Archiv für August 28th, 2011

Es gibt einen Tenor in der heutigen Zeit, der wie ein Mantra das Leben in der Gegenwart propagiert. Nicht alle hören ihn oder wollen ihn beherzigen, auch ich selbst sehe das gesamte Leben als integralen Bestandteil von etwas Größerem. Mir sind meine Erinnerungen lieb und wert, selbst aus den schlechten lassen sich Erfahrungen und das Vermeiden künftiger Fehler ableiten. In der Regel wird dem Langzeitgedächtnis hierbei eine sehr große Genauigkeit zugemessen. Von der bin ich nicht so überzeugt, denn zumindest ich neige dazu, die unangenehmen Erinnerungen zu vergessen oder Details davon zu unterdrücken, während angenehme Ereignisse eher noch verbrämt und ausgeschmückt erscheinen.
Heute habe ich eine sehr interessante Erkenntnis über das Alter festgestellt. Nichts besonderes, sie ist schließlich bereits Forschungsgegenstand. Fluide und kristallisierte Intelligenz, unter diesem Stichwort befindet sich bereits in Wikipedia eine recht gute Zusammenfassung der unterschiedlichsten Lehrmeinungen. Ist man interessiert, gibt es bereits genügend Bücher, die sich vor allem hinsichtlich Pädagogik mit dem Thema befassen.
Meine Erkenntnis betrifft die plötzlich erscheinende Klarheit über meine eigene – in diesem Fall – kristallisierte Intelligenz. Der Anlass war das Ansehen des Filmes La Strada, den ich seit vierundvierzig Jahren nicht mehr gesehen hatte.
La Strada war für mich ein besonderer Film, er war der erste, den ich je im Fernsehen gesehen hatte. Meine Eltern hatten keinen Fernseher, wofür ich ihnen heute dankbar bin, obwohl ich damals sehr bedauerte, in den Schule nicht über den neuesten Maigret mitreden zu können. Einmal waren meine Eltern bei einem Arbeitskollegen meines Vaters eingeladen, der zufälligerweise wie die Hauptfigur der Strudelhofstiege hieß, nämlich Melzer. Bei Melzers gab es also ein Abendbrot und danach wurde fern gesehen. Zufällig lief gerade der Film La Strada. Der Film machte auf mich sechzehnjährigen einen sehr großen Eindruck. Obwohl, wie ich heute feststellen konnte, ganz wesentliche Inhalte und Szenen an mir vorbeigingen, war ich überzeugt davon, dass es sich um einen großartigen Film handeln musste. Doch während ich mich an einige Details ganz genau erinnern konnte und noch kann, z.B. den versuchten Diebstahl im Kloster oder die Szene des Abschieds von der Mutter, hatte ich einen Tatbestand vollkommen verquer gespeichert. Bis heute glaubte ich nämlich, dass Zampano vor Gelsomina starb und nicht nicht umgekehrt. Jetzt ist dies aufgrund des Filmverlaufs eine derartig unwahrscheinliche, ja sogar unmögliche Interpretation, dass ich mich wundere, warum sich das bei mir in der Erinnerung so eingenistet hat. War es Wunschdenken? Ich hatte auch schon damals nicht verstanden, warum sie als so häßlich bezeichnet wurde. Für mich bleibt sie damals und heute schön. Eine andere Art von Schönheit, aber doch eine, die von innen heraus leuchtet.
Was allerdings neben dem Umstand der vollkommen falschen Erinnerung noch stärker wirkt, ist die Erkenntnis, dass ich damals eigentlich nichts verstanden haben konnte. Jede einzelne Szene analysiere ich jetzt hinsichtlich Motivation im Film und in der Verwendung der dramatischen Wendungen. Ich weiß, dass ich damals bestimmte Anspielungen nicht verstanden hatte. Wenigstens nicht intellektuell. Vielleicht haben sie mein Unterbewusstsein wesentlich mehr berührt. Dass es ein sehr guter Film sein musste, habe ich ja erst später bewerten können, denn es war mein erster Fernsehfilm und auch im Kino hatte ich bis dahin höchstens drei Filme gesehen.
Meine Denktätigkeit ist heute eine andere. Ich denke in Mustern, in Verdichtungen, in Zusammenfassungen. Das beeinflusst auch mein Lesetempo und die sowohl die Akzeptanz als auch die Ablehnung verschiedener Bücher. Manchmal blättere ich heute in der Buchhandlung in bestimmten Ratgeberbüchern. Wie werde ich reich? Wie werde ich nicht arm? Wie erobere ich Frauen? Wie lebe ich ein glückliches Leben? Der Inhalt dieser Bücher lässt sich fast immer auf eine halbe Seite zusammen fassen. Der Rest ist nur ausfüllenden Blabla, um einen möglichen Bestseller daraus zu machen.
Was ich im Leben allerdings gelernt habe, ist die Notwendigkeit, etwas Erfasstes auch einige Zeit lang durch zu denken, zu üben, noch einmal zu üben. Verstehen heißt nicht behalten. Ich habe das früher geglaubt. Vielleicht war es auch in manchen Fällen so, dass es gereicht hat, um etwas einmal zu hören und es dann nicht nur wiedergeben sondern auch anwenden zu können.
Jetzt im Alter muss ich mich mit dem Verstandenen länger beschäftigen. Aber ich verstehe auch viel mehr.

(Dieser Eintrag weist einen Bullshit-Faktor von 0,13 auf, gemessen mit dem Blabla-Meter. Nur Einträge, die weniger als 0,15 aufweisen, stelle ich ins Blog. Vergleichswerte sind Zeit-Artikel, die in der gleichen Größenordnung rangieren und Standard-Artikel, die bis zu 0,45 aufweisen. Als Standard-Journalist würde ich mich heutzutage schämen.)




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