Archive for the ‘Aus dem Leben’ Category
Anlässlich eines Blogeintrags über „Dampf“, wobei es um die Dampfschifffahrt gegangen ist, wurde ich an eine andere Art von Dampf erinnert und zu einem langen Kommentar verleitet. Jetzt habe ich noch ein paar Gedanken dazu weitergesponnen…
點心 oder 点心
unter Dampf
In Wien gibt es ein von mir bevorzugtes chineseisches Restaurant, das ich oft auch allein besuche. Meistens abends, wenn ich nach Hause fahre, da es unmittelbar auf meinem Heimweg liegt und ich einfach spontan entscheiden kann. Oft ist es ausschließlich ein augenblickliches Gusto-Gefühl, welches den Umstieg von der U3 zur U6 mit einem Nichtumweg über das Restaurant ergänzt. Es befindet sich unmittelbar hinter dem Westbahnhof, wobei die Bezeichnung hinter schwer zu begründen ist, da der neu renovierte Westbahnhof eigentlich nicht mehr so stark vorne-hinten orientiert ist. Sagen wir so: das Restaurant liegt in Fahrtrichtung links, dort, wo die Gleise des Kopfbahnhofes herauskommen.
Objektiv ist dieses Plätzchen vermutlich sehr gut, weil man so viele Chinesen dort speisen sieht. Es scheint sich also recht heimatlich in gastronomischer Sicht anzufühlen.
Ich bestelle dort in der Regel T2, T3, T17 und T8 und einen Jasmin-Tee.
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Während ich sitze und auf die Gerichte warte, erinnere ich mich immer wieder an zwei Erlebnisse aus den Achtzigerjahren, eines davon abschreckend, während das andere eine nette Erinnerung wachruft und daher insgesamt eine positive Anmutung erzeugt. Die Orte der Geschehen sind Wuhan und Hongkong.
Nach Wuhan war ich nach einer achtzehnstündigen Eisenbahnfahrt von Beijing gekommen. Die Ankunftszeit war kurz vor Mittag und der Professor und ein Assistent holten uns ab und wollten uns sogleich mit einem Mittagessen verwöhnen. In der Nähe des Bahnhofs gab es ein Restaurant und wir mussten ungefähr 12 Minuten zu Fuss laufen. Dieser Spaziergang bedeutete eine unheimliche Erfahrung für mich. Schon in Beijing gab es am Bahnhof so viele Menschen, dass wir uns nur aufgrund unserer Hartschalenkoffer eine Art Rammbock schaffen konnten, mit dem wir es in Form eines Eisbrechers bis zur Rolltreppe schafften, die zu den Zügen führten. Beim Ausstieg in Wuhan waren es eben so viele Menschen. Der Bahnhof wimmelte von Chinesen und Chinesinnen. Das erschien mir noch als normal, doch als wir ungefähr fünf Minuten gegangen waren, stellte ich fest, dass die Menschendichte nicht abgenommen hatte. Die gesamte Straße war dicht von Menschen befüllt, die damals die grünen oder blauen Drilliche trugen und dadurch wirklich einen ameisenartigen Eindruck machten. (Ich schreibe das ganz bewusst so, denn es stimmt absolut nicht, dass alle Asiaten gleich aussehen. Ich lernte später, fünfhundert japanische Kunden per Gesicht und Namensschreibweise zu unterscheiden, denn die Gesichtszüge und Figuren sind genauso differenzierbar wie bei uns.) Da die groß gewachsen bin, konnte ich gut über alle hinwegblicken und ich erinnere mich deutlich an das Gefühl von Dankbarkeit, dass ich in Österreich geboren war. Meine ganze Erziehung, die europäische Kultivierung betont das Individualistische. In China hätte ich meiner Ich-Bezogenheit vermutlich Selbstmord begehen müssen. Als Teil eines Kollektivs kann ich mich einfach nicht sehen. Manchmal vielleicht, doch nicht in der gesamten Lebenseinstellung.
Jedenfalls erreichten wir das Lokal, wo es überhaupt nur eine Sache zu essen gab. Ich musste drei Stockwerke hochsteigen. Je höher man saß, desto feiner war der Tisch gedeckt. Doch in jedem Stockwerk wurde nur dieses Gericht gegessen und das ganze Lokal roch danach. Für Wuhan war das ein feines Lokal, bei dem das Essen zelebriert wurde.
Sonst war die Kost in den Achtzigerjahren in Wuhan eher beschränkt, vor allem in der Uni-Kantine. Die Esskultur auf der Campus-Mensa war erschreckend, so schlimm, dass wir schließlich die Suppe verweigerten. Der austeilende, ältliche Chinese ließ die Suppe von einem großen Suppenlöffel in seinen Hemdärmel laufen. Mit einem Loch am Ellbogen, wo die Suppe herauskam, dirigierte er die Flüssigkeit in unsere Suppenschalen. Der unverfängliche „fried rice“, den ich im Hotel aß, besorgte mir die einzige Magenverstimmung, die ich je auf einer meiner vielfachen Auslandsreisen erfuhr. So viel zu Wuhan, einer nicht unbedeutenden „Region“ in der chinesischen Geschichte.
In Hongkong hingegen wurde mir bei meinem ersten Besuch berichtet, dass es sich bei „dem Gericht“ (oder den Gerichtchen) um die Lieblingskost der Manager in Hongkong handelte, die sie zum Lunch zu sich nehmen würden. Das galt für Chinesen und Engländer gleichermaßen, denn Zeit ist Geld und man brauchte nur bestellen und in wenigen Augenblicken kam das Essen.
Ich war ganz überrascht, als ich dann selbst tatsächlich zum ersten Mal typische Vertreter dieser Zubereitung kostete. Einfach köstlich.
Die chinesische Bezeichnung – die ich jetzt sogar schon lesen, aussprechen und sprechen kann – bedeutet „ein bisschen Herz“ oder wie es poetisch besser in Wikipedia zitiert ist:
„Kleine Leckerbissen, die das Herz berühren“.
Das Wort Herz wird auf kantonesisch anders ausgesprochen als in Mandarin. Daher sagt man „Dim Sam“. (deutsche Phonetik. Dim Sum in englischer Umschreibung)
[Es sind] kleine Gerichte, die meist gedämpft oder frittiert sind. Sie stammen ursprünglich aus der kantonesischen Küche Chinas. Zum Teil stammen die Häppchen aus traditionellen Teehäusern. Man findet es in unzähligen Variationen und allen Preisklassen vor allem im Süden und Osten Chinas. Dim Sum werden zu klassischem chinesischen Tee meistens in kleinen Bambuskörbchen gereicht. Die Bambuskörbe haben einen Durchmesser von knapp 20 cm und können zum Dämpfen aufeinander gestapelt werden, der oberste wird danach abgedeckt.<> In jedem befindet sich ein normalerweise auch aus Bambus bestehendes Gitter, auf das die Speisen gelegt werden. Es ist üblich, die Mahlzeit je nach Geschmack noch mit Sojasauce oder anderen – zum Teil scharfen – Soßen zu verfeinern. Den Großteil der Gerichte machen gefüllte Teigtaschen aus. Die Füllungen können aus allen denkbaren Sorten von Fleisch, Meerestieren und -früchten, aber auch aus Ei und Süßem bestehen. [Wikipedia]
1983 hatte kein einziger Chinese in Wien diese Gerichte anzubieten. Auch heute findet man nur eine leicht abzählbare Anzahl in Wien. Aber das Tsingtao beim Westbahnhof hat sie in großer Vielfalt. Wenn also auch der Dampf der Eisenbahnlokomotiven verschwunden ist, wie er noch so schön im Orientexpress der Fall war, gibt es nach wie vor Dampf gleich neben den Schienen. Ich kann jedem nur empfehlen, diese kleine Herzen zu verkosten.
P.S. T2 sind Teigbällchen mit Shrimps gefüllt, T3 sind Bärlauchtascherln, T17 sind Hummerschiffchen (also gebacken nicht gedämpft) und T8 sind Dòushābāo – 豆沙包 – eine Art Germknödel mit süßer Bohnenpaste gefüllt.
Es sind jetzt schon zehn Jahre her, dass ich diese Zeilen geschrieben habe. Beim Aufräumen in einem alten Computer sind sie mir wieder entgegengefallen. Im Allgemeinen haben sich die Erfahrungen der letzten zehn Jahre durchaus in Veränderungen meiner Weltanschauung niedergeschlagen. Aber diese Zeilen könnte ich heute vermutlich noch immer unterschreiben. Besonders erstaunlich war für mich, dass ich die Kategorie „Leben“ speziell erwähnt hatte. Leben spielt vermag heute eine wesentlich stärke Sinngebung zu vermitteln, als ich es damals empfand. Erst vor zwei Jahren habe ich zum „ersten“ Mal recht knapp formuliert, dass der Sinn des Lebens einfach das Leben selbst ist.
Ich schreibe diese Zeilen ohne mir einen bestimmten Adressaten oder Adressantin als Empfänger vorzustellen. Die Begriffe Kelten, Wesen(serkenntnis) und Esoterik sind an sich so stark miteinander verknüpft, dass sie wie ein Anker als gemeinsame Einheit für eine Rückbesinnung oder Standortsbestimmung dienen können.
Technikern wird in der Regel eine Ablehnung von esoterischem Gedankengut zugeschrieben, die nur in einer Ausnahme verletzt werden darf. Ein Techniker darf auch musikalisch sein, denn das sind ja so viele, die sowohl mathematisch als auch musikalisch begabt sind. Was für eine seltsame Besonderheit. Ich habe inzwischen die Bestätigung durch meinen hochintelligenten Chef bekommen, dass auch er schwierige, zum Teil logische Probleme mit dem Unterbewusstsein durch bewusstes Abschalten löst. Das bedeutet, dass sich Logik und Emotionalität sich nicht ausschließen, die Weiterverfolgung dieses Themas führt uns aber auf eine ganz andere Fährte.
Interessanter ist da schon die Verfolgung des religiösen, des philosophischen oder des transzendenten Interesses von Technikern. Ohne speziell danach zu suchen stelle ich bei den Frauen Anhäufungen von emanzipierten, bestens ausgebildeten, ausgesprochenen Agnostikerinnen fest, wo ich kopfschüttelnd nur fragen kann, wie eine Medizinerin eine göttliche Instanz – egal in welcher Ausprägung – leugnen kann, während ich bei gestandenen Programmierern Buddhisten, Taoisten und verschiedene andere Geschmacksrichtungen von esoterischem Interesse finden kann.
Einsteins Widerlegung der Quantentheorie „Gott würfelt nicht“ ist bekannter als der Umstand, dass viele Physiker und Naturwissenschafter sehr wohl die Grenzen des rational Erfassbaren kennen. Wohin richtet sich dann aber das transzendentale Bedürfnis? Ein in der Jugend unkontemplierbarer Muss-Glaube richtet sich bei denkenden Menschen häufig gegen die vermittelten Religionsinhalte. Das geschieht vor allem deswegen, weil Vertreter der Kirche häufig ihre eigene Meinung mit einer Wahrheitsberechtigung ausstatten, die ihnen nicht zusteht. Der Unterschied zwischen Wahrheit, Wissen und Interpretation wird unter den Teppich gekehrt und alles ist gleich, wenn „die Kirche“ und „ihre Vertreter“ es verkündigen.
Ein anderer Ansatz, der bei mündigen Interessenten zu beobachten ist, ist die Auswahl einer religiösen Geschmacksrichtung, die möglichst nahe den eigenen Vorstellungen kommt. Für meinen eigenen Geschmack hatte der Gedanke an Reinkarnation immer etwas besonders Gerechtes an sich. Warst du in einem Leben schlecht, wirst du im nächsten Leben zu einer unachtsam zertretenen Ameise. Umgekehrt ist es sinnvoll, an sich selbst zu arbeiten, damit das nächste Leben vielleicht schon auf einer höheren Stufe beginnen kann. Ein weiterer Zugang kann auf dem Prinzip des Mehrheitswahlrechtes erfolgen. Welche Religion hat die meisten und sympathischsten Anhänger? Jetzt? In der Vergangenheit? Da möchte ich auch dazugehören. Oder man betrachtet die Kombination aus verschiedenen Religionsinhalten: die Anthroposophie nach Rudolf Steiner kann durchaus als gelungene Verbindung von Christentum und Buddhismus dargestellt werden. In den Werken sowohl des weltlich bekannten Christian Morgensterns als auch des katholischen SJ Teilhard de Chardin kann der spirituelle Aufstieg des Menschen verstanden werden. Wenn wir versuchen, den demagogischen Aspekt auszuschließen, müssen wir uns generell an unterschiedlichste Völker und Gruppierungen wenden, die quer durch die Geschichte an bestimmten Riten festhalten und ihren Glauben oft sehr standhaft einzementieren. Mircea Eliades „Geschichte der religiösen Ideen“ kann hier als Grundlage dienen. Für mich war es sehr interessant zu erfahren, dass der jüdische Glaube nicht – wie im Religionsunterricht gelernt – die erste monotheistische Religion war.
An all die Nymphen, Faune, Halbgötter und Vollgötter der griechischen Mythologie zu glauben, ist heute schwer substanziierbar, obwohl Herzmanovsky-Orlando begeistert gewesen wäre. Auch die nordischen Gottheiten finden besseren Platz in der Literatur und verfilmbaren Bestsellern als in einer lebbaren Grundphilosophie.
Heutige Philosophen wie Charles Taylor sprechen lieber von der Authenzität und eine wesentliche Fragestellung der heutigen Philosophen betrifft eine areligiöse Ethik. Wenn der Mensch Gott leugnet, leugnet er sich selbst auch. Das kann durchaus eine vertretenswerte Beschränkung in dem Glauben an die eigene Wichtigkeit sein. Wir kommen dann relativ bald zur Bewunderung der Dinge rund um uns und entdecken die Bedeutung des Prinzips Leben. Und plötzlich fängt rund um uns mehr zu leben an, als wir es von Mensch, Tier und Pflanze gewöhnt sind. Berge, Täler, Meer und Himmel gewinnen an Beseeltheit und beginnen einen Dialog mit den inneren Landschaften der persönlichen Seele. Eine solche Überlegung, die sich durchaus auch im Rahmen der Antroposophie darstellen lässt, findet sich im spirituellen Erbe der Kelten.
Wenn die keltische Betrachtung von Licht und Liebe, die Betrachtung von Freundschaft, im Rahmen unserer heutigen Umgebung mit Fast food, Neonlicht und Lautheit als nicht anwendbar erscheinen, gibt es starke Aussagen eines Erich Fromm in „Haben oder Sein“, wonach gerade die angesprochenen Erkenntnisinhalte eine große Beeinflussung aufweisen, ob man als Mensch entfremdet oder authentisch lebt.
Mit einer ganz kurzen Gedankenschleife kommen wir von der nicht-entfremdeten Tätigkeit zur lustvoll erlebten Arbeit, zum Erfolg und zur Integration in ein sinnvolles Gemeinwesen.
Der irische Philosoph John O’Donohue hat aber für seine Darstellung der keltischen Spiritualität den Titel „Anam Ċara“, welches soviel wie Seelenfreund bedeutet gewählt. Mit dem Seelenfreund finden wir plötzlich eine ganze Schar von Querverbindungen.
23.11.2002 Brunn
