Archive for the ‘MUSIK’ Category
Ich habe mich der Lesergruppe rund um Wiederworte, die sich gerade an Montauk von Max Frisch erfreut.
Ich habe mich jetzt warm gelesen. Frisch schreibt da von 62 bzw. 63 Jahren, viele Rückblicke, er kommt nicht sehr sympathisch rüber in diesen Rückblicken und intimen Momenten. Doch entdecke ich vieles Empfundene, das ich nie so schreiben könnte. Ich bin kein Schriftsteller. Manche seiner Sätze deuten darauf hin, dass er eigentlich alles auf „beschreibbar“ untersucht. Manche seiner Analysen sind schonungslos. Schonungslos, was ihn selbst angeht, aber gerade dadurch entsprechend wertvoll. Ein paar Aussagen empfinde ich als ausgesprochen blöd, oder schriftstellerisch kokettisch, um es milde auszudrücken. (…die plötzliche Ähnlichkeit aller Frauen im Augenblick ihrer Lust ist selbst, wenn man berücksichtigt, dass er vielleicht immer den gleichen Typ von Frau erobert hat, sicher nicht zutreffend.)
Aber abgesehen davon, ist es wunderbar, festzustellen, dass man nichts versäumt hat, wenn man kein Schriftsteller geworden ist. Es ist schöner zu lesen, als sich diese Sätze erarbeiten zu müssen. Dass es Arbeit ist, lässt sich vermutlich nicht bestreiten.
Insofern genieße ich es vollsaftig, dass mir ein anderer Zugang zur Kunst gegeben ist: die Interpretation. Die ist noch etwas mehr als nur Lesen.
http://www.youtube.com/watch?v=q2X_EbLum14
Ich habe dieses Werk in unser Kammermusikprogramm hinein reklamiert und bin jetzt dabei es zu üben. Den oben verlinkten Satz habe ich noch nicht angefangen zu üben. Satz 2 und 4 sind schwieriger. Satz 3 werde ich jetzt einmal für meine Kollegen aufnehmen.
Dieser erste Satz birgt soviel Intimität und Dichte, gerade weil ihm das Gassenhauerische fehlt.
Das komponieren zu können, wäre schon etwas. Aber da weiß ich wenigstens bestimmt, dass ich das nicht könnte. Beim Schreiben erkenne ich es erst dann, wenn ich etwas wie Montauk lese.
Ein ganz anderes Problem habe ich jetzt. ich muss mir ein Klavier kaufen, das ich still schalten kann.
Und ich bin eigentlich schon bereit, ein Clavinova zu kaufen.
Das ist eigentlich der größte Grad an Selbstverleugnung. Aber wenn ich es mit Belgrad ernst meine, muss ich auch B sagen.
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Und dort werde ich wohnen:

Vor wenigen Tagen habe ich ja über ein mögliches Septemberprogramm geschrieben.
Es hat sich konkretisiert. Ich wurde als Klavierspieler akzeptiert, sozusagen erste Wahl, wobei vermutlich nicht die Qualität den Ausschlag gab sondern meine Bereitschaft, nahezu alles zu spielen, auch wenn es bedeutet, dass ich dazu einiges zu erarbeiten habe.
Das Forellenquintett ist „gebongt“. Ein weiteres Werk wird dieses sein. Da setz‘ ich mich quasi als Jungfrau hin:)
Und dann wird es für mich noch entweder Brahms-Quintett oder eines der Brahms-Klavierquartette heißen. Das bedeutet auch Üben. Viel Üben.
Aber das wird belohnt durch eine ganze Woche Musizieren mit Gleichgestimmten. Musik in wunderbarer ländlicher Umgebung. Und wenn ich dann bei Kasse bin, werde ich wenigstens den Gastgeber einmal zum chateauvieux in der Nähe von Genf einladen:)
Um auf andere Gedanken zu kommen…
Wann soll man über Primeln schreiben?
Nun ich versuche nach Val-du-Seran zu flüchten. (ungefähr 60 km von Genf entfernt) Das ist ungefähr dort: http://fr.wikipedia.org/wiki/Ruffieu
Ich habe mich einfach als Klavierspieler für eine Kammermusikwoche im September beworben. Ich scheine gute Chancen zu haben.
Und das Programm wäre das folgende:
Also manchmal befolge ich auch die Wünsche meiner Leser…
Beethoven hat nicht nur „gute Musik“ geschrieben. Manche seiner Werke sind fürchterlich. Doch die kennt man nicht, weil sie nicht zum heutigen Konzertrepertoire gehören.
Eine Zwitterrolle spielt hier das Stück „Für Elise“. Viele kennen es, es ist „gute Musik“, doch wird es aufgrund der vermutlichen, technischen Leichtigkeit als Probestück für angehende Klavierspieler herangezogen. Diese können, ohne dass sie etwas dafür können, das Stück derart verhunzen, dass es fast unerträglich wird, es später noch zu hören.
In der unten stehenden Aufnahme, setzt auch die große Begeisterung hörbar ein, als das Werk der Zugabe erkannt wird.
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Warum ich jetzt aber darauf komme, ist durch die Warteschleife eines sehr großen Unternehmens begründet, die dieses Werk als Wartemusik bereitstellt.
Die Aufnahme wäre musikalisch in Ordnung ist aber technisch derart verklirrt, dass es eine Schande für ein Unternehmen ist, welches bei PR-Aktionen keinen Euro scheut, um perfekt dazustehen. An meinem Telefon scheint es nicht zu liegen, weil ich bei einer anderen Firma ein Schubert-Impromptu höre, welches durchaus in annehmbarer Qualität bei mir ankommt.
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Soviel zum Qualitätsbegriff.
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Um aber den geneigten Lesern und Leserinnen nahe zu bringen, um welches Stück es geht, sei hier eine Einspielung referenziert, die ich wirklich für ausgesprochen toll, sowohl musikalisch als auch technisch halte. Da höre ich mir die Einspielung auch durchaus wiederholt an, selbst wenn ich das Werk sonst nicht mehr hören kann.
Ein wunderschönes Stück: Sposalizio
Eine längere Geschichte:
Es muss so um 1991 oder 1992 gewesen sein, dass ich dieses Stück „auf Bestellung“ spielte. Ein befreundeter Geschäftsführer gab jedes Jahr ein kleines Fest für seine Kunden, – und zwar immer mit anderen Programmen. Und weil ihm dieses Stück so gut gefiel, ich hatte es einmal bei einem Vereinsabend gespielt, kam ich in den Genuss, einmal in meinem Leben eine bezahlte Konzertvorstellung zu geben.
Jetzt im Jahr 2011 wurde ich angesprochen, in einem Konzert im Oktober, die Liszt Festpolonaise mit einem anderen Vereinsmitglied vierhändig zu spielen. Ich habe zugesagt, obwohl ich das Werk bis jetzt eben nicht kannte. Dabei habe ich aber gefragt, ob ich auch Sposalizio bringen könnte, das „obere“ Stück. Weil es dann wenigstens Sinn macht, es noch einmal konzertreif zu üben.
Als ich jetzt das erste Mal wieder unter die Pfoten bekam, war ich überrascht, dass noch sehr viel vorhanden war. Eine Seite muss ich neu üben, die mit den Oktavenläufen in der linken Hand. Aber selbst bei denen merke ich, dass sich die Hand noch erinnert.
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Das wird also eine nette Geschichte im Oktober. Und Sposalizio werde ich vielleicht zu meinem Geburtstag auch spielen.
Die Grimassen und die Gestik von Brendel gehen mir unheimlich auf den Hammer. Aber es die beste Einspielung auf youtube. Und seine Interpretation deckt sich haargenau mit meinen Tempi und Phrasierungen. Damals hatte ich mir nämlich ziemlich viele Gedanken gemacht. Lustig ist, dass ich bei dem damaligen Konzert auch eine Farbkopie des Bildes mit hatte und den Leuten einen kleinen Vortrag darüber hielt. Da musste man noch echt ins Copyshop gehen, um so ein Bild halbwegs gerecht aus dem Kunstband entsprechend zu vergrößern.
Die Zeit, um die ich weniger blogge, geht ins Klavier. Zur Zeit übe ich an Wochenenden zwischen 4 und 6 Stunden. Warum das so ist, habe ich bereits beschrieben.
Dabei spiele ich auch manchmal irgendetwas, was ich früher gespielt habe.
Den unten referenzierten Janacek habe ich mit ungefähr 14 Jahren bei einem Schülerkonzert aufführen müssen. Mein Klavierlehrer war ein sehr guter und hat mir an sich immer sehr gute Programmstücke ausgesucht. Und im Prinzip habe ich die auch ausreichend gut absolviert.
Aber speziell am ersten Stück kann ich heute rückblickend meine Frustration festmachen. Ich kann das Stück heute so oder vielleicht sogar besser als in der Aufnahme spielen. Und ich wollte es auch gerne damals so spielen können. Aber es war unmöglich. Die musikalischen Figuren gingen nicht in die Finger, weil sie nicht richtig in den Kopf gingen.
Janacek hat „Im Nebel“ mit 58 Jahren geschrieben. Sie drücken seine Kindheitserinnerungen (im Nebel verschwommen) in der Gegend Mähren, Schlesien aus.
Wie – so frage ich – soll man, selbst noch ein Kind, Kindheitserinnerungen musikalisch umsetzen können. Man kann das Werk zwar einstudieren, doch es berührt nicht die Seele.
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Mir ist das mit einigen anderen Werken ähnlich gegangen. Musikalisch hatte ich die Musik im Ohr, aber ich konnte sie nicht so spielen, wie ich sie im Ohr hatte.
Und das hat mich letztlich bewogen, nicht Musik zu studieren.
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Letztlich sehe ich es als die richtige Entscheidung an. Ich habe auf diese Weise viel mehr Freude mit Musik erlebt als es anders wahrscheinlich gewesen wäre.
Und die Chance berühmt zu werden, liegt bei 0,0003%.
Janacek: Im Nebel 3 und 4
Eigentlich hatte ich vor, einen Saal im Musikvereinsgebäude zu mieten. Einen von den neuen, die klein genug sind, sodass auch eine Freundes- und Verwandtenschar den Saal füllt.
Heute habe ich mich nach den Preisen erkundigt.
950+MWSt. würde ich ja nicht als so schlimm empfinden. Aber noch einmal 1000 für die Flügelbeistellung und alle weiteren Details kosten noch extra, ist mir etwas zu üppig.
Es hätte schon meine Eitelkeit befriedigt, einmal dort zu spielen. Doch jetzt werde ich entweder etwas Günstigeres suchen oder das Konzert einfach bei mir zu Hause machen. Für das Geld kann ich mir an meinem Flügel so einiges machen lassen.
30-40 Zuhörer haben auch Platz, nur bei den Gästen muss ich dann halt sieben. Oder ich mach zwei Abende. Das ginge vielleicht auch.
Ich weiß schon, dass die Preise in den letzten Jahren angezogen haben. Aber in der Erinnerung hatte ich ganz andere. Und schlimm finde ich, dass die Flügel extra von Bösendorfer angemietet werden (oder von Steinway). Das hätte es früher nicht gegeben.
Irgendwie schon ärgerlich.
Aber es gibt andere Plätzchen, wo der Flügel bereits drin steht. Muss man schauen, wieviel das vis-a-vis von der Secession kostet.
Oder hat jemand noch andere Ideen?
Unter modernen Frauen hat sich eine Gruppe etabliert, die quasi stolz darauf sind, Hexenkünste zu besitzen. Es geht hier nicht um Flüche und Verwünschungen sondern um den Besitz von alten fraulichen Weisheiten, die halt nur mündlich von Generation zu Generation weitergegeben werden. Die meisten der Weisheiten beziehen sich auf Heilkräfte und die Zutaten für entsprechende Behandlungen.
Männliche Hexer sind darunter nur sehr spärlich vertreten.
Eine Ausnahme stellt hier auf einem vollkommen anderen Gebiet Dr. Dolittle dar. Die Gabe, mit Tieren sprechen zu können, wäre schon etwas ganz besonderes und sicher nicht sinnlos, wenn man bedenkt, dass eine Studie ergeben hat, dass ein Border Collie es auf ein Wortverständnis von über 1200 Wörtern gebracht hat, die er sogar in Kategorien einteilen kann. Etwas, was vielen Menschen schon nicht mehr möglich ist, wie ich immer wieder schmerzhaft feststellen muss.
Ich selbst habe jetzt erkannt, dass ich eine andere Hexenkunst beherrsche. Ich kann Musik verstehen. Sprich, ich kann bestimmte Idiome der Musik zuordnen. Einen Teil davon kann man auf der Musikakademie lernen. Doch bestimmte Inhalte gelten auch dort als zu esoterisch und man geht naserümpfend über sie hinweg.
Und obwohl ich weiß, dass es andere Gründe gibt, warum es so wenig Komponistinnen und eigentlich auch Solistinnen im Vergleich zum männlichen Anteil gibt, behaupte ich nun einmal frech, dass es sich hier um die männlichen Aspekte der Hexenkunst handelt. Und da ist der Mann das emanzipierte Wesen.
Das dritte der drei Stücke opus 946, „Letzte Klavierstücke“ hat sich bei mir mit einer ganz deutlichen Unterlegung festgefressen. Diese existiert schon seit zwanzig Jahren. Ich hab sie einmal einem Profimusiker erzählt, der trocken meinte, die Schubert-Forschung sähe das anders, aber es wäre einmal eine ganz nette Variante.
Ich beschreibe diese Interpretation, an der ich auch heute noch festhalte anhand einer Einspielung von Ran Zemach, der von den von mir gefundenen Einspielungen noch am ehesten den Charakter trifft.
Das Stück fängt mit synkopischen Auftakten an. Bis zur Sekunde 20 klopft der Tod an die Tür – oder an das Bewusstsein des Komponisten. Das Klopfen kommt eigentlich immer etwas eher als erwartet. In den nächsten 6 Sekunden gibt es den Dialog an der Tür. Daraufhin folgt eine Art Ermahnung „du musst es dreimal sagen!“. Eine Figur wird bis zur Sekunde 32 dreimal wiederholt – mit ganz leichten Veränderungen. Danach gibt es wieder ein Lamento des Komponisten, bis in Sekunde 38 wieder die Bestätigung erfolgt: „ich bin hier, ich bin hier, ich bin hier“, unterstrichen von einer einfachen Schlusskadenz bis Sekunde 45. Zu diesem Zeitpunkt ist es klar, der Tod ist gekommen, um Schubert zu holen.
Jetzt fängt eine Art Bettelei bis Sekunde 51 an, die ab Sekunde 52 strahlend zur Aussage: „ich hab ja noch soviel zu sagen. So viel schöne Melodien sind da noch in mir.“ Bei 1:05 stellt sich Ermattung, ein jähes Abbrechen ein. Und dann kommen die Erinnerungen. (Zemach spielt hier für meine Begriffe etwas zu laut.)
Für mich sind das die Jugenderinnerungen.
Kurz vor 1:50 beginnt eine kurze Erinnerung an die Liebe, schon eher melancholisch aber mit großer Zärtlichkeit in der Auslegung. Die Erinnerungen werden durch kleine Zusatzbewegung undeutlich oder auch durch die Einflüsse des Lebens leicht verzerrt. Bei 3:42 kommt der Tod wieder ins Spiel. Es wiederholt sich das Ritual vom Anfang. Allerdings geht das Schwelgen des Komponisten unmittelbar in ein Hinwegraffen über, eine gewaltige Stretta welche eindeutig einem Ende zustrebt, was durch die jeweiligen Kadenzen eindeutig zementiert wird. Nach den abschließenden Läufen ist der Schluss ist eindeutig. Da ist etwas aus.
Ganz aus.
Mausetot.
