Archive for the ‘Leben’ Category
Gestern war auf 3Sat ein Thementag, bei dem ich zwei Filme gesehen habe. „Jeder stirbt für sich allein“ nach Fallada und „Katz und Maus“ nach Günter Grass.
Die Filme sind nach dem Krieg entstanden. Jeder der diese Schwarzweiß-Filme sieht, der erste mit der Hildegard Knef, sollte sich überlegen können, was er heutzutage als gegeben und garantiert ansieht.
Ich habe nachher trotzdem gut geschlafen. Morgen fahre ich nach Ostrava. Nach zwei Tagen Workshop werde ich dort noch einen Tag verbringen und nach Troppau (Großeltern väterlicherseits) und Bilovec, Wagstadt (Großeltern mütterlicherseits) fahren.
Sie sind alle freiwillig schon vor dem ersten Weltkrieg nach Wien übersiedelt, ein Bruder des mütterlichseitigen Großvaters wurde als Sudetendeutscher vertrieben. Immerhin hat er überlebt. Aber ich habe selten die Gelegenheit, die Stätten so en passant aufzusuchen.
Ich höre immer wieder, dass man in der Gegenwart leben soll und an die Zukunft denken soll. Ich tue wohl beides, aber Gegenwart und Zukunft sind Resultat einer bewusst erlebten Vergangenheit. Die Reflexion ist wichtig.
Aber vermutlich sind das einfach die überalteten Anschauungen eines alten Mannes, dem das Knie noch immer weh tut. (Trotz Spritzen)
Normalerweise leite ich meine besseren Beitrag nach facebook weiter. Heute ist es umgekehrt. Ich habe auf facebook eine Geschichte gefunden, die ich hier teilen möchte. Und ich denke dabei speziell auch an Momoseven.
Ein Geschäftsinhaber hatte ein Schild über seine Tür genagelt, darauf war zu lesen „Hundebabys zu verkaufen“. Dieser Satz lockte Kinder an. Bald erschien ein kleiner Junge und fragte: „Für wie viel verkaufen sie die Babys?“ Der Besitzer meinte „zwischen 30 und 50 Euro“. Der kleine Junge griff in seine Hosentasche und zog etwas Wechselgeld heraus. „Ich habe 2,37 Euro, kann ich mir sie anschauen?“
Der Besitzer grinste und pfiff. Aus der Hundehütte kam seine Hündin namens Lady, sie rannte den Gang seines Geschäftes hinunter, gefolgt von fünf kleinen Hundebabys. Eins davon war einzeln, sichtlich weit hinter den Anderen. Sofort sah der Junge den humpelnden Kleinen. Er fragte, „was fehlt diesem kleinen Hund?“ Der Mann erklärte, dass, als der Kleine geboren wurde, der Tierarzt meinte, er habe ein kaputtes Gelenk und wird für den Rest seines Lebens humpeln. Der kleine Junge, richtig aufgeregt, meinte, „den kleinen Hund möchte ich kaufen!“
Der Mann antwortete, „nein, den kleinen Hund möchtest Du nicht kaufen. Wenn Du ihn wirklich möchtest, dann schenke ich ihn Dir.“ Der kleine Junge war ganz durcheinander. Er sah direkt in die Augen des Mannes und sagte: „Ich möchte ihn nicht geschenkt haben. Er ist ganz genauso viel wert, wie die anderen Hunde, und ich will für ihn den vollen Preis zahlen. Ich gebe Ihnen jetzt die 2,37 Euro, und 50 Cent jeden Monat, bis ich ihn bezahlt habe.“ Der Mann entgegnete, „Du musst diesen Hund wirklich nicht bezahlen, mein Sohn. Er wird niemals rennen, hüpfen und spielen können, wie die anderen kleinen Hunde.“
Der Junge langte nach unten und krempelte sein Hosenbein hinauf, und zum Vorschein kam sein schlimm verkrümmtes, verkrüppeltes linkes Bein, geschient mit einer dicken Metallstange. Er sah zu dem Mann hinauf und sagte, „na ja, ich kann auch nicht so gut rennen und der kleine Hund braucht jemanden, der Verständnis für ihn hat.“
Der Mann biss sich auf seine Unterlippe. Tränen stiegen in seine Augen, er lächelte und sagte, „Mein Sohn, ich hoffe und bete, dass jedes einzelne dieser kleinen Hundebabys einen Besitzer wie Dich haben wird.“
(Autor leider unbekannt)
Auf facebook findet sich noch eine kleine Erklärung zu der Geschichte. Ich glaube, die braucht es bei den Lesern meines Blogs nicht. Die Erklärung finden sie selber.
In einem Kommentar habe ich geschrieben:
„Deswegen freue ich mich auf die Pension. Nur mehr etwas mehr als 300 volle Arbeitstage:)
Und dann werde ich Klavierspielen, Rad fahren, Buch schreiben, jeden Tag in die Sauna gehen, jeden zweiten Tag zum Heurigen pilgern, ein bisschen herumreisen.
Es wird so schön sein, ein Spezialist gewesen zu sein:)))“
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Jetzt heißt es ja, man soll im Jetzt leben. Ich hasse diesen Spruch aus den „Guter Rat für ein erfülltes Leben“-Büchern. Ich mag ihn nicht, weil er wesentliche Teile des Lebens ausklammert. Das Jetzt ist immer nur ein Sekundenbruchteil (ungefähr 30 Millisekunden lang).
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Doch ich lehne nicht die Aussage an sich ab. Denn es ist sicher ein Blödsinn, sich auf etwas Zukünftiges zu freuen, wenn man gar nicht weiß, ob man das noch erleben wird.
Daher möchte ich mein obiges Zitat relativieren. Es geht mir nicht so sehr um das, was ich einmal machen werde. Es geht darum, was ich gern mache und dann mehr Zeit dafür haben werde.
1) Klavier spiele ich jetzt schon. Aus mehreren Gründen: 1.1 ich spiele gern. 1.2 ich über schon wieder für ein Konzert. Das bedeutet großere Konzentration beim Üben und großere Erfolgserlebnisse. 1.3 ich spiele aus therapeutischen Gründen: 1.3.1 Wen ich eine Stunde übe, geht mein Gewicht um ein halbes Kilo hinunter und der Blutdruck fällt. 1.3.2 Klavierspielen soll gut gegen Alzheimer und Demens sein.
2) Radfahren tue ich schon und mit großer Freude. Vielleicht werde ich dann längere Ausflüge unternehmen können, aber im Prinzip genieße ich es schon heute.
3) Für ein Buch habe ich jetzt noch zu wenig Zeit. Ich arbeite zwar etwas weniger als früher aber immer noch so viel, dass ich mir die „Arbeit eines Buches“ nicht zusätzlich auflasten will. Obwohl ich es genießen werde, vor allem dann, wenn ich kein Geld damit verdienen muss.
4) Ich gehe jetzt wenigstens jedes Wochenende in die Sauna und manchmal auch zweimal in der Woche.
5) Zu 4 gehört auch der folgende Heurigenbesuch, den genieße ich auch schon heute.
Fehlen noch die Reisen. Bei den vielen beruflichen Reisen sind Reisen zur Zeit nicht so attraktiv. Aber es gibt ein paar Ziele, die ich noch gerne anfahren würde.
6a) mit dem Postschiff Norwegen entlang
6b) Lissabon
6c) Barcelona
6d) vielleicht doch noch nach Australien und Neuseeland
6e) vielleicht noch einmal nach Japan, nach Nagatacho-Cho. Das ist in der Nähe von Nagano.
6f) einige Zugreisen, wenn ich sie mir wirklich dann noch leisten will. Aber wenn ich ein bisschen spare, könnten sie sich ausgehen.
6f1) von Moskau mit der Bahn in Richtung Norden zum nördlichsten Bahnhof auf der Welt, bereits nördlicher als der Polarkreis. Kostet aber ca. 6000 € / Person.
6f2) Von Vancouver nordöstlich mit dem Zug. Kostet nur 4000 $.
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Einzig die Reise ins Weltall schminke ich mir ab. Das würde ich gesundheitlich wohl nicht mehr schaffen.
Doch wozu gibt es youtube und Simulation.
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Also fad wird mir sicher nicht werden:) (wenn ich es erlebe …)
Ich habe es ja gleich nach der Operation geschrieben, dass ich noch lebe. Diese dauerte fünf Stunden, weil doch relativ viel mit dem Kiefer zu machen war. Nachher sah ich noch die Bildchen von den Implantaten. Die meiste Zeit verschlief ich, bei den letzten drei bekam ich es dann wieder live mit. Ohne wirkliche Schmerzen nur musste ich häufig ermahnt werden, den Mund wieder aufzumachen.
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Danach postoperative Betreuung. Schmerzmittel und ab heute Abend Penizillin, oder zumindest etwas damit. Ich hoffe, dass am Dienstag abends die Drähte gezogen werden können. (Am Mittwoch fliege ich dann ja nach Wien zurück.)
In der Nacht bin ich aufgewacht und da tat so richtig alles weh. Nach der Einnahme des Schmerzmittels konnte ich aber dann recht gut schlafen und jetzt in der Früh fühle ich mich etwas benommen aber durchaus lebensfähig.
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Heute bleibe ich im Hotel und erledige einmal alle Sachen, zu denen ich als Zeitgründen zuletzt nicht gekommen bin. Da gibt es noch unheimlich viel zu schreiben.
Auch gestern war es wieder eine Freude zu erleben, wie sorgfältig und bemüht alle gearbeitet haben. Die Anästhisistin hat jeden Schritt erklärt. Nur mehr ein kleiner Punkt auf der Handfläche zeigt von ihrer Tätigkeit.
Wenn ich gerade jetzt zusammenbeiße, tut mir weniger weh als gestern am Nachmittag. Das wird allerdings die Wirkung des Schmerzmittels sein.
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Wenn ich meine Erfahrungen hier zusammenfasse, so stelle ich folgendes fest: die Geräte mit denen sie hier arbeiten sind die modernsten (wie auch in Ungarn). Die Arbeitsauffassung ist eine andere. Hier sieht sich der Zahnchirurg als Dienstleister und versucht alles, um auf Sorgen, Fragen und notwendigen Beeinträchtigungen des Patienten einzugehen.
In Österreich, wo die Preise für gleichartige Arbeiten ungefähr 2,5 mal so teuer sind, wenn nicht mehr, ist der Patient in erster Linie Kunde, der die nächste Ferrari-Rate begleicht. (Ich weiß, dass das eine bösartige Unterstellung ist. Nicht alle sind so. Doch der Preis für eine Krone liegt in Österreich bei 2.000€ und da weiß ich jetzt noch nicht einmal, ob das Implantat schon im Preis inbegriffen ist.)
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Zu allerletzt möchte ich noch erwähnen, dass mir in der gesamten Ordination alle (ca. 10 verschiedene Menschen) sympathisch waren. Das ist eine ziemlich hohe Ausbeute;)
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Reingefallen 🙂
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http://www.faz.net/aktuell/sport/mehr-sport/grossmeister-huebner-schach-ist-kein-sport-1709939.html
Interessanterweise verneint das ein wirklich bedeutender Spieler. Aber ich geben ihm nicht recht. Für mich ist Schach ein Sport. Ähnlich wie anerkannte Sportarten, kann ich es sportlich oder nicht sportlich betreiben. Es gibt auch die Disziplin „Gehen“. Trotzdem kann man auch so gehen, dass niemand darunter Sport vermuten würde. (Allenfalls gesunde Bewegung)
Wird Schach so betrieben, dass man einem Verein angehört, verändert sich das gesamte Wesen des Schachspiels für einen. Ich wurde als 15-Jähriger ermahnt, weil ich eine Schachpartie zu früh aufgegeben hatte. Sie konnte zwar als verloren gelten, aber der Präsident des Schachvereins erklärte mir, dass immer noch etwas hätte passieren können, dass eine Niederlage zu einem Remis verwandelt hätte. „Aufgeben tut man einen Brief!“
Das gilt, wenn man in einer Mannschaft spielt, bei der eine Ergebnis 3:3 etwas ganz anderes ist als 2,5 zu 3,5.
Ich habe mit 20 Jahren die Regel formuliert, dass ein Vereinsspieler immer gegen einen Kaffeehausspieler gewinnen könnte. Ich war dann überrascht, einen Kaffeehausspieler gewinnen zu sehen. Bis ich ihn irgendwann bei einer Turnierpartie am 2. Brett der Liga sah.
Der Adrenalinausstoss, den ich selbst vor Beginn einer Partie erlebt habe, und die Gewichtsabnahme von 2 kg bei einer normalen Turnierpartie scheinen zu beweisen, dass der Körper doch mehr leistet.
Gute Spieler kommen auch nicht ohne körperliches Konditionstraining aus. Man kann Schach sehr gut als „Spiel“ begreifen und das hat durchaus seine Berechtigung. Doch wenn es einmal vereinsmäßig ausgetragen wird, überwiegt die sportliche Komponente des Wettkampfs bei Weitem.
Es ist Samstag und ich trödle. Draußen ist es heiß und die kurze Strecke zum Einkaufen hat mich ins Schwitzen gebracht. Im Fernsehen laufen amerikanische Filme wie z.B. „Herr der Gezeiten“. Es sind Dramen oder Dramen-Liebesgeschichten, die ohne Actionsound und ohne große Lautstärke ablaufen. Daneben kann ich gut denken. Wenn ich eine Pause mache, sehe ich die Filme etwas bewusster und stelle fest, dass ich schon mehr auf den serbischen Untertitel achte als auf das gesprochene Englisch. Vom Akustischen bekomme ich nur die Stimmung mit.
Es ist angenehm. Ich merke mir jetzt einzelne Wörter und ich verstehe die Deklinationen und Konjugationen besser.
Arbeit gibt es momentan mehr in Wien als in Belgrad, aber die Zukunftsaussichten sind nicht so schlecht.
Beim kurzen Zappen bin ich heute auf das Ende eines deutschen Films gestoßen, „ich leih mir eine Familie“.
Die Oma im Spital ermahnt den Enkel, endlich erwachsen zu werden und Verantwortung zu übernehmen.
Sie sagt: „Ich sehe zwei Männer vor mir. Einen, der du bist, und einen, der du sein kannst.“
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Das hat mich berührt. Zwar gibt es Menschen, die anscheinend so sind, wie sie sein könnten. Für mich nehme ich das aber nicht in Anspruch. Ich könnte anders sein, ich könnte besser sein. (Es geht jetzt nicht um eine Abhandlung über meine Person.) Beim Nachdenken fällt mir folgende Parallele auf. Um so zu sein, wie man sein könnte, muss man sich bemühen. Man muss sich strebend bemühen. Und da landen wir beim Ende von Faust-I: Wer immer strebend sich bemüht, den können wir erlösen.
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Ist es schwer, diese Aussage zu akzeptieren? Für mich klingt sie richtiger als die Suche nach Selbstverwirklichung. Oder bin ich da schon zu alt?
Dieses Wochenende haben wir unser Strategiewochenende von der Firma aus. Normalerweise findet es ja bereits Anfangs des Jahres statt. Aber das Wetter scheint eh zu passen, bewölkt und regnerisch. Am Schönsten ist es eh im Hotel. Ein Kollege wird spazieren gehen, zwei bis drei werden laufen und ich hab sowieso noch etwa für die nächste Woche vorzubereiten.
Aber ich werde Farbe bekennen müssen. Es wird nicht mehr beim einfachen „wenn ich dann in Pension gehe“ bleiben. Es sollen Pflichten und Verantwortlichkeiten neu definiert werden.
Ich werde sagen müssen, dass es mir mit dem 1.1.2016 wirklich ernst ist. Die Zeit vergeht wahnsinnig schnell.
Ich hoffe ja, dass bis dahin Serbien ganz auf eigenen Füßen stehen kann. Eine Woche pro Monat kann ich dann schon dafür aufwenden.
Aber in Österreich oder sonstwo möchte ich nicht mehr in Projekten arbeiten.
Was ich gerne leiste, ist zur Verfügung stehen, wenn es um inhaltliche Fragen geht oder wenn ich eine Schulung mache oder die Firma bei einer Konferenz vertrete. Doch schon heute versuche ich die Auftritte auf die „junge“ Generation zu verlagern.
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Die eigentliche Frage ist ja, warum ich aufhören will. Das hätte ich ja von mir selber nie geglaubt.
Aber es ist einfach: mich kotzt der EDV-Betrieb fürchterlich an. Nicht die Sache an sich. Müsste ich etwas programmieren oder entwerfen hätte ich Spass daran. Doch was auf dem Gebiet abgeht, ist einfach widerlich.
(Ich habe mir gerade Tee aus der Küche geholt. Im Radio wird gerade erläutert, wie toll „big data“ doch für die Schule ist, was alles möglich ist. Big data und Scrum sind zur Zeit die größten Hypes, sie verekeln mir das Arbeitsumfeld.)
Ich komme mir vor, als hätte ich mein Leben lang in der Atomindustrie gearbeitet und komme drauf, dass ich unverantwortlich gehandelt habe. Ich möchte aussteigen.
Das Dumme ist bloß, dass ich recht gut darin bin.
Nun, wenn ich in Pension bin,werde ich vielleicht ja anders denken und es wird mir einiges abgehen. Ich werde als Konsulent noch weiter arbeiten. Sollte ich so um die Geringfügigkeitsgrenze herum verdienen, so bekomme ich in der Pension genauso viel wie jetzt als Aktiver.
Aber ich werde mich heute dazu bekennen müssen, ich werde Farbe zeigen müssen. Ich glaube, dass man mich schon verstehen wird. Aber ich habe auch eine Verantwortung für die Firma. So einfach kann ich mich nicht herausnehmen.
Mal sehen, was da in diesen drei Tagen heraus kommt. Daneben muss ich noch ca. 350 Seiten auf englisch übersetzen. (Das wird dann noch probegelesen und muss bis Ende August passieren.) Nur bin ich nächste Woche drei Tage in Schweden.
Es ist also alles recht gedrängt. Doch die vergangenen zwei Wochen Urlaub waren schon gut, um mir selbst klar zu werden.
Ansonsten bin ich halt einfach ein Altersteilzeitler. Ich wusste nicht, dass man da mehr als normal arbeitet:)
Ich bin heute sechzig geworden und sitze allein in einem Schnellzug nach Prag. Die Fahrt auf der tschechischen Strecke zwischen Breclav und Prag erlaubt es mir, meinen Gedanken nach zu hängen. Der Oberbau des Gleiskörpers lässt auch bei einer Geschwindigkeit von hundertvierzig Kilometer pro Stunde Tempo fühlbar werden. Bei Hrusovany kommt eine starke Kindheitserinnerung hoch. Die durchfahrenen Bahnhöfe haben teilweise österreichischen Zuschnitt und sie erinnern mich an die Faller-Modellbauhäuser für die Modelleisenbahn. (Jetzt sehe ich eben eine imposante Kirche in Brno. Fast alles sieht nach Sechzigerjahren aus. Palac Padowetz, welches vermutlich ein Hotel ist, kann ich vom Bahnhof, in dem wir gerade gehalten haben sehen. Ein älterer, doch renovierter Bau. Die Autos sind neu. Am Parkplatz stehen Skodas und Audis.
Doch zurück zu den kleinen Plastikhäusern, die mit Uhu zusammen geklebt wurden. Die waren ein Luxus. Kleinere Modelle, wobei klein so viel wie einfach bedeutet, bekam ich manchmal geschenkt. Weil ich ungeduldig und auch schlampig bin, wurden meine Modelle nie so schön, wie sie es hätten werden können. Fasziniert haben mich aber die Bestandteile, die man erst von Rippen ablösen musste. Manchmal blieb noch ein kleiner Steg am Einzelteil übrig, den man sorgfältig abschneiden oder abschleifen musste. Fenster wurden mit Zellophanpapier hinterklebt, was eine ziemliche Patzerei sein konnte. Die Kunst bestand darin, die Fenster so hinein zu kleben, dass auf dem Glasteil kein Rest von Klebstoff zu sehen war. Diese Kunst beherrschte ich nicht.
Auch wenn mein Urururgroßvater ein Bierbrauer in Prag gewesen ist, meine Großeltern ausschließlich aus Böhmen und Mähren stammen, und wenn sogar der Kulturverein, dem ich angehöre, in Prag gegründet worden ist, mag ich Prag nicht. Ich kann das heute umso leichter fest stellen, als ich mich ja schnellstens in Belgrad eingewöhnt habe. Ich mochte auch Moskau. In Prag hätte ich einmal arbeiten sollen. Heute bin ich froh, dass es damals nicht dazu kam.
Die tschechischen Lokomotiven mag ich. Gelb-rot, grün-weiß, blau-grau besitzen sie Identität und zeigen Gesichter. Lokomotiven haben für mich immer Gesichter gehabt. Elektrische sogar noch ausgeprägter als Dampflokomotiven, was einige verwundern mag.
Ich wollte doch Gedanken zum heutigen Tag niederschreiben und stelle fest, dass mich die kleinste Erinnerung auf eine Assoziationskette bringt, die mit Alter, mit der Erfahrung, mit dem Festtag überhaupt nichts zu tun zu haben scheint.
Die Feier gab es ja schon vor drei Tagen und dabei sind auch einige Dinge angesprochen worden, die der Erwähnung wert sind, Einiges an Betrachtungen, die mir den Eindruck vermitteln könnten, dass das Fremdbild und das Eigenbild zumindest sporadisch Übereinstimmungen aufweisen.
Was soll aber jemand mit meinen Gedanken zur Physiognomie von Lokomotiven anfangen?
Eine Freundin hat anlässlich der Geburtstagsfeier eine sehr launische Rede gehalten, die darin gegipfelt hat, dass ich ihr einmal zum Gewinn eines Redewettbewerbs in Paris geholfen hätte. Sie hätte mich als überraschenden Menschen geschildert, der aus jeder Situation das Beste machen könnte.
Ich frage mich, ob das meine Persönlichkeit ausmacht. Als ich während meiner Arbeitslosigkeit einmal die Sorge hatte, in Depression zu verfallen, konsultierte ich einen Psychologen, der überrascht feststellte, dass er noch nie einen Menschen erlebt hätte, der trotz extrem großer Ängste ein so erfolgreiches Leben führen konnte. Daraufhin war ich nun selbst überrascht, denn von meinen Ängsten hatte ich soweit gar nichts mitbekommen.
Auch heute kann ich nicht sagen, ob es sich um Ängste betreffend Verlust oder Ängste in Bezug auf mögliches Versagen handelt. Ich musste fünfundfünfzig Jahre alt werden, um mir selbst das Scheitern eines großen Projektes zu gestatten, für das ich verantwortlich war. Zwar gab es durchaus Gründe, es mit gutem Gewissen scheitern zu lassen, doch hätte ich mir früher nie gestattet, es einfach so laufen zu lassen. Ich hätte mit Nachtschichten, mit übermäßigen Einsatz unter Aufbietung aller Kräfte einen vernünftigen Abschluss bewerkstelligen können, um meinen Ruf zu retten, um meine Selbstachtung zu behalten. Das war es ja, was ich am Scheitern am meisten fürchtete. Gab es eine Enttäuschung, als ich feststellte, dass weder mein Ruf noch meine Selbstachtung gelitten hatten? Vielleicht war es sogar eine weitsichtige Entscheidung gewesen. Die Firma hätte mich nicht so leicht ziehen lassen. Ich musste trotzdem noch über ein Jahr kämpfen, bis sie mich mit einer entsprechenden Abfertigung verabschiedeten.
Mein Problem ist wohl, dass es zu vieles gibt, was ich gerne machen und was ich gerne abschließen würde. Und ich bin faul, selbst wenn ich auf andere Menschen einen anderen Eindruck mache. Umso wichtiger war es für mich – und umso beglückender – das geplante Konzert für Freunde und Erwachsene auch wirklich durch zu führen. Wenn ich in Belgrad in der Nacht aufwachte und die Musik von den Clubs an der nahen Sava in meine Wohnung herüber schallte, setzte ich mir die Kopfhörer auf und übte schwierige Passagen ein, zwei Stunden lang.
Manchen Menschen habe ich von der Hirt-Methode erzählt. Obwohl sie noch immer verkauft wird, scheint sie nach dem Tod des Begründers etwas an Präsenz verloren zu haben. Auch dieser Methodik bin ich nur auf sehr schlampige Weise gefolgt. Doch das Prinzip des „Gesetzes von Lust und Unlust“ hat sich bei mir nachhaltig eingebrannt. Meiner Meinung nach behält es auch seine Gültigkeit, obwohl die darin enthaltenen Erklärungen zu den Gehirnvorgängen durch die Erkenntnisse der neueren Gehirnforschung einer Modifikation bedürften.
In jede Aufgabe muss man eintauchen, sich mit ihrer Lösung identifizieren. Dann wird man die Aufgabe gut lösen können und wird Spaß an der Arbeit haben. Es gibt eine unangenehme Aufgabe, etwas Zeitraubendes, etwas Langweiliges? Die Herausforderung besteht gerade darin, die Bewältigung als intellektuelles Rätsel zu sehen. Warum sollte die Aufgabe langweilig sein? Warum ist sie so zeitraubend? Lässt sich der Zeitdiebstahl vielleicht verhindern? Oder erlaubt mir die eintönige, wiederkehrende Arbeit, meine Gedanken schweifen zu lassen?
Natürlich hat eine derartige Herangehensweise auch ihre Nachteile. Jede Aufgabe bleibt nur so lange interessant, so lange man ihre Lösung nicht hundertprozentig absehen kann. Wird die gesamte Lösungsstrecke überschaubar, so gewinnt die Faulheit die Kontrolle. Ich weiß, wie es jetzt ablaufen wird, warum sollte ich mir deswegen noch weitere Gedanken machen?
Haben diese Überlegungen etwas mit dem heutigen Tag zu tun? Meine Schwester sagt, dass ich erfolgreich wäre. Nach meinen eigenen Vorstellungen bin ich nicht erfolgreich. Nicht jetzt. Ich war erfolgreich mit sechsunddreißig Jahren, als ich wusste, dass es auf der Welt nur ganz wenige Menschen gab, die über mein Thema mehr wussten als ich. Und das Thema betraf „ethical goods“, also den Umgang mit Geräten, die vor allem der medizinischen Forschung große Dienste leisteten.
Es ist die eigentliche Befriedigung des heutigen Tages, sich zurück zu lehnen und solche Gedanken freimütig zu äußern. Am Sonntag, als ich gerade über Mussorgsky wütete, gab Charles Taylor, der Philosoph, in Wien einen Vortrag. Ich habe Taylor am Institut für die Wissenschaft vom Menschen vor Jahren kennen gelernt. Mit seiner Begrifflichkeit von Authentizität kann ich viel anfangen. Irgendwie sehe ich da auch viele Querverbindungen zu Fromms „Sein und Haben“.
In beiden Werken findet sich auch der Querbezug zu „den anderen Menschen“. Dieser ist in meinem Fall ein sehr ambivalenter. Menschen? Ich hasse und ich liebe sie. Die Menschen, die in meinem Leben mitspielen, waren fast immer sehr gut zu mir. Nur wenige Male wurde gegen mich intrigiert und ganz bewusst versucht, mich zum Absturz zu bringen. Ich vergesse sie und die betreffenden Umstände nicht. Diese hasse ich auch nicht, weil ich mich damit nur selbst beschädigte. Es sind nur solche Momente wie dieser, dass ich überhaupt die Erinnerung an sie strapaziere.
Die allermeisten Menschen, die ich kenne und die zum großen Teil bei der Geburtstagsfeier anwesend waren, waren gut zu mir, sehr gut sogar. Privat sowieso, aber auch die Chefs haben mich gefördert. Als ich voller Stolz verkünden konnte, dass vier Chefs und Ex-Chefs meiner Einladung gefolgt wären, meinte einer von ihnen launig, dass wohl auch seine Chef-Kollegen ein Vergnügen gehabt haben müssten, „unter mir mein Boss“ zu sein. Das habe ich als Auszeichnung gewertet. Ich habe mich nie um Macht bemüht. Ich musste auch nur sehr selten etwas gegen meine Überzeugung vertreten, was eine der unangenehmsten Pflichten im Management ist.
Ceska Trebova. Noch eineinhalb Stunden bis Prag. Mir kommt vor, als schriebe ich hier eine Neuauflage von Moskau-Petuski. Allerdings bin ich nicht betrunken. War Jerofeev wohl auch nicht, als er es geschrieben hatte. Oder vielleicht doch? Ich müsste die Biografie googlen.
Wenn ich diese Zeilen schreibe, bin ich mir der Herausforderung bewusst. Jetzt bin ich Chef. Zwar habe ich einen Chef, doch das betrifft Österreich. In Serbien bin ich verantwortlich. Für alles. Und vor allem für meine Mitarbeiter, in die ich große Hoffnungen setze. Ich kann ihnen Chancen bieten und ich kann ihre technische Entwicklung beeinflussen. Ich kann aus ihnen Personen machen, die einmal meine Rolle spielen werden. Das hat nichts mit Anmaßung zu tun. Mein Sachgebiet ist einfach in Serbien noch unerforscht und ich habe noch ein bis zwei Jahre Zeit, bis sich das auch zu unserer Konkurrenz durchgesprochen hat. Zwar ist es sehr schwer, etwas zu verkaufen, wovon die Menschen noch nicht einmal eine Ahnung haben, dass sie es brauchen, doch wo ich hinkomme, werde ich mit offenen Armen empfangen.
Es ist so, wie mir ein bereits verstorbener Chef in der ersten großen Firma, in der ich gearbeitet habe, für den damaligen Verkauf prophezeit hat. „Sie brauchen keine Angst vor dem Verkauf haben. Sie müssen keine Klinken putzen. Die Kunden kommen zu uns und fragen uns nach Hilfe.“ So war es auch. Und so wünsche ich es mir in der zweiten Dekade unseres Jahrhunderts. Die Menschen sollen zu uns kommen, weil sie wissen, dass wir ihnen helfen können.
Mit der Überzeugung, dass ich diese Hilfe leisten kann, wende ich meinen Blick von der Vergangenheitsrichtung in die Zukunft.
Den Rest des Tages werde ich mit der Planung von Ausbildung, mit der Zusammenfassung und Präsentation für den Freitag und mit dem Theaterstück am Abend verbringen.
Ich sitze allein im Schnellzug nach Prag. Jemand schreibt mir: Du bist nicht allein, du bist mit deinen Gedanken. Und keinesfalls bin ich einsam.
Nachtrag am Tag danach
Die Ankunft in Prag war von einem Taxi-Betrug eingeleitet. Für die gelben Taxis am Bahnhof gibt es einen Dispatcher, der die Preise aushandelt. Ich konnte ihn zwar herunterhandeln, da ich aber die tatsächliche Entfernung nicht kannte, zahlte ich noch immer ungefähr zwölf Euro zuviel. Bei der Rezeption wurde ich an alte russische Zeiten erinnern: Wartezeit dreißig Minuten, bis ich im Zimmer war. Die Rezeptionistin war zwar sehr freundlich und spendierte mir ein Glas Champagner, doch die sehr persönliche Beratung, die sie jedem Gast angedeihen lässt, braucht ihre Zeit. Trotzdem soll das nicht als Beschwerdepunkt gewertet werden. Die Atmosphäre ist halt eher mehr die eines Palais, in das man als Gast eingeladen ist, als die einer Hotelkette. Apropos Hotelkette: im Zimmer lag eine Brochure „Pure Hotels“ auf, in dem das nämliche Hotel auch gelistet ist. Das Hotel hat nur einen Schwachpunkt. Der ist der Frühstücksraum oder sollte man besser Frühstücksdurchgang dazu sagen. Die Enge, die manchmal schon echt behindernd wirkte, störte mich weniger, als die ausschließlich indische oder pakistanische Mannschaftsbesetzung, die zwar freundlich aber ineffizient wirkte. Das englische Sprachverständnis war auch beschränkt und es gab kaum einen Satz, den man nicht wiederholen musste. Das ging auch den Gästen so, die Englisch als Muttersprache kennen. Die Badezimmerausrüstung hingegen war mit L-Occitane hervorragend bestückt. Ich bin versucht, mir die entsprechenden Tinkturen auch privat zu besorgen.
Prag selbst ist schön. Das behaupten alle Leute und ich stimme zu. Es gibt an jeder Ecke stimmige Motive, wenn man sich im alten Teil der Stadt bewegt. Weniger schön sind Stadtpläne, die in einem derart falschen Massstab gezeichnet sind, dass man auf die benötigte Zeit einer Wegstrecke überhaupt nicht schließen kann. So hatte mir auch die Rezeptionistin einen Spaziergang von fünfzehn Minuten angekündigt, der sich als nette Sight-seeing-Tour von fünfundvierzig Minuten herausstellte. Meine Vorstellung, die zweite Karte vielleicht noch verkaufen zu können, kann man als ausgesprochen naiv bezeichnen. Vor dem Martinicky-Palast gab es nur Personen, die schon Karten hatten, und sonst auch schon niemand. Wenn ich mich allerdings darin erinnere, dass die Karten für Carnuntum einundneunzig Euro gekostet hatten, hielt sich der Verlust in Grenzen, da die Karten in Prag viel billiger waren. Das Ambiente des Palastes und die Aufführung selbst entschädigten mich. Auch allein genoss ich das Theater. Beim Leichenschmaus kommen die Leute zusammen und ich neben einer Winzerstochter aus Strass im Strassertal zu sitzen.
Diesmal sah ich ganz andere Szenen als sonst, weil ich mich einfach treiben ließ. So rannte ich auch nicht den Almas hinterher sondern wartete mit Werfel auf die Gespräche zwischen den drei Ehemännern. Bei der Schlussszene verzichtete ich auf das Lazarett davor und saß in der ersten Reihe. Ich hatte schon vergessen, dass die abschließende Musik „La Valse“ von Ravel ist, was in mir ein ziemliche Harmonie auslöst. Die einzelnen Musikbeispiele von Mahlers Werk sind stimmig eingefügt. Der Totenmarsch aus der fünften Symphonie wurde länger gespielt, weil sich der Leichenzug außerhalb des Palastes rund um den ganzen Vorplatz und einen kleinen Park erstreckte.
Ich hatte mich mit Prag aufgrund der Aufführung ein bisschen ausgesöhnt, als ich heute beim Aus-Checken meine blauen Wunder erlebte. Obwohl ich das Taxi bereits vor dem Fertigmachen der Rechnung bestellen ließ, musste ich mindestens dreißig Minuten warten, bis es daher kam. Der Prager Verkehr tat sein Übriges und so erreichte ich den Zug gerade noch drei Minuten vor Abfahrt. Eine Stunde Zeit für etwas benötigt, was im Allgemeinen nicht mehr als fünfzehn Minuten dauern sollte. Da ich mittlerweile um meine eigene Fehleranfälligkeit Bescheid weiß, habe ich einen Extrareservezeitpuffer eingeplant. Der wurde aber auch voll ausgenützt.
Die Geschichte mit dem Taxibetrug ist bekannt. Wenn es den Tschechen egal ist, wie sie sich ihren Besuchern präsentieren, ist es mir auch egal. Ich sehe dann auch keine Veranlassung, meine Ressentiments, die ich ihnen gegenüber hege, zu überdenken. In Tschechien würde ich jedenfalls keine Firma gründen wollen, ja mich sogar weigern, dort zu arbeiten. Den Anschein der Schlitzohrigkeit, die bei einem Schwejk vielleicht noch zum Schmunzeln reizen kann, scheinen die Tschechen gar nicht erst ablegen zu wollen.
Ich schätze zwar „die wunderbare Leichtigkeit des Seins“, doch habe ich größte Schwierigkeiten, Sie mit Tschechien und Prag in Verbindung zu bringen.
