Zen oder die Kunst des Spielens

Bei teacher wird eine Frage gestellt:
Lego spielen nach Vorlage oder kreativ?
Ich beantworte sie hier, weil es hier üblich ist, dass ich mich beweihräuchere. Wer das nicht lesen will muss es auch tun:)
Aber ich empfinde die Fragestellung zwar als intelligent doch ausgrenzend. Ich sehe mich in der Fragestellung nicht angesprochen.
Als Kind habe ich Matador gespielt. Viel Matador. Erst als Erwachsener hatte ich Lego, als ich mit 50 meinen Mindstorm-I-Baukasten geschenkt bekam.
Aber beide Spielzeuge sehe ich hinsichtlich dieser Frage als gleich an.
Beim Matador war ich glücklich, wenn es eine gute Vorlage gab, die es mir ermöglichte, etwas genauso zu bauen, wie es auf der Schachtel abgebildet war. Außerdem gab es in den Vorlagen auch Hinweise, wie z.B. eine Achse dünner gemacht werden konnte, damit die Räder gut liefen.
Es waren allerdings nur Einzelstücke, die mich zum Nachbau reizten.
Ich spielte Matador bis zu meiner Matura, natürlich immer seltener. Meistens stellte ich mir die Aufgabe, alle Steine zu verbauen und sie in Form eines Allzweck-Vehikels einzusetzen, wobei ich mich meistens auf spezielle Ausführungen von neuen Lenksystemen spezialiserte.
Mit 10 Jahren hatte ich einmal bei einem Wettbewerb den zweiten Platz gemacht. Ich hatte einen Kaugummi-Automaten, wie man ihn heute noch sehen kann, mit Matador gebaut. Mit einem Schließmechanismus, der nur dur ein Einser-Radel aber nicht durch etwas dünneres oder eine Einser-Nabe überwunden werden konnte. Der Gewinn war ungefähr der Gegenwert eines 8er-Matadors, das war die größte Baukastenpackung. Über den Gewinn war ich überglücklich.
Im allgemeinen habe ich als „frei“ gebaut, obwohl ich anfänglich ganz gerne Vorlagen verwendet habe.
Bei Lego mit fünfzig Jahren war es ähnlich. Zuerst hat mich natürlich ein Fahrzeug interessiert, das nicht vom Tisch herunterfällt, wenn man es darauf fahren lässt. Da habe ich mich ganz genau an die Vorlage gehalten. Später habe ich dann den Usenet-Verkehr zwischen MIT und Carnegie Mellon beobachtet, die sich mit dem Reverse-Engineering der Roboter-CPU beschäftigt haben, und habe meine eigenen Versuche – abseits aller Vorlagen – angestellt.
Die Deutschen haben gelacht, als sie hörten, dass die Japaner Kameras, Stereoanlagen und Autos bauten. „Die können ja nur kopieren.“ hieß es allerortens. Als die Japaner dann mit billigeren Preisen, besserer Ausstattung und kürzeren Modellwechselzeiten auftrumpften, war es auf einmal klar, dass das mit dem reinen Kopieren nicht so hinhauen konnte.
Im Zen beschäftigt sich der Schüler solange mit dem Kopieren, bis er Perfektion darin erreicht hat. Wenn er dann Meister geworden ist, erlaubt er sich Änderungen in den Plänen durchzuführen.
Es gibt kein Entweder-oder. Es gibt Entwicklung. Und die schreitet von der Vorlage zum eigenen Plan fort. So sollten wir lernen, bzw. so sollten wir akzeptieren, dass Qualität nur über den momentanen Verzicht der Selbstverwirklichung zu erreichen ist. Wenn wir uns mit den Abläufen „spielen“ können, ist die Zeit gekommen, das „Eigene“ zu verfolgen.


  1. wunderschön abgeleitet dieses „sowohl als auch“ und ein toller schluss und überhaupt …. nickenden gruß

  2. ich gehe absolut d’accord mit deinen ausführungen.
    die fragestellung selbst verweist auf die tiefen des problems, überhaupt eine trennung in entweder/oder zu machen.
    als leser von GEB kann ich auf diese frage (ganz im ZEN-sinn) nur MU antworten.

  3. Bin auch einverstanden.
    Die Frage lautet für mich: Wie sollen wir einsteigen?
    Ich bin dabei für die Zen-Methode, aber das dürfte eine „deutsche“ Eigenschaft sein :-))

  4. Dem stimme ich vollinhaltlich zu, vor allem der Zen-Methode, in der es ja auch darum geht, auf vielfältige Weise Sicherheit im Umgang mit dem jeweiligen Sujet zu erlangen. Vielleicht ist damit auch der Spruch gemeint „Lehrjahre sind keine Herrenjahre“ …

  5. Um improvisieren zu können muß man sein Instrument erst einmal gelernt haben und beherrschen – und das geht eben nur über vorgegebene Übungen, an die man sich hält 😉 Und genauso kann man erst mit Sprachen „spielen“, wenn man sich einen mehr oder reichlichen Wortschatz „kopiert“ hat.
    Wenn das alles nicht so wäre, dann müßten Ingenieure wohl nicht erst studieren *g*…

  6. Dem kann ich mich nur anschließen,.
    Erst kommt das Geführtwerden um später selbst zu tun.
    Wie sonst, und wie gäb´s das Eine ohne das Andere?
    (Ausnahmen bilden, wie bereits erwähnt, postpubertäre Jungpolitiker)

    Allerdings Lego, weiß ich von Konstruktionsversuchen mit meinen Neffen, läßt immer weniger Kreativität zu, zumindest in den Themenbausätzen.
    Ich komm ja auch eher vom Matador.




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