Archiv für Oktober 26th, 2011
Es geht nicht um Perfektion.
Es ist unmöglich, die Routine auf die Rasche zu erüben, die ein professioneller Pianist in Jahrzehnten gewinnt. Das geht vermutlich in keiner Disziplin so richtig. Aber das Üben an sich kann schon einen richtiger Lustgewinn bedeuten. Wie mein Vater schon sagte, Du übst so lange gerne, so lange Du eine Verbesserung feststellen kannst.
Aber was habe ich von der Verbesserung einer Stelle, wenn dafür die anderen aus Gewohnheit verhudelt oder vernachlässigt werden?
Es kommt auch darauf an, die richtigen Werke zu üben, die in der technischen Herausforderung dem Können entsprechen – oder eben gerade noch ein Stückchen höher liegen. Ein solches Opus liegt mir jetzt mit der Transkription von Franz Liszt des Liedes Widmung von Robert Schumann vor.
Ich habe gestern eine Aufnahme ins Internet gestellt, die vermutlich zumindest schwierig klingt und geschrieben, dass sich die Qualität in zwei Wochen noch stark verbessern wird. Scherzhaft hat ein Zuhörer gemeint, dass er sich das nicht vorstellen kann.
Ich hatte heute einen anstrengenden Tag, kam um acht Uhr abends nach Hause und legte mich nieder. Ich wusste, dass ich noch etwas für morgen vorbereiten musste und war darauf eingerichtet, um halb elf aufzuwachen und dann meine Arbeit zu machen. Ich wachte auf, war aber absolut unfähig, mir ein vernünftiges Arbeitsresultat vorzustellen. In solchen Fällen pflege ich zwanzig Minuten Klavier zu spielen, danach geht es dann schon wieder.
Ich fing also an, an der Widmung zu üben und stellte fest, dass bestimmte Stellen, die mir gestern schwer fielen, heute kein Problem darstellten. Dafür andere. Je besser die Sache funktioniert, desto höher werden auch meine eigenen Ansprüche. Dass das Werk technisch schwierig ist, brauche ich wohl nicht extra zu betonen. Meine eigentlichen Schwierigkeiten liegen aber in meinem Hirn. Da ich hier längere Passagen auswendig spielen muss, ist das Hirn selbst die Steuerzentrale. Sonst sind es meine Augen, da ich ja fast immer von Noten spiele. Die Augen wandern über die Noten, erfassen wesentlich größere Zusammenhänge und treiben mich in Echtzeit an.
Wenn ich auswendig spiele, habe ich manchmal noch Aussetzer, wie sie beim Herunterladen einer Songs oder eines Filmes aus dem Internet zu bemerken sind. Plötzlich gibt es eine Unterbrechung und nach einer kleinen Pause geht es weiter.
Nun die Unterbrechungen, die es gestern noch gab, fehlten heute. Es gab neue, die aber wesentlich kürzer waren und vielleicht von einem Zuhörer als gewollt angesehen werden. Was ich aber heute erreicht habe, war eine weitere Stufe: ich spielte den Text.
Das Gedicht von Rückert ist in einer Weise auskomponiert, die kaum Misverständnisse hinsichtlich der Interpretation zulässt.
Du meine Seele, du mein Herz,
du meine Wonn‘, o du mein Schmerz,
Du meine Welt, in der ich lebe,
Mein Himmel du, darein ich schwebe,
o du mein Grab, in das hinab
Ich ewig meinen Kummer gab.Du bist die Ruh, du bist der Frieden,
Du bist vom Himmel mir beschieden,
Daß du mich liebst, macht mich mir wert,
Dein Blick hat mich vor mir verklärt,
Du hebst dich liebend über mich,
mein guter Geist, mein beßres Ich!
Daher ist die Phrasierung der Musik sehr eindeutig festgelegt und die Technik darf hier keine falschen Unterbrechungen oder Verzögungen verursachen.
Beim Versuch, das Stück heute etwas besser zu spielen als gestern, sind zwei Stunden vergangen, wo mein Zeitgefühl stillgestanden hat. Das Lied dauert ungefähr vier Minuten. Also müsste ich es dreißig Mal gespielt haben. Meiner Schätzung nach waren es aber höchstens zehn Mal und ich habe bis auf wenige Augenblicke, in denen ich den Schlussteil allein wiederholt habe, immer das gesamte Lied gespielt.
Diese vier Minuten ziehen sich übrigens, wenn man auf jeder Seite zwei oder drei ganz kritische Stellen erwartet und froh ist, wenn sie einigermaßen so kommen, wie sie gewollt werden.
Was ist nun aber das Fazit des heutigen Abends?
Ich habe noch immer keine Lust zum Arbeiten, habe mir dafür aber den Wecker auf sechs Uhr gestellt. Mein erster Termin morgen ist erst um 11:00, daher kann ich da noch etwas aufholen.
- meine Augen sind schneller als mein Gehirn. Das deckt sich mit manchen Ergebnissen der Forschung in der Bildanalyse. Der Nervenstrang vom Auge zum Hirn erledigt sehr viel Vorverarbeitung, möglicherweise nutze ich hier etwas zum Analysieren des Notenbildes.
- ich stehe heute weit besser über den Schwierigkeiten als noch vor einem Tag. Das ist auch nicht ungewohnt, denn das Üben braucht immer noch etwas Zeit, sich in einem zu setzen. Das ist ähnlich wie beim Lernen, also daher keine große Überraschung.
- ich kann heute den „Text“ spielen. Könnte ich singen, würde ich ihn mitsingen, doch auch so singe ich innerlich und das funktioniert gut.
- es ist erstaunlich, wie groß der Unterschied zwischen gestern und heute ist.
- ich kann beim Klavierspielen in den Flow kommen, wie er bei Mihaly Csikszentmihalyi beschrieben ist. Das kenne ich zwar schon beim Spielen zum Vergnügen, wenn ich längere Klaviersonaten spiele, doch beim Üben ist mir das noch nicht so leicht passiert.
Ein bisschen kann ich mich in Franz Liszt hineinversetzen. Ich glaube zu verstehen, was er bei der Transkription dieses Liedes beabsichtigt hat. Ganz offensichtlich hat es ihn sehr beeindruckt.
Nachtrag: ich kann hier nur einen Link auf eine Einspielung angeben. Der Klang ist halt das, was ein Clavinova hergibt. es wird nett sein, es zu Hause auf dem Bösendorfer zu spielen.
Nachtrag: der Link zu der damaligen Aufnahme
