utopia

Der Fortschritt ist unaufhaltsam. Und manchmal fast unmerklich. Durch Marketing gewöhnt man sich an Dinge und hält sie für selbstverständlich. Diesen Beitrag werden wohl nur Leute über 40 verstehen.
Ich bin ein Mensch, der beruflich mit EDV zu tun hat, und technischen Neuerungen aufgeschlossen gegenübersteht. Ich erinnere mich, dass das Telefax auf mich einen enormen Eindruck gemacht hat. Bis dahin lief der Geschäftsverkehr über Telex. Das war mühsam.

Das Telefonwesen hat sich verändert. Es gibt kaum mehr öffentliche Zellen. Das Mobiltelefon ist eine Selbstverständlichkeit geworden. Aber nicht nur das. Wenn ich im Flugzeug sitze, wechsle ich die SIM-Karte in meinem Telefon, damit ich den günstigeren Tarif habe. Internetmäßig bin ich in Serbien noch besser verbunden als in Österreich.

Ich habe seit einiger Zeit ein iPad. Ich hatte einmal ein Lenovo-Pad der ersten Generation bei einer Veranstaltung gewonnen und weiterverschenkt. Es war unbrauchbar.

Das iPad ist brauchbar.

Wenn ich reise, habe ich folgende elektronische Geräte mit:
Laptop (= Arbeitscomputer)
iPad Air
Samsung Note 3 (Mobiltelefon)
manchmal den Kindle e-book-Reader
Meine Sony-Camera, die theoretisch auch mit dem Internet verbunden werden könnte.

Das ist alles Einleitung bisher.
Jetzt kommt das Ereignis:
ich wollte anrufen, um einenTermin auszumachen.
Da ich gerade das iPad unter meinen Fingern hatte, wählte ich Skype an und schaute, ob meine Gesprächspartner auch aktiv verbunden war.
Ich wählte die Verbindung und das Gespräch kam zustande und die Terminvereinbarung. Es war ein Videogespräch. Man kennt das von neueren Filmen. Es ist nicht mehr „etwas Besonderes“.
ABER DASWAR ES!
Als ich 25 Jahre alt war, kamen solche Gespräche nur in Science Fiction-Romanen vor. Ich erinnere mich, dass ich mich gefragt hatte, ob das noch zu meinen Lebzeiten technisch möglich wäre. Ich war damals Studienassistent auf der TU und hatte meinen eigenen Computer, eine DEC-PDP-11/10 mit CAPS zur Verfügung. Ich hatte Vorstellungsvermögen, was möglich wäre und was nicht. Datenverbindungen liefen damals mit 110 und 330 Baud. Das ist eine Million mal langsamer als heute eine durchschnittliche Internetverbindung. Ich hatte in Elektrotechnik von physikalischen Restriktionen gelernt, die inzwischen gefallen sind.
Das Gespräch, das ich heute geführt habe, wäre mir als unmöglich erschienen. Heute ist es „nothing to write home about“.

Das ist nur ein klitzekleines Beispiel eines Vorgangs, wie er heute natürlich erscheint. Doch in meiner Altersklasse sind Menschen, die sich der Technik verschließen. Ich schreibe das nicht vorwurfsvoll. Ich kann es gut verstehen. Ich könnte auch dazu gehören, wenn ich nicht in den letzten 40 Jahren alle Neuerungen graduell mitgemacht hätte und sie auch technisch verstehen kann.
Wenn ich mich wie heute besinne, kommt mir erst die Unglaublichkeit des Vorgangs und der gewaltige Unterschied zu vor vierzig Jahren zu Bewusstsein.
Wem geht es noch so?
P.S. Soviel hat sich technisch „verbessert“. Doch die Psyche der Menschen scheint lernresistent zu sein. Wie man an den politischen Entwicklungen leicht beweisen kann.


  1. mir geht es öfters so.
    z.b. wenn ich einer präsi zuschaue und mir die schulzeit einfällt, mit den abgezogenen matritzen, die so eigenartig rochen.
    z.b. wenn ich daran denke, dass ich zu schulzeiten für schlappe 20 pfennig den gesamten nachmittag mit meinem schulfreund telefonieren konnte (meine mutter fand es natürlich zum haareraufen).
    z.b. wenn ich daran denke, wie ich die ersten referate auf einer schreibmaschine mit druckband getippt habe.
    und es gab litfaßsäulen.
    die sind jetzt hier auch abgebaut.

  2. Einerseits fasziniert mich die Technik und andererseits
    macht sie mir Angst. Ich denke an das erste Messenger-Date mit
    meinen Kindern in Griechenland. Wir waren vor Begeisterung alle
    aus dem Häuschen, konnten es gar nicht fassen, dass wir von face to face miteinander reden konnten. Haben so manches Mal bis in die Frühe Spiele gespielt, während wir uns dabei sehen konnten.

    Und wenn ich da an meine erste Schreibmaschine denke, an unser erstes Telefon, unseren ersten Fernseher … all das waren schon Sensationen:-)

  3. ja, absoluter wahnsinn, was sich technisch alles tat. im altenheim betreue ich einige hochbetage, die noch mehr quantensprünge diesbezüglich erlebten, die sich noch an das kaiserreich erinnern und in pferdekutschen zur kirche fuhren, die in zeiten ohne tv aufwuchsen, als ein radio bzw. rundfunkempfänger etwas ganz besonderes war.
    heutezutage sind die menschen medial vernetzt und von informationen überflutet – was sie aber leider nicht weiser macht.

  4. Die Frage ist, wohin das alles führt. Die Jungen bekommen schon Entzugserscheinungen, wenn sie mal eine halbe Stunde nicht auf ihrem depperten i-phone herumtippen oder im Facebook ihren 3.456sten Freund adden können.
    Immer mehr Unterhaltung wird erschaffen, bis man selbst die grundlegendsten Dinge verlernt hat und ständig auf technisches Schnick-Schnack angewiesen ist.
    Schüler sind z.B. nicht mehr in der Lage, aus dem Telefonbuch einen Namen rauszusuchen, weil sie das Prinzip der alphabetischen Anordnung nicht verstehen. Das hat mir eine befreundete Lehrerin erzählt. Diese Entwicklung ist alarmierend.

  5. Avatar von Unbekannt HARFIM

    Wenn ich mich mit jemand unterhalte und derjenige zückt plötzlich sein Handy, um eine SMS zu lesen und womöglich zu beantworten, lass ich ihn stehen und geh weg.
    Das ist die einzige Möglichkeit, hab ja selbst auch nie so ein Gerät bei mir… eine Zeit lang war es auch im Ruheraum der Sauna Mode, aber das scheint abzuebben, genauso die jungen Leute, die im Café sitzen und ihren Laptop vor sich haben, smile, es lässt nach… hin und wieder reden Leute in echt miteinander 🙂

  6. Abschließender Kommentar 🙂 Das heißt aber nicht, dass es der letzte sein muss.

    Ich freue mich sehr, wenn ich die Kommentare wie die obigen lese. Schließlich sind sie der Beweis, dass mein Posting etwas angerührt hat und zu Gedanken verführt hat. Dass diese Gedanken nicht die meinen sind, oder vielleicht doch die meinen, aber nicht die, die ich in meinem Posting ausdrücken wollte, beweist nur, dass es noch viel braucht, bis ich mich unmissverständlich ausdrücken können werde.
    Es gibt auch Kommentare auf Facebook, wohin ich mein Posting verlinkt habe. Und diese schlagen auch in die selbe Kerbe.
    Es gibt den Tenor, dass die technische Entwicklung unser Leben stark verändert andert. Dass sie nicht von allen angenommen wird. Und dass es schade ist, was wir auf technischem Gebiet erreicht zu haben scheinen, obwohl wir sonst noch wie die Neandertaler die Köpfe einschlagen.
    Alles das stimmt und kann als sehr legitime Antwort auf mein Posting verstanden werden.

    Aber ich möchte hier festhalten: es ging mir in erster Linie um die grenzenlose Verblüffung, als ich plötzlich festgestellt habe, dass ich etwas mache, was ich mir früher einmal als unrealisierbar vorgestellt habe. Eine Vorstellung von Videotelefonie hatte ich sehr wohl. Vielleicht so, wie Jules Verne die Reise zum Mond oder die Reise im Unterseeboot beschrieben hat. Aber ich konnte mir nicht vorstellen, dass ich es noch erlebe.
    Das überrascht mich deswegen so sehr, weil ich mir sehr viel vorstellen konnte und vorstellen kann. Aber alles hat sich so schleichend entwickelt, dass der große Sprung, der innerhalb eines Menschenlebens passiert ist, ZUMINDEST MIR normalerweise gar nicht bewusst wird.

  7. Ist ja alles schon gesagt.
    Die technischen Quantensprünge sind beachtlich, und eben seinerzeit, also zur Zeit des Vierteltelefons, des Fernsehen zum Nachbar gehen oder zum Wirten, nachher der Eigene mit zwei Programmen und Bundeshymne zum Sendeschluß, Lochkarten für raumfüllende Rechner mit Kapazitäten eines heutigen billigen Taschenrechners, etc., kaum vorstellbar.
    Allerdings, abgesehen von Wenigen, wozu der Fortschritt?
    Nein, nein, ich bin kein Pessimist, aber wenn ich beobachte, wofür der Quantensprung in der Kommunikation genutzt wird, da kommen mir doch Zweifel, ob es gut war, von den Bäumen herunterzusteigen (jetzt ein bisserl überspitzt formuliert).
    Die Inhalte haben nicht mitgezogen, wir driften zusehens an die Oberfläche und ins Plakative, geben einer Nachricht mitunter den Vorzug gegenüber dem eben stattfindendem Gespräch.

    Wir sind irgendwo, nur nicht hier.

  8. Avatar von Unbekannt stilz

    Ich erinnere mich noch gut an die Gadgets der James-Bond-Filme – damals lernte ich, daß es offenbar NICHTS gibt, das man sich nicht ausdenken kann. Auch mein Gefühl lernte das – und es kam der Zeitpunkt, da überraschte mich das neueste Gadget kaum mehr, ich fand es auch nicht mehr wirklich aufregend, sondern es entlockte mir nur mehr ein amüsiertes Schmunzeln.

    Vor etwa fünfzwanzig Jahren fand ich es unglaublich aufregend, mich auf Bergtouren mit meinem Mann per Funkgerät verständigen zu können.
    Und wie genoß es, als wir das erste „ganze“ Telefon unser Eigen nannten (… zur Zeit der Vierteltelefone konnte ich zB meine Eltern nie anrufen, da sie an derselben Leitung hingen…)

    Aber als die ersten Mobiltelefone im Umlauf waren, lachte ich über die eifrigen demonstrativen Telefonierer (es gab damals tatsächlich Organisationen mit Namen wie „rent a call“, von denen man sich anrufen lassen konnte, um zu strategisch günstigen Zeitpunkten für andere „wichtig“ erscheinen zu können) und dachte mir: Also, sowas werde ich wirklich nie brauchen.

    Inzwischen kann ich mir ein Leben ohne Handy kaum mehr vorstellen, und die Anzahl früher utopisch scheinender Gadgets in meinem persönlichen real life ist stetig angestiegen.
    Und mehr und mehr bemerke ich, daß ich einfach ALLES für prinzipiell möglich halte – es ist keine Frage mehr, OB ein verrücktes technisches Dingsbums, das sich jemand ausgedacht hat, auch hergestellt wird, es ist nur mehr die Frage, WANN das geschehen wird. Und auch die Antwort auf diese Zeitfrage reduziert sich immer mehr auf „jetzt oder in ganz naher Zukunft“. Wir werden immer schneller…

    Der „große Sprung“, den jeder von uns im Laufe dieser Entwicklung unweigerlich (mit)gemacht hat, wird uns erst dann bewußt, wenn wir INNEHALTEN, also zumindest für einen Augenblick „aussteigen“ aus dem immer schneller werdenden Lauf der Zeit (den Sie ja gestern, in Ihrem Artikel über die „Kürzere Zeit“, thematisiert haben).

    Vielen Dank, daß Sie mir den Anlaß gegeben haben zu einem solchen Innehalten.

    Herzlichen Gruß von einer unregelmäßigen Mitleserin…




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