Zeitungspapier
Wie man aus manchen meiner Einträge entnehmen konnte, bin ich mit dem Standard nicht wirklich mehr zufrieden und ich denke daran, das Abonnement abzubestellen. Gelegentlich scherze ich und meine, dass ich ihn nur wegen der Schachseite im Album beziehe, die ich Samstags beim Frühstück genieße. (Ich kann sonst alles online lesen und in der Firma liegt er auch auf.)
Heute beim Frühstück bin in allerdings über folgenden Artikel gestoßen, der mir großes Vergnügen bereitet hat:
http://derstandard.at/1277338803865/Salzburger-Festspiele-Ein-Objekt-Jedermanns
Es geht nicht um einen Buhlen, der seiner Lust ungehinderten Lauf verschafft. Nein. Die Mutter Jedermanns beklagt es. Es geht um den Unruhefaktor „lediger Mann“ . Das immerhin ist wirklich mittelalterliche Katholizität. Der lange Weg der Zivilisierung des Mannes erfolgte über die Monogamisierung und deren Verrechtlichung in den kirchlichen Ehegesetzen. Das beschreibt auch den langen Weg der Zivilisierung in den europäischen Kapitalismus. Die Versammlung des Vermögens auf rechtlich anerkannte Erben von einer jeweils einzigen Frau und der Ausschluss der Priester aus einer solchen Erbmöglichkeit durch das Zölibat.
Es geht im Artikel mehr um die Buhlschaft als um den Jedermann. Aber der obige Abschnitt hat mich wirklich schmunzeln lassen. Ich empfinde auch den Hype um Jedermann als Salzburg-typisch, warum ich Salzburg Stadt mitsamt seinen Festspielen ja gerne an Bayern abtreten würde.
Ich mag Hugo von Hofmannsthal. In einer gewissen Weise ist der Jedermann auch eine geniale Schöpfung. Ein Dichter der folgenden Zeilen
Die Sonne sinkt den lebenleeren Tagen
Und sinkt der Stadt vergoldend und gewaltig,
So wie sie sank der Zeit, die viel zu sagen
Und viel zu schenken hatte, vielgestaltig.
Und Schatten scheint die goldne Luft zu tragen
Versunkener Tage, blaß und zartgestaltig,
Und alle Stunden, die vorübergleiten,
Verhüllt ein Hauch verklärter Möglichkeiten.
versucht sich erfolgreichst an der Löwingerbühne und gründet eine Institution, die vielleicht nur mehr vom Klatschen zum Radetzkymarsch* anlässlich des Neujahrskonzert übertroffen wird.
Das ist beste Handswerkskunst des Theaterautors.
Vor Marlene Streerowitz, die den Artikel geschrieben hat, ziehe ich meinen Hut.
Beim Waldbühnenkonzert in Berlin klatschen die Leute auch begeistert bei der Berliner Luft mit, die mittlerweile zum Militärmarsch mutiert ist. Allerdings stammt das Original von der Operette Frau Luna von Paul Lincke, die noch gar nichts Militärisches an sich hat.

Samstag, Juli 24, 2010 at 2:04 pm
zum ausgleich kann ich dir nur „jedermann in wien“ (zweiter absatz) empfehlen;-)
Samstag, Juli 24, 2010 at 3:20 pm
Es ist ja nun nicht so, dass Hofmannsthal alleine für die Salzburger Festspiele und den Jedermann verantwortlich ist, denn Max Reinhardt, der Regie führte, und Richard Strauss haben genauso ihren Anteil. Es gibt Schlimmeres als den Jedermann, und Salzburg, das ja auch abseits diverser Festspiele eine Daseinsberechtigung hat, möchte ich trotzdem bei Österreich wissen. 😉
Samstag, Juli 24, 2010 at 9:42 pm
Danke für den Link. Ich hab mich diese Woche schweren Herzens von meinem Standard-Abo getrennt, weil ich die ungelesenen Zeitungsstöße schon fast als obszön empfand und „eh“ online lesen kann. Könnt besser gesagt, wenn mir nicht Arbeitsanfälle kaum Spielraum lassen, tageweise.
Jedermann gäb’s morgen Abend auch ORF-live 😉
Montag, Juli 26, 2010 at 3:21 am
salzburger festspiele wir denken doch sonst so gerne an umwegrentabilität und geld und sollten froh sein, daß vornehmlich unsere nördlichen nachbarn, die salzburger festspiele „mit“_sponsern.
bei karten preisen ab 260,- euro pro person, für eine jedermann_vorstellung, welche aber nur im arrangement mit einer anderen festspielveranstaltung erhältlich ist, stellt sich die frage, wieviele österreicher sich diesen genuss leisten wollen – besser noch – leisten können.