Keine Entschuldigung

Es gibt keine Entschuldigung.
Wahrscheinlich denken jetzt wieder einige: „Was hat er nur bloß? Immer verknüpft er Dinge, die gar nichts miteinander zu tun haben.“
Heute in der Früh höre ich ein Interview mit Nikolaus Harnoncourt, einem Musiker, einem Dirigenten. Sehr ernst meint er zum Abschluss: „Ich bin halt so ein Pessimist. Obwohl – ich hab Kinder, ich hab Enkelkinder, ich denk schon, dass es irgendwie gut ist. Aber – da folgt etwas, was ich mir nicht so genau gemerkt habe – der Grund, dass es schlechter wird, liegt in der immer größer werdenden Betonung auf dem Materialismus.“

Und jetzt kommt das Ding, das damit gar nichts zu tun hat. Gestern höre ich bei der Heimfahrt nach Wien, ausnahmsweise im Auto sitzend, die Nachrichten um 17 Uhr, um 18 Uhr. Ich lese die online-Zeitungen.
Und ich rätsele über den Satz, der in allen Nachrichten gleichartig vorkommt:
„… in ihrer Verzweiflung versuchte die Mutter eines siebenjährigen Jungen die Scheibe mit dem Notfallhammer zu zerschlagen.“
Es geht um die ausgefallenen Klimaanlagen in deutschen Zügen.
Was bedeutet der Satz?
a) Sie hat es versucht, ist aber gescheitert.
b) Sie hat die Scheibe zerschlagen.
Trifft Antwort a zu, so frage ich mich, wo die nachfolgende Schlussfolgerung bleibt. Die Hämmer sind nur Alibi-Hämmer, das ganze Notausstiegssystem ist eine Farce. In einem Notfall mit stillgestandendem Zug und Feuer wüprden die Menschen hilflos verbrennen, weil sie keinen Notausstieg durchs Fenster öffnen können. Und so weiter.
Trifft Antwort b zu, so frage ich mich, was Journalisten damit bezwecken, diese Ambivalenz im Raum stehen zu lassen. Ist es eine dramaturgische Überhöhung, dass der Versuch mehr Mitleid erwecken soll als die unsägliche Hitze im Waggon?
Zwei Dinge beschäftigen mich als Menschen, der mit Software-Qualität oder mit Qualität oder mit Test zu tun hat:
1.) Wofür baut man Klimaanlagen? Heizungen für den Winter sind mitunter auch schon ausgefallen, aber wofür braucht man Klimaanlagen, die ja auch zusätzlich noch mit unbedingt geschlossenen Fenstern im Tandem operieren?
Dass Zimmertemperaturen bis 21° Celsius auf 10° herunter gekühlt werden und sich die Menschen verkühlen?
Denn wenn man sie wirklich braucht, weil es draußen heiß ist, funktionieren sie nicht.
Bis zu welcher Außentemperatur sind sie spezifiziert, bis zu welcher Außentemperatur sind sie getestet? Ausfall bei +38° Celsius, weil die Temperatur für die Klimaanlage zu heiß ist! Das ist ja reinstes Winkeladvokatentum. Vielleicht steht auf der Eisenbahnkarte noch in mikroskopisch kleinen Lettern: „Bei hohen Außentemperaturen kann es zu heißen Abteilen mit Kreislaufkollapsgefährdung kommen.“ Und die Käufer an der Bahnhofskasse lesen das und geben die Karte dem Kartenverkäufer zurück. „Geh’n ‚S, kennens ma net a Koartn verkaufn, auf die i impotent wer‘. Kreislaufkollaps is so unangenehm.“
Und in Anlehnung an das Rauchverbot wird irgendwann einmal das Eisenbahnfahren aus gesundheitlichen Gründen verboten.
Wie gesagt: KEINE ENTSCHULDIGUNG. GEHT’S SCHEISSEN!
2.) Kann man jetzt mit den kleinen Hämmerchen eine Waggonscheibe zerschlagen oder nicht? Sind die Hämmerchen und die roten Punkte wirklich nur Placebo? Bitte da haben wir einen Typen bei uns in Österreich, der die Homöopathie nicht mehr auf Krankenkasse verschreiben lassen will. Hundert Studien haben nachgewiesen, dass Homöopathie nichts ausrichtet. (So begründet er.) Da sollte man die Hämmerchen doch gleich mitentsorgen. Die richten ja auch nichts aus.
Wie gesagt: KEINE ENTSCHULDIGUNG. VERARSCHEN KANN ICH MICH AUCH SELBER!
Nachtrag:
Ich lese gerade im heutigen Standard:

Die Bundespolizei habe am Samstag beantragt, den ICE-Zug in Bielefeld zu beschlagnahmen. Dies habe die Staatsanwaltschaft als unverhältnismäßig bezeichnet und abgelehnt. Die Klimaanlagen der gesamten ICE-Flotte sollen bei der Frühjahrsinspektion gecheckt worden sein.

Hervorhebung von mir: „Gecheckt“ bedeutet wahrscheinlich, dass der Schalter aufgedreht wurde und die Klimaanlage zu laufen begonnen hat. Es bedeutet sicher keine funktionale Überprüfung in einer Klimakammer, ob die Anlage funktioniert.“
Sonst kein weiterer Kommentar. Wer mich kennt, weiß, was ich denke.
Oder auch nicht…


  1. Sehr richtig, Herr Steppenhund! Das mit den Hämmerchen ist der Oberhammer. Wenn man erst mal das Denken anfängt, möcht‘ man manchmal auch gleich das Schreien anfangen oder rhythmisch den Kopf gegen die Scheibe …

  2. Wenn ich lese, dass jemand versucht hat, etwas zu tun, beinhaltet dies für mich die Information, dass eben dieser Versuch nicht gelungen ist – sonst handelte es sich ja nicht um einen Versuch, sondern es stünde im konkreten Fall zu lesen, dass die Scheibe eingeschlagen wurde.

    Leider sehe ich seit gestern einen Verdacht bestätigt: Ich konnte mir nie so recht vorstellen, dass ein solches recht filigran wirkendes Hämmerchen tatsächlich eine robuste, große Fensterscheibe eines Waggons zerbersten lassen kann.

  3. Bin selbstpersönlich am Sonntag mit der Bahn (1.Klasse) von S. nach B. gereist -Klimaausfall im Waggon – der Wahnsinn hat Methode, wenn Sie mich fragen….

  4. Avatar von Unbekannt hans1962

    @Was bedeutet der Satz? a) natürlich
    b) kann nicht im entferntesten in Erwägung gezogen werden, wenn Sprache als Informationsträger noch ernst genommen werden soll.

    Die Schlussfolgerung aus dem Ausfall der Klimaanlage und dem nicht rechtzeitigen Anhalten des Zuges wurde bereits gezogen: es wurden offenkundig amtswegig Ermittlungen wegen fahrlässiger Körperverletzung begonnen.

    Dass niemand der Reisenden auf die Idee kam, die Notbremse zu ziehen und damit ein Anhalten des Zuges wenigstens im unmittelbar nächsten Bahnhof zu erzwingen, ist noch viel bedrückender, als der Ausfall einer technischen Anlage. Auch die Aufforderung an das Zugpersonal: „Halten Sie an, wir wollen aussteigen!“ bei Androhung der Anforderung polizeilicher Hilfestellung wäre eine Verhaltensvariante gewesen.

    Es bleibt übrigens völlig offen, ob das Zugpersonal ausreichend kompetent für die sachgemäße Handhabung der Klimaanlage war. Ich denke da beispielsweise an eine Schutzeinrichtung, die bei lange andauernder Überlast die Anlage stromlos schaltet und nach einer bestimmten Abkühlzeit manuell reaktiviert werden muss.

    Besonders pikant wäre die Vermutung, dass in dem beanstandeten Zug eine oder mehrere Schulklassen in Begleitung von Lehrern unterwegs war. Das schließe ich aus den Presseberichten, wonach sich DB-Chef Grube (ist selbstverständlich in wikipedia zu finden) bei der Schulleiterin telefonisch entschuldigt habe – am Sonntag!

    Dass technische Anlagen nicht erwartungsgemäß funktionieren, ist ein ärgerliches Anhängsel unserer ach so fortschrittlichen Zeit. Dass Menschen keine Phantasie mehr haben, was situationsangemessene Verhaltensalternativen sein könnten und in (bestenfalls maulender) Starre verharren, alarmiert hingegen. Es bedarf erst des Zusammenbruchs menschlicher Gesundheit (Kollaps), damit das der „Primat der Vertragserfüllung“ außer Kraft gesetzt wird.

    Ich hoffe nicht nur auf zielführende strafrechtliche Verfolgung der Deutschen Bahn, sondern auch der Begleitlehrer, sofern solche bei dem Vorfall tatsächlich dabei waren.

  5. Nachtrag zur Statistik:
    Ich bin in meinem Leben ungefähr 800 Mal geflogen. Einmal war die Klimaanlage defekt. Nicht so stark, dass wir hätten landen müssen, aber sie hat einfach schlecht funktioniert. (Zu heiß oder zu kalt, ich kann mich nicht mehr genau erinnern. Flug Krasnodar – Moskau)
    Soviel zur technischen Machbarkeit von Klimaanlagen. (Wobei die meistens ja heizen müssen.)

  6. der Grund, dass es schlechter wird, liegt in der immer größer werdenden Betonung auf dem Materialismus

    Meine Rede seit mindestens 15 Jahren… aber weißt Du was: Lasse sie doch alle sinnlos der Kohle hinterherhecheln und bei jedem noch so kleinen Handgriff erst mal ausrechnen, was der Ihnen wohl einbringt. Für mich sind das alles komplette Idioten, die nicht begriffen haben worum es sich im Leben wirklich dreht, und die es auch nie begreifen werden, weil sich schlichtweg viel zu dämlich sind.

  7. Ja, über „den Materialismus“ lässt sich sehr gut lamentieren, wenn man vorher Millionen Euro gescheffelt hat.

  8. ich war diese tage in deutschland auf der autobahn unterwegs und hörte im radio berichte der betroffenen, aber die meldung des verkehrsministers (glaub ich) war, „aber lassen wir doch die kirche im dorf, wegen der paar züge, so viele sind unterwegs wo alles funktioniert“.
    da ist eine mentalität die leider immer populärer wird, werde ich verletzt und millionen nicht ist mir das wurscht, das ist doch keine hilfe und kein trost, wir sind individuen und kein massenstall, geht das in diese köpfe nicht hinein?
    ich find die leut werden immer depperter, und werden dafür noch fürstlich entlohnt ;/




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