Archiv für April 22nd, 2011
Bei teacher wird eine Frage gestellt:
Lego spielen nach Vorlage oder kreativ?
Ich beantworte sie hier, weil es hier üblich ist, dass ich mich beweihräuchere. Wer das nicht lesen will muss es auch tun:)
Aber ich empfinde die Fragestellung zwar als intelligent doch ausgrenzend. Ich sehe mich in der Fragestellung nicht angesprochen.
Als Kind habe ich Matador gespielt. Viel Matador. Erst als Erwachsener hatte ich Lego, als ich mit 50 meinen Mindstorm-I-Baukasten geschenkt bekam.
Aber beide Spielzeuge sehe ich hinsichtlich dieser Frage als gleich an.
Beim Matador war ich glücklich, wenn es eine gute Vorlage gab, die es mir ermöglichte, etwas genauso zu bauen, wie es auf der Schachtel abgebildet war. Außerdem gab es in den Vorlagen auch Hinweise, wie z.B. eine Achse dünner gemacht werden konnte, damit die Räder gut liefen.
Es waren allerdings nur Einzelstücke, die mich zum Nachbau reizten.
Ich spielte Matador bis zu meiner Matura, natürlich immer seltener. Meistens stellte ich mir die Aufgabe, alle Steine zu verbauen und sie in Form eines Allzweck-Vehikels einzusetzen, wobei ich mich meistens auf spezielle Ausführungen von neuen Lenksystemen spezialiserte.
Mit 10 Jahren hatte ich einmal bei einem Wettbewerb den zweiten Platz gemacht. Ich hatte einen Kaugummi-Automaten, wie man ihn heute noch sehen kann, mit Matador gebaut. Mit einem Schließmechanismus, der nur dur ein Einser-Radel aber nicht durch etwas dünneres oder eine Einser-Nabe überwunden werden konnte. Der Gewinn war ungefähr der Gegenwert eines 8er-Matadors, das war die größte Baukastenpackung. Über den Gewinn war ich überglücklich.
Im allgemeinen habe ich als „frei“ gebaut, obwohl ich anfänglich ganz gerne Vorlagen verwendet habe.
Bei Lego mit fünfzig Jahren war es ähnlich. Zuerst hat mich natürlich ein Fahrzeug interessiert, das nicht vom Tisch herunterfällt, wenn man es darauf fahren lässt. Da habe ich mich ganz genau an die Vorlage gehalten. Später habe ich dann den Usenet-Verkehr zwischen MIT und Carnegie Mellon beobachtet, die sich mit dem Reverse-Engineering der Roboter-CPU beschäftigt haben, und habe meine eigenen Versuche – abseits aller Vorlagen – angestellt.
Die Deutschen haben gelacht, als sie hörten, dass die Japaner Kameras, Stereoanlagen und Autos bauten. „Die können ja nur kopieren.“ hieß es allerortens. Als die Japaner dann mit billigeren Preisen, besserer Ausstattung und kürzeren Modellwechselzeiten auftrumpften, war es auf einmal klar, dass das mit dem reinen Kopieren nicht so hinhauen konnte.
Im Zen beschäftigt sich der Schüler solange mit dem Kopieren, bis er Perfektion darin erreicht hat. Wenn er dann Meister geworden ist, erlaubt er sich Änderungen in den Plänen durchzuführen.
Es gibt kein Entweder-oder. Es gibt Entwicklung. Und die schreitet von der Vorlage zum eigenen Plan fort. So sollten wir lernen, bzw. so sollten wir akzeptieren, dass Qualität nur über den momentanen Verzicht der Selbstverwirklichung zu erreichen ist. Wenn wir uns mit den Abläufen „spielen“ können, ist die Zeit gekommen, das „Eigene“ zu verfolgen.
Ich habe mich der Lesergruppe rund um Wiederworte, die sich gerade an Montauk von Max Frisch erfreut.
Ich habe mich jetzt warm gelesen. Frisch schreibt da von 62 bzw. 63 Jahren, viele Rückblicke, er kommt nicht sehr sympathisch rüber in diesen Rückblicken und intimen Momenten. Doch entdecke ich vieles Empfundene, das ich nie so schreiben könnte. Ich bin kein Schriftsteller. Manche seiner Sätze deuten darauf hin, dass er eigentlich alles auf „beschreibbar“ untersucht. Manche seiner Analysen sind schonungslos. Schonungslos, was ihn selbst angeht, aber gerade dadurch entsprechend wertvoll. Ein paar Aussagen empfinde ich als ausgesprochen blöd, oder schriftstellerisch kokettisch, um es milde auszudrücken. (…die plötzliche Ähnlichkeit aller Frauen im Augenblick ihrer Lust ist selbst, wenn man berücksichtigt, dass er vielleicht immer den gleichen Typ von Frau erobert hat, sicher nicht zutreffend.)
Aber abgesehen davon, ist es wunderbar, festzustellen, dass man nichts versäumt hat, wenn man kein Schriftsteller geworden ist. Es ist schöner zu lesen, als sich diese Sätze erarbeiten zu müssen. Dass es Arbeit ist, lässt sich vermutlich nicht bestreiten.
Insofern genieße ich es vollsaftig, dass mir ein anderer Zugang zur Kunst gegeben ist: die Interpretation. Die ist noch etwas mehr als nur Lesen.
http://www.youtube.com/watch?v=q2X_EbLum14
Ich habe dieses Werk in unser Kammermusikprogramm hinein reklamiert und bin jetzt dabei es zu üben. Den oben verlinkten Satz habe ich noch nicht angefangen zu üben. Satz 2 und 4 sind schwieriger. Satz 3 werde ich jetzt einmal für meine Kollegen aufnehmen.
Dieser erste Satz birgt soviel Intimität und Dichte, gerade weil ihm das Gassenhauerische fehlt.
Das komponieren zu können, wäre schon etwas. Aber da weiß ich wenigstens bestimmt, dass ich das nicht könnte. Beim Schreiben erkenne ich es erst dann, wenn ich etwas wie Montauk lese.
