Archive for the ‘Leben’ Category

Was ich so lese

Inzwischen wieder mit WLAN ausgestattet, lese ich die Berichte über das Neujahrskonzert. Sie erfreuen mein Herz, weil ich lese, dass Barenboim den Radetzkymarsch nicht dirigiert hat.
Und in drei Zeitungen gab es dazu Angaben, dass B. wohl nicht den militärischsten aller Marsche dirigieren wollte.
Für mich ist das die Bestätigung, dass es ja doch einige gibt, die verstehen, was sich in dieser Musik finden lässt. Vollkommen zu recht wird der Marsch heueraufgeführt, (und es sollte NUR heuer sein) weil es ein WW1-Gedenkjahr ist. Ich höre darin auch diese maßlose Überheblichkeit, mit der Österreicher und Ungarn in den Krieg gezogen sind. „Den werden wir doch rasch beendet haben.“
Obwohl es mir um Großösterreich leid tut, musste es wohl dazu kommen, dass man uns gezeigt hat, wo der Bartel den Most holt.

Ich glaube ja, dass die USA hier auch noch erst eine Lernphase durchstehen müssen. Momentan glauben sie ja, dass alles geht, was im Namen Amerikas passiert.

Aber meine Verachtung für Menschen, die zum Radetzkymarsch klatschen, ist ziemlich unbeschränkt. Und hier nehme ich nicht einmal Leserinnen und Leser aus. Wer zur eigenen Untergangsmusik klatscht, hat wohl nichts Besseres verdient.

Urlaub

Es ist ja seit 2007 Brauch, dass kurz vor Weihnachten bis zum 6. Jänner meine Firma Weihnachtsurlaub feiert. Es sei denn bei einem Kunden wird gearbeitet, dann arbeitet der betreffende Mitarbeiter halt auch.
Aber heute ist mir schmerzlich bewusst geworden, dass die „Globalisierung“ auch bei mir zuschlägt. Denn heute ist der letzte Arbeitstag im Jahr und ich muss natürlich auch Gehälter für Serbien und letzte Rechnungen ausbezahlen. Das bindet mich jetzt zwar nicht ans Büro aber an zuhause, wo ich in Bälde unzählige Unterschriften, Stempelungen und Scans durchzuführen habe, damit die unterzeichneten Dokumente wieder nach Belgrad zurückgeschickt werden können.
Mit einem Trip nach Downtown wird es daher nichts. Und das obwohl ich morgen in persona nach Belgrad fliege. Aber morgen ist halt leider schon Samstag – und da arbeiten nicht einmal die Serben.
P.S:
Tja, und meine Bulgarien- und Serbienreisen für Jänner und Februar sollte ich auch wohl besser noch heute buchen. Doch das kann ich auch in der Nacht machen.

Frohe Festtage

An einige Leserinnen und Leser werde ich ja noch direkt schreiben. Aber allen anderen möchte ich hier an dieser Stelle Ruhe und Gelassenheit für die kommenden Feiertage wünschen. Mögen die vernünftigen Wünsche in Erfüllung gehen und allfällige Schicksalsschläge ausbleiben.
Ich wünsche allen jenen Moment, an dem man sich zurücklehnt und sagt, was zu tun war ist getan. Der Rest kann jetzt einmal 7 Tage, 3 Tage oder wenigstens 2 Tage warten.
Das ist es, was ich Ihnen allen wünsche. Jener Augenblick, in denen ein Fehlen von Stress spürbar erlebt werden kann.
Allen kann das nicht gelingen, denn wenn kleine Kinder im Haus sind, muss man „allerweil“ aufpassen. Aber vielleicht spielen sich die ja mit den Geschenken, ohne gleich den Christbaum umzuwerfen.

Wäre doch schön, oder?

Frohes Fest!

Weihnachten

Dieser Beitrag wurde durch eine Fragestellung von BonanzaMargot angeregt.
Es gibt einen Satz, den ich gar nicht mag: Wahrheit ist eine Funktion der Zeit.
Politiker zitieren ihn gerne, wenn sie vergangene Fehler zugeben müssen.

Die Frage nach der Bedeutung von Weihnachten und deren Antwort ist allerdings ebenfalls eine Funktion der Zeit.

Weihnachten, als ich noch ein Kind war, bedeutete Erwartung. Ganz materielle Erwartung von Geschenken. Doch mehr als die materielle Erwartung war es die Neugier auf Unvorhergesehenes. Ich wusste ja nicht, was ich geschenkt bekommen würde. Erst im Alter von vielleicht 11 Jahren begann ich spezielle Wünsche zu äußern. Manchmal bekam ich auch das Gewünschte.
Meine Eltern waren nicht reich, nicht alles Gewünschte lag im Bereich des Möglichen. Doch das machte nichts. Der Zauber blieb auch noch bis zu meiner Matura erhalten.

Daneben gab es noch die spirituelle Bedeutung. Ich glaubte an die Geschichten, die ich der Kirche hörte. Der Katholizismus ist ja sehr geschickt in der Verwendung von Symbolen, Geschichten und Ritualen. Die dadurch ausgelöste Verzauberung relativierte sich, als ich 16 war und das erste Mal mit dem weihnachtlichen Garten- und Hauswettbewerb für den weihnachtlichsten Schmuck in Amerika konfrontiert wurde.

Dann gab es noch die sinnliche Erfahrung. Die kurzen Tage, die Dämmerung, Reisig, Tannenbäume und Schnee, viel Schnee. Alles wurde leise und der Schulweg im Schnee bekam etwas Besonderes.

Und es gab Stress. Ich hatte nie genug Geld, um für alle Geschenke zu kaufen. Manchmal löste ich das Problem dadurch, dass ich Bastelmaterial stahl. Das war nicht teuer, wurde nicht besonders bewacht. Und es gab eine ganze Dynastie von Untersetzern, die aus aufgefädelten Glasperlen bestanden. Und es gab das dazugehörige schlechte Gewissen.
Allerdings gehörte es damals zum Selbstverständnis, dass ein Geschenk etwas selbst Fabriziertes enthalten musste. Einfach etwas zu kaufen, war sowieso schal und tabu.

Ich erinnere mich an die Freude, die ich mit meinen Weihnachtsgeschenken hatte.

Jetzt mache ich einen Zeitsprung von fünfzehn Jahren: Weihnachten mit den eigenen kleinen Kindern. Da meine Frau viel weniger materialistisch als ich eingestellt ist, konnten wir uns hier sehr gut einigen. Ich versuchte den Zauber, den ich erlebt hatte, meinen Kindern zu vermitteln, meine Frau konnte die notwendige Umgebung herstellen. Ich erinnere mich, dass ich am 24.12. nach der Arbeit (ich arbeitete damals 80 – 100 Stunden in der Woche als Selbstständiger) einem Lastwagen mit dem letzten Baum ein paar Kilometer hinterher fuhr, um noch diesen Baum zu kaufen. Es wurde eines der schönsten Weihnachten.
Bevor wir Kinder hatten, gab es ein Weihnachten, an dem ich am 24.12. um 15:00 zu arbeiten aufhörte und am 25.12. um 15:00 zu einer Dienstreise nach Polen aufbrach.

Weihnachten zu dieser Zeit war etwas Besonderes, weil es bedeutete, sich Zeit reservieren zu können.

Mein aufkeimender Agnostizismus war noch nicht stark genug, um nicht in die Christmette zu gehen, weil das Gruppenbewusstsein noch ausreichend Wärme ausstrahlte.

Heute ist Weihnachten ein Geschenk. Es muss nicht unbedingt Weihnachten sein, um sich daran zu freuen, wie sich die Enkelkinder über ihre Geschenke freuen. Heuer werde ich das erste Mal nach 56 Jahren keine Gans am 25.12. essen. (die ich vielleicht über 20 Jahre selbst zubereite.)
Doch die Zusammenkunft der ganzen Familie, Kinder und Kindeskinder bleibt ein Freudenfest. Rein familiär ist alles, was mit Weihnachten zusammenhängt, der Versuch, anderen Freude zu bereiten. Und das ist in meinem Alter schon selbstbeglückend genug.

Aber was ist Weihnachten heute noch?
Eine Verpflichtung, die im Geschäftsleben für mich Stress auslöst. Glücklicherweise muss ich nicht mehr selbst die Verantwortung übernehmen, wer angeschrieben wird, wer welche Firmengeschenke bekommt. Meine Unterschrift auf den Glückwunschkarten wird von einem Stempel geprägt.
Das schlechte Gewissen, das ich manchmal habe, weil ich nicht selber Post rechtzeitig expediere, wird von Jahr zu Jahr geringer. Den Jahresrückblick, den ich früher als Weihnachtsnotwendigkeit gesehen habe, werde ich nicht mehr machen. Ich befürchte, mein Glück zu verschreien.

Und wenn ich mich außerhalb meiner vier Wände bewege, wird mir die kapitalistische Konsumbeeinflussung bewusst, doch ich verdränge sie. Manchmal könnte ich kotzen, doch ich habe Mitleid mit den Leuten, die von Geschäft zu Geschäft hetzen. Manchmal empfinde ich Zorn, wenn es spezielle Weihnachtswerbung gibt, die besondere Angebote anpreist, welche sich bei näherer Überprüfung als Betrug heraus stellen. Dann bin ich froh, wenn ich nach Hause flüchten kann.

Aber ich freue mich heute noch auf Weihnachten, auf die Festtage. Die einzig wichtigen Termine sind durch die Beschaffung der Lebensmittel vorgegeben. Und wenn ich einkaufe, habe ich die Geschichte von Peter Rossegger im Kopf „Als ich Weihnachtsfreude einkaufen ging“. Alles, was ich besorgen kann, stelle ich in Beziehung dazu und freue mich, dass ich so leicht diese Einkäufe erledigen kann. Ich freue mich an den Vorbereitungen, die meine Frau trifft.
Dazu gibt es noch ein Detail: meine Frau hat während ihrer aktiven Dienstzeit als Krankenschwester immer eine Regelung gehabt, dass 24. und 25. frei waren. Dafür hat sie dann Neujahr übernommen. Wir waren also in den 40 Jahren unserer Ehe zu Weihnachten immer zusammen. (selbst als ich getrennt von ihr gelebt habe)

Weihnachten bedeutet heute PAUSE. Eine Zeit, die neben der Zeit verläuft. Zu Weihnachten gelten andere Regeln. Es gilt Ruhe, (trotz mancher Hektik) es gilt Frieden und es gilt Freude, die durch die Freude von anderen gewonnen wird.
Der christliche Glauben spielt hier nicht mit. Oder vielleicht doch in einer gewissen anderen Form. Schließlich hat der Mensch ja ein metaphysisches Bedürfnis, sagt Schopenhauer.

wichtig

wenn ich mich nicht von einem Film trennen kann, der auf ard 1 , dann verpasse ich die kueche meines Lieblingrestarants direkt neben meinem Hotel. Doch die Leute kennen mich inzwischen und sind ganz freundlich und bereit mir eine Alternative zu . Maraia heißt das lokal. Die Kueche ist Öl, die Weinkarte noch mehr. Die Kritiken sind gut, es gibt viele Gaeste, doch das Besondere ist: 24/7!!! Jeden Tag ist rund um die Uhr geordnet.
Echt geil. Ich glaube, dass dies bei uns sogar gesetzlich verboten ist.
Und der Bedienung merkt man nicht an, dass sie keine Sekunde schlafen kann:)
.Die sind so wie ich:)))

Weiber

Und Arschlöcher. Aktiv und passiv.
Ein Hoch auf ehrliche Mösen und Gummipuppen. Und ebenso ein Hoch auf die Frauen, die ich kenne. Ich glaube, dass Roboter mehr Sexappeal haben können, als diese seelenlosen durchgemagerten und durchgestylen Stecken, die wie ferngesteuerte Epileptikerinnen bei beispielsweise Victoria Secrets auftreten. Wobei die noch ein bisschen fesche wirken als die verblödet Models, die sich ja manchmal auch bei Heidi Klum zu diesen seelenlosen Tussis entwickeln, die man auf fashion TV sehen muss. Das ist komischerweise der Kanal der vorzugsweise in den Restaurants als optische Extremverschmutzung läuft. Ein Gutes hat die Sache allerdings: besser als Brom oder eine Kastration verhindert der Kanal, dass man sich auf ein exotisches Abenteuer einlassen möchte. Bei nur fallweisem Blick auf die Darbietungen vergeht einem Alles.
P.s. dieser Beitrag ist Boma gewidmet,der gemeint hat, ich solle einmal über etwas anderes als Arbeit und Musik schreiben;)

Statusbericht

Nachdem ich jetzt so etwas wie eine Generaluntersuchung hinter mir habe, weiß ich, dass ich es selbst in der Hand habe, ob es mir gut geht oder nicht. Das Abnehmen ist nicht so sehr wegen der Kniegelenke sondern mehr wegen des Blutdrucks notwendig.
Jetzt hat der Professor in Serbien auf eine andere Medikation umgestellt und selbst nach 2 Tagen kann ich sagen, dass diese besser wirkt – und anscheinend wesentlich schonender ist.
Er hat auch gemeint, dass die ursprüngliche Medikation für meinen Metabolismus nicht indiziert ist, was meiner serbischen Freundin, die keine Ärztinnen anerkennt, Gelegenheit gegeben hat, auf meine Internistin in Wien zu schimpfen. (Leider muss ich ihr in diesem Fall recht geben, obwohl ich sonst die Frauen im Ärzteberuf sehr schätze.)
Meine Hausärztin, die ich noch immer schätze, ( 😉 ) hat mich gefragt, warum ich die Untersuchungen alle in Serbien gemacht habe. Meine Antwort hat auch sie überzeugt. Zwar zahle ich für eine Untersuchung ca. 50 € und dann kommen noch die Laborbefunde dazu, dafür nehmen sich die Ärzte aber die Zeit und untersuchen mich ziemlich den ganzen Körper umfassend, selbst wenn es nur einen lokalen Punkt des Interesses gibt. Die Untersuchungen dauern ungefähr eine Stunde. Welcher Kassenarzt kann sich in Wien die Zeit dafür nehmen. In Wirklichkeit sind diese untersuchenden Ärzte (Primarärzte, Medizinprofessoren) unterbezahlt, wenn ich meinen eigenen Stundensatz vergleiche, den meine Firma für mich bezahlt.

So wie es jetzt aussieht, könnte ich meinen 65. Geburtstag durchaus unbeschadet erleben. (Meine Laborbefunde sind in allen Bereichen, auch dort wo ich es nicht erwartet habe, sehr gut. Bis auf zwei kleine Ausnahmen immer in der Mitte zwischen den zwei Grenzwerten. Die Ausnahmen sind begründbar und daher verständlich. So habe ich aber z.B. ausgezeichnete Cholesterin und Triglyzeride-Werte, auch PSA, wovor ich eher Angst hatte, liegt ganz nahe am Minimum.)
Wer möchte, könnte sich also ohne weiters den 25. oder 26. 6. 2016 (sic) vormerken. An diesem Wochenende werde ich meinen nächsten Konzertabend geben. Wie es aussieht, in einem größeren Saal.
Das klingt jetzt ein bisschen vermessen. Und ich bin mir des Sprichworts wohl bewusst: wenn Gott lachen will, lässt er den Menschen einen Plan machen.
Doch andererseits frage ich unsere Bewerber ja immer, wo sie sich in 5 Jahren gerne sehen würden. Bei den Bewerbern haben die, welche hier ein Ziel nennen können, eindeutig die besseren Chancen.
Und wenn ich auf drei Jahre voraus „plane“, sollte man das so wie eine geplante Ausbildung sehen. Da kann sich noch einiges ändern. Doch es doch wenigstens eine Linie, oder?

Alles gilt bis auf Widerruf:)
Ich empfinde es als „Glück“, wie ich heute dastehe. Obwohl für mich das Wort Zufriedenheit wesentlich mehr aussagt. Mit der Welt kann ich nur so zufrieden sein, wie es Candide bei Voltaire ist. „Die beste aller möglichen Welten“. Die Betonung liegt auf dem „möglichen“. Aber da gerate ich in einen anderen Beitrag.
Gerade angesichts der traurigen Nachrichten, die hier vor kurzen Nachrufe veranlasst haben, kann ich nur ein Gefühl als ehrlich empfunden schildern:
Dankbarkeit.

Eugene Faust

Es gibt mittlerweile schon eine Reihe Nachrufe auf Eugene Faust. Ich bin traurig, dass ich nicht mehr an eine von mir ursprünglich geschriebene Bloggerbeschimpfung herankomme. Die meisten dieser Bloggerbeschimpfungen waren ja ausgesprochene Hommagen und die an Eugene fiel mir damals besonders leicht.
Es gibt (und hier ist die Gegenwartsform ganz bewusst gewählt) etwas Besonderes an Eugene. Zu Beginn, als ihre Krankheit überhaupt kein Thema war, las ich ihre Beträge mit Begeisterung und bewunderte den guten Geschmack. Es war immer nachvollziehbar, warum sie etwas Bestimmtes zitierte oder verlinkte. Aufmerksam wurde ich ja durch ihre Arbeit, die Single-Frau im Swingerclub, die ich zur Gänze lesen konnte, nachdem ich Eugene danach gefragt hatte. Irgendwann offenbarte sie mir dann ihre Diagnose. Ich las etwas aufmerksamer, doch in ihren Postings schien nichts davon auf. Leider habe ich die Gelegenheit verpasst, damals nach Hamburg zu fahren, um sie persönlich kennen zu lernen. Als es dann geklappt hätte, lehnte sie ab, weil es ihr schon zu schlecht ging.
Erst im Nachhinein wurde die Ungeheuerlichkeit erkennbar, als sie schrieb, dass sie zwar ihre Wohnung wegen einer Alarmmeldung umgehend verlassen müsste, dieses aber nicht so einfach wäre, weil sie in dem Jahr überhaupt erst für zwei Stunden ihre Wohnung verlassen hätte. Nach wie vor schrieb, verlinkte und unterhielt die LeserInnen, als wäre nichts gewesen und als wäre nichts. Als sie ihre Lebensgeschichte schrieb, war ich wohl nicht der einzige, der ihren Lebenskampf bewunderte. Dass die Niederschrift bereits als Vermächtnis anzusehen war, wollte ich nicht wahr haben. Nicht einmal, als es klar war, dass sie in ein Hospiz musste und es nur mehr um Palliativpflege ging, konnte ich selbst die Tragweite erfühlen. Dann gab es noch die nette Britt, die die Verbindung auf die Blogplattform aufrecht erhielt.
Und selbst jetzt, da sie von uns gegangen ist, will ich es nicht wahr haben. Und vielleicht ist es auch gar nicht notwendig, es zu akzeptieren. Eugene’s Persönlichkeit kann für mich nicht sterben. Ihre Hinterlassenschaft ist gerade eine vermutlich lang dauernde Präsenz, obwohl sie nicht mehr da ist. Sie verkörpert Leben. Sie hat, ich vermute, dass mir andere zustimmen werden, nie aus ihrer Situation heraus den anderen belastet. Vielleicht war es gerade umgekehrt: sie hat Freude, Humor und Besinnlichkeit an andere weitergegeben. Dann kam es vielleicht gar nicht darauf an, wie sie sich selbst fühlen musste. Sie war eine Gebende, das lässt sich von ihrer Präsenz auf twoday zweifellos konstatieren.
Weil Momoseven ihre Liedwahl dargelegt hat, füge ich hier den Link ein, der die Sängerin zeigt, die für mich das Lied so stark verkörpert hat.
Wie im Himmel
Eugene hat uns einen Himmel auf Erden gezeigt, ich wünsche ihr einen Himmel, der ihr beweist, dass sie richtig gelegen ist. Sartre sagt: die Hölle, das sind die anderen. Eugene hat sich um den Himmel für uns bemüht.
Meine Gedanken gelten auch ihrem Mann.

Nichts tun

passt gar nicht zu mir. Muss ich erst lernen. Aber angeblich soll ich mich schonen…

Unbeendet, oder …

An einem ganz gewöhnlichen Mittwoch zu Beginn des Herbstes empfand Stefan die Veränderung der Zeit. Es war ihm, als säße er in einem Auto, welches sich auf dem mittleren Fahrstreifen einer dreispurigen Autobahn befand. Er selbst bewegte sich mit mittlerer Geschwindigkeit im fließenden Verkehr. Die Bewegung symbolisierte den Zeitfluss, innerhalb dessen sein Leben verfloss.
Doch die Zeit hatte sich geteilt. Das äußere Leben steckte in einem tonnenschweren Lastwagen, der sich auf der Kriechspur rechts von ihm langsam den Berg hinaufquälte. Die Veränderungen in seinem beruflichen Umfeld waren noch langsamer. Da stand ein protziger Mercedes am Pannenstreifen und wartete auf Hilfe vom Pannendienst.
Links von ihm huschten sehr rasch überholende Sportwagen an ihm vorbei, die sehr kurz nur in seinem Blickfeld blieben.
Früher hatte Stefan selbst ein solches Fahrzeug gelenkt und hatte die linke Spur nie verlassen. Heute fuhr er ein vernünftiges Fahrzeug, er wusste um seine langsamere Reaktionszeit und es machte ihm Spass, auch etwas von der Umgebung wahrzunehmen. Bis hierher schien alles in Ordnung zu sein, doch Stefan hatte das Gefühl, auf allen Streifen und dem Pannenstreifen gleichzeitig unterwegs zu sein. Abwechselnd spürte er seinen Arsch auf den Fahrersitzen der unterschiedlichen Bewegungsmittel und stellte dabei fest, dass manchmal alle anderen verschwindend langsam dahinkrochen oder auch umgekehrt an ihm vorbeischossen, dass er den Kopf gar nicht schnell genug wenden konnte, um die anderen im Blickfeld zu behalten.
Er versuchte sich zu erinnern, ob er diesen Eindruck schon einmal früher wahrgenommen hatte. Eigentlich musste es doch immer so gewesen sein. Er dachte nach und versuchte den Unterschied zu erkennen. Der bestand darin, dass es ihm früher nichts ausgemacht hatte, die Position zu wechseln. Die einzelnen Veränderungen zwischen den unterschiedlichen Geschwindigkeiten waren wie ihm Spiel, ein Schnippen mit den Fingern. und er war schneller oder langsamer. An jenem ganz gewöhnlichen Mittwoch zu Beginn des Herbstes konnte Stefan den Unterschied diagnostizieren. Er empfand Schmerz, ja sogar Angst bei jedem Wechsel. Er hatte einmal gelesen, dass eines der Symptome eines sich ankündigenden Herzinfarktes Atemnot begleitet von stark zunehmendem Angstgefühl sei. Diese Angst schien präsent zu sein. Eine Angst, dass die Wechsel so schmerzvoll werden würden, dass er den Schmerz nicht mehr aushalten könnte. Er würde einen Infarkt aufgrund des stetig zunehmenden Schmerzes bekommen. Statt wie früher spielerisch je nach Bedarf der Lebenssituation hin und her zu springen, überlegte er jetzt vor jedem Sprung, ob der Zweck den Schmerz rechtfertigen würde, ja ob er den Sprung überleben würde.
Stefan analysierte seine Empfindung und war erstaunt, dass gerade jetzt dieser Zustand eingetreten war. Er hatte eine Überzeugung angenommen, dass das ruhige Fließen auf dem mittleren Fahrstreifen, das sich Anpassen an den unhektischen Bewegungsfluss die richtige Denk- und Lebensweise wäre. Dass es nichts brächte, kurzfristig aufs Gas zu steigen, um beim nächsten Stau dafür umso länger zu stehen. Er benötigte doch den Wechsel zwischen den Spuren nicht mehr.
Er musste aufstehen und danach trachten, rechtzeitig seine Tochter zur Schnellbahn zu bringen. Seitdem jene arbeitete, hatte sich auch für ihn ein geregelter Morgenanfang eingestellt, der ihn nunmehr sehr regelmäßig und viel früher als sonst in der Arbeit erscheinen ließ.
Stefan beobachtete die Leute in der Schnellbahn. Er hatte das Auto am Park and Ride-Parkplatz stehen gelassen, da er die morgendliche Fahrzeit eher zum Lesen oder Arbeiten während der Fahrt nutzen wollte. Da er in der Bahn stehen musste, konnte er nicht seinen Laptop herausholen. Daher versuchte Stefan in den Erscheinungen der ihm sichtbaren Personen zu lesen. Welche Geschichte verbarg sich hinter der Frau? Wo kam sie her? Würde sie einen netten oder einen enervierenden Tonfall haben, wenn sie sprechen müßte? In der Regel flossen diese Vorstellungen nahtlos ineinander über und Stefan hatte bei solchen Gelegenheiten ein Gefühl des Gesamtstatus im Waggon. Obwohl er es nicht wirklich wiedergeben können, hatte er das Gefühl, es mit einer überschaubaren Einheit zu tun zu haben, die man mit einer knappen statistischen Aussage hätte beschreiben können.
An jenem ganz gewöhnlichen Mittwoch im Herbst glaubte er vollständig inkompetent zu sein. Er fragte sich, warum er nicht in der Lage wäre, die vielen Botschaften, die zu ihm geschickt wurden, zu entschlüsseln und sie in ein klares stimmiges Bild einzubringen. Im Radio sang man „Beim Schlafengehen“ von Richard Strauss. Da gab es eine plötzliche Querverbindung zum Begriff des Flows, jenes Thema, mit dem sich Mihàly Csikszentmihàlyi beschäftigt, einer Glückserfahrung, welche zu besonderen Leistungen befähigt. Plötzlich konnte er erkennen, wieviel von diesem Flow er in seinem Leben erfahren hatte. Es gab noch eine Querverbindung, denn zuletzt hatte er vor wenigen Tagen von einem Treffen in Melk erfahren, bei welchem er fast Csiksentmihàlyi persönlich hätte treffen können.* Er hatte davon Abstand genommen, sich zu der Klausur anzumelden. Er konnte es sich zu der Zeit nicht leisten. Solche Einschränkungen betrübten ihn nicht. Er war von Dankbarkeit beseelt, was ihm bereits in seinem Leben gegeben worden war. Für ihn war die Möglichkeit einer solchen Begegnung bereits Anlass für die Beschäftigung mit den angenommenen Themen.
Er war der festen Überzeugung, dass alle die Botschaften und Synchronizitäten in ihrer Gesamtheit stimmig waren und eine Gemeinsamkeit aufwiesen, welche die eigentliche Botschaft aufwiesen.
Er war sich nicht darüber im Klaren, dass er selbst als Filter wirkte, der nur stimmige Botschaften als richtig und erkennenswert zuließ. Wenn er allerdings in einer trüben Laune war, konnte er diese Schwachstelle in seiner Glücksüberzeugung schon erkennen.
Stefan konnte flow bei verschiedenen Gelegenheiten erkennen: beim Programmieren, beim Klavierspielen, manchmal auch in Gesprächen, wenn er vollkommen losgelöst andere mit seinem Wortschwall überschwemmte.
HH 2004
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* Waldzell 2004, Melk an der Donau




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