Archive for the ‘Leben’ Category

Frauen und Gewalt

Die Mutter des Dreijährigen, der von einem 26-Jährigen umgebracht wurde, wird angeblich auch unter Anklage gestellt. Vernachlässigung der Obsorge oder ähnlich.
Die Mutter tut mir leid. Ich kann mir nicht vorstellen, wie es ist, selbst geschlagen zu werden und trotzdem den Mann im Haus zu behalten, ihm das eigene Kind anzuvertrauen, wenn ich weiß, dass er gewalttätig ist. Da muss viel andere Verzweiflung und Druck aufgebaut worden sein – oder auch unbeschreibliche Angst, dass hier kein rechtzeitiger Ausweg gefunden werden konnte.

Frauen können aber genauso gewalttätig werden. Wobei die Gewalt gegenüber ihren Männern schon Teil von Untersuchungen geworden ist.
Aber es gibt Gewalt gepaart mit Dummheit verursacht durch fehlendes Verständnis und/oder einfach Idiotie.

Ich beobachte eine Frau am Fahrkartenautomaten der ÖBB. Sie will ein Retourticket kaufen. Sie drückt die entsprechenden richtigen Berührfelder am Schirm, es kommt die „Busy“-Anzeige, die ihr aber zu lange dauert. Sie wiederholt das Drücken der gewünschten Funktion. (Das kann – muss aber nicht unbedingt – bedeuten, dass der Vorgang neu gestartet wird. Man kann auf diese Weise den Automaten immer beschäftigt halten, ohne je auf einen grünen Zwei zu kommen.)
Nach dreimaliger Wiederholung prügelt sie auf den Bildschirm ein und tritt gegen den Rahmen des Automaten.
Die Frau ist ca. 50. Sie ist wahrscheinlich keine Computer-Benützerin. Sie stellt sich wohl vor, dass im Inneren des Automaten ein kleiner Mensch sitzt, der an der „Busy“-Anzeige kurbelt und nicht weiter tut.
Irgendwann startet sie ganz von vorne und das Spiel wiederholt sich. Ich bin mittlerweile begeistert wie robust der Touch-Bildschirm ist. Nach drei Minuten hat sie es geschafft.
Ich brauche zwar nur das einfache Ticket, aber das kommt problemlos nach 17 Sekunden heraus. (Ich stoppe extra, weil es mich einfach interessiert.)
Technisch gesehen war der Automat tatsächlich langsam, was allerdings nur an der Online-Verbindung zu liegen scheint. Offensichtlich werden bestimmte Inhalte der Verbindungen nachgeladen. Er war aber nicht übermäßig langsam.
Sozial gesehen habe ich mich gefragt, ob ich die Frau aufklären soll. Während ihrer Automatenprügeleien wollte ich nicht dazwischen reden, sonst hätte vielleicht ich eine abgekommen. Nachher habe ich noch kurz überlegt, aber dann Abstand genommen, mich zu bemühen. Sie hätte mich in ihrer Gemütslage höchstens als Besserwisser oder als Vertreter ihres „Feindes“ beschimpft.
Ehrlich gesagt kann ich ihre Aufregung verstehen. Ich bin manchmal ebenfalls von den Dingern frustriert. Aber mir würde nie einfallen, gegen den Automaten gewalttätig zu werden – nicht einmal, um mich abzureagieren.
Sollte die Frau aber einmal ein Enkelkind erschlagen, werde ich mich fragen müssen, ob ich eingreifen hätte sollen. Vielleicht hätte ich sie anzeigen sollen – auf Verdacht zur Gewalttätigkeit.

Wie können wir in der heutigen Zeit zwischen vernünftiger Anteilnahme und Vernadertum überhaupt manövrieren?
Ich weiß es nicht.

Telefonieren oder Beethoven

Beethoven ist tot
Ich gehöre ja zu den Leuten, die sich über die technische Entwicklung in Hardware und Software lustig machen. Ein Handy muss um einen halben Millimeter dünner sein und irgendwie ein bisschen länger, breiter oder bunter. Eine diesbezügliche technische Weiterentwicklung wird von Menschen beschrieben, die noch nicht einmal den Unterschied zwischen einer Million und einer Milliarde kennen. (Quellen könnten beigebracht werden.)
Von den Beethoven-Klaviersonaten habe ich vier verschiedene Ausgaben, leider nicht alle vollständig. Eine Schnabelausgabe bekam ich in Moskau, allerdings nur den 2. Band.
Wenn man bei Doblinger, einer angesehenen Musikhandlung in Wien nachsieht, kommt man mit entsprechendem Suchen auf 3 verschiedene Versionen. Bei Amazon gar nur auf eine, die Henle-Ausgabe.
Interessanterweise steht bei Amazon ein Text, der mich sehr amüsiert hat.
„Beethovens 32 Klaviersonaten werden oft und gerne als das „Neue Testament der Musik“ (Hans von Bülow) bezeichnet. Unsere zweibändige Komplettausgabe wird seit ihrem Erscheinen von Fachleuten als zuverlässigste Urtextausgabe gewürdigt und begrüßt. IhrInhalt: Ein schier unerschöpflicher Reichtum an pianistisch-musikalischen Höhenflügen, überwiegend Werke von größtem Bekanntheitsgrad – etwa die Sonaten „Pathétique“, „Mondschein“, „Sturm“, „Appassionata“, „Waldstein“, „Hammerklavier“. Selbst wennman es nie komplett spielen wird (können), eine Anschaffung des „Neuen Testaments“ lohnt zweifellos immer, ob in Broschur, Leinen oder als Studienausgabe im Henle-Urtext.“
Aber was ersehe ich daraus? Klavierspielen ist out. Telefonieren in allen Variationen ist in.
Es ist schon interessant, was sich in den letzten 64 Jahren getan hat…

Zitieren

Man schreibt ja so manches in sein Blog. Wenn man aber Teile davon in einer Trauerrede wiederfindet, darf man davon ausgehen, dass man wenigstens einmal etwas Richtiges geschrieben hat.
Das ist ein schöner Gedanke zum ersten Adventsonntag.

Seelenwanderung

Es gibt Menschen, die wir in der Erde begraben; aber andere, die wir besonders zärtlich lieben, sind in unser Herz gebettet. Die Erinnerung an sie mischt sich täglich in unser Tun und Trachten, wir denken an sie, wie wir atmen, sie haben in unserer Seele eine neue Gestalt angenommen, nach dem zarten Gesetz der Seelenwanderung, das im Reich der Liebe herrscht.
[Honoré de Balzac]
Eine schöne Beschreibung, die mich vor allem deswegen überrascht, weil Balzac den Begriff der Seelenwanderung verwendet.
Der Anlass war das Begräbnis meiner Schwägerin, bei dem ich selbst nicht anwesend sein konnte, aber meine Frau sehr schön davon berichten konnte.
Eine Seitengeschichte dazu betrifft meinen Schwager. Der hatte bis jetzt eine sehr schwere Zeit gehabt, seiner Frau beim Sterben zuzusehen. Es geht ihm jetzt besser. Warum? Er ist Mitglied in drei Chören, an denen er jetzt wieder aktiv teilnehmen kann. Dort gibt es Freunde aber vor allem auch die Gelegenheit, seine Emotionen in der Musik auszuleben. Das ist schon ein sehr tröstlicher Gedanke.
Über meine verstorbene Schwägerin erzähle ich nichts. Sie war ein fantastischer Mensch, wie auch diie anderen Familienmitglieder, die ich kenne. (inklusive meiner Frau:) Man kann sich schwer vorstellen, wie viele Menschen bei der ersten Trauerfeier waren.
Was immer uns nach unserem Tod erwartet, mache ich mir um ihren Verbleib keine Sorge.

Ich Glückspilz

Es gibt Menschen, die legen sich Karten, andere schwören auf die Kabbala. Der Freitag der 13. wird mit Aberglauben belegt, es gibt Unglückssymbole und sämtliche Glaubensrichtungen verwenden spezielle Symbole, denen sie mystische Wirksamkeit zuordnen.
Ich kann mich als Glückspilz bezeichnen, denn ich stehe bereits seit meiner Geburt unter einem Glückssymbol. Das Symbol kenne ich erst seit etwas mehr als zwanzig Jahren und erst jetzt habe ich einen bestimmten Zusammenhang erkannt.
In einem Film kamen zwei chinesische Idiome vor, die mich beschäftigten. Ein Sprichwort sagt, dass der Irrtum des Augenblicks zur Sorge des Lebens wird. Das scheint recht tiefsinnig und es ist ein guter Ausgangspunkt, sich über bestimmte Schwierigkeiten im Leben klar zu werden. Darüber schreibe ich jetzt aber nicht.
Das zweite Idiom wurde als chinesisches Schriftzeichen gezeigt. Anscheinend ist es ein beliebtes Zeichen für Tätowierungen, denn ich fand im Internet die genaue Schreibweise. Schon bei der flüchtigen Ansicht im Film fiel mir auf, dass das Zeichen in meinen Namen vorkommt. Darum rankt sich eine kleine Anekdote.
Einmal war ich mit einem Kollegen und einer Musikliebhaberin in Okayama (zwischen Osaka und Hiroshima) beim Abendessen. Der Kollege hatte vier Jahre in Wien gearbeitet und fungierte auch als Dolmetscher. Irgendwie kamen wir auf Namen zu sprechen und wie sie auf japanisch geschrieben wurden. Die Namen von Ausländern werden in der Regel in der Silbenschrift Katakana geschrieben, die sonst für das Schreiben von Lehnwörtern verwendet wird. Irgendwie musste ich eine Bemerkung gemacht haben, dass die Namen der Japaner in der Kanji-Schreibweise viel besser aussähen. Die Dame bat um Entschuldigung und verließ unseren Tisch für ungefähr dreißig Minuten. Danach kam sie wieder und hatte eine kleine Schatulle in der Hand. Sie öffnete diese und zeigte uns, wie sie meinen Namen „erfunden“ und kalligraphiert hatte. Es waren drei Zeichen, die ich eifrigst studierte. Jetzt geht es nicht nur um die phonetische Schreibweise sondern auch um die Bedeutung der Zeichen. Mein japanischer Kollege schmunzelte und meinte, dass der Name eine sehr schöne Bedeutung hätte. Zwei Jahre später erfuhr ich, dass neben der mir damals mitgeteilten Bedeutung noch eine zweite, etwas anzügliche mitschwang. Auch mit der zweiten Bedeutung war ich sehr zufrieden, auch wenn ich verstand, warum Dolmetscherinnen manchmal lächtelten, wenn ich meinen Namen schrieb. (Tatsächlich verwendete ich auf sämtlichen Telefaxnachrichten nach Japan diese Zeichen als Unterschrift und ich hatte auch einen entsprechenden Unterschriftenstempel.)
Ich werde jetzt nicht den ganzen Namen erklären. Doch das erste Zeichen bedeutet soviel wie Frühling (japanisch haru). In beiden Auslegungen war der Frühling ein sehr gutes Symbol.
Doch seit heute weiß ich, dass das chinesische Schriftzeichen auch für Nutze die Gelegenheit zum Glück bedeutet.
Da ich meinen Namen schon mein ganzes Leben lang habe, stand ich also seit jeher unter dem Zeichen des Glücks. Ich bin der Aufforderung zwar nicht bewusst, aber sehr konsequent nachgekommen. Und es ist auch ein Ratschlag, den ich immer wieder einmal erteilt habe. Das Glück soll man nicht suchen. Es bietet sich selbst an, man muss nur die Gelegenheit ergreifen.

Paradies für Steppenhunde

Heute war ich bei einem Mathematiksymposium eingeladen. Die Vortragenden sprachen auf serbisch, was ich nicht verstand. Die Inhalte verstand ich, weil sie auf „mathematisch“ waren.
Für den Abend wurde ich zum Abendessen mit dem Dekan eingeladen. Bereits während des Symposiums wurde ich quasi als Ehrengast begrüßt, was mir ein bisschen peinlich war.
Doch beim Abendessen war der Umstand, nur von Mathematikern umringt zu sein, fast paradiesisch. Lauter Personen, mit denen ich mich verstehe. Es war lustig, festzustellen, dass ich zwar die Vorträge nicht verstanden habe, die Inhalte aber sehr wohl. LaplaceFi_istgleichNull, bin ich bereits vor 29 abgeprüft worden.
Und alle warten schon gespannt auf meinen Vortrag am Donnerstag.
Das Leben ist doch nicht so schlecht, oder?
Vorausgesetzt, man mag Mathematik:)))

Again on the road

Nachdem dieses Wochenende ja einem Arbeitsworkshop in Maria Taferl gewidmet war, sitze ich jetzt bereits wieder im Zug von St. Pölten nach Salzburg und fühle mich wohl.
Morgen wird zwar ein schwerer Tag werden, aber das gehört schon mal zu meiner Arbeit dazu.
Das Schachner-Hotel in Maria Taferl (http://www.hotel-schachner.at)
empfehle ich gerne weiter. Schönes, großes Zimmer mit Terasse und Ausblick auf die Donau, Tempur-Matratze und ausreichender Anzahl von Steckdosen. Mit allem Rund-herum würde ich es als 5-Stern-Hotel zu einem Preis betrachten, für den man in Wien nicht einmal 3 Sterne bekäme.
Obwohl das Gourmet-Restaurant noch nicht geöffnet hatte, war auch die „normale“ Küche vom Feinsten. Dazu kommt noch ein luxuriöser Wellnessbereich. Wenn man sich so wohl fühlen kann, denkt es sich gleich besser.
Die Bilder habe ich nur am Handy, die kann ich jetzt noch hereinstellen, aber auf der Homepage kann man sich ja ungefähr ein Bild machen.
Mir war es zu diesem Anlass möglich, meine Geschäftsideen vorzustellen und sie scheinen gut aufgenommen zu werden. Was es unter anderem bedeutet, sind noch viel mehr Dienstreisen. Aber ich betrachte dies jetzt alles gelassen, weil ich momentan das Gefühl habe, alles im Griff zu haben. Ich hoffe, ich kann mir diesen Eindruck erhalten.
Ein bisschen werde ich an mein Arbeitsleben erinnert, als ich wirklich vierzig war. Damals ging es mir so richtig gut und damals haben wir auch unser Haus renoviert, wie es von außen auch heute noch so aussieht.
Aber vor allem hat sich eines geändert: ICH LAUFE NICHT MEHR IRGENDWAS NACH.

Eine Un-Planung

1. Die Reise nach Dornach
[12.8.2016 Text um einiges ergänzt]
[15.8.2016 Text um einiges ergänzt]
[22.8.2016 Text um 1.5 ergänzt]
Es fällt mir schwer, einen geeigneten Titel für den folgenden Text zu finden. Daher wähle ich einen Arbeitstitel, der neutral keinen Hinweis darauf gegen kann, welche Bedeutung diese Reise hatte.
Es war keine geplante Fahrt, obwohl es eine solche hätte sein können. Meine Frau war eingeladen worden und ich hatte kurzzeitig überlegt, ebenfalls zu fahren. Allerdings hatten mich die hohen Kosten abgeschreckt. Die Urlaubsplanung für das laufende Jahr hatte bereits stattgefunden und die meisten Ausgaben schlugen sich schon auf meinem Konto nieder.
Wie es sich aber ergab, schien mir die Reise vorbestimmt zu sein. Denn die gewonnenen Eindrücke ließen nicht nur meine Frau als sehr zufrieden und in bester Laune zurück. Auch ich wurde zu Gedanken angeregt, welche bis zu meinem fünfzehnten Lebensjahr zurückführten.
Wie können sechs Tage, oder vielleicht auch sieben, einen derart starken Eindruck hinterlassen? Dieser Frage möchte ich nachgehen und dies geschieht am besten, wenn ich meine Reiseerinnerungen mit den allgemeinen Lebenserinnerungen vermische. Die Letzteren betreffen meinen Vater und die Spaziergänge vom Kahlenberg bergab bis zu unserer Wohnung im 19, Bezirk oder manchmal bis zum Zwischenhalt beim Heurigen.
Es gibt drei Worte, die zusammengehörig erscheinen: Goethe, Faust und Anthroposophie. Hierbei möchte ich bemerken, dass ich weder Anthroposoph noch Christ im üblichen Sinne bin. Mein Schwager diagnostizierte bei mir ausgeprägten Agnostizismus und mit dieser Darstellung kann ich gut leben.
1.1 Faust vor 50 Jahren
Von meinem sechsten bis zu meinem 28. Lebensjahr habe ich in Wien Döbling, einem Nobelbezirk, gewohnt. Den besonderen Status dieses Bezirks habe ich erst viel später zur Kenntnis genommen. Für mich waren der Wertheimsteinpark zum Fußball spielen und der Wienerwald zum wöchentlichen Spaziergang am Sonntag wesentlich. Meine Eltern gingen mit uns Kindern, in späteren Jahren nur mit mir, weil meine Schwester schon außer Haus war, auf dem Kahlenberg spazieren. Wir fuhren mit dem Autobus hinauf und spazierten dann zwei bis drei Stunden gemütlich hinunter.
Das Verhältnis zu meinem Vater war ein ausgezeichnetes. Zuhause spielten wir Schach und Go, oder wir musizierten gemeinsam am Klavier. Ich kann mich heute nicht mehr so genau erinnern, ob mir das Klavierspiel immer Spass machte. Heute bin ich dankbar dafür, wie viel Musikliteratur ich dadurch kennen und lieben lernte.
Auf den Spaziergängen erzählte mein Vater alle möglichen Geschichten. Unter anderem gab er bereitwilligst Auskunft, wenn ich ihn nach Büchern fragte. Wir hatten einen Bücherschrank, sehr schlank gehalten aus Nussholz mit einer Glasfront. Drinnen waren die Bücher meines Vaters. Er war besonders stolz auf eine Dünndruckausgabe aller Goetheschriften. Manchmal sah ich, was er las und ich fragte immer, was es für Bücher seien. Als ich einmal krank war, las mir mein Vater ein Märchen vor. Es war nicht irgendein Märchen, sondern das von Goethe.
Offen gestanden verstand ich das Märchen nicht. Mir gefiel die Sprache, und mein Vater konnte gut vorlesen, doch bis heute wusste ich nicht, wie wichtig das Märchen für Steiner und die Anthroposophie war.
Ich glaube, dass mein Vater damals noch nicht mit Anthroposophie in Berührung gekommen war, aber ich kann das heute nicht mehr rekonstruieren.
Einige Jahre später, auf einem Wienerwaldspaziergang, erzählte mir auf meine Anfrage mein Vater den Inhalt von Faust I und er berichtete auch über das Ende im Faust II. Besonderen Wert legte er auf den Passus mit dem Konjunktiv, der Mephisto verführt hatte, zu früh zuzuschlagen. Ebenso erklärte mir mein Vater den Trick mit den Banknoten, den Mephisto dem Kaiser erklärte. Diese Erklärung erfolgte allerdings zu einer Zeit, als Nixon noch nicht die Golddeckung aufgehoben hatte. Später als ich wirtschaftlich etwas mehr wusste und die Bedeutung der Golddeckung bzw. der fehlenden Golddeckung verstand, war ich verblüfft, dass das Schema bereits bei Goethe vorgekommen war. Noch viel später im Jahr 2001 oder 2002 erkannte ich, dass das gleiche Geldbeschaffungsprinzip von der Firma Enron angewandt worden war. Damals verloren einige Amerikaner ungefähr ein Drittel ihrer Pensionsansprüche, die in Blue Chips von der Regierung angelegt worden waren. Ich verstehe heute noch nicht, wieso sich die Amerikaner dies, ohne zu murren, gefallen ließen.
Immerhin fand ich die Geschichte vom Faust faszinierend und wurde in der achten Mittelschulklasse darin bestätigt, weil unser Deutschprofessor offensichtlich auch von diesem Werk angetan war. Ich erinnere mich noch heute daran, wie dieser Professor einmal explodierte, als er einen Mitschüler entdeckte, der unter der Bank Mathematikhausaufgaben machte. „Was, bei den schönsten Versen der deutschen Literatur, macht dieser Idiot Mathematik.“ Nun, aus dem Idioten ist trotzdem etwas geworden, aber die Begeisterung unseres Professors riss uns mit. Ein ganzes Drittel unserer Maturaklasse ergriff später einen Beruf, der unmittelbar mit der Sprache zu tun hatte.
1.2 Der Menscheitsrepräsentant
Zu dieser Zeit, als ich in der Schule mit dem Faust konfrontiert war, hatte sich mein Vater bereits mit der Anthroposophie beschäftigt. Ich möchte hier betonen, dass mein Vater niemals den Versuch unternahm, andere Menschen dafür zu begeistern. Ganz im Gegenteil lernte ich von ihm ein Prinzip, welches ich auch heute bestätigen würde. Religion ist eine sehr persönliche Angelegenheit. Aller diesbezüglichen Erkenntnisse muss sich der Einzelne selbst erarbeiten. Obwohl es Hilfestellungen geben kann, werden auf diese Weise alle dogmatischen Behauptungen jedweder Kirche ad absurdum geführt. Das bedeutet nicht, dass die Vertreter amtlicher Kirchen generell Idioten sind, die nur etwas nachplappern. Doch ein Glaube, der nur auf ein Gruppenverhalten zurückzuführen ist, kann schwer vernünftig sein. Ich habe später von einem Freund Canettis „Masse und Macht“ empfohlen bekommen und kann meine persönliche Meinung zurückblickend bestätigt sehen.
Letzten Endes hat mich das auch persönlich abgehalten, mich näher mit der Anthroposophie einzulassen. Ich sah sie als Sekte an, möglicherweise friedlicher als andere, doch genauso überzeugt von sich selbst, wie es auch andere sind.
Über dem Schreibtisch meines Vaters hing eine gerahmte Fotografie einer Holzplastik, welche der „Menschheitsrepräsentant“ genannt wird. Sie war nicht verbrannt, als das erste aus Holz gebaute Goetheanum in Flammen aufgegangen war. Diese Plastik, welche etwa 8 Meter hoch ist, war faszinierend. Ich kann mich aber nicht erinnern, dass mein Vater, der offensichtlich damals schon in Dornach gewesen sein musste, mir Näheres über die Skulptur erklärte. Heute kann ich nachlesen, dass in dieser Darstellung nicht nur Christus vorkommt, sondern auch zwei Gestalten des „Teufels“, Ahriman und Lucifer.
Wenn ich heute darüber nachdenke, meine ich, dass – soweit ich die Erklärungen über Ahriman und Lucifer richtig verstehe – Ahriman gerade in der heutigen Zeit großen Einfluss über die Menschheit genommen hat. Ich will hier aber nicht meine eigenen philosophischen Meinungen zum Mittelpunkt machen. Es genügt, hier zu erwähnen, dass die Fotografie eine große Ausstrahlung hatte.
1.3 Praktische Erfahrungen mit der Anthroposophie
Während die religionsphilosophischen Inhalte der Anthroposophie von mir nicht besondere Beachtung fanden, konnten mir andere Aspekte schon recht gut gefallen. Dazu gehörte vor allem die Ausbildung in den Waldorfschulen. Ich selbst war in ein stinknormales Bundesrealgymnasium gegangen, welches einige Besonderheiten aufwies. Erstens war das Schulgebäude erst ab meiner dritten Mittelschulklasse verfügbar. Es entstand mit Hilfe großzügiger Spenden der Elternschaft und auf Betreiben eines extrem rührigen Direktors. Vorher waren die Klassen des Gymnasiums auf Schulen in der Nachbarschaft verteilt gewesen. Zweitens waren unsere Professoren in der Mehrzahl wirklich begeisterte Pädagogen, die in einigen Fächern die Begeisterung in uns Schülern wecken konnten.
Trotzdem war ich mit meiner Schule unzufrieden. Ich war unterfordert worden, was sich in meinen Betragensnoten durchaus niederschlug. Lauter Sehrgut, nur in Betragen Gut und einmal im Trimester sogar Befriedigend. Es gab damals keine Höchstbegabungsschulen. Popper kam erst später. Daher hatte ich trotz meines Auflandaufenthalts das Gefühl, dass ich mehr hätte lernen können. Als Anekdote kann ich hier Folgendes erwähnen. Zweimal bekam ich in Mathematik eine Strafaufgabe, von zwei verschiedenen Professoren. Beide Male war die Aufgabe die gleiche. Ich sollte alle Beispiele im Mathematikbuch rechnen. Die größte Enttäuschung war jeweils, dass die Professoren meine Strafe gar nicht ansahen oder würdigten. Ja, ich weiß schon, dass Du sie alle gerechnet hast. Hatte ich und ich hatte in der Regel nicht viel Zeit benötigt.
Ich hätte also in meiner Schulzeit viel mehr lernen können, ich war ja neugierig. Allerdings kann ich behaupten, dass meine Jugend eine sehr schöne war.
Als ich über das Ausbildungsschema der Waldorfschulen hörte, war ich verblüfft, dass man auch so unterrichten konnte. Ein paar Jahre später entdeckte ich einmal eine Studie, die die beruflichen Aussichten von Waldorfschülern untersucht hatte. Die statistischen Erhebungen zeigten keine signifikanten Unterschiede zu den Absolventen von staatlichen Schulen.
1.4 Konsequente Anwendungen
Der Titel dieses Kapitels ist eigentlich falsch. Konsequenz würde bedeuten, dass ich persönlich bestimmte Dinge aufgenommen habe und danach gehandelt habe. In Wirklichkeit war es ein Zusammentreffen von äußerst unzusammenhängenden Ereignissen, die sich plötzlich zu einem gemeinsamen Bild fügten.
Der ursprüngliche Auslöser war ein Heurigenbesuch mit meinen Freunden und Studienkollegen in Wien. Einen Heurigen muss man sich heute als ein reduziertes Gasthaus vorstellen, welches, wenn es ein wirklicher Heuriger ist, den Wein ausschenkt, den der Winzer selbst erzeugt hat. Der besagte Heurige war damals ein „in“-Lokal, zu dem man nicht einfach fahren konnte. Vom Parkplatz bis zum Lokal, bzw. zu den Bänken im Gastgarten war noch rund ein halber Kilometer zu Fuss zurückzulegen. An diesem Abend trafen wir einen angehenden Kapitän aus Bremen, der uns vom Anheuern als Leichtmatrose auf den Überseedampfern vorschwärmte. Er ermöglichte auch, seine Unterkunft am Westerdeich zu bewohnen, da wir uns tatsächlich vier Mann hoch dafür begeistern ließen, Ende Juni nach Bremen zu fahren und unser Glück zu versuchen.
Es war 1970 bzw. 1971 ein Jahr der Rezession. Wir hätten möglicherweise auf der Fähre Bremerhaven-London anheuern können, aber das war uns zu minder. Nachdem wir einen Monat lang jeden Morgen zum Überseehafen gepilgert waren, ging uns langsam das Geld aus und wir mussten uns um Arbeit umsehen. Ich muss mich heute noch für die freundliche Beratung der Dame am Arbeitsamt bedanken. Sie versorgte meinen Freund, der einen chilenischen Pass hatte, obwohl er seit Jahren in Österreich gewohnt hatte, mit einem Job, was nicht so einfach war. Und sie empfahl mir, die Arbeit anzunehmen, die mich ins Haus meiner späteren Schwiegereltern führte. Ich war ja nur bereit, Tagesjobs anzunehmen, da „vielleicht morgen schon mein Schiff gehen würde“. Ich renovierte das Zimmer meines späteren Schwagers, der gerade ausgezogen war. Anscheinend fiel meine Arbeit zum Gefallen aus und ich bekam weitere Arbeit in Aussicht gestellt, „sofern mein Schiffsfahrplan es zulassen sollte“. Nun, im Zuge dieser Ferien wurde das ganze Haus neu ausgemalt, die Fenster neu gestrichen und die Uhren repariert. Also eigentlich war es nur eine, nämlich die Pendeluhr im Esszimmer, aber ich war damals spezialisiert auf die Reparatur dieser Uhren. Dieselbe bestand nämlich ausschließlich aus dem Zerlegen der Uhr, dem Baden aller Einzelteile in Benzin und dem anschließenden Zusammenbau. Das hatte ich schon in Wien mit einigen Uhren durchgeführt, daher betrachtete ich mich als Spezialist.
Eine Woche vor der Geburtstagsfeier meiner späteren Schwiegermutter sah mich meine Frau zum ersten Mal. Sie sah mich, ich konnte sie nicht sehen, denn ich war gerade mit einem Brahms-Intermezzo am Klavier beschäftigt. Fünfundvierzig Jahre später, nach dem Besuch in Dornach hörten wir im Radio einen Ausschnitt aus dem „Deutschen Requiem“ von Brahms. Ich fragte meine Frau, ob wir auch verheiratet wären, wenn ich etwas anderes gespielt hätte. Angeblich hätte es auch etwas anderes sein können.
Nach dem Geburtstag, der eine Woche später gefeiert wurde, lud ich sie zu einem Rendezvous ein. Der Rest ist eine andere Geschichte, die zwar romantisch und nett einige Überraschungen ausweist, aber hier nicht zu diesem Text gehört.
Was allerdings eine Rolle für unsere Ehe spielte, war ein Aufklärungsgespräch, welches ich mit meinem Vater Jahre zuvor geführt hatte. Dieses verlief nicht ganz nach meinem Geschmack, denn eigentlich war ich an anderen, eher sexuellen Dingen interessiert, doch mein Vater dozierte, dass viel wichtiger für eine Beziehung die soziale und nicht die sexuelle Aufklärung wäre. Die Kompatibilität der Eltern und der durch die Eltern vermittelten Erziehung wäre für das Gelingen einer Ehe weitaus wichtiger. Es ist vorstellbar, dass mich das im Alter von 13 oder 14 Jahren nicht besonders begeistern konnte. Doch in Zusammenhang mit der Familie meiner Frau wirkte dieses Gespräch nach. Faust lesen mit verteilten Rollen, die Bibliothek im Haus, wo es in jedem Zimmer eine Bibliothek gab, die Geschichte der Eltern und der Großeltern meiner Frau, der kosmopolitische Einschlag meiner späteren Verwandten begeisterte mich und ließen meine Frau als tolle Partnerin erscheinen.
Jetzt kam dazu, dass meine Frau und ihre Geschwister alle in die Waldorfschule gegangen waren. Das erschien mir damals noch als gewissermassen geheimnisvoll und attraktiv zugleich. Die Familie meiner Frau faszinierte mich. Das waren alles Leben, die keinesfalls zufällig passierten. Hier schien alles nach Plänen und ideellen Begeisterungen zu passieren. Ich fühlte mich manchmal als Techniker nicht ganz erst genommen, die sozialen Berufe hatten hier eindeutig die Oberhand. In meiner eigenen Familie war zwar auch meine Schwester Ärztin, aber selbst von ihr fühlte ich mich als Techniker nicht für ganz ernst genommen.
Zehn Jahre später oder sogar etwas früher musste ich selbst Farbe bekennen. Der Plan, unsere Kinder in die Waldorf-Schule zu schicken, war gemeinsam abgesprochen. Meine Frau fand das als erstrebbares Ziel und für mich erschien es als die bessere Alternative zu dem Schulbetrieb, den ich selbst erlebt hatte. Daher musste bereits der Kindergarten entsprechend ausgewählt werden.
So ging das weiter mit unserem Sohn und der zweiten Tochter. Für die kleine Tochter schien zwar die Schule nicht so ideal, sie schied dann aus. Aber es wurde trotzdem (schmunzel) etwas Ordentliches aus ihr. Mein Sohn lernte seine Frau als Schulkollegin der älteren Schwester kennen. Die kam aus einem recht anthroposophischen Haushalt, beide Eltern unterrichteten in Steiner-Institutionen. Der Praxisbezug meiner Schwiegertochter begeistert mich aber stets aufs Neue.
Mittlerweile sind alle Enkelkinder entweder in derselben Waldorfschule wie ihre Eltern oder gerade noch im Kindergarten.
Manchmal unterhalte ich mich mit meinen Verwandten über anthroposophische Themen, doch es gibt keine Streitgespräche. Die Schule, in die meine Kinder gegangen sind, gilt als sehr „steinerisch“, doch richtig negative Erfahrungen mit etwaigen Fanatikern habe ich nicht erlebt.
1.5 Die ungeplante Reise
Ganz ungeplant war sie ja nicht. Im Gegenteil – für meine Frau hatten wir schon rechtzeitig günstige Spartickets für die Eisenbahn, sogar erste Klasse, gebucht und bezahlt. Es handelte sich um ein Geburtstagsgeschenk ihrer Schwester zum 70. Geburtstag meiner Frau. Leider konnte meine Schwägerin ja nicht zu meinem Geburtstagsfest kommen, obwohl sie sonst sehr viel herum reist und auch viele Freunde und Verwandte angetroffen hätte. Als ich von dem Geschenk erfuhr, überlegte ich, ob ich nicht meine Frau begleiten sollte. Aber ich dachte, dass es wohl eine gute Gelegenheit für die zwei Schwestern wäre, einmal unbeschwert nur unter sich zu plaudern.
Interessiert hätte mich die gesamte Faustaufführung (Erster und zweiter Teil ungekürzt) schon, allerdings war auch mein Urlaubsetat so ziemlich aufgebraucht und für die Saison 2016/2017 hatte ich zwei volle Konzertabonnements bereits bezahlt. Also gedachte ich, diesen Faustbesuch auf einen späteren Zeitpunkt in ein oder zwei Jahren aufzuschieben.
Alles war vorbereitet, meine Frau hatte gepackt und war Samstag abends voll gerüstet, um in der Früh die Schnellbahn zum Hauptbahnhof zu nehmen und dort in den Zug nach Zürich mit Anschluss nach Basel zu nehmen.
Eine halbe Stunde vor Mitternacht klingelte das Telefon. Ich hörte meine Frau telefonieren und dachte, dass es um den Treffpunkt in der Schweiz gehen würde. Doch nach einigen Minuten kam sie zu mir und berichtete entsetzt, dass ihre Schwester nicht aus den USA ausreisen dürfte. Bei der Ausreise muss der amerikanische Pass noch mindestens drei Monate gültig sein, und das ging sich um ein paar Tage nicht aus. Bevor die Karten in der Schweiz verfallen würden, sollte doch ich einspringen. Nach zwei Stunden würde die Schwester wieder anrufen, um Details zu klären. Diese Passregelung ist bei uns in der österreichischen Firma sogar bekannt, weil einige Leute längere Zeit in den USA gearbeitet haben. Das erfuhr ich aber erst später. Im Augenblick ärgerte mich die Sturheit der Amerikaner.
Allein würde meine Frau nicht in die Schweiz fahren, daraus machte sie kein Geheimnis. Nun hatte ich glücklicherweise gerade in dieser Woche keine Verpflichtungen oder Verabredungen. Eigentlich wäre ich ja gerne gefahren. Wir warteten auf den weiteren Anruf der Schwester und ich teilte mit, dass ich einspringen könnte. Es gab noch einige administrative Angelegenheiten zu klären. Im Anschluss an das Telefonat buchte ich sofort die Eisenbahnreisen. Für die Rückfahrt konnte ich sogar passende Platzkarten bekommen. Für die Hinfahrt ging sich das nicht mehr aus, weil der Zug ja bereits in sieben Stunden von Wien starten würde.
Also schnell den Rucksack gepackt, was für mich nach unzähligen Dienstreisen kein Problem darstellte. Kurz noch einmal drei Stunden geschlafen, gefrühstückt und auf den Weg zum Zug gemacht.
Im Zug ließ sich alles ganz gut an. Ich konnte neben meiner Frau sitzen und wenn man in Betracht zog, dass ich vor einem halben Tag noch nicht gewusst hatte, dass ich eine derartige Reise unternehmen würde, schien alles plangemäß zu verlaufen.
Es schien so. Der Railjet ist als schneller und sehr komfortabler Zug bekannt. Wir saßen in der ersten Klasse und bis Salzburg hatten wir Urlaubs- und Reisegefühl. Das änderte sich ein bisschen, als der Zug mehr als fünf Minuten im Bahnhof Salzburg verweilte. Die Ansage überraschte nicht: Die Deutschen erlauben keine Weiterfahrt, da es „Personenschaden“ auf der Strecke Salzburg-Rosenheim gäbe. Ich bemerkte zu meiner Frau: Wenn sie vernünftig sind, leiten sie gleich den Railjet über die innerösterreichische Strecke um. Tatsächlich dauerte es keine zwei Minuten und im Lautsprecher wurde genau diese Lösung angekündigt. Dies bedeutete zwar zwei Stunden Verspätung, aber abzuwarten, wann die deutsche Strecke wieder frei war, hätte eine sehr unbestimmte Verzögerung bedeutet. Kurz nach Innsbruck erfuhr ich vom Zugbegleiter, dass die Strecke wieder freigegeben worden war. Er schmunzelte, weil er mitgehört hatte, als ich die Lösung über Zell am See meiner Frau erzählt hatte. Insgesamt hatten wir also nur zwei statt drei Stunden verloren.
Das sollte sich aber noch ändern. Mittlerweile war es nach zwei Uhr geworden und auch meine Frau bekam langsam Hunger. Hunger ja, aber nichts zu essen. Mir wurde noch mein Essen serviert, doch danach war Schluss. Der Speisewagen hatte keinen Strom mehr. Keine warmen Gerichte mehr. Mit einem Frühstücksmüsli konnte meine Frau aber noch vorm Verhungern gerettet werden.
Doch es sollte ja Abhilfe kommen. In Feldkirch wurde die Lokomotive, welche die Niederspannungsversorgung in den Waggons bereitstellte, gewechselt. Das schien das Problem mit der Küche ja beheben zu können. Doch noch weiteren fünf Minuten kam der Zugbegleiter persönlich vorbei und vermeldete, in Buchs, also vielleicht fünfzehn Minuten von Feldkirch entfernt, wäre Endstation. Alle müssten aussteigen. Aber in weiteren fünf Minuten würde ein weiterer Zug kommen, der bis Zürich führe. Was war geschehen? Die Ersatzlok hatte nicht die notwendigen Sicherheitsanlagen installiert, die für den Betrieb auf den Schweizer Gleisen vorgeschrieben war. Also hieß es aussteigen.
Der Bahnhof Buchs ist nicht besonders groß, wenn sich da also alle Fahrgäste eines Zuges versammeln und nicht den Bahnhof verlassen, sieht es recht überfüllt aus.
Allerdings kam wirklich in fünf Minuten ein weiterer Zug an. Nicht irgendein Zug, sondern ein ziemlich langer Schnellzug, welcher als ersten Waggon einen Aussichtspanoramawagen der schweizerischen Eisenbahngesellschaft hatte. Wir steuerten diesen an und sagen, dass auch die erste Klasse bummvoll war. Unzählige Ferienreisende aus allen möglichen Ländern verursachten eine voll besetzte erste Klasse. Überall standen Gepäcksstücke auf dem Gang und zwischen den Sitzabteilen herum. Doch wir hatten Glück. Da wir nur zwei ganz kleine Koffer hatten, waren wir schnell und flexibel und konnten noch zwei Sitzplätze ergattern. Es wäre gar nicht so kritisch gewesen, denn viele Personen stiegen in der nächsten Station aus. Jetzt muss ich hier etwas Persönliches einfügen, dass mit unserer Schweizer Reise gar nichts zu tun hatte. Der Zug war nämlich der „Transalpin“, der einmal der Renommierzug der Österreichischen Bundesbahnen gewesen war.
Als ich ein Kind war, galt dieser Triebwagenschnellzug, der nur vier Waggons einschließlich des Triebfahrzeuges hatte, als das Höchste aller Eisenbahngefühle und konnte allenfalls noch von den TEE-Zügen übertroffen werden, von denen aber nur einer auf der Strecke Mailand – München in Innsbruck hielt. Der Zug war für mich (!) so wie für meine ganze Familie verboten. Denn mein Vater war hoher Beamter bei der Bundesbahn und wir fuhren mit einer Eisenbahnermäßigung, was als Regiefahrt bezeichnet wurde. Doch diese Ermäßigung galt nicht für den „blauen Blitz“ (Wien-Venedig), für den „roten Blitz“ (Wien-Berlin, bzw. Wien-Warschau) und genausowenig für den Transalpin, jene Verbindung zwischen Wien und Basel, die auf Händen getragen wurde. Bei diesem Zug, der ursprünglich mit Triebwagen der Reihe 4030 und später mit Triebwagen der Reihe 4010 ausgestattet war, galten besondere Vorkehrungen. Jede Verspätung wurde minutiös registriert und alles unternommen, dass er seinen Fahrplan einhalten konnte. Später, als ich selbst berufstätig war und auch eine Ermäßigung nicht mehr beanspruchen durfte, bin ich manchmal mit dem Transalpin gefahren, doch da wurde er nur mehr als Schnellzug geführt.
Jetzt aber, da wir Sitzplätze in dem Panoramawagen gefunden hatte, gab ich mich doch dem nostalgischen Gefühl hin, genau in diesem Zug zu sitzen, und daher war auch die Verspätung nicht mehr so wichtig. Auch meiner Frau gefiel die Fahrt, die Aussicht war wie zu erwarten ausgezeichnet und die Schweiz zeigte sich von einer freundlichen Seite.
Das weitere Umsteigen in Zürich und in Basel verlief ohne Komplikationen. Allerdings kamen wir ja wesentlich später als geplant in Dornach an. Daher hatte ich schon vor Zürich bei unserem Quartier angerufen und die Verspätung unserer Ankunft gemeldet. Das schien kein Problem zu verursachen. Wir würden abgeholt werden. Das Abholen hatte ich nicht als so notwendig empfunden. Auf der Landkarte schien das Quartier nur zehn Gehminuten vom Bahnhof entfernt zu sein. Das hätten wir mit unseren kleinen rollfähigen Koffern doch leicht geschafft. Mitnichten! Ein paar Tage später gingen wir zu Fuß zum Bahnhof und vermieden es, genauso wieder zu unserem Quartier zurückzukehren. Da schienen einhundertfünfzig Höhenmeter zu überwinden zu sein. Ich darf vorwegnehmen, dass wir am darauffolgenden Tag nicht einmal den Heimweg zu unserem Quartier um Dunkeln fanden. Dieses lag nämlich im Kanton Basel, während der Klingsor’sche Zaubergarten (um den Begriff bereits in diesem Kapitel einzuführen) im Kanton Solothurn liegt. Jeden der darauffolgenden Tage überquerten wir die Kanton-Grenze mindestens zwei Mal über eine kleine Fußgängerbrücke im Zuge eines nicht asphaltierten Gehwegs. Die Abholung ersparte uns das Herumirren, dass wir sicher auch bei der Ankunft erlebt hätten. Die Realität schaut doch manchmal anders aus als sie auf Google-Maps dargestellt wird. Selbst in der Satellitenansicht kann man den Weg nicht finden, weil er von den Bäumen genau dort überdeckt wird, wo er vom Hügelweg abzweigt. Der Ausdruck Hügelweg kann bereits als Hinweis auf Kommendes gelesen werden.
Wir waren aber angekommen. Aus einem unserer Fenster konnten wir die Kultstätte erblicken.
1.6 Klingsors Zaubergarten, Bayreuth oder Passionsspielhaus Erl
Manche Menschen werden unruhig, wenn es überhaupt keine Geräusche gibt. Wir gehörten nicht dazu. Unser Schlaf war erholsam, es war nur interessant, dass es überhaupt keine Geräusche oder Lärm gab. Offensichtlich fahren die Bewohner der umliegenden Häuser nicht in der Nacht mit ihren Autos.
Der Morgen war strahlend. Sonnenschein. Und jetzt konnten wir durch unser Fenster in einiger Entfernung ein Gebäude sehen, dass auf einem Hügel stehen musste, da es die Häuser und Bäume, die es sonst zu sehen gab, überragte.
Die Aufnahme ist von der Straße aus gemacht worden, unser Fenster war ungefähr drei Meter höher gelegen, sodass man etwas mehr vom Bauwerk sehen konnte.
Der Anmarsch wurde auf fünfzehn Minuten geschätzt und das haben wir auch gebraucht. Es gab unterschiedliche Wege auf den Hügel.
Wir wählten die Direttissima, die mich ganz schön ins Schwitzen brachte, obwohl das eigentlich nur ein Aufstieg von fünf Minuten war.
Als wir auf dem Weg waren, sahen wir das Gebäude etwas deutlicher im Hintergrund.

Mein erster Eindruck war zu diesem Zeitpunkt, dass sich die Anlage wunderbar für eine Freiluftinszenierung des Parsifal eignen würde. Ich hatte zu diesem Zeitpunkt keine Ahnung, dass sich Rudolf Steiner sehr ausführlich mit Richard Wagner beschäftigt hatte. Diese Information holte ich später nach und war überrascht, wie viele Vorträge er über Wagner gehalten hatte.
Ganz zufällig war diese Assoziation nicht entstanden. Wobei hier für mich gleich drei Berge oder Hügel in einen zusammenfloss.
Einer davon hat nicht so große Ähnlichkeit, geistert aber in meinen Gedanken fast aufdringlich herum. Das ist der „Zauberberg“ von Thomas Mann. Immerhin hat der Zauberberg tatsächlich eine reale Entsprechung.
(*OB*(*OB*Vorlage für den Zauberberg, Von Wolfswissen at de.wikipedia – Eigenes Werk, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=16231808A*OB*)*OB*)
Hans Castor wird von weltentrückten Figuren mit Politik, Philosophie, aber auch Liebe, Krankheit und Tod konfrontiert.
Im Winter wird Dornach wohl auch etwas Schnee sehen, doch der nächste Hügel hat schon weit mehr Ähnlichkeit mit Dornach, selbst wenn ich berücksichtige, das die Umgebung in Bayreuth etwas dichter besiedelt ist. Man muss schon genau hinsehen, um den „Hügel“ zu erkennen, der im Zentrum des Bildes das Festspielhaus trägt.

(*OB*(*OB*Von Roehrensee – Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=31367416*OB*)*OB*)Angeblich ist die Ähnlichkeit, welche die Lage des Goetheanum mit der des Festspielhauses aufweist, nicht zufällig.

Etwas zauberhafter wirk da noch die Villa Rufolo, welche Richard Wagner als Inspiration für Klingsors Zaubergarten gedient haben soll.
Ravello an der italienischen Amalfiküste gelegen, feiert noch
Heute Richard Wagner mit eigenen Festspielen.Quelle: Seite Ravello

Dieses Plätzchen hat jetzt schon etwas Zauberhafteres an sich und birgt für mich eine verborgene Ähnlichkeit mit dem Hügel in Dornach.
Dort thront jetzt das beherrschende Gebäude wie hier gezeigt am schönsten im Abendlicht.

1.7 Eindrucksvolles Goetheanum
1.8 Faust I, das bekannte Drama
1.9 Vorbereitungen auf den Faust II
1.10 Eurythmie im Faust II
1.11 Ein neues Verständnis
1.12 Nachhaltigkeit einer Aufführung, der Nachhall
1.13 Danksagung

nicht zusammenhängend

Das Buch wird 10 Tage ruhen, außer ich schreibe heute noch etwas.

Zwei merkwürdige Ereignisse:
1) Es ist ja ein schlimmes Zeichen, wenn man nur mehr körperliche Wehwehs zu berichten hat. Manchmal sind es aber geradezu Nichtigkeiten, die einen über die körperliche Befindlichkeit nachdenken lassen.
Seit Beginn der Woche hatte ich am Morgen – nachdem ich eine halbe Stunde am Computer gesessen hatte – Nasenbluten. Dieses war nach kurzer Zeit vorbei und ich versuchte noch heraus zu bekommen, was die Anlassfaktoren waren.
Heute beim Frühstück fing es plötzlich wieder an und war mit den herkömmlichen Mitteln nicht zu stillen. Ein Vampir hätte seine Freude gehabt. Ich wäre ja noch selber zur HNO gefahren, aber meine Frau hatte schon die Rettung gerufen. Da gab es keine Beschwerde wegen Wehleidigkeit, anscheinend gibt es solche Transporte öfter. In Wien auf der HNO wurde das Gefäß, dass laut Arzt doch sehr weit offen war, verödet. In einer halben Stunde war alles erledigt und nach weiteren 20 Minuten war ich zuhause. Eine Kleinigkeit. Ich war froh, es ansehen zu lassen, weil ich morgen im Flugzeug sitze.
Und heute war praktisch meine ganze Kleidung inklusive Hose mit Blutflecken gesprenkelt..
Mit der Krankenschwester habe ich noch gescherzt, dass es ein schöner Tod wäre, einfach über Nasenbluten zu verbluten. Es tut absolut nicht weh. Ein netter, sympathischer Arzt namens Schröckenfuchs klärte mich über oberösterreichische Namen auf und ich sehe das Ganze einmal als interessantes Erlebnis an.
Bis auf die Blutpatzerei. Ich stelle mir vor, wie es im Krieg aussieht, wenn so etwas nicht einmal im Ansatz nach Behandlung aussieht. Da sind wichtigere Dinge zu behandeln. Aber das Gefühl, sich selber zu versauen, ist trotzdem unangenehm.
Fazit: ich kann heute nicht mehr in die Sauna gehen. Mit dieser katastrophalen Beschränkung muss ich jetzt leben.
2) Ich empfinde großes Mitleid mit einem Blogger, der in seinem Blog Erfahrungsberichte mit dem Computer beschreibt und darüber jammert, dass er bestimmte Begriffe nicht versteht. Ich kommentiere mit einer Erklärung, worauf ich feststelle, dass der Kommentar gelöscht ist und weitere Kommentarfunktionen unterdrückt sind.
Jetzt weiß ich zwar, dass man bei Frauen, die einem etwas vorjammern, nur mitleidig „aha“, „ja“, „das ist schlimm“ äußern darf, aber ja keine Stellungnahme zum Problem abgeben darf. In der IT ist das aber in der Regel anders. Wenn einer schreibt, das er etwas nicht versteht oder kann, finden sich immer welche, die eine Lösung vorschlagen. Auf die Weise funktioniert Open Source. Und auf diese Weise können sich Techniker untereinander unterhalten, ohne gegenseitig an Image zu verlieren.
Ich stelle fest, dass es bei dem betreffenden Blogger um etwas anderes gehen muss.
Es gibt allerdings andere Blogger, die freimütig über ihre Schwierigkeiten schreiben, bei denen ich es bewundere, mit welcher Offenheit sie mit den Schwierigkeiten umgehen. Wie sich aus den Kommentaren heraus finden lässt, sind diese auch „gutes“ Beispiel mit hilfreichen Texten, an denen andere, die sich nicht so outen mögen, profitieren. Insoferne möchte ich hier deprifrei erwähnen, zu dessen achtjährigen Blog-Durchhalten ich herzlichst gratuliere.

WIR

Oder „mi“ in der Originalsprache. Das ist ein dystopischer Roman von Jewgenij Samjatin, der in der Regel in der Troika mit „Brave New World“ und „1984“ genannt wird.

Wir bewegen uns noch immer in die Richtung, die uns einmal im Zentrum der geschilderten Welten finden wird.
Das „Wir“ ist ja am gewaltigsten in der Bild-Überschrift „Wir sind Papst“ strapaziert worden.
In ORF-online gibt es eine Bildüberschrift (Verlinken sinnlos, weil die Bilder wieder verschwinden) mit dem Insert:
„Wir sind Planei“
In Anlehnung an einen Werbespruch „Ich bin doch nicht blöd“ können wir schlussfolgern, dass „ich“ nicht blöd bin, als Miglied einer angesprochenen Gruppe sehr wohl: „Wir sind blöd!“
Also „wir sind Schnee“, „wir sind Chaos“, „wir sind sexistisch“ … das passt alles.
Scheiße, und ich habe einmal gedacht, dass ich anders bin.




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