Hesse oder …

der Triumph des Anton Bruckners über Hanslick
Ich lernte Marcel Reich-Ranitzky über einen seiner Auftritte im Fernsehen kennen. Er war mir von Anfang an unsympathisch. Ich wusste noch nicht über seine Ehrendoktorate, aber ich war nicht überrascht ihn als Literaturpapst tituliert zu sehen. So führte er sich ja auch auf. Seine Sprechweise irritierte mich und ärgerte mich. Es war immer der Unterton von „jetzt zeige ich es Euch.“ Als ich erfuhr, dass er für den Geheimdienst gearbeitet hatte, wertete ich das als Beweis für die Gemeinheit, die es auch auf der Seite der Unterdrückten geben kann. Aber MRR war damit für mich erledigt und im Prinzip egal. Er war der vorweggenommene Superstar des DSDS. Für ein Fernsehpublikum mag er Bedürfnisse befriedigt haben.
Er kommt sich selbst vermutlich sehr gut vor. Umso mehr muss es ihn wurmen, wenn bekannt wird, dass es um seine literarische Kritikfähigkeit gar nicht so gut bestellt ist. Er ist wie ein Gourmetkritiker, dem man ein Gericht von Bocuse hinstellt, welcher behauptet, dass es „nur“ Kartoffelpüree sei.
Und so wird man nach dem Tod von MRR nach gewisser Zeit nichts mehr von ihm wissen. Ob sich die von ihm protegierten Autoren später noch dankbar an ihn erinnern werden und ihm Kränze flechten werden, sehe ich gar nicht sehr als gesichert an.
Von Hanslick wissen heute nur mehr die Musiktheoretiker etwas. Seine Rolle in der Ablehnung Anton Bruckners kann belächelt werden. Oder man sagt, das Schwein hätte nur aus opportunistischen Gründen eine gewisse Machtposition missbraucht.
Bruckner-Symphonien werden heute noch gespielt. Nicht nur gespielt, sie werden zelebriert und es ist für jeden Dirigenten eine neue Herausforderung, sich der Aufgabe einer besonders guten Interpretation zu widmen.

In Kroatien habe ich mir um teures Geld den Spiegel gekauft, weil mich die Titelstory dazu animierte. Der Artikel hat mir gut gefallen und zwei Dinge sind mir dabei ins Auge gestochen. Einerseits wurde erwähnt, dass der Spiegel Hermann Hesse anno 1958 noch alles andere als ernst genommen hat. Es zeigt von einer gewissen Größe, wenn ein Blatt seine eigenen Irrtümer offen zugibt. Meistens wird das Archiv eher als Bestätigung verwendet, dass ein bestimmtes Medium das oder jenes eh schon immer behauptet hat.
Andererseits wird auf die Ablehnung Hesses durch MRR hingewiesen, die auch etwas näher behandelt wird. Im Gegensatz zum Spiegel hat MRR nichts dazu gelernt. Wenn man im Internet stöbert, findet man auch schon einmal einen Artikel wie jenen, (http://www.glanzundelend.de/Artikel/abc/h/volker-michels-hesse.htm) der noch genauer eine Ablehnung beschreibt, die mich zu folgender, nicht ganz unproblematischer Aussage hinreißen lässt. Dass MRR die Deutschen für das hasst, was sie ihm angetan haben, ist verständlich. Dass er umgekehrt „das Deutsche“ genauso hassen kann, dass er an der Ablehnung eines Autors selbst dann festhält, wenn dieser den Nobelpreis bekommen hat, scheint für mich auf der Hand zu liegen. Dass man ihn in Deutschland so hochleben lässt, scheint am typisch schlechten, deutschen Gewissen zu liegen. Ablehnen darf man ihn nicht, dann wäre man antisemitisch.

Es bleibt nur mehr festzustellen, dass ich MRR jegliches Verständnis von Hesses Büchern absprechen muss. Interessanterweise richtet sich MRRs Ablehnung ja auch gegen das Briefwerk Hesses, der einiges damit zu tun hatte, den Steppenwolf zu verteidigen. Der hatte eine ähnliche Wirkung auf die Jugend wie seinerseits „Das Leiden des jungen Werther“ gehabt. Dass man Hesse in der Jugend leichter zu verstehen glaubt, als in dem Alter, in dem die Protagonisten sich befinden, hat immer schon irritiert.
Als ich Hesse anfang der Siebzigerjahre las, gefiel er mir ausnehmend gut. (Mit „Unterm Rad“) konnte ich nicht so viel anfangen, bei den anderen Büchern empfand ich eine Parallele zu Bruckner, über den manche bösartig meinen, er hätte nur eine Symphonie geschrieben, diese aber neun Mal. Mit 20 Jahren dachte ich über Hesse dasselbe, ohne ihn dabei schlecht machen zu wollen. Hesse schreibt nur ein Buch, ob das Demian, Siddartha, Narziss und Goldmund, Steppenwolf oder Glasperlenspiel ist, das Thema bleibt gleich, es wird nur auf verschiedenen Stufen wiederholt. Die Auflösung der Dichotomie zwischen physischer und geistiger Existenz des Menschen wird in verschiedenen Beispielen dargestellt. Wenn ich heute in den Illustrierten beim Arzt den hundersten Vorschlag, wie man sein Leben verbessern könne, anschaue, denke ich nur, warum liest den keiner den Hesse.
Im Steppenwolf, verfeinert er die Dichotomie in tausend kleine Kristallsplitter. Das Einzige, was mir am Steppenwolf nie so gut gefallen hat, war seine Präferenz für Mozart, die alles daneben (außer dem Saxophon) minder bewertet hat. Brahms hat zuviele Noten, dasselbe gälte wohl auch für Bruckner, der aber namentlich nicht erwähnt wird.
Lange vor der Zeit des Internet, war ich in der virtuellen Welt mit dem Pseudonym Steppenwolf unterwegs. Es ergaben sich dadurch auch interessante Diskussionen mit Gesprächsteilnehmern aus aller Welt. Dass ich irgendwann zum Steppenhund wurde, war ein technischer Fehler einer Blogplattform, die meinen ursprünglichen Namen einfach registriert aber gleichzeitig verschluckt hatte. Steppenhund als domestizierte Form scheint heute auch wesentlich besser zu passen. Schließlich scheine ich mich jetzt auch recht sozialisiert zu verhalten.
Ich mag den Steppenwolf noch immer, obwohl ich im Glasperlenspiel die gelungenere Synthese oder zumindest Darstellung des „Problems“ sehe.
Doch heimlich dürsten wir …
Anmutig, geistig, arabeskenzart
Scheint unser Leben sich wie das von Feen
In sanften Tänzen um das Nichts zu drehen,
Dem wir geopfert Sein und Gegenwart.
Schönheit der Träume, holde Spielerei,
So hingehaucht, so reinlich abgestimmt,
Tief unter deiner heiteren Fläche glimmt
Sehnsucht nach Nacht, nach Blut, nach Barbarei.
Im Leeren dreht sich , ohne Zwang und Not,
Frei unser Leben, stets zum Spiel bereit,
Doch heimlich dürsten wir nach Wirklichkeit,
Nach Zeugung und Geburt, nach Leid und Tod.

[Hermann Hesse „Das Glasperlenspiel“, Dezember 1932]
Möglicherweise steckt in diesem Gedicht unsere menschliche Beschränkung, „Weltfrieden zu erlangen“. Immer wieder treffe ich Menschen, die wirklich kämpfen wollen. Und anders ist es wohl nicht zu verstehen, wenn bestimmte Kampfsportarten bei den olympischen Spielen vertreten sind. (Ich denke da weniger an Judo als an Wasserball. Es tut weh, und es soll weh tun.) Wir wollen Blut sehen. Wir dürsten danach.
Doch wenn der so belesene MRR diese Zeilen als schwülstige Romantik abtut, so fragt es sich, wem er mit einer solchen Beurteilung ein schlechtes Bild ausstellt.
Mir kann er den Hesse jedenfalls nicht schlecht machen!


  1. Avatar von Unbekannt Sunnilein

    Lieber Herr Steppenhund,… ich danke Ihnen zutiefst für diesen Text! Vor mir stehen die Fotos meiner Reisen auf Hesses Spuren – mir wird ihn wahrlich ebenfalls keiner schlecht machen. Und ich habe auch keinerlei schlechtes Gewissen zu sagen, dass Herr MRR wundervoll und seit Jahrzehnten auf der Woge seiner selbstbefriedigenden(und das meine ich freílich nicht sexueller Art) Wiedergutmachung segelt und sich ironisierend diabolisch kaputt lacht über die Demut, die ihm zu Füßen liegt!Sunni

  2. mrr kann doch sagen, was er will. er hat eh narrenfreiheit.
    und man kann zu ihm stehen, wie man will. ich kenne ihn nur aus seinen fernsehzeiten. da war er recht witzig und wortstark: ein unterhaltsamer giftzwerg. schade ist natürlich, dass abschätzige meinungen solcher „literaturkenner“ tatsächlich die meinung zu manchen werken und autoren beeinflussen. letztlich dürfte sich aber immer das „gute“ werk durchsetzen.

  3. Ich glaube nicht, dass MRR das „Deutsche“ verabscheut. Er hasst die deutsche Romantik, oder, ins Leben gewendet: das Gefühl. Thomas Manns Prosa, die er so verehrt, ist ja das genaue Gegenteil: sie ist kühl, distanziert, in Teilen sogar kalt. MRR hat sich im übrigen seinen Thomas Mann zusammengebastelt, wie es ihm passt (die Kriegsbegeisterung 1914 blendet er immer aus; Hesse war von Anfang an gegen den Krieg; er ging 1916 in die Schweiz).

    Zu MRR hat Handke schon 1968 alles gesagt, als er ihn als den „unwichtigste(n), am wenigsten anregende(n), dabei am meisten selbstgerechte deutsche Literaturkritiker seit langem“ bezeichnete.

  4. ich würde ja sagen: wer sich von irgendeinem, auch noch so gescheiten und freundlichen (da ist jetzt MRR damit nicht portraitiert und inkludiert, das ist klar 🙂 kritiker oder germanisten die freude an hermann hesse nehmen lässt, hat dessen bücher nicht tief genug inhaliert.
    wenn es irgend etwas in hesses werk gibt, das allgemeinen tiefen wert hat, dann ist es doch diese erkenntnis: selbst seine entscheidungen zu treffen und zu ihnen gelangen, wobei der weg dorthin das schöne am leben ist.

    Ich halte es nicht für das wichtigste, welchen Glauben ein Mensch habe – sondern dass er überhaupt einen habe.
    (Hermann Hesse)

  5. Mmmhmmm,
    ich wußte, Sie werden sich „unserem“ Hesse an seinem 50sten Todestag ausführlich widmen,
    lieber Steppenhund, ich werde mir nach dem Wochenende das, was, Sie schrieben, in der nötigen Muse zu Gemüte führen,
    da ich nun hinfort [„muss“].
    Bis dahin
    schönes Wochenende
    – gleich ob mit oder ohne Hesse –
    [allerdings ich habe ihn in den Koffer gepackt ;-)]

  6. habe kürzlich eine Hesse-Doku gesehen:
    ds Hermännle em Originalton mit seim schwäbisch, wunderbar!

  7. Einer der lausigsten und unnötigsten Jobs die ich kenne ist der Job des Buchkritikers. Ganz egal wie sie alle heissen. MRR ist nur ein Paradebeispiel des alten eitelen pseudokritiker und Profilneurotiker der in seinen Auftritten am liebsten die Aufmerksamkeit weg vom Buch und auf sich selbst lenken würde. Es gibt kaum einen gewissenhaften Buchkritiker. Absolut unabhängig davon ob positiv oder negativ, ein Schriftsteller der sich nach Kritik der Kritiker richtet, könnte eigentlich aufhören zu schreiben. Bemitleidenswert sind meines Erachtens auch Leser die bei Wahl ihrer Bücher auf Meinung der Kritiker zählen und somit viele schlechte Bücher mit einer positiven Voreinstellung beginnen und die womöglich guten gar nicht erst in die Hände nehmen.




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