Archive for the ‘Spezifikationen’ Category
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Vor 22 Jahren arbeitete ich für ein renommiertes deutsches Unternehmen, welches über eine österreichische Tochterfirma in die Sovjetunion verkaufte. Der Verkauf lief über zentralistische Außenhandelsunternehmungen. Diese benötigten eine Proforma, die dann entsprechend „getuned“ wurde, um den preislichen und gleichzeitig technischen Anforderungen zu entsprechen.
Die Auftragsbestätigung und das Rechnungswesen lief über die österreichischen bzw. deutschen Zentralcomputer. In Wien war das eine Nixdorf-Anlage.
Zum Schreiben der Proformas (bzw. Spezifikationen, ein dem Techniker genehmerer Ausdruck) wurden seit jeher Schreibmaschinen verwendet. Tippex war ein Problem, da es in den Proformas keine Korrekturen geben sollte. Trotzdem kannte ich einen Kollegen einer anderen Firma, der seine Proformas mit Papier, Schere und Uhu-Stick zusammenbastelte.
Als große Errungenschaft hatte die Chefin der EDV in Wien ein Programm „gebastelt“, welches die Schreibmaschine durch einen PC ersetzen ließ. Von der Nixdorf-Anlage gab es einen Abzug der Stammdatei-Artikel. Artikelnummer, Kurzbezeichnung, Preis.
Jetzt konnte man sich die Artikel durch Eingabe der Artikelnummer zusammensuchen und musste nicht mehr im Prospekt nachschlagen. Für meinen damaligen Chef war das eine große Verbesserung, ich schlug die Hände über dem Kopf zusammen und bastelte aus lauter Verzweiflung mein eigenes System.
Warum war ich verzweifelt? Das Programm wies drei hauptsächliche Fehler auf. Zwei davon waren Analyse-Fehler, einer bestand in der Nichterfüllung von nicht-funktionalen Anforderungen.
Die Analysefehler waren folgende:
Die Anwendungsfälle (use cases) des Programmes waren nur oberflächlich untersucht worden. Es fehlte der Anwendungsfall „Proforma überarbeiten“. Das führte dazu, dass man
- eine einmal geschriebene Spezifikation nicht verwenden konnte, um eine ähnliche Spezifikation mit zwei Teilen mehr oder weniger zu erstellen.
- nichts aus einer Spezifikation löschen konnte, es sei denn die gerade eben zuletzt eingegebene Zeile.
Die Spezifikationen wiesen in der Regel zwischen 30 und 50 Positionen auf und es kam schon einmal vor, dass man das gleiche Objektiv auf zwei verschiedenen Seiten fand.
Das Performance-Problem war einfach, dass der Suchvorgang pro Artikel 20 oder mehr Sekunden dauerte. Das klingt nicht so lange, vor allem dann nicht, wenn es sich um eine Web-Anwendung handelte. Aber das gab es damals noch nicht. Das war eine Standalone-Lösung. Mich trieb das jeweilige Warten in den Wahnsinn.
Auf meinem privaten Computer, den ich in die Firma gebracht hatte, – damals gab es noch keine PCs als Standardausrüstung – programmierte ich nach Dienstschluss mein eigenes Proforma-Programm. Ich hatte gerade Turbo-Pascal gelernt und wer diese Programmumgebung noch kennt, weiß, dass man damit teuflich schnell sein kann. Ich hatte das Glück, dass die Stammdatei-Artikel auf einer Diskette (170kB) untergebracht werden konnte. Und diese Stammdatei gab es auch immer, weil sie auf den Computer im Moskauer Büro überspielt werden mußte.
Ich wusste, was ich brauchte und konnte es mir im Notfall auch dazuprogrammieren. Mein Artikelsuchvorgang dauerte weniger als eine Sekunde, Bearbeitung, Nachbearbeitung, Aufsplittung einer Messe-Proforma in mehrere Angebote war kein Problem. Programm und Daten fanden auf zwei Disketten Platz. Ich wusste normalerweise nicht, auf welchem Rechner ich es laufen lassen musste. Manchmal war es ein Olivetti, dann wieder ein IBM-PC. (Die Rechner gehörten zu den ausgestellten Bildanalysegeräten.) Egal, das Programm lief überall.
Später lief es auch auf dem Moskauer PC. Es half mir, Spezifikationen innerhalb einer Nacht zu überarbeiten. Der Umsatz in meinem Geschäftsgebiet hatte sich in drei Jahren verdreifacht.
Ein Tester, den man auf das Programm angesetzt hätte, hätte feststellen können, dass das Programm langsam ist. Er hätte auch moniert, dass es fehlerintolerant war. Eine kleine Nachlässigkeit – und schon waren 30 Minuten Arbeit beim Teufel.
Doch in Wirklichkeit hätte man das alles bereits in der Analyse- und Designphase feststellen können. Damals zog das Argument: der Computer kann das nicht anders. Ich habe mir daher mit dem Gegenbeweis nicht nur Freunde gemacht. Aber ich sage: – und das besonders heute – Der Computer kann das, was wir von ihm fordern.
