Jugendarbeitslosigkeit, ja wieso denn?

Heute sendete mir ein lieber Kollege eine e-mail mit folgendem Inhalt:
„Die Haltbarkeitsdauer eines Software-Entwicklers ist nicht länger als die eines Kricketspielers – ungefähr 15 Jahre. Die 20-jährigen Typen bringen mir für den Unternehmenserfolg mehr als die 35-Jährigen. (…) Bei dem Tempo, in dem die Technologie sich verändert, wird man mit 35 sehr schnell überflüssig, wenn man nicht dazulernt. Für 40-Jährige ist es sehr schwierig, relevant zu sein.“
Velloparampil Rasheed Ferose, SAP-Manager in Indien
aus einem Spiegel-Artikel….
Darauf hatte ich folgende Antwort:
So etwas Ähnliches behauptet man ja von Mathematikern, die mit 25 ihren Zenit erreichen. Die haben allerdings den Anstand, sich mit 35 entweder umzubringen oder sich ins Irrenhaus einweisen zu lassen. Auch bei Schachspielern galt das Gleiche lange als Paradigma, Lasker und Botwinnik sind da wirklich die Ausnahmen.
(Wobei es da um absolute Leistungsgrenzen geht.)
Der Passus „wenn man nichts dazulernt“ ist ja ein Gummi-Nebensatz. Er zeigt höchstens auf, dass gar nicht erst erwartet wird, dass man in dem Alter noch etwas dazu lernen kann.
Es ist ein gewisser Trost, dass solche Aussagen auch schon früher getroffen wurden, wonach man sich freuen konnte, wenn sie durch Ausnahmen wiederlegt wurden.
Wenn wir aber alle über 35 euthanasieren, könnten wir das Pensionsproblem rucki-zucki lösen.
Ich hoffe ja, dass sich diese Meinung, die sicher nicht nur die eines einzelnen ist, an genau denen rächen wird, die sie äußern.


  1. Da schreibt niemand einen Kommentar. Obwohl es ein allgemeines Problem darstellt. In der Zeitung steht über eine Studie der Wirtschaftskammer, dass Leute in der IT eine Arbeitsplatzgarantie auf Lebenszeit haben.
    Und deswegen bin ich mittlerweile ein bisschen überheblich geworden. Es geht nicht mehr um die Konkurrenz alt gegen jung, bei der ich langsam an Boden verliere. Es geht um globale Konkurrenz und da denke ich mir, dass ich als alter Hase den jungen Indern noch etwas entgegen zu setzen weiß.
    Heute würde übrigens ein Artikel von mir gerade in einem SAP-Medium angenommen. Ein Text, den kein noch so junger Inder schreiben kann. Also werden wir jetzt einmal sehen, was wir da noch aufstellen können.
    Aber solche Zitate sollten aufrütteln. Wenn wir unser Bildungssystem weiter so vernachlässigen, wird es auch für die jungen Gurus keinen Platz mehr geben.
    Denn eines haben die jungen Inder schon drauf: sie sind gut in Mathematik, sie sind fleißig, arbeiten detailliert und fragen nicht dauernd, warum sie etwas machen sollen, wenn es ihnen angeschafft wird. Vielleicht ist das auch der Grund, warum sie zum Unternehmenserfolg beitragen:)

  2. Avatar von Unbekannt wvs

    *entfernt*
    (weil: Thema verfehlt)

  3. Das ist ja vielleicht etwas. Da gab es schon fünf Kommentare, die sich ganz selbstständig wieder auf drei reduziert haben. Ich betone, dass ich mit den Löschungen nichts zu tun hatte.
    wvs und Falkin haben das eigentliche Thema auf ähnliche Weise verfehlt, obwohl die Beiträge für sich genommen durchaus die Ausgangspunkte eigener Diskussionen bilden könnten.
    Es geht ja bei der Betrachtung nicht so sehr um das allgemeine Alterungs- und Karrierethema als vielmehr um die Beurteilung einer rein intellektuellen Leistung.
    Der Programmierer wird so betrachtet, als wäre er eine Rechenmaschine. Desto schneller und mehr er rechnet, desto besser ist er.
    Ich habe im Alter von 35 Jahren ein Messverfahren entwickelt, welches messtechnische Aussagen ermöglicht hatte, wenn man nur 110 statt der gewöhnlichen 10000 Messungen durchgeführt hatte. Geht natürlich etwas schneller und übersichtlicher. Manchmal ist es halt besser, schon ein bisschen Erfahrung zu haben.
    Alle anderen Argumente, die gegen den Jugendwahn sprechen, sind äußerst hilfreich. Mir ging es allerdings nur um den „intellektuellen Materialismus“:)

  4. „…wenn man nicht dazulernt.“ scheint die entscheidende Pasage zu sein, und damit hat SAP zum Teil recht.
    Zum Teil recht, weil heute Unternehmen großteils davon ausgehen, dass es so ist, also dass der Lernprozess mit 35 zuende ist.
    Damit werden leider wertvolle Ressourcen brach liegen gelassen, weil Erfahrung ein nicht zu unterschätzender Wert ist, der junger Spontanität durchaus gleich zu setzen ist.

    Der Arbeitsmarkt sieht allerdings anders aus.

  5. Ich habe meinen Kommentar gelöscht Für fallbeilartige Urteile wie „Thema verfehlt“ bin ich eigentlich zu alt. (Man hätte ja auch „Thema erweitert“ sagen können.) Bitte demnächst genauer schreiben, welche Art Kommentare man wünscht. Schönes Wochenende.

  6. Avatar von Unbekannt Sunnilein

    Genau! Man erwartet nicht, dass jemand oberhalb von …35…40… etwas dazu lernt oder willentlich sich geradezu danach sehnt.
    Eigenes Beispiel: Ich suche seit 4 Jahren vergeblich einen Professor – es darf natürlich auch eine Frau sein! – die eine außerordentliche Promotion betreut, die ich anteilig geschrieben im Schubfach liegen habe. Nichts, nichts, nichts zu machen…zu alt! Mit damals, also zu Beginn der Suche, 58 Jahren! Schade, Deutschland, schade….Übrigens ging es im Thema um die Aktivierung von gesteigerter Leistung bei Schülern der Klassen 10-12 durch kreative Aufgabenstellung am Gymnasium. Schon klar, das braucht man nicht in Deutschland!
    Und, lieber Steppenhund, es w i r d sich rächen, hoffentlich an den Richtigen…

  7. @ Steppenhund:

    was das Löschen meiner Kommentare anbelangt…
    Ich bin ein recht impulsiver Mensch und reagiere spontan auf ein Thema. Wenn ich persönlich es mit etwas Abstand als zu weit weg vom Blog-Betreiber empfinde, halte ich es für höflicher diesem gegenüber einen Beitrag zu löschen. Zu dem kam hinzu… dass der werte Erpel Geburtstag feierte und ich nicht die Zeit gehabt hätte, evtl bestehende Fragen zu beantworten. Also bittschön nicht krumm nehmen.

    Mit beschwingt-herzlich-em Gruß – auch vom Erpel – die palavernde Ente * hinter meinem Geschwafel steht kein „Arg“… ist mir schon wichtig, dies zu betonen. (..eigentlich nur der Wunsch, den Kontakt zu einigen, wenigen Personen zu halten).

  8. Auweia erwischt. Ich sags offen, ich hab auch meinen Kommentar gelöscht. Ich mach gern mal auf „intelligent“, und dabei kommt auch schon mal nur heiße Luft heraus – und die möchte ich dem geschätzten Steppenhund und der Leserschaft dann doch lieber nicht zumuten.
    Verzeih mir, Steppenhund, dich verärgert oder gekränkt zu haben.

  9. Avatar von Unbekannt Kienspan

    peanuts „Mukund Mohan, CEO of Microsoft’s startup accelerator programme in India, says the shelf life of certain kinds of developers has shrunk to less than a year.“
    Steht im selben Artikel geschrieben, dem das im Beitrag genannte Zitat vom „Spiegel“ entnommen wurde.

    Sich über menschenverachtende Äußerungen zu echauffieren, bringt nichts (nicht einmal Entlastung). Die Hintergründe solcher Haltung zu beleuchten, wäre um einiges fruchtbarer, weil sie dann als ekelerregender Ausfluss einer seit Jahrzehnten verfolgten neoliberalen Dogmatik erkannt würde – nämlich das Einstreifen von Produktivitätssteigerungen und damit das Verschieben der primären Marktverteilung zu Lasten der Lohnquote.

    Es ist bezeichnend, dass sich der Spiegelartikel in einem einzigen Zitat erschöpft. Der Ursprung bei „Economic Times“ ist dort zwar verlinkt, für eine Analyse hat es beim „Spiegel“ aber offenkundig nicht gereicht. Dabei unterstelle ich jenem Redakteur nicht einmal einen aktiven Beitrag zur Volksverdummung. Sondern unkritische Gefühlsduselei. Mehr ist wohl nicht mehr drin.

  10. @themenverfehlerei: ich war (abgesehen von der kunstschule, und selbst dort nur bedingt) nie ein auffallend guter schüler, und die erinnerung an die schulzeit bedeutet bei mir nicht, dass ich mich ausnehmend über den großteil dieser zeit freue (wenngleich mir vieles, das ich damals gelernt habe, auch heute noch wertvoll ist).

    aber ich kann beim besten willen nicht verstehen, wie ein begriff aus dieser fernen zeit so in die falsche kehle gehen kann.
    eben weil ja die schulzeit schon so lange vorbei ist, ist ja eine „themenverfehlung“ heute eher ein kompliment, vor allem in einem außerschulischen kontext.

    alles nur ein sturm im wasserglas, aus meiner perspektive…
    rüttelt euch doch zusammen, leute!

    😉

  11. Ich denke, dass die Problematik daher herrührt, dass man sowohl in der Mathematik als auch der Programmiererei auf „bereits erfundenes“ problemlos zurückgreifen kann, da es in schriftlicher Form vorhanden ist und als Basis genutzt werden kann. Um darauf aufzubauen und neues zu entwickeln. Und daraus entsteht dann der Druck, eben dieses „Neue“ unbedingt entwickeln zu müssen. Und bei Versagen eben abgeschrieben zu werden.

    In anderen Themengebieten gibt es ebenfalls dieses „erfundene Rad“, auf welches man zurückgreift. Aber die Randbedingungen ändern sich immer wieder (beispielsweise bei mir als beratendem Ingenieur), so dass man immer wieder Variationen zu bekannten Themen entwickelt. Es ist nicht der Druck des „Neuen“ gegeben, sondern eher der Druck, bereits früher gemachte Fehler zu verhindern und nicht erneut zu machen. Bei Software, so stelle ich mir das vor, gibt es die Patche, die irgendwann mal zu einem fehlerfreien Produkt führen. Die „Variationen“ (ich stelle mir gerade SAP vor) sind dann auch nur schubladenfertige Produkte, ausgereift, die lediglich umgelabelt werden. In der Mathematik ähnlich, irgendwann (Sarkasmus) hat man eben mal alle Ziffern von 0 bis 9 durch, ebenso die bekannten Rechenoperationen und deren Permutationen. Ich warte auf den Moment, wo jenes auch bei den Buchstaben und Wörtern geschieht. (Sarkasmus aus).

    Mich wundert lediglich, dass jene Problematik nicht bei Autobauern auftaucht. Oder Bäckern, Fleischern, Winzern… Jedes Jahr die gleichen Produkte…

  12. Ich halte das ja für ausgemachten Blödsinn. Aus Gründen (bei uns sind die besten Entwickler alle inzwischen jenseits der 40).

    In Indien herrscht allerdings eine andere „Taktung“. Da hat anscheinend kaum jemand wirklich Interesse, längerfristig irgendwo zu arbeiten, weil der Markt so „dynamisch“ ist und es natürlich allen nur ums Geld geht (ich glaube, ich erwähnte bereits mehrfach, daß das meiner Meinung nach die Wurzel allen Übels ist und genau deshalb über kurz oder lang alles den Bach runtergehen wird).

    Die einzige brauchbare Aussage versteckt sich in dem Nebensatz „wenn man nichts dazulernt“. Mit der richtigen Einstellung zu unserem Job ergibt sich das aber automatisch – nur haben die eben viele nicht.

    Off topic: Das hier dürfte Dir gefallen: http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/spiegel-neue-ice-modelle-haben-probleme-mit-steuerungssoftware-a-869137.html 😉




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