Schmunzeln

Ursprünglich war es kein Schmunzeln. Ich sah sehr interessiert die Dokumentation Österreich I von Hugo Portisch an, die ich als ausgezeichnet ansehe. Der Zusammenhang mit der Ursache meines Schmunzelns wird auch nicht auf den ersten Blick ersichtlich sein. Danach gab es Mittagessen und jetzt komme ich gerade vom Wählen zurück.

„Möchtest Du ein Hendlhaxerl mitnehmen? Etwas Erdäpfelpüree? Willst Du noch das Fleischlaibchen mit haben?“ – Nicken, Nicken, Nicken. Ich sah meine Tochter an und musste schmunzeln, was sie verunsicherte. „Wieso lachst Du?“ Dann erklärte ich ihr den Zusammenhang.

Meine Tochter sehen wir nur zu Familienfeiern oder zu den seltenen Gelegenheiten, an denen sie außerdem noch nach Wien kommt. Diesmal war ich der Auslöser, weil ich sie zu einer Veranstaltung eingeladen hatte. Heute musste sie gleich nach dem Mittagessen wieder nach Graz und meine Frau packte den Proviant ein. Dazu gehörte auch noch ein Baguette und ein Mandelcroissant von unserer hervorragenden Boulangerie in Brunn, die ziemlich gut zu gehen scheint. Samstags, sonntags, immer frisches Brot oder eben französisches Baguette.

Also warum schmunzelte ich? Es war so offensichtlich, wie die Familientradition meiner Familie fortgesetzt wird. Genauso hatte meine Mutter meine Frau gefragt. Genauso hatte meine Grossmutter meine Mutter gefragt. Essen spielte in unserer Familie eine große Rolle. Mein Vater, der genaue Buchhaltung führte, stellte manchmal fest, dass Essen einen der größten Ausgabeposten ausmachte. Er beschwerte sich nicht, weil qualitativ hochwertiges Essen als notwendige Therapie angesehen wurde, auf die meine Mutter infolge ihrer angeschlagenen Gesundheit Anlass zu geben schien.

Die Assoziationen gehen aber noch etwas weiter. Ich erzählte meiner Tochter, dass meine Eltern den ersten Urlaub am Bauernhof in Oberösterreich machten, als ich zwei Jahre alt war. Der Grund dafür war ein Frühstück, dass dort Milch, Butter und Eier beinhaltete. Das war 1953 noch fast unerschwinglich. Vier Jahre später war es nicht mehr so schwierig, Nahrungsmittel zu bekommen. Dazwischen lag der Staatsvertrag, der sich anscheinend doch auch in der Versorgungslage niederschlug. In der Zeit davor konnte mein Großvater mütterlicherseits noch seine Hamsterfähigkeiten unter Beweis stellen. Auf seinem Motorrad fuhr er 80 km weit nach Niederösterreich hinaus, um 12 Eier oder ein halbes Kilo Butter zu ergattern.
Diese Eigenschaften ließen sich auch später nicht verleugnen, wenn er auf den Markt in Brigittenau um einen grünen Salat geschickt wurde und mit einem Sauschädel im Rucksack zurück kam.
„Aber Karl, was hast denn da wieder eingekauft? Einen Salat hättest Du bringen sollen.“ klagte meine Großmutter. Nicht wörtlich – aber so in meiner Erinnerung gespeichert – antwortete er: „Aber der hat mich so lieb angesehen.“

Da meine Großeltern Sudetendeutsche aus der Umgebung des heutigen Ostrava waren, schließt sich der Kreis bis zur 1. Republik. Ich weiß nämlich nicht, ob sie vertrieben wurden oder schon vorher nach Österreich kamen. Davor, im ersten Weltkrieg jedenfalls, war mein Großvater in Pula stationiert. Von dieser Zeit pflegte er manchmal zu schwärmen. Und da gibt es dann auch die Querverbindung zur Trapp-Familie und dem „Sound of Music“.
Irgendwie ist es schon interessant, wie ein kleiner Dialog ein Jahrhundert an Geschichte aufspannen kann.


  1. Hach. Schön. Schön, dass es in anderen Familien auch so ist, wie bei uns. Wenn ich bei meinen Eltern im Flachland bin, kehre ich auch jedes mal schwer beladen wieder in den Süden des Landes zurück. Wobei es sich nicht nur um Lebensmittel handelt. Mutter kauft immer „ganz zufällig“ diese „kauf 2 zahl 1 – Aktionen“, die sie ja „gar nicht braucht“ und deshalb wandern dann auch Waschpulverpackungen, Geschirrspülmittel und ähnliches in große Papiersackerln, die ich dann zum Auto trage. Vater versorgt mich mit Büchern und mit Wein „der in seinen Augen schon ein bissl hinüber ist“. Dabei handelt es sich um einwandfreien, erstklassigen französischen Rotwein. Wenn sein Vorrat im Keller dann offensichtlich durch meinen Konsum (weil er musste der armen Tochter ja ein paar Flascherln mitgeben) schrumpft, dann kann er frohen Mutes und mit Mutters Segen wieder frischen Wein kaufen.
    Hach.
    Schön.
    Schön, solche Zeremonien innerhalb von Familien über Generationen aufrecht zu erhalten…

  2. Offensichtlich ein gängiges Muster.
    In meiner Herkunftsfamilie gab´s das nicht, was eine andere Geschichte ist, aber Mama, was meine Schwigermutter ist, jedes mal Taschen voll. Gut, das waren kleine Bauern und Essen fundamental.
    Heute noch, die Landwirtschaft längst Vergangenheit und Mama hochbetagt, zumindest ein paar Karotten oder ein Krautkopf, Kuchen sowieso, muss mitgegeben werden.
    Heut schmunzle ich auch, weil wenn unsere Töchter (27 und 30) zu Besuch kommen, ein Essen geht da immer mit, ist meine Frau doch Tochter ihrer Mutter.
    (Jüngst haben sie uns sogar gebeten, doch mit den Osternesterln aufzuhören weil sie doch schon erwachsen sind. Dem konnte ich nur zustimmen, lächelnd.)

    Meine Schwiegerfamilie sind Sudetendeutsche und Burgenlandkroaten von Herkunft, da war Überleben Thema, Nahrung, und deren Beschaffung, Hauptthema, verständlich.
    So etwas legt man nicht einfach ab, ja man gibt es weiter.

    Szenenwechsel, Schule. Ich bin da für ein paar Wochenstunden Schulwart. Klo geputzt wird von einer externen Firma die Dragiza her schickt. Dragiza ist gebürtige Serbin und halt in der Rangordnung eher unten angesiedelt. Ich sehe in Dragiza halt einen Menschen, weil ist ja so, hör ihr zu. Fazit, ich bekomme fast wöchentlich Essen, fetttriefend wunderbare Salčići oder Pogača.
    (Nur um keine Misverständnisse aufkommen zu lassen, ich bin nicht auf Verköstigung aus.)

    Essen ist Zuneigung.

  3. als „nachzügler“ …
    auch ich habe bei ihrer schilderung herzlich schmunzeln müssen.
    wie sich die bilder gleichen …
    die worte ihrer frau hätten die worte meiner mutter sein können, und mein sohn in Wien hat diese tortur auch durchzustehen, wenn er uns besucht … meine vorfahren kommen aus Oberschlesien, wo das gute essen ebenfalls eine selbstverständlichkeit war.
    es ist schon merkwürdig, was einem so für gedanken kommen bei der lektüre ihrer geschichte …

  4. Wenn ich irgendetwas aus dem Elternhaus und von meiner Großmutter „mitgenommen“ habe, dann ist es die Einstellung, dass man am am Essen nicht spart… einfach auch deshalb, weil es in den unseligen Kriegszeiten nichts gab. Wer Hunger kennt, der hat wohl automatisch eine ganz andere Wertschätzung fürs Essen.




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