A great pianist

Ich habe über Sokolov schon öfters geschrieben oder etwas von ihm hier eingestellt. Doch vor wenigen Tagen habe ich etwas bei ihm gesehen, was mich quasi „erlöst“ hat.
Um zu verdeutlichen, worum es geht, muss man die Geschichte um Rachmaninov und Tolstoi kennen. Der stockunmusikalische Tolstoi hatte einmal die Rachmaninovs nach einem Konzert eingeladen, bei dem etwas von Rachmaninov gespielt worden war, das als Huldigung an Beethoven gedacht war. Beim Gespräch meinte Tolstoi, dass Beethoven stark überbewertet würde. Bei der anschließenden Verabschiedung sagte ihm Tolstoi, dass er dies als Beleidigung empfinden würde. Nicht gegenüber ihm persönlich, dazu schätze er sich nicht hoch genug ein, aber speziell in Bezug auf Beethoven. Rachmaninov erlebte nach diesem Abend eine Kompositionssperre, die lange dauerte. Das hatte Tolstoi nicht beabsichtigt, doch manchmal sind es „kleine“ Bemerkungen, die einen total verunsichern können.
So erging es mir, als ich vor Jahren einige Einspielungen auf youtube hier ankündigte. Eigentlich würde ich sie heute alle herausnehmen, doch der Grund, warum ich sie eingestellt hatte, besteht noch immer, also muss ich mit meinen Sünden leben.
Doch eines Tages schrieb mir eine Bekannte eines Bloggers (der heute nur mehr ganz selten schreibt. So haben auch einige seiner Bloggerfreunde das Blog verlassen.) eine Bemerkung über meinen abstehenden rechten kleinen Finger. Ich würde nie mit diesem Finger Mozart spielen können, es sei eine Schlamperei, etc. Sie gab sich als Klavierlehrerin aus, was ich ihr auch gerne abnahm. Es ist diese Art von Klavierlehrerinnen, welche den Kindern die Musik und das Spielen vermiesen können.
Doch es war nicht die Bemerkung selbst, die mich so ärgerte. Denn sachlich gesehen hatte sie ja recht, obwohl ich relativ viel Mozart gespielt habe und jedenfalls wesentlich mehr, als es einem Amateur zukommt. Es war der Tonfall bzw. die Patzigkeit, mit der der Kommentar geäußert wurde. Jetzt war ich damals auch noch etwas eingebildeter. Auch mein Klavierspiel war ziemlich schlampig, weil ich einen ganz anderen Zugang zu meinem eigenen Spiel hatte. Ich tobte mich einfach aus.
Erst in den letzten Jahren begann ich wieder richtig zu üben. Und heute geniere ich mich nicht, wenn ich vor professionellen Pianisten etwas spiele. Die können nämlich abstrahieren und erkennen, was bei einer Stunde täglichem Üben möglich ist – im Vergleich mit acht Stunden eines Profis.
Aber die Bemerkung hat noch immer in mir Unwohlsein verursacht.

Doch jetzt ist mir etwas bei den Aufnahmen Sokolovs aufgefallen, was mich entlastet. Bei Sokolov habe ich in einigen Passagen ebenfalls den gespreizten rechten kleinen Finger gesehen. Also wenn der so phantastisch mit seinem rechten Finger spielen kann, ist vermutlich sogar die Bemerkung falsch, oder einfach philisterhaft und kleinlich.

Und so mache ich mich jetzt an Stücke, die nicht absolut zu schwer für mich sind (wie z.B. der Scarbo von Ravel) doch ein gewisses Maß an Üben erfordern, wie z.B. die Schubert-Transkriptionen von Franz Liszt oder eben auch die Beethoven-Sonaten, die ich jetzt wieder neu entdecke.
Aber vor allem freue ich mich, dass meine Kondition wieder erlaubt, dass ich eineinhalb Stunden üben kann. Das war vor einem Monat noch unmöglich. Da musste ich nach fünfzehn Minuten aufgeben…


  1. Es freut, von Besserung zu lesen!

    Die Geschichte mit dem kleinen Finger kann ich, als Nicht-Klavierspieler, nicht wirklich nachvollzienen, und schon gar nicht nach Sokolov.
    Wohl aber kenn ich die Blokaden, die durch Nebensächlichkeiten ausgelöst werden können.

    Letzteres hatte ich in jungen Jahren, da mir ein Assistent an der Angewandten, wo ich ganz legal den Abendakt besuchte (also zeichnend), eröffnete, „Wer nicht studiert hat wird immer ein Hobbykünstler bleiben, und als solcher niemals ernst genommen werden“, was mich damals sehr getroffen hat, und ich wollt schon alles hinschmeissen.
    Der Mann war einfach ein hundsmiserabler Lehrer.
    Ich hab´s nicht hingeschmissen, und etwa zehn Jahre später waren drei meiner Bilder an der Wand in der Albertina (als sie noch die Albertina war).

    Entbehrliche Meldungen von Besserwissern richten manchmal momentan ziemlichen Schaden an, allerdings nicht allzuoft nachhaltig.
    Über das eigene Tun können wir eigentlich nur selbst urteilen, also halt mit ein bisserl Ehrlichkeit, und meist liegen wir damit sogar richtig.

  2. Avatar von Unbekannt datja

    lieber steppenhund, ihre anwesenheit samt entzückender begleitung hat das bloggerjauserl echt bereichert.
    und danke für die eulenspiegelei des wikipedia-eintrags, einfach genial köstlich steppig.
    🙂
    und das flascherl vom feinen, das hat mir schon sehr geholfen !

  3. Eine solche Bemerkung zeugt von übler Arroganz, von der Absicht, jemanden schlechtzumachen, dessen Niveau man selber zu erreichen nicht in der Lage ist. Sich der Musik als Zuhörer hinzugeben, heißt nicht, die Spielweise des Musizierenden zu sezieren. Glenn Gould summte bei Bach mit – na und ??? Trotzdem (oder wegen seiner Hingabe genau deshalb ?) war er ein begnadeter Musiker.




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