Jahr 2007 traf ich bei einer Konferenz und der damit verbundenen Herstellerausstellung auf eine Firma, die ein sehr hübsches Give-Away hatte. Keine Zuckerln, Kugelschreiber oder Mozartkugeln, wie wir selbst sie immer dabei haben, sondern ein sehr empfehlenswertes Buch von Marco Wehr Welche Farbe hat die Zeit?. (ISBN 978-3-8218-5793-0) Es tat nichts zur Sache, dass dich das Buch gerade erst vor kurzem gekauft hatte, da es im Radio beschrieben war.

Um ganz andere Farben geht es beim Anlass zu diesem Beitrag. Vor wenigen Tagen sah ich im Fernsehen einen Film, von dem ich den Text nicht verstand, weil ich den Ton nicht hören konnte, die Untertitel aber auch nicht verstehen konnte. Trotzdem war ich ziemlich sicher, dass es sich um eine Verfilmung eines Terry Pratchett-Romans handeln musste. Als ich dann auf kyrillisch „Rhincewind“ ausmachen konnte fand ich meine Bestätigung.
Heute schalte ich zufällig auf ATV und finde den gleichen Film im österreichischen Fernsehen. (Er wurde 2008 als Zweiteiler für Sky gedreht.)
Ich habe keine Zeit, ihn mir in Ruhe anzusehen. Ich sollte eigentlich schon längst in der Firma sein.
Doch erinnere ich mich mit Vergnügen daran, mit welcher Begeisterung ich die ersten Romane von der Scheibenwelt gelesen habe. Die ersten zehn habe ich verschlungen, später war ich nicht mehr ganz so gefesselt, obwohl sich am Stil nicht viel verändert hatte.
Sehr hübsch ist im Film die laufende Truhe gezeigt, die ich mir auch wirklich so vorgestellt hatte.
Der erste Roman von der Scheibenwelt heißt Die Farben der Magie und ist als Einstieg auch hervorragend geeignet um sich mit dem Stil des Autors anzufreunden.
Aber wem schreibe ich das. Ich denke, dass die meisten meiner Leserinnen und Leser einige Bücher Pratchetts kennen werden.

Jugendgeschichte 1784

Im Nachlass meines Großvaters fand sich einst eine Geschichte, mit einer alten Schreibmaschine getippt, auf so dünnem Papier, dass es sogar den Mäusen gut geschmeckt zu haben scheint.
Ich selbst habe schon einmal die erste Seite auf einer der ersten mit speicher versehenen Schreibmaschinen (ich glaube, es war eine Philips) abgetippt. Damals blieb es dabei. Die Geschichte ist aber einfach zu urig, um in Vergessenheit zu geraten.
Es handelt sich um meine Vorfahren und die Geschichte selbst hat auch einiges zu bieten.
Ich tippe sie jetzt ab und behalte dabei sowohl die Schreibweise als auch einige Fehler, die vermutlich unbeabsichtigt beim ersten Tippen vor vielleicht 60 Jahren entstanden sind. Ebenso behalte ich gesperrte Namen bei. Die einzige Änderung, die ich mir erlaubt habe, ist das Anfügen eines Leerzeichens nach Beistrichen, von denen einige auch einmal fehlen.
Viel Spass beim Lesen.

Seite 1 und 2 von 33.
Jugendschichte
Unserer theuren Mutter
J O S E F A S W O B O D A, geborene H A A S,
zu W e i l e r bei Bregenz
Vorarlberg’schen am 20. November 1784 geboren. –
Ihren Nachkommen erzählt in schlichter, wahrgetreuer Weise von ihrem sie hochverehrenden Sohne L O U I S.
I.
E i n l e i t u n g .
An einem heissen Sommer-Mittage des Jahres 1762 trat ein hübscher Bursche mit einem Ränzel am Rücken in die Gaststube des Brauhauses zu Weiler, einem Marktflecken bei Bregens im Vorarlbergischen.
Hitze und Müdigkeit liessen ihn kaum die schmucke Dirne beachten, die ihm das auf seinen Wunsch frisch aus dem Keller geholte Bier kredenzte. Erst, nachdem er seinen Durst genügend gestillt, weidete sich sein Auge an dem hübschen Gesichtchen und den gefälligen Formen des geschäftigen Mädchens, und bard ward die Bekanntschaft näher gemacht.
Die schöne Dorfhebe war die Tochter des reichen Braumeisters Linder, Anastasia, der Fremde dagegen nannte sich Haas und gab vor, Handel mit allerlei Artikel zu treiben, was auch der Zweck seiner Ankunft im Flecken wäre.
Des fremden Händlers Anwesenheit im Dorfe verlängerte sich nun sonderbarer Weise über die Massen; oft sprach er im Brauhause ein, und wusste sich bald das Wohlwollen Aller von der Wirthschaft, besonders aber Stasels zu erwerben. Als er nun gar dem alten Linder erzählte, sein Bruder sei ein reicher Lederermeister in Wien, der ihn, seinen nächstem und einzigen Verwandten, bei einer allfallsigen Wendung seiner Verhältnisse nicht im Stiche lassen würde, als er endlich mit der Farbe herausrückte, und förmlich um die Hand der schönen Stasel anhielt, da lugte der Vater seitwärts zur lauschenden hocherröthenden Tochter, dann gab er lächelnd und freudig seine Einwilligung, seinen Segen. Haas nahm nun wirklich von seinem Bruder in Wien die für die damalige Zeit grosse Summe von achthundert Gulden zu leihen, und eröffnete unweit seines künftigen Schwiegervaters Hause ein Wirthsgeschäft, dass er zur „K r o n e“ nannte.
Bald wurde Hochzeit gefeiert, zum nicht geringen Aerger der Dorfburschen, denen der fremde Hoorzopfer, wie sie Haas seines gewaltigen Zopfes wegen nannten, das schönste Sputele weit und breit wegkaperte.
Die erste Zeit ihres Ehestandes schwand dem neuen Paare in Wonne und Freude dahin, bald jedoch wurde dem Manne die Stube zu enge, die alte Gewohnheit des Wanderns von einem Orte zum andern machte sich abermals geltend. Er fieng seinen Handel wieder an, mit Käse, Schnecken u.s.w., die er nach Wien in einem Flosse auf der Donau transportirte, und dort gut absetzte: sein Fahrzeug verkaufte er dann und machte die Heimreise meist zu Fuss.
Da er jedoch dabei selbst viel verbrauchte, unter welchen Ausgaben der Wein nicht die kleinste Rolle spielte, so trugen diese Reisen wenig Gewinn.
Auch nahm er öfters Leute, die nach Wien zu reisen wünschten, in seiner Zille gegen geringes Entgeld mit. So brachte er auch unter andern den durch sein tragisches Ende bekannten Abbé B l a n k, seinen nächsten Nachbar in Weiler, an dessen unglückseligen Bestimmungsort.
Sein junges Weibchen versah indessen recht gut die Wirthschaft. Von den damaligen und dortigen Gasthaus-Zuständen kann man sich einen Begriff machen, wenn man hört, dass die „Krone“ mit einem Eimer Wein ein Vierteljahr versorgt war, und wenn Jemand ein Glas Bier holte, gefragt wurde, ob zu Hause ein Kranker wäre der Bier brauchte. Jetzt ist diess freilich anders geworden.
Einstmals überredete er seine Frau mit ihm nach Wien zu fahren, da der Bruder ohnediess neugierig wäre, seine neue Schwägerin kennen zu lernen, wozu sie sich auch gerne bereit erklärte.
Sie kamen einige Tage vor dem Rohnleichnams-Feste in der grossen Stadt an, und wohnten dieser Feier auch bei, nachdem ihnen der Schwager einen recht guten Platz „zum Sehen“ verschafft hatte.
Als Kaiser Josef II. hart an ihnen vorüberging, blieb er, angenehm überrascht beim Anblick seiner in ihrem schönsten Schmucke, im knappen brennrothen Mieder mit silbernen Spangen eingezwängten wunderhübschen Unterthanin einen Moment stehen, worüber diese über und über erröthete, und in ihrer Einfalt schon glaubte, der Monarch wolle sich in eine Unterredung mit ihr einlassen.
Dass alle diese früher nie gesehenen Herrlichkeiten viel und auf lange Zeit Stoff zur Unterhaltung nach ihrer Rückkehr gab, kann man sich leicht vorstellen.
Eines Morgens sah man in Weiler Jung und Alt an einer Mauerecke stehen, und auf ein beschriebenes Blatt Papier gaffen.
Sobald wieder ein neuer Ankömmling die Versammlung zahlreicher machte, und des Lesens unkundig, die Nächststehenden neugierig befragte, was auf dem Zettel dadroben stehe, wurde ihm angedeutet, es werde nächsten Sonntag in der Kirche Komödie gespielt. Ein Schöngeist, der sich besonders wichtig zu machen bemüht war, las alsbald mit lauter Stimme die Anzeige dem Volke vor: „Sonntag den so und so vielten, wird in der Kirche zu Weiler aufgeführt die schöne aber furchtbare Geschichte aus dem alten Testamente von J u d i t h und H o l o f e r n e s.“
Die gottgefällige Mörderin gab ein schönes, junges Weib aus dem Dorfe, unserer Stasel war Episonden-Rolle der verführerischen Welt zugedacht. Wunderbar schön, mit aufgelöstem Haar, mit Flitter aller Art bedeckt, trat letztere Sonntags bei gedrängt vollem Gotteshaus vor den Sünder Philotea, der, ein blasser Jüngling, mit Rosenketten an den Stuhl gebunden, mit wehmüthiger Stimme sang:
„Ach wie hart bin ich gebunden
Durch des Teufels Kett‘ und Band‘,
Wenn Einer meint, er woll‘ nur scherzen
Bring lauter Gift, bringt lauter Schmerzen.“
„Steh‘ auf, Philotea,“ lockte die Verführerin, steh auf vom Schlafe Deiner Sünden, wir wollen unsere Häuser mit Raub füllen, wir werden Alles Köstliche und Gut’s geniessen, wag’s mit uns, es soll uns Allen Ein Säckel sein.“ Dabei schüttelte sie einen Beutel mit Spielpfennigen gefüllt, hoch in der Luft ober ihrem Kopfe.
Ein Schauder durchlief bei diesen Worten das Publikum, und als dann Judith erschien mit dem blutigen Haupte des Holfernes, als ihre Dienerin vor ihr niedersinken wollte, und Judith deren Ueberschwenglichkeit mit den Worten Einhalt that: „Schweig Afra, nicht ich, sondern die Hand Gottes hat es gethan,“ da brach der Beifallssturm von allen Seiten los, und wollte schier kein Ende nehmen.
Und einstimmig wurde die Wiederholung an dem nächsten heiligen Tag verlangt; anders jedoch war es im Rathe zu Bregenz beschlossen. Von dort gelangte ein Befehl in die Gemeinde, wornach jede fernere Schaustellung aus Sittlichkeitsrücksichten zu unterbleiben hat.

Fortsetzung




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