Lesen – Was ist das

Über das Lesen haben berufenere Leute als ich bereits deutliche Worte gefunden. Ein Blogger hat sich die Mühe gemacht, Hermann Hesses Text über das Lesen ins Internet zu stellen.
Wer den Text nicht kennt, sollte ihn einmal lesen, egal, wie er sonst über Hesse denkt.
Mein Vater hat mir einmal gesagt, das Lesen ein Verschwendung ist. Eine Verschwendung an Leben. Diese Aussage könnte leicht missverstanden werden. Wurde sie aber von mir nicht, weil ich ja wusste, wie viel mein Vater gelesen hatte. Und nicht nur einfach gelesen. Manchmal schrieb er auch Leserbriefe und die Antwort eines berühmten Autors, Heimito von Doderer, ist bezeichnend, wie intensiv mein Vater gelesen hat. In einem Antwortbrief schrieb Doderer: „Selten erfährt ein Autor das Glück, sich von seinem Leser so verstanden zu wissen.“
Was hat mein Vater also gemeint? Er hat das auch in der Folge erklärt. Durch das Lesen kann man sich verlieren, man kann versäumen, das richtige Leben zu leben, schlichtweg zu leben. Denn Lesen kann zur Droge werden.
Und so, wie es Kettenraucher gibt, die 95 werden, und Weinbauern, die mit 80 noch ihren täglichen Liter Wein genießen, so wie es eine ganze Reihe von alten Menschen gibt, die sich nur einseitig ernähren, so kann man auch das Lesen wie eine Droge genießen, ohne dass man sich deswegen dem Leben versagen muss.
Während man aber beim Abstinenzler nicht unbedingt Mangelerscheinungen feststellen wird, stellt man schon manchmal überrascht fest, dass jemand Lungenkrebs bekommt, obwohl er nicht geraucht hat. Neben dem Passivrauchen gibt es ja auch noch andere verursachende Faktoren.
Vielleicht sollte man das Lesen daher besser mit der Milch vergleichen. Während die Milch für das Kind eine ganze Reihe wertvoller Ingredienzien mitbringt, kann sie für den Erwachsenen sogar schädlich sein. Ganze Menschengruppen vertragen sie nicht einmal.

Warum, und in welchem Alter, sollte der Mensch nun das Lesen brauchen?
Die Antwort ist: ziemlich früh. Zuerst in passiver Form des vorgelesen Bekommens, danach möglichst rasch in aktiver Form des selber Lesens.
Das Lesen ist der Schlüssel und die Nährsubstanz für die Fantasie. Die Fantasie kommt in unterschiedlichen Ausprägungen daher. Fabulieren, Tagträumen, Vorstellungsvermögen, Empathie und Verständnis, Verständnis und Einfühlungsvermögen in andere Menschen. Es gibt auch negative Aspekte wie Albträume, allgemeine Paranoia, die in gemäßigter Form vielleicht für das Überleben notwendig ist.
Die positiven Aspekte überwiegen allerdings.
Jetzt ist die Fantasie aber etwas, was vom Leser aus dem Inneren erbracht werden muss. Das Lesen ist Erfahren von äußeren „Tatsachen“ (gilt auch für Märchen). Um diesen Erfahrungsprozess durchleben zu können, muss ich in der Lage sein, selbst das Tempo zu bestimmen. Wird mir vorgelesen, moniere ich „das kenn ich schon“ oder „noch einmal, ich möchte das noch einmal hören“. Ich mache das, um das Tempo des Vorlesenden dem Zeitmaß meiner Vorstellungswelt anzupassen.
Wenn ich dann einmal selbst lesen kann, bestimme ich das Tempo ohnehin selbst.
Das ist der große Unterschied, den das Lesen zu allen anderen Arten der Aufnahme neuer Inhalte hat. Die notwendige Menge an Zeit bestimme ich selbst. Dadurch können meine Gedanken bei jedem Satz schweifen und neue Assoziationen bilden, ich kann mich zu einem gestaltenden Menschen entwickeln.
Jetzt höre ich schon die Argumente, dass es auch Musiker gibt, die keine Noten lesen können. Ja, das stimmt. Ich selbst habe einmal einen berühmten und auch sehr berühmten Musiker in Manila (del Rosario) kennengelernt, der mir erzählt hat, dass er nicht Noten lesen kann. Ähnliches lässt sich sicher auch bei Malern als Gegenbeispiel anführen. Die Frage ist nur, wie schreibe ich eine Symphonie ohne auf Noten zurück zu greifen. Ich kann mir auch vorstellen, dass es berühmte Köche gibt, die nie ein Kochbuch gelesen haben, doch wieviele Menschen können ohne Kochbuch kochen?
Kommen wir zurück zum Lesen. Brauche ich bewusstseinserweiternde Drogen, wenn ich wirklich lesen kann? (Das ist ein anderes Thema, das ich jetzt hier nicht weiter ausführe.)
Lesen kann durch vielerlei ersetzt werden, aber vermutlich sind alle anderen Erfahrungsmaßnahmen entweder sehr zeitaufwändig, gefährlich oder vielleicht sogar unethisch. Ist es notwendig, jemanden umzubringen, um sich in die Situation zu versetzen, ob man sich danach schuldig fühlen soll, muss oder überhaupt kann?
Lesen ist überbewertet! So, wie auch die Mathematik! So, wie viele andere Dinge überwertet sind, wieviel PS mein Auto hat, nicht wahr?
So viele Dinge sind überbewertet. Menschenleben, Menschenwürde, Armut (die ist vielleicht unterbewertet) und so fort. Wie soll denn jemand überhaupt mit einem Armen Mitleid empfinden, wenn er nicht die Welt des Armen kennt. Wenn er nur den Bettler kennt, von dem er annimmt, dass er zu einer organisierten ausländischen Bande gehört.
Wie soll den jemand erkennen, dass er im Krieg genau auf die Person schießt, die möglicherweise genauso gut sein Nachbar hätte sein können?
Wie soll jemand verspüren, dass ein Bruderkrieg noch eine Spur gemeiner ist – und unheilbare Narben hinterlässt – als „der normale Krieg“, bei dem man dann halt einmal zwei Atombomberln abwirft, um ihn zu beenden?
Natürlich ist es möglich, sich das alles erzählen zu lassen – in der Schule – oder das einmal in Filmen geschildert zu bekommen, wobei dort fast immer die Liebesgeschichte der unzureichende Träger ist, damit überhaupt Emotionen geweckt werden.
Wenn die Vorstellungskraft eines Menschen einmal verkümmert ist, helfen alle anderen Darstellungen nichts mehr.
Es gibt eine Ausnahme: es gibt Menschen, die sich sowieso nicht unserer Zeit anpassen, Menschen, die einfach der Natur verbunden sind, Menschen aus anderen Kulturkreisen, die wir als zurückgeblieben ansehen. Menschen, die komischerweise sehr viel Mitgefühl entwickeln können. (Die Erklärung ist einfach: die Leute lesen vielleicht nicht, aber ihnen wurden jede Menge von Geschichten, Sagen, Mythen in ihrer Kindheit eingetrichtert. Zwar auswendig überliefert, aber ganz in Vertretung des Vorlesens.)

Für uns andere, die wir in unsere Zeit geboren sind, ist für die große Mehrzahl von uns das Lesen die Eintrittskarte in das Gebiet der Fantasie. Wer sich da einmal wirklich austoben möchte, sollte das Buch von Michael Ende die unendliche Geschichte
lesen.

Falls es noch nicht klar ist: die zeitliche Eigenbestimmung ist es, was das Lesen sämtlichen anderen Erfahrensmöglichkeiten voraus hat. Deswegen ist der Fernseher als Babysitterersatz mit noch zu entzückenden Tierfilmen kontraproduktiv, wenn er zu einem Zeitpunkt verwendet wird, bevor das Kind lesen kann oder entsprechend viele Geschichten vorgelesen bekommen hat.

Aber es mag sein, dass ich die Fantasie, das Vorstellungsvermögen überbewerte. Allerdings werden wir ohne Vorstellungsvermögen, dass es auch anders funktionieren kann, kaum eine Verbesserung der derzeitigen Zustände erreichen können.

Mathematik ist natürlich genauso überflüssig wie Lesen!


  1. Ich bin für Lesen UND Weintrinken. In beidem ist ganz schön viel Leben 😉

  2. Aber was war vor dem Lesen, als nur ein winzigster Bruchteil der Bevölkerung des Lesens mächtig war? Die Kunst des Erzählens? Die mündliche Überlieferung? Von Mensch zu Mensch, von Mund zu Mund, von Ohr zu Ohr?

  3. Mathematik ist überflüssig? Ja, aber erst wenn man sich darin auskennt. Vorher ist sie furchtbar mühselig 😉 – vereinfacht gesagt.

  4. Wunderbar beschrieben was das lesen bedeutet
    Wieviel und in welchen ausmas wichtig und richtig und einfach Lebenselixier

  5. dein text ist wie gewohnt gut entwickelt und spricht mit dem herzen mehr als mit dem kopf, wie mir scheint.
    ich verstehe auch ganz gut, worauf du hinauswillst.

    an einem punkt jedoch schweifst du vom thema sehr ab, was dem text eine dissonanz gibt (wohl auch, weil du in dem bereich dich nicht ganz so gut auskennst, wie in den anderen):

    …habe einmal einen berühmten und auch sehr berühmten Musiker in Manila (del Rosario) kennengelernt, der mir erzählt hat, dass er nicht Noten lesen kann. Ähnliches lässt sich sicher auch bei Malern als Gegenbeispiel anführen. Die Frage ist nur, wie schreibe ich eine Symph…

    natürlich meinte ich die malerei, denn in der musik reicht dir kaum wer das wasser. aber in der malerei: nein, da passt das beispiel so überhaupt nicht. (ich würde sagen: leider!)

    tatsache ist: es gibt keine wie immer geartete übergeordnete, festgehaltene, wissenschaftliche sprache in der malerei, die in akademien, hochschulen oder anderen institutionen gelehrt werden würde. in der musik gibt es (der jahrtausendealten musikgeschichte und ihren tausenden gelehrten köpfen sei dank) eine sprache, die noten. diese garantiert keinesfalls für gute musik (denn es wird auch jedes meisterwerk der oberkrainer gamsbartdudler mit noten festgehalten und an ambitionierte nachwuchsmusiker weitergeleitet), bietet aber zumindest eine diskussionsgrundlage bei gesprächen zwischen lesekundigen und die anderen segnungen wie quintenzirkel, harmonielehren und polyphoniesysteme will ich dir gegenüber gar nicht erwähnen (sondern nur für andere kurz hier anführen, die ggfls. mitlesen).

    aber die malerei? nein – es gibt hier kein verbindliches system. weder kann man sagen, dass ein maler nach der natur zeichnen können muss, noch dass er ganz bestimmte farbenlehren verinnerlicht haben sollte (und ich habe mich mit so einigen beschäftigt um zu sehen: da bestehen 1. enorme differenzen und 2. geringster praktischer nutzen bei den meisten dieser ordnungssysteme, die gerade einmal dazu taugen, farben zu benennen (und das nur bedingt).
    und nun – war das dann alles? farbenlehre und naturstudien? kompositionslehren, morphologie, symbolkunde und diverse techniken… das alles ist in summa den diversen esoterischen scheinweisheiten zu sehr ähnlich (vor allem, wenn man sich die differenzen in den inhalten ansieht) – und ist mit der mathematischen präzision, schlicht- und schönheit der musikalischen theorien verglichen einfach lächerlich. bücher über musik quellen über von fachbegriffen, die jeder (kundige) versteht. bücher über gemälde strotzen von unfassbaren plattheiten, die jedem kenner bisweilen die schamesröte ins gesicht treibt: ist denn in der malerei wirklich nichts auch nur halbwegs wissenschaftliches als grundlage festzuhalten?

    dabei ist die malerei nicht einmal jünger als die musik, vielleicht sogar viel älter. aber die musik ist der sprache verwandter und daher für die kommunikation und das soziale zusammenleben entscheidender, die malerei dem unmittelbaren aufnehmen von erfahrung (wobei das selbstbestimmte lesen eines bildes schon auch etwas erlernbares ist) näher und im täglichen leben eher entbehrlich (es sei denn, man hat einen gefährlich häßlichen riß in der wand, der von einem bild bedeckt werden soll).

    im übrigen ist es eine historische tatsache, dass die wichtigsten maler/innen der geschichte in den allerseltensten fällen jemals eine akademie von innen gesehen haben – sie erlernten ihr handwerk in einer werkstatt und wuchsen (im günstigsten falle) zu eigenen meistern heran.
    jedenfalls habe ich noch von keinem (bedeutenden) maler gehört, der seine wichtigsten erkenntnisse aus der akademie mit nach hause genommen hat… und noch von sehr sehr wenigen malern gehört, die über ihre bilder erläuternd reden konnten. denn sprache versagt hier immer noch.

    worauf ich hinauswill: es gibt keine sprache in der malerei, auf die wir maler uns geeinigt hätten. oder sagen wir, noch nicht.
    gib uns noch einmal 35.000 jahre… 😉

  6. Ist Fernsehen das moderne Lesen? Es kann zur Droge werden, es kann aber auch bilden, entspannen, die Fantsasie fordern.
    Es sollte eben – wie Wein – in Maßen genossen werden. Und nur in hoher Qualität. Wo ist die? Beim Lesen der Gratiszeitungen oder beim Fernsehen von Arte?




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